Leipziger Burschenschafter und ihre Verbindungen nach rechtsaußen

Die Gohliser Straße 2 in Leipzig wirkt wie ein pompöser Altbau aus den Anfangsjahren des vorigen Jahrhunderts. Von außen deutet im Jahr 2010 allein das Klingelschild auf seine etwas außergewöhnlichen Bewohner im Parterre hin. Der geräumige Gemeinschaftsraum ist räumlicher Mittelpunkt der „Leipziger Burschenschaft Germania“. Während des laufenden Semesters finden hier Stammtische anlässlich der Reichsgründung 1871, Vorträge zu Themen wie „Siegerjustiz“ oder „Sowjetische Kriegsgefahr 1941“ sowie interne Planungstreffen statt. Gleichzeitig dient er den Burschenschaftern als Wohnzimmer.

von Patrick Limbach

Angesichts der wuchtigen Geweihe an den Wänden könnte man meinen, in einer Jagdhütte gelandet zu sein, hingen daneben nicht unzählige Fotos, Schriften und Embleme aus vergangenen Zeiten. An der Decke hängt ein Leuchter in Form einer „Schwarzen Sonne“ – das Symbol dient unter Neonazis als Erkennungszeichen.

Burschenschaften sind aus ihrem historischen Selbstverständnis heraus politisch aktiv. Verstand sich die Jenaer Urburschenschaft laut iher Verfassungsurkunde aus dem Jahr 1815 angesichts deutscher Kleinstaaterei noch als Verfechter eines gemeinsamen Vaterlands, scheint Deutschland für die Germanen gar nicht groß genug sein zu können. „Wir haben den klassischen Nationalitätsbegriff, der auf Abstammung fußt. Eine Nation ist eine Schicksalsgemeinschaft, die uns aufgrund der gemeinsamen Sprache, Kultur und Geschichte verbindet“, erklärt „Germane“ Michael S. Deutsche gäbe es schließlich nicht nur in Deutschland. Österreich sei ein deutscher Staat und die ehemaligen Ostgebiete seien nach wie vor deutsch, wenngleich dort heute mehrheitlich Menschen anderer Abstammung leben würden, führt der Burschenschafter mit tiefem Schmiss in der linken Wange genüsslich aus. Auf seinem Profil bei „Tradition mit Zukunft“, dem größten Verbindungsportal im Internet, findet sich denn auch eine Landkarte des Deutschen Reichs in den Grenzen von 1938.

Mit der urburschenschaftlichen Forderung nach ethnischer Solidarität hält man’s bei Germania heute auch nicht mehr so genau. Man zeigt sich zwar Mitmenschen gegenüber äußerst solidarisch – aber nur wenn der Gegenüber ein gebürtiger Deutscher ist. „Wir verlangen von unseren Mitgliedern“, so Reservisten-Leutnant S., „dass sie sich im Zweifelsfall voll und ganz für’s Vaterland einsetzen.“. Ausländer dürfen dem Bund ebenso wenig beitreten wie Deutsche mit Migrationshintergrund.

Der Germanen-Wahlspruch „Freiheit-Ehre-Vaterland“ verdeutlicht die Gewichtung der politischen Inhalte des Bunds. Im Gespräch geben sich die Burschenschafter ultraliberal. Zunehmende staatliche Überwachung lehnen sie ebenso ab wie den „Bologna-Prozess“ an deutschen Hochschulen. Er beschneide massiv die „akademische Freiheit“. Dass man die Entsendung eines Fachschaftsrats benötigt, um stimmberechtigt an den Plena der Studentenräte teilnehmen zu können, sei ebenfalls nicht mit ihren basisdemokratischen Grundsätzen konform. „Das viele Studenten damit unzufrieden sind, zeigen die Vollversammlungen“, sagt S. mit sarkastischem Unterton. „Wenn von 30.000 Studenten 1.200 auf dem Uni-Hof stehen, zeigt das, dass die Masse der Meinung ist, dass man hier wenig mitbestimmen kann.“

Doch nicht allen Bundesbrüdern scheint viel an demokratischen Mitbestimmungsmöglichkeiten gelegen zu sein. Wenngleich S. sagt, sein Bund sei „eine konservative, nationale, demokratische Verbindung“, gilt die „Burschenschaft Germania“ unter Leipziger Verbindungsstudenten als Sammelbecken für neonationalsozialistisches Gedankengut.

Braune Ideologiefragmente sind bei der „Germania“ und ihren Mitgliedern allgegenwärtig. Ihr Bundesbruder Maik O. ist in der sächsischen Neonazi-Szene aktiv. Der aus Chemnitz stammende Student sprach dort zuletzt am 05. März unter dem Pseudonym „Maik Richter“ auf einer NPD-Demo. Und der angehende Jurist Johannes M. erklärte dem „Senior“ des Leipziger „Corps Saxonia“ bereits freimütig, er könne ihm wegen dessen jüdischstämmigen Vornamens nicht die Hand reichen, geschweige denn mit ihm Bier trinken.

Unter ihren „Alten Herren“ befand sich bis vergangenen Herbst neben einem ehemaligen Mitglied des deutschen Unicef-Komitees oder einem Leipziger FDP-Stadtrat der Borsdorfer Gerd Fritzsche. Der parteilose Lokalpolitiker sitzt seit 2008 für die NPD im Kreisrat des Landkreises Leipzig. Ob Fritzsche den Bund wegen seines politischen Engagements verlassen musste, ist nicht bekannt. Die Gründe für seinen Austritt unterlägen dem „Conventgeheimnis“.

Auch im Semesterprogramm spiegeln sich die politischen Ansichten der Bundesbrüder wieder. Am 26. Januar veranstalteten die Germanen einen Filmvortrag mit dem Geschichtsrevisionisten Michael Vogt, u.a. Regisseur des revisionistischen Films „Geheimakte Heß“, der im November 2007 seine Honorarprofessur an der Uni Leipzig aufgrund seiner Kontakte ins rechte Lager verlor.

Doch nicht nur Angehörige der Germania pflegen Kontakte zum rechten Rand. Sebastian S., Sprecher der Burschenschaft Arminia zu Leipzig, gründete 2004 gemeinsam mit Felix Menzel und Benjamin Jahn Zschocke die neurechte Chemnitzer Schülerzeitung „Blaue Narzisse“ – heute eines der bedeutendsten Medien für die Rekrutierung neurechten Nachwuchses. Schermaul, Zschocke und Menzel sind bis heute in der Pennälerverbindung „Theodor Körner“ aktiv. Maik O. gehört dem Bund ebenfalls an. Der Chemnitzer Rechtsanwalt Martin Kohlmann, der wie Jahn Zschocke für die von ihm initiierte „Bürgerbewegung Pro Chemnitz“ im Stadtrat sitzt und noch im März 2009 anlässlich des Jahrestags der Bombardierung der Stadt eine Gedenk-Demo anmeldete, an der vornehmlich Anhänger des „Freien Netz“ teilnahmen, gehört sowohl dem „vertagten“, d.h. inaktiven Chemnitzer Schülerbund auch der Leipziger „Arminia“ als „Alter Herr“ an.

Wenngleich sich S. von der „Blauen Narzisse“ distanziert und sein Name längst nicht mehr im Kontext mit dem Magazin auftaucht, so verbindet alle fünf nach wie vor das Lebensbundprinzip. Da verwundert es kaum noch, dass sich der Jura-Student schützend vor seine Bundesbrüder stellt: „Wir Burschenschaften stehen für Demokratie und Meinungsfreiheit – da kann jeder seine Meinung äußern wann und wo er will.“ Dass das politisches Engagement Einzelner dem Image des gesamten Bunds Schaden zufügen könne, sieht er keineswegs so. „Meine Aussage, dass jeder machen kann, was er will differiert nicht damit, dass keiner meiner Bundesbrüder öffentlich als Verbindungsstudent aufgetreten ist und somit auch nicht als solcher zu identifieren ist. Somit fällt es auch nicht auf die Verbindung zurück.“

Die braunen Umtriebe der Bundesbrüder sind dem Innenministerium bislang verborgen geblieben. „Uns liegen keine Erkenntnisse zu solchen Verbindungen vor, dass von diesen rechtsextremistische Bestrebungen im Sinne des Sächsischen Verfassungsschutzgesetzes ausgehen“, teilt das Landesamt für Verfassungsschutz auf Nachfrage mit. Zu personellen Schnittmengen zwischen Neonazi- und Verbindungsszene kann oder möchte sich die Behörde nicht äußern – obwohl sich mit Jürgen Gansel und Arne Schimmer gleich zwei NPD-Landtagsabgeordnete wiederholt öffentlich als Burschenschafter bekannt haben.

6 thoughts on “Leipziger Burschenschafter und ihre Verbindungen nach rechtsaußen

  1. Finde es etwas Schade, wenn Dinge miteinander vermischt werden, die nicht mehr klar unterscheiden zwischen Ablehnung der Studentenverbindungen und diesem rechten Ausleger dieser. Kein Mensch würde Beziehungen zwischen den Grünen und der NSDAP herstellen, weil beide als Partei organisiert sind / waren.

    Darüber hinaus denke ich, daß der für mich nach etwas „googeln“ wesentliche Punkt der „schwarzen Sonne“ ruhig etwas ausgedehnter hätte thematisiert werden dürfen. Wie auch der Punkt, daß es in Leipzig offensichtlich gemäß Google 22 Studentenverbindungen, darunter auch mehrere Burschenschaften.

    Übrigens finde ich es stets interessant, wenn der Verfassungsschutz dafür herhalten soll, zu entscheiden, was richtig und falsch ist. Dort tauchen immer wieder Organisationen auf, die später gestrichen werden und andere bei denen man es erwarten würde nie. Übrigens finden sich dort auch häufig diverse „Antifaschistische“ Organisationen. Die Gefahr der Verfassungsschutzkeule liegt insbesondere darin, daß die eigentlich zu Beobachtenden doch längst wissen, was sie wie präsentieren müssen, um dort nicht zu erscheinen, bzw. wenn sie dann dort erscheinen gerichtlich dagagen vorgehen zu können. NPD, DVU und wie die alle heißen sind nun einmal Parteien, mit denen man sich auseinandersetzen muß. Die Empörungsmaschine sorgt doch allenfalls dafür, daß diese weiter Zulauf und Protestwähler finden. Ebenso, wie die permanente Verdammung der PDS durch die CDU doch auch nur zur Folge hat, daß diese gestärkt wird, da als echte linke Alternative präsent.

    Fazit: Wer totalitäres und rechtes Gedankengut verhindern möchte, wäre gut beraten eher als Vorbild, denn als Gegner zu fungieren. Derartig undifferenzierte Darstellungen ermöglichen es nämlich den Beschriebenen sich verharmlosend darzustellen und mit Recht darauf verweisen zu können, daß die Kritik von „Linken Spinnern“ stammt. Im Bestreben gegen rechte Tendenzen wäre also etwas weniger Ideologie angesagt, denn die Antifaschistische Bewegung beginnt sich zunehmend zu diskreditieren und könnte so irrsinniger Weise sogar noch rechte Tendenzen beflügeln.

  2. Wie es auch der erste Kommentator schon getan hat wird denen, die sich kritisch mit Burschenschaften auseinandersetzen gerne fehlende Informationsbereitschaft und selbstverständlich stets undifferenzierte und pauschalisierende Kritik vorgeworfen. Wer sich jedoch informieren will, trifft bei den Burschenschaftern schnell auf einer Mauer aus Schweigen und Ablehnung.

    Durchbrechen kann man die am besten, wenn man sich die offiziellen Publikationen der Deutschen Burschenschaft (DB) anschaut, also deren Verbandszeitschrift „Burschenschaftliche Blätter“ sowie das „Handbuch der Deutschen Burschenschaft“. An die kommt man zwar schwierig ran, da sie (wohl aus gutem Grund) an Nicht-Burschenschafter nicht verkauft werden, Uni-Bibliotheken haben diese aber mitunter im Angebot.

    Dort wird man unter anderem finden, dass das Zitat von Michael S. oben von der „Schicksalsgemeinschaft, die uns aufgrund der gemeinsamen Sprache, Kultur und Geschichte verbindet“, unvollständig ist. Im Handbuch der Deutschen Burschenschaft steht explizit auch die Abstammung als definierendes Merkmal eines Volkes. Man muss davon ausgehen, dass alle Mitgliedsbünde der DB mit diesem Manifest einverstanden sind – der Vorwurf, die Rassismusvorwürfe seien pauschalisierend, ist daher unbegründet.

    Aus Gesprächen weiß ich übrigens, dass sich die wenigsten Burschenschafter das Handbuch überhaupt mal komplett durchgelesen haben. Deshalb: einfach mal ein paar Textstellen herausschreiben, die harten Männer mit den lustigen Bändchen mal damit konfrontieren und sich freuen, wie schnell sie argumentativ ins Schwimmen geraten.

  3. „Und der angehende Jurist Johannes M. erklärte dem “Senior” des Leipziger “Corps Saxonia” bereits freimütig, er könne ihm wegen dessen jüdischstämmigen Vornamens nicht die Hand reichen, geschweige denn mit ihm Bier trinken.“

    Sind die Vornamen in dem Artikel echt? Wenn ja, ein ziemlicher epic fail, kommt der Vorname „Johannes“ doch selbst aus dem Hebräischen.

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