Der Wahn der Normalität

„Der kaum verdeckte Nationalismus
solcher scheinbar unpolitischen Anlässe
von Integration verstärkt den Verdacht
ihres destruktiven Wesens.“
(Theodor W. Adorno 1972)

boeklunder
Quelle: Fontblog http://www.fontblog.de/files/category-geschmackspolizei.html

Wo man auch hinguckt dieser Tage in Deutschland, überall zeigt sich das gleiche Bild: An den Autos wehen die Fahnen in schwarz-rot-gelb, aus vielen Fenstern ist die Deutschlandfahne gehängt, es gibt Gummibärchen in den Farben der Nation und manche schmücken gar ihr Gesicht mit dem nationalen Kitsch. Niemanden kann es entgangen sein: Die Fußball-Weltmeisterschaft der Männer hat angefangen. Aller Orts zeigen sich die Fans der deutschen Fußballmannschaft, oder sind es doch nur Fans der Nation?

Von Von Christoph Müller, Adrian Oeser und Maximilian Pichl

Diejenigen, die dieses Abfeiern von Deutschland kritisieren wird sofort Miesmacherei vorgeworfen. Der neue deutsche Patriotismus sei unverkrampft (Horst Köhler) und hätte nichts mit Nationalismus oder Rassismus zu tun. Aber gerade weil dieser Patriotismus nett und unpolitisch daher kommt, muss er kritisiert werden. Im Mittelpunkt steht nämlich auch weiterhin: die inhaltslose Zugehörigkeit zu Deutschland als Nation und damit einhergehend das Ausgrenzen anderer.

Ein positiver Bezug auf eine Nation, egal welche, ist immer negativ. Ein nationales Wir-Gefühl braucht immer auch ein Feindbild. Die Soziologie spricht dabei von Inklusion und Exklusion, jede Bildung einer nationalen In-Group, bildet auch eine Out-Group, der Zusammenhang von Nationalismus und Rassismus ist unumstritten. Jeder positive Bezug auf eine Nation, braucht aber auch eine historische Basis und deshalb ist der deutsche Nationalismus speziell.

Dieser wird als Widerstand gegen ein vermeintliches Verbot formuliert. Aussagen wie „Wir sind wieder wer“ oder „Endlich können sich die Deutschen zu ihrem Land bekennen“ deuten auf diese Einzigartigkeit im deutschen Diskurs hin. Dabei ist der deutsche Patriotismus, auch nach 1945, nichts Neues. Im Rückblick wird die WM 1954 als eine Art „Erweckungsmoment“ für die deutsche Nation angesehen. Mit dem Sieg gegen Ungarn im Finale der WM, hätte Deutschland sich wieder in der Welt bewiesen. Einig sangen damals die Fußballfans die erste Strophe der Nationalhymne:

„Den Deutschen aber bricht das Lied aus der Brust, unwiderstehlich. Soweit ihnen die Tränen der Freude nicht die Stimme im Hals ersticken, singen sie alle, alle ohne Ausnahme, das Deutschlandlied. Niemand, auch nicht ein einziger, ist dabei der von ‘Einigkeit und Recht und Freiheit’ singt. Spontan, wie aus einem einzigen Munde kommend, erklingt es „Deutschland, Deutschland über alles in der Welt. (vgl. Ortmeyer, Benjamin; Argumente gegen das Deutschlandlied, Frankfurt am Main)

Ist Nationalismus normal?

Mit der Wiedervereinigung der beiden geteilten deutschen Staaten 1990 kehrte Deutschland zu einem „Normalzustand“ zurück. Auch damals ging der deutsche Nationalismus mit Rassismus und Ausgrenzung einher. Die rassistischen Pogrome gegen AsylbewerberInnen in Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda wurden nicht nur von Neonazis begangen, sondern zudem von tausenden schaulustigen Deutschen beklatscht. Die Politik reagierte, inmitten der rassistisch aufgeladenen Stimmung, mit der faktischen Abschaffung des Grundrechts auf Asyl.

Heutzutage versucht der deutsche Patriotismus ahistorisch und unpolitisch zu sein. Tanzend und grölend wird beim kollektiven Public Viewing „die eigene Mannschaft“ angefeuert und darauf gehofft, dass am Ende in allen Zeitungen steht: „Wir sind Weltmeister“. In diesem Jahr konnte sich der deutsche Nationalismus bereits ein paar Wochen vor der Fußball-WM seine Bahn brechen. Die Hannoveranerin Lena Meyer-Landruth gewann nach über 20 Jahren für Deutschland beim Eurovision Song Contest. Bei ihrer Dankesrede am Abend des Grand Prix schrie Lena „This is absolutely awesome“ und zog sich die Deutschland-Fahne über den Kopf. In diesem Moment schien der Mensch Lena Meyer-Landruth mit der Nation Deutschland zu verschmelzen, sie hat jetzt alle Massen auf ihrer Seite und wird bei ihrer Rückkehr in Hannover von tausenden Deutschland- und Lena-Fans begrüßt. Sie begrüßt die Menschen mit: „Ich liebe Deutschland“ und meint zu den Fans „Ihr seid doch alle verrückt“. Womit sie nicht ganz unrecht hat.

Lena steht für Unbeschwertheit und einen „unverkrampften Umgang“ mit der eigenen Nation. Sie repräsentiert das neue und junge Deutschland, welches in der Welt selbstbewusst und cool daherkommen will. Der positive Bezug auf Lena kann als neues Phänomen deutscher Nationalitätseuphorie gesehen werden. Lena, als Hehrzeigeprodukt der Kulturindustrie verneint durch ihre „Natürlichkeit“ von vorneherein jede Kritik: sie ist wie sie ist, wie Deutschland ist. Dabei soll nicht die Künstlerin Lena von unserer Seite aus kritisiert werden, sondern die nationale Instrumentalisierung ihrer Person.

Auch bei der Fußball-WM schlägt dieser Nationalismus erneut durch. Die These, dass die Deutschtümelei zur Fußball-Männer-WM nichts mit Nationalismus und schon gar nichts mit Rassismus und Antisemitismus zu tun habe, widerlegt auch die Empirie.

Nationalistischer eingestellt

Der Bielefelder Soziologe Wilhelm Heitmeyer untersucht seit acht Jahren die Entwicklung menschenfeindlicher Einstellungen in Deutschland. Anhand von repräsentativen Umfragen vor und nach der Fußball-WM 2006 fand er heraus, dass die Deutschen nach der Fußball-Weltmeisterschaft „nationalistischer eingestellt“ waren als vorher. Und weiter: ,,Die Vermutung, dass es sich dabei um eine neue, offene und tolerantere Form der Identifikation mit dem eigenen Land handelt, lässt sich allerdings nicht bestätigen.“ Den Zusammenhang zwischen Nationalismus und Rassismus habe der „Party-Patriotismus“ nicht aufgebrochen.

Heitmeyers Ergebnisse sind bemerkenswert und zeigen eindeutig, dass die Kritik an der Deutschtümelei nichts mit plumper „Miesmacherei“ zu tun haben, sondern extrem wichtig sind.

Dabei sind die Möglichkeiten der quantitativen Sozialforschung, wie sie Heitmeyer betreibt, begrenzt, wenn es darum geht Phänomene, wie Rassismus und Antisemitismus nachzuweisen. Denn in den Umfragen kann man nur jene Einstellungen quantifizieren, die beim Befragten bewusst an der Oberfläche sind. Rassismus und Antisemitismus zeichnen sich aber dadurch aus, dass sie oftmals unbewusst und Affekt-gehemmt sind. Das heißt, dass sie latent vorhanden sind und erst durch einen Reiz an die Oberfläche gespült werden.

Schlechte Gewinner…

Wer sehen will, wie affekt-gehemmter Antisemitismus und Rassismus an die Oberfläche dringt, sollte die neuen Feste der Nation im Social Network, auf Facebook, Twitter oder youtube verfolgen.

Wie schon beim bereits erwähnten Eurovision Song Contest: Lena Meyer-Landrut liegt mit 60 Punkten Vorsprung bereits weit vorne. Dann die Wertung aus Israel – null Punkte für Lena. Die Reaktionen im Social Network lassen nicht auf sich warten. „Israel, scheiß Juden“, „Da hat Lena wohl zu viel Gas gegeben“ und „Die Juden sind immer so nachtragend“ sollen nur exemplarisch genannt sein, für hunderte Twitter-Nachrichten im antisemitischem Ausbruch.

Ähnliches war zu beobachten, nachdem bekannt wurde, dass der Mittelfeldspieler Michael Ballack nach einem Foul von Kevin-Prince-Boateng für die Fußball-WM 2010 ausfallen würde. Boateng ist Schwarz, weshalb das Foul an Ballack offensichtlich als Reiz fungierte und die gerade noch „unpolitische und unverkrampfte Vorfreude auf die Fußball-WM“ ihre rassistische Fratze zeigte. Innerhalb von Sekunden gründeten sich auf Facebook Gruppen, wie „Kevin-Prince Boateng – gib deinen deutschen Pass ab!“ und „82.000.000 gegen Boateng!!!“. Darin forderten die Mitglieder, man solle Boateng und am Besten gleich seine ganze Familie abschieben, ihn verbrennen oder ihn „unten herum alles abschneiden“.

Denkt man den unbewussten, erst durch einen Reiz an die Oberfläche dringenden, Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus zu Heitmeyers quantitativen Ergebnisse hinzu, wird das destruktive Potenzial der Deutschtümelei bei Musik-Contests und Sportereignissen deutlicher.

Christoph Müller studiert Sozialwissenschaften an der Leibniz-Universität in Hannover. Maximilian Pichl studiert Rechtswissenschaften an der Goethe-Uni Frankfurt am Main. Adrian Oeser studiert Politikwissenschaft und Pädagogik an der Goethe-Uni Frankfurt am Main.

Lesen Sie in den kommenden Tagen einen Beitrag über die extreme Rechte, die über den Partyotismus lamentiert.

Siehe auch: Null Punkte: “Und wir bauen den Juden ein Denkmal”

37 thoughts on “Der Wahn der Normalität

  1. Liebe Autoren,

    wenn ihr euch schon auf soziologische/sozialpsychologische Untersuchungen bezieht, müsst ihr sie auch korrekt wiedergeben und nicht einfach einen Satz aus dem Zusammenhang herauskopieren. Zum einen differenzieren Heitmeyer et al. zwischen Nationalismus und Patriotismus, wobei sie letzteren nicht unbedingt negativ bewerten und z.B. die These aufstellen, dass Patriotismus im Zusammenhang mit demokratischen Werten die Fremdenfeindlichkeite verringere. Zum anderen müsst ihr vollständig zitieren. Ich erweiter euer Zitat mal:

    „Erwartungsgemäß zeigt sich allerdings ein Effekt der WM: Personen, die nach der WM befragt wurden, waren nationalistischer und weniger patriotisch eingestellt als diejenigen, die vor der WM befragt wurden. Allerdings sind die Veränderungen relativ gering. Die Vermutung, dass es
    sich dabei um eine neue, offene und tolerantere Form der Identifikation mit dem eigenen Land handelt, lässt sich allerdings nicht bestätigen: Der Zusammenhang von Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit ist vor und nach der WM vergleichbar, was zeigt, dass es keine qualitativen Änderungen in der Bindung an Deutschland im Sinne eines Partypatriotismus gibt.“

    Wenn ihr das lest und euch zustimmend darauf beruft, müsste eure Position deutlich differenzierter ausfallen.

    Grüße,
    Antonio

  2. @Antonio

    Danke für den Tip! – Das werde ich mir jetzt merken: „Partypatriotismus“! – Das neue (Un?)-Wort des Jahres 2010..!

    Das ist wie „zeigebundener Kneipenbierbauch“: quasi aufblasbar während des Kneipenbesuches… *lol* :)

    Apropos „Partei-Patriotismus“: Die Berliner CDU fordert einen IQ-Test für Zuwanderer. – Erstaunlicher Weise ein Thema, das Alle bewegt: Der IQ von Zuwanderern.

    Nun ja, wenn der so “hoch” seien soll wie der des innenpolitischen Sprecher der Berliner CDU, dann sind die Hürden zur Einwanderung zum Glück nicht mehr allzu hoch gelegt … 😉
    Wieder so ein “konservativer Testballon” für “das gesunde Volksempfinden”; die jeweiligen Unionshanseln werden sich bestimmt wieder “mißverstanden” fühlen: “Öhm … eigentlich meinten wir einen Gen-Test … mit anschließender Unterarmtättowierung … ähm.” *grummel*

    „Partypatriotismus“… ich fasse es nicht. – Klingt jedenfalls besser als http://de.wikipedia.org/wiki/Gustave_Le_Bon

  3. „Als letztes ist zu beachten, wie schnell die Begeisterung für diese Spieler umschwenken können: Gerade noch die Helden, gehen die Affengeräusche in der Kneipe doch wieder los, wenn ein Schwarzer Spieler (vermeintlich) schlecht spielt…“

    „Wer sehen will, wie affekt-gehemmter Antisemitismus und Rassismus an die Oberfläche dringt, sollte die neuen Feste der Nation im Social Network, auf Facebook, Twitter oder youtube verfolgen…“

    Rassismus und Ausgrenzung sind ein weltweites Problem. Menschen mit beschränktem Horizont die simplen ausländerfeindlichen Floskeln folgen und sich mit Späßen über Ausländer, Menschen anderer Hautfarbe und/oder anderen Religionen, Frauen, Behinderte,… profilieren wird es immer geben.

    Auch ich gehöre zu den Deutschen denen das Schwenken der deutschen Fahne Bauchschmerzen verursacht und die noch nie in ihrem Leben die Nationalhymne gesungen hat. Auch ich bin in meiner Jugend durch Europa gereist und habe mich für Deutschland und seine Geschichte geschämt.

    Momentan lebe ich in Mittelamerika (Costa Rica) und erlebe einen Rassismus der in keiner Weise öffentlich kritisiert wird. Dieser Rassismus existiert in allen Ländern Lateinamerikas und bezieht sich immer auf die jeweiligen ärmeren Nachbarländer. Dieser Rassismus existiert auch in den Vereinigten Staaten, in Asien, in Afrika, usw. LEIDER ist diese Denkweise menschlich.

    Darum habe ich mein Deutschlandbild geändert und freue mich aus einem Land zu kommen in dem (geschichtlich bedingt) eine öffentliche Disskussion über dieses Problem stattfindet und sich immer wieder eine große Menge an Menschen findet die gegen Nationalismus, Rassismus und Antisemetismus auf die Straße geht.

    Und ich freue mich wenn eine sympathische Mannschaft gut Fußball spielt und gewinnt.

    Ich glaube das hat nichts mit Patriotismus und Deutschtümelei zu tun.

  4. Da hat mir Jemand das „T“ gestohlen! – Das heißt` „zeitgebundener Bierbauch“! – Das waren bestimmt wieder die Juden! …und die Radfahrer! *grööööl* 😉

  5. Danke an diese Seite, dass man hier Kommentieren darf, da ich diesen Text leider schon auf der „Grünen-Jugend-Seite“ lesen musste und nichts dazu sagen konnte, da diese Möglichkeit dort nicht besteht.
    Ich kann kaum glauben, dass ein Text von studierten Menschen kommt, gerade an Universitäten lernt man doch Kritiken aus verschieden Sichtweisen zu schreiben. Es werden kleine Gruppen, wenn nicht sogar einzelne Leute mit Aussagen zitiert und dann auf die ganze Nation gelenkt!
    Gerade von den Menschen, die doch angeblich so gegen Verallgemeinerung sein sollten.
    Natürlich stimme ich absolut zu, dass sich bei großen Events, wie einer WM oder dem Song-Contest gewisse Nationalsoziallisten unter das Volk mischen, allerdings gebt Ihr Ihnen durch eure Empörung ein Forum! Ihr seht nur leider nicht, dass Ihr mit eurem Text genau das gleiche tut. Ihr stellt das friedliche Feiern einer ganzen Nation in Frage und vergleicht dieses Feiern mit vereinzelten Aussagen!
    Über diesen Bericht können sich leider nur Rechtsextreme freuen, dass sie zur Kenntnis genommen werden und vielleicht einige Autonome, die darin einen weiteren Aufruf für ihre überzogenen Straßenschlachten sehen und sich von ihrer gewaltbereiten Seite zeigen.

    Als Leckerbissen dieses schönen Textes werden Bilder hinzugefügt, wo man nur noch mit dem Kopf schütteln kann.

    In Namen aller friedlichen Mitmenschen, welche diese WM nutzen, um mit fremden Menschen zusammen zu feiern, jubeln und auch weinen, kann ich nur sagen:
    Ich hoffe, dass es nicht zuviele „eurer Marke“ gibt!

  6. Ein schwacher Artikel. Gewichtig Adorno zitieren, sich dann in unbelegte Tatsachenbehauptungen stürzen, darauf ein bunter Strauß Verallgemeinerungen zu Lichtenhagen und Hoyerswerda, schließlich Lena, Twitter, Facebook und zum Schluss noch der mehr als gewagte Versuch, von Tweets auf Heitmeyers Thesen zu extrapolieren.

    Ich bin enttäuscht, so etwas auf npd-blog.info zu lesen. Nachdem im Artikel sämtliche durchaus vorhandenen Torchancen vergeben wurden, kann die Autorenmannschaft jetzt einpacken, nach hause fahren, Fehler analysieren und versuchen, es in vier Jahren besser hinzubekommen. Bis dahin!

  7. @Berlin:
    Es geht nicht um Nazis, die sich unter das „Volk“ mischen.
    Und nirgendwo steht im Text, dass alle Deutschlandfans Nazis sind.
    Die Nazis haben mit ihrem völkischem Nationalismus zum Teil große Probleme diese Mannschaft zu unterstützen, weil ihnen einige der deutschen Spieler nicht „deutsch“ genug sind.
    Nichtsdestotrotz ist auch der andere Nationalismus, mit den schwarz-rot-goldenen Farben im Gesicht zu kritisieren.
    Die Autoren folgen dabei der Gewissheit Michael Foucaults, Eric Hobsbawans, Benedict Andersons und anderen, dass Nationen Konstrukte sind, weshalb jeder Patriotismus und Nationalismus als Ideologie entlarvt gehört.

    Der Wahn der Normalität hat jetzt dank Spanien erst mal wieder Pause – oder wie es ein Freund ausdrückte: Das einzig gute an diesem Schönwetter-Patriotismus ist, dass er (hoffentlich) nach der WM wieder verschwindet. (Zumindest von der Bildoberfläche).

Comments are closed.