Wer nur eine Heimat kennt, ist verdammt, blöd zu bleiben

„Der Krieg war nie auf dem Platz!“ Das betonte der Kulturwissenschaftler Klaus Theweleit vor dem WM-Spiel Deutschland gegen England. Die deutsche Nationalmannschaft der Gegenwart verkörpere zudem gerade zu internationale – wenn man so wolle „undeutsche“ – Tugenden wie Spielwitz und Kreativität, sagt er im Interview mit tagesschau.de. Im Hinblick auf die Spieler mit Migrationshintergrund weist Theweleit darauf hin, dass dies im Fußball nicht neu sei – sondern einfach verdrängt wurde:

Nehmen Sie nur die Polen im deutschen Fußball. Die sind seit jeher ein Regelfall; nicht erst mit Podolski, Klose und Trochowski. Schon in den 1930er Jahren gab es im Ruhrgebiet mit Fritz Szepan und Ernst Kuzorra den so genannten Schalker Kreisel; auch Horst Kwiatkowski, Weltmeister 1954, hat diesen Hintergrund. Ihre Eltern oder Großeltern waren aus Polen oder Oberschlesien eingewandert. Denn auch dort herrschte eine lange Bergbautradition. Städte wie Hamborn hatten sogar einen überwiegenden Bevölkerungsanteil so genannter „Ruhrpott-Polen“.

Die Geschichte der Nationalmannschaft lese sich wie eine Geschichte der Bundesrepublik, so Theweleit weiter: „Nach dem Krieg kamen mit Josef Posipal und dem schon erwähnten Kwiatkowski Spieler aus den ehemaligen Ostgebieten. In den 1970er Jahren spielten mit Jimmy Hartwig, Erwin Kostedde und später Felix Magath die Kinder der amerikanischen GIs in der Nationalmannschaft. In den 1990er Jahren spielten dann italienische „Gastarbeiterkinder“ wie Maurizio Gaudino für den DFB. Dann gab es die erfolglosen Versuche, Spieler wie Sean Dundee oder Paulo Rink einzubürgern, um international wieder mithalten zu können: Das ist vor etwa zehn Jahren gehörig gescheitert. Erst jetzt setzt der DFB Maßstäbe in Sachen Integration.“

Lesetipp: Neonazis rüsten zur Fußball-WM in Südafrika

Dies loben auch Experten immer wieder; der DFB sei jahrzehntelang ein strukturell komplett konservativer Verband gewesen, betont Theweleit. „Die Ansage gegenüber den Migrantenkindern war: „Wir wollen euch nicht!“ […] Erst mit dem jetzigen Präsidenten Theo Zwanziger kehrte ein radikales Umdenken ein. Die Altintop-Brüder sind zwar wie Mesut Özil in Gelsenkirchen geboren, aber genau den Tick zu alt, um von den besagten Neuerungen profitiert haben zu können.“

Allerdings ist der Spielwitz der aktuellen DFB-Elf eher in der Frische der Mannschaft begündet, glaubt der Wissenschaftler und Autor. Jung sei das entscheidende Wort, nicht Migration: Die Mannschaft sei die jüngste deutsche Nachkriegsmannschaft bei einer WM und spiele modernen Fußball auf internationalem Niveau. „Etwas, was wir vor zehn Jahren nur ehrfürchtig bestaunen durften.“ Theweliet betont aber auch, Spieler mit „doppelten Ausrichtungsmöglichkeiten“ seien im Vorteil. Denn diese mehrfachen Identitäten führten „immer zu mehr Kompetenz“. Das könne jeder bei sich selbst beobachten, so Theweit:

„Ich bin ein Flüchtlingskind aus Ostpreußen und hatte dann meine neue, meine zweite schleswig-holsteinische Heimat – inklusive plattdüütsch schnacken. Als Jugendlicher wurde dann englische Beat-Musik meine kulturelle Heimat. Ich kenne also mindestens drei verschiedene Heimaten. Das hat mich natürlich viel beweglicher gemacht als die Einheimischen drumherum. Es geht um das Aufnehmen des Anderen, des Neuen: Sei es eine Sprache oder eine Tischsitte. Man entwickelt sich nur mit einer Fremdsprache oder dem Kennenlernen eines anderen sozialen Milieus weiter. Wer nur eine Heimat kennt und sonst nichts, ist dazu verdammt, blöd zu bleiben.“

Ein überaus positives Bild des konkreten Kosmopolitismus im 21. Jahrhundert zeichnet auch Detlev Clausen, Professor an der Uni Hannover. Er verweist in dem Buch „Der Ball ist bunt“ die Verbindungen zwischen Fußball, Migration und der Vielfalt der Identitäten in Deutschland auf die Geschichte des Fußballs, die stets an die politischen Entwicklungen gekoppelt war. So war der Siegeszug des Spiels nur in Verbindung mit dem Aufstieg Englands zur Welt- und Kulturmacht zu verstehen.

Mesut Özil wird von Neonazis als "Plaste-Deutscher" beschimpft. (Quelle: Autogrammkarte Homepage Özil)

Zudem waren viele Juden in Europa im 19. Jahrhundert laut Clausen „anglophil“. Der Fußball verkörperte die Ideale des Bürgertums, dazu gehörte der Leistungsgedanke, aber auch Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Dies sei für Bewohner von Ghettos eine konkrete Utopie gewesen, daher habe es zu dieser Zeit viele Vereinsgründungen von Juden gegeben, da diese Ideale von ihnen besonders ernst genommen worden seien.

Bedeutung des Professionalismus

Basierend auf dem Leistungsprinzip betont Clausen zudem die Bedeutung des Professionalismus im Fußball. Im Gegensatz zu vielen Fans, die gerne den Amateursport verklären, meint Clausen: Ohne die Professionalisierung des Sports hätte die Arbeiterklasse nie einen solchen Zugang zu dem Sport bekommen, da sonst nur Bürgerliche genug Zeit und Geld dafür gehabt hätten. Arbeiter wollten aber mit den bürgerlichen Vereinen konkurrieren – und gründeten eigene Vereine, in denen Fußball-Talente aus den Fabriken gefördert wurden. Da man nicht viele Stunden am Tag malochen und zusätzlich noch erfolgreich Fußball spielen konnte, musste man den Spielern Geld geben. Dies wiederum mobilisierte Arbeiter aus Schottland oder Irland, nach England zu kommen, um bei Arbeitervereinen zu spielen. Der Beginn des professionellen Fußballs – dieses Prinzip breitete sich weiter aus: Auch die Talente aus den Kolonien wurden bald gebraucht – dem Leistungsprinzip folgend.

Lesetipp: Der Ball ist bunt: Fußball, Migration und die Vielfalt der Identitäten in Deutschland

Clausen betont in diesem Zusammenhang vollkommen zu Recht: Fußball vermittelt hier konkrete Utopien, es gebe emanzipatorische Momente in den bürgerlichen Freiheiten. Dies hätten viele linke Kapitalismuskritiker übersehen. Dazu gehöre auch, dass Fans nicht einem Schicksal ausgeliefert seien, sondern ihren Verein wählen können. „Die Logik des Fußballs ist die bürgerliche Gesellschaft. […] Der Fußball ist ein Weltmarkt“, sagt Clausen. Die oberflächliche Kommerzkritik sei „reaktionär“ und genau wie „die Pseudokritik am Kapitalismus im Kern antisemitisch“. Der Antisemitismus sei stets oberflächlich und daher „etwas ganz ekelhaftes“. Ähnlich verhalte es sich mit der Kommerzkritik. Man müsse Ungerechtigkeiten anprangern, fordert Clausen, aber diese hätten nichts mit dem Kommerz zu tun. Fußball eröffne hingegen für Außenseiter die Chance, in die Gesellschaft hineinzukommen. Fußball bringe die Menschen zusammen. „Die globale Welt des 21. Jahrhunderts ist eine kosmopolitische Welt. Das heißt eine Mischkultur“, bilanziert Clausen. „Und das ist für alle Reinheitsfetischisten ein bitterer Tropfen.“

Halil Altintop sagte in dem Buch, er habe schon mit Deutschen, Italienern, Griechen, Arabern oder Bosniern gespielt, „ich habe gesehen, wie sie leben, wie sie zu Hause aufwachsen. Es sei nicht wichtig, jemandem einen Stempel aufzudrücken. „Du bist deutsch! Du bist türkisch! Warum muss man sich da so streng festlegen. Klüger macht uns das auch nicht.“

Siehe auch: Wahre Liebe: Nazis gegen Deutschland, Von Fußball, Migration und bürgerlichen Freiheiten

4 thoughts on “Wer nur eine Heimat kennt, ist verdammt, blöd zu bleiben

  1. Korrekte Kommasetzung/Grammatik würden das ganze hier leserlicher machen.

Comments are closed.