Zuroff: Gaucks Kandidatur „extrem beunruhigend“

In der ukrainischen Hauptstadt Kiew ist erstmals auf einem größeren internationalen Forum Kritik an der Kandidatur von Joachim Gauck für das Amt des Bundespräsidenten geäußert worden. Efraim Zuroff, Holocaust-Historiker und Leiter des Simon-Wiesenthal-Centers in Jerusalem, kritisierte gegenüber NPD-BLOG.INFO ausdrücklich Gaucks Unterstützung der „Prager Deklaration“. Diese sei, so Zuroff weiter, „das Manifest derjenigen Bewegung, welche die kommunistischen Verbrechen mit denen der Nazis gleichsetzt“. Damit werde „der Holocaust und seine einzigartige Bedeutung für die Weltgeschichte relativiert“.

Die Tatsache dass ein Bundespräsidentschaftskandidat in Deutschland dieses Dokument unterstütze, sei „extrem beunruhigend“, sagte Zuroff weiter. „Diese Position läuft den Positionen vieler führender deutscher Politiker seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs zuwider.“

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Bild von der Konferenz in Kiew

Dovid Katz, Hochschullehrer an der Vilnius University, Litauen, für Yiddish und Jüdische Studien, sagte zudem, es sei „unglaublich und mehr als ein bisschen herzzerreißend für Holocaustüberlebende in Osteuropa, dass Deutschland noch keine eindeutige Position gegen die Prager Deklaration und alles wofür sie steht, eingenommen“ habe. „Dieses Gift darf nicht erlaubt werden, sich weiter westwärts auszubreiten.“

Die Prager Erklärung zum Gewissen Europas und zum Kommunismus (engl. Prague Declaration on European Conscience and Communism) wurde am 3. Juni 2008 von mehreren prominenten europäischen Politikern, ehemaligen politischen Häftlingen und Historikern unterzeichnet. Die Erklärung forderte die Verurteilung von kommunistischen Verbrechen. Sie schloss die internationale Konferenz „Europas Gewissen und der Kommunismus“ in Prag ab. Die Erklärung forderte die Ausrufung des 23. August als Europäischer Tag des Gedenkens an die Opfer von Stalinismus und Nationalsozialismus. Der Gedenktag wurde am 2. April 2009 vom Europäischen Parlament ausgerufen. (Quelle: Wikipedia)

Link: Die Prager Deklaration im Wortlaut [engl]

„Trivialization of the Holocaust in German media today“

Der Politikwissenschaftler und Autor Clemens Heni sprach auf der Konferenz mit dem Titel „Lessons of the Second World War and the Holocaust: The role of mass media in counteraction to distortion of history of the XXth Century“ über die „Trivialization of the Holocaust in German media today“. Dabei wurden sechs Aspekte angeschnitten: 1) soft-core Holocaust denial; 2) Walser; 3) Dresden; 4) „Holocaust of expulsion“; 5) Modernity and the Holocaust; 6) Auschwitz as a „religion“. Letzterer Aspekt wurde an Hand von dem Text von Iris Hefets in der taz sowie an Hand eines Textes von Gauck aus dem Jahr 2006 analysiert.

In der kurzen Diskussion nach dem etwa zehnminütigen Referat wurde unterstrichen, dass mit Gauck erstmals ein Präsidentschaftskandidat in einem sehr großen, einflussreichen, westlichen Land „offensiv den Holocaust verharmlost und die Prager Deklaration unterstützt, indem er sagt, die Verbrechen Stalins, der Sowjetunion bzw. ‚des‘ Kommunismus seien genauso schlimm gewesen wie der Holocaust“.

NGO „Welt ohne Nazismus“ wird gegründet

Die Resolution der neuen NGO „Welt ohne Nazismus“ wird am 22. Juni 2010 in Kiew diskutiert und verabschiedet. Darin ist auch ein Abschnitt gegen die Prager Deklaration, die Konferenz findet bewusst an diesem Datum statt: der 22. Juni, der Tag des Überfalls der Deutschen und ihrer Verbündeten auf die Sowjetunion. Im Rahmen der Konferenz hatten bereits Kranzniederlegungen und rote Blumen am Denkmal des unbekannten Soldaten in Kiew des Kampfs der Roten Armee gegen die Hitler-Wehrmacht gedacht. Am Stadtrand von Kiew wurde von den Konferenzteilnehmern am selben Tag am Gedenkort Babi Yar der 33.000 Juden gedacht, welche dort am 29./30. September 1941 ermordet worden waren. Der Kampf gegen die Umschreibung der Geschichte und zumal die Verleugnung der aktiven Täterschaft von Litauern, Letten oder Ukrainern während des Holocaust ist dem Wissenschaftler Heni zufolge ein zentrales Thema der Konferenz.

Insgesamt nehmen über 160 registrierte Teilnehmerinnen und Teilnehmer an der Konferenz teil, aus Österreich, Weißrussland, Belgien, Großbritannien, Bulgarien, Estland, Finnland, Frankreich, Deutschland, Ungarn, Israel, Italien, Lettland, Litauen, Moldawien, Holland, Polen, Russland, Spanien, Schweiz und den USA.

Siehe auch: Bericht von Itar-Tass vom 10. Mai 2010 über die Gründung der NGO „World without Nazism“