Von Fußball, Migration und bürgerlichen Freiheiten

Diethelm Blecking und Gerd Dembowski untersuchen in ihrem Buch „Der Ball ist bunt“ die Verbindungen zwischen Fußball, Migration und der Vielfalt der Identitäten in Deutschland. Dafür haben die Herausgeber zahlreiche Gastautoren gewonnen, die Themen beackern, welche sonst eher selten öffentlich behandelt werden: Doppelt benachteiligte Mädchen, bikulturelle Vereine oder jüdische Vereinsgründer beispielsweise.

Blecking, der an der Uni Freiburg lehrt, und Dembowski, der die Ausstellung „Tatort Stadion“ initiierte, erinnern in ihrem Buch an die Vielfalt der Identitäten in Deutschland vor dem 2. Weltkrieg: polnische oder jüdische Fußballvereine, kommunistische Sportorganisationen. Diese wurden durch den Zivilisationsbruch, dem NS-Terror und Holocaust, vernichtet. Das kollektive Gedächtnis an diesen Teil der Geschichte ging Dembowski zufolge verloren – und nur vor diesem Hintergrund erschien die neue Zuwanderung in den späten 1950er und 1960er Jahren als etwas Außergewöhnliches.

Theorie und Praxis: Die Eltern der deutschen Fußball-Nationalspieler schauen in einem DFB-Integrationsspot gemeinsam ein Spiel.
Theorie und Praxis: Die Eltern der deutschen Fußball-Nationalspieler schauen in einem DFB-Integrationsspot gemeinsam ein Spiel.

Ein überaus positives Bild des konkreten Kosmopolitismus im 21. Jahrhundert zeichnet Detlev Clausen, Professor an der Uni Hannover. Er verweist auf die Geschichte des Fußballs, die stets an die politischen Entwicklungen gekoppelt war. So war der Siegeszug des Spiels nur in Verbindung mit dem Aufstieg Englands zur Welt- und Kulturmacht zu verstehen. Zudem waren viele Juden in Europa im 19. Jahrhundert laut Clausen „anglophil“. Der Fußball verkörperte die Ideale des Bürgertums, dazu gehörte der Leistungsgedanke, aber auch Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Dies sei für Bewohner von Ghettos eine konkrete Utopie gewesen, daher habe es zu dieser Zeit viele Vereinsgründungen von Juden gegeben, da diese Ideale von ihnen besonders ernst genommen worden seien.

Bedeutung des Professionalismus

Basierend auf dem Leistungsprinzip betont Clausen zudem die Bedeutung des Professionalismus im Fußball. Im Gegensatz zu vielen Fans, die gerne den Amateursport verklären, meint Clausen: Ohne die Professionalisierung des Sports hätte die Arbeiterklasse nie einen solchen Zugang zu dem Sport bekommen, da sonst nur Bürgerliche genug Zeit und Geld dafür gehabt hätten. Arbeiter wollten aber mit den bürgerlichen Vereinen konkurrieren – und gründeten eigene Vereine, in denen Fußball-Talente aus den Fabriken gefördert wurden. Da man nicht viele Stunden am Tag malochen und zusätzlich noch erfolgreich Fußball spielen konnte, musste man den Spielern Geld geben. Dies wiederum mobilisierte Arbeiter aus Schottland oder Irland, nach England zu kommen, um bei Arbeitervereinen zu spielen. Der Beginn des professionellen Fußballs – dieses Prinzip breitete sich weiter aus: Auch die Talente aus den Kolonien wurden bald gebraucht – dem Leistungsprinzip folgend.

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Ähnliches war in den vergangenen Jahren in Deutschland zu beobachten, wo das völkische „Blutsrecht“ weit stärker verankert war als in anderen Staaten. Doch im Fußball wurden neue Maßstäbe gesetzt. Die Nationalmannschaften öffneten sich nach vielen Jahren endlich den Talenten mit Migrationshintergrund, da man sonst ein überragendes Potenzial einfach nicht nutzt – bzw. diese Spieler dann lieber für die türkische Nationalmannschaft antraten.

Emanzipatorische Momente der bürgerlichen Freiheiten

Clausen betont in diesem Zusammenhang vollkommen zu Recht: Fußball vermittelt hier konkrete Utopien, es gebe emanzipatorische Momente in den bürgerlichen Freiheiten. Dies hätten viele linke Kapitalismuskritiker übersehen. Dazu gehöre auch, dass Fans nicht einem Schicksal ausgeliefert seien, sondern ihren Verein wählen können. „Die Logik des Fußballs ist die bürgerliche Gesellschaft. […] Der Fußball ist ein Weltmarkt“, sagt Clausen. Die oberflächliche Kommerzkritik sei „reaktionär“ und genau wie „die Pseudokritik am Kapitalismus im Kern antisemitisch“. Der Antisemitismus sei stets oberflächlich und daher „etwas ganz ekelhaftes“. Ähnlich verhalte es sich mit der Kommerzkritik. Man müsse Ungerechtigkeiten anprangern, fordert Clausen, aber diese hätten nichts mit dem Kommerz zu tun. Fußball eröffne hingegen für Außenseiter die Chance, in die Gesellschaft hineinzukommen. Fußball bringe die Menschen zusammen. „Die globale Welt des 21. Jahrhunderts ist eine kosmopolitische Welt. Das heißt eine Mischkultur“, bilanziert Clausen. „Und das ist für alle Reinheitsfetischisten ein bitterer Tropfen.“

Mesut Özil wird von Neonazis als "Plaste-Deutscher" beschimpft. (Quelle: Autogrammkarte Homepage Özil)

Halil Altintop sagte in dem Buch, er habe schon mit Deutschen, Italienern, Griechen, Arabern oder Bosniern gespielt, „ich habe gesehen, wie sie leben, wie sie zu Hause aufwachsen. Es sei nicht wichtig, jemandem einen Stempel aufzudrücken. „Du bist deutsch! Du bist türkisch! Warum muss man sich da so streng festlegen. Klüger macht uns das auch nicht.“

Fußball ohne Weltbürgertum geht nicht

Auch der Wissenschaftler Gunter Gebauer unterstreicht, Fußball ohne Weltbürgertum gehe nicht. Er plädiert dafür, der DFB solle noch stärker Gedanken in die Öffentlichkeit tragen, die sonst auf den Sportseiten nicht zu finden seien. Konkret meint er damit Kinder mit Migrationshintergrund, die die kosmopolitische Zukunft unserer Gesellschaft verkörpern. „Dafür ist der Fußball eine ausgezeichnete Bühne“, mein Gebauer. Auch er betont: Fußball hat in Deutschland weltbürgerlich angefangen, hat sich dann auf Deutschland verengt! „Eine absurde Entwicklung“, kommentiert er, da Deutschland immer ein Migrationsland gewesen sei. Er erinnerte in diesem Zusammenhang an das Ruhrgebiet, welches die Migrationsregion sei. Ohnehin sei Fußball eine Mischung aus antiken Ideen, Wettkampfideen, aus Kultus, Kaufmannslogik, Konkurrenz und dem Zirkulieren von Regeln.

Und diese Mischung wird überall auf der Welt geliebt, betont Patrick Owomoyela, der von der NPD rassistisch angegangen worden war. Zudem könne Fußball von jedem mit jedem gespielt werden, unabhängig von Sprache und Herkunft. „Das ist das Phantastische am Fußball“, sagt er.

Institutionelle Veränderungen

Fußballtrainer Mikro Slomka meint in dem Buch, Spieler verstünden, dass sie nie auslernten, wenn es immer wieder neue Einflüsse und Impulse gebe. Dies fördere auch den Leistungsgedanken – die Herkunft der Spieler sei unbedeutend. Über den Weg der Integration in den Auswahlmannschaften sieht Slomka die Chance, endlich auch eine institutionelle Veränderung zu erreichen, da sich die Spieler aus dem Migranten-Milieu längerfristig engagieren – auch nach ihrer aktiven Karriere. Allerdings, sagt Ex-Profi Erdal Keser, müsse untersucht werden, warum viele türkischstämmige Talente nicht den Sprung in die Profi-Kader der Vereine schafften: „Es ist auffällig, dass in den Jugendteams mancher Vereine viele Leistungsträger türkischer Herkunft sind, die aber den Weg in die A-Mannschaft nicht schaffen. Hier muss wirklich recherchiert werden, woran das liegt, ob die Jungs nicht gut geführt werden, ob es an strukturellen Problemen liegt oder ob die Jungen aus unterschiedlichen Gründen vom sportlichen Weg abkommen.“

Nach dem Spiel - Kick it - von Aysun Bademsoy
Nach dem Spiel - Kick it - von Aysun Bademsoy

Das Buch behandelt aber nicht nur die Situation von Jungs, sondern auch die der „doppelt benachteiligten“: Türkische Mädchen. Filmemacherin Aysun Bademsoy kritisiert die Debatte über Integration im Allgemeinen: Es müsse endlich, sagt sie im Bezug auf die Mädchen aus türkischen Migrantenfamilien, „grundsätzlich in die Köpfe, dass wir hier von Deutschen reden, die auf ihre Weise deutsch sind. Die Gesellschaft hat sich mit dem Ist-Zustand zu befassen. Ich finde es grausam, wenn es heißt: „…aber die haben doch selbst schld, die wollen doch gar nicht.“ So ein Unsinn, nur weil die Leute Assimilation meinen und sich selbst kein Stück bewegen wollen.“ In einem anderen Beitrag zu diesem Thema wird betont, wie Mädchen durch Erfolge im Fußball auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen selbstbewusster werden. Von Mitspielern und Zuschauern erhalten die Spielerinnen Anerkennung, die sonst fehle.

Keine einfachen Antworten

Das Buch „Der Ball ist bunt“ behandelt zahlreiche vernachlässigte Bereiche des Fußballsports, beispielsweise wird auch ein Blick auf die Lage von Flüchtlingen, die Fußball spielen wollen, geworfen, oder an die Vertragsarbeiter in der DDR erinnert. Auch die „südländische Mentalität“ im Amateurfußball wird thematisiert, Vereine als Ausdruck bikulturellen Selbstbewusstseins untersucht sowie Konflikte zwischen Nationalitäten auf dem Platz beleuchtet.

Die Vielfalt des Buchs ist allerdings Vor- und Nachteil zugleich. Zwar gewinnt der Leser viele Einblicke und Anregungen durch die Themenvielfalt, versteht die konkreten Utopien, die an den Fußball gekoppelt sind, doch zugleich kommt teilweise nur schwierig ein Lesefluss zustande – was auch den verschiedenen Textformen geschuldet ist. Vielleicht passt dies aber auch gerade im übertragenen Sinne zum Thema, die Vielfalt der Identitäten in Deutschland. Für Leute, die gerne einfache Antworten auf komplexe Fragen geben, ist dieses Buch auf jeden Fall nicht zu empfehlen. Wer sich aber für unterschiedliche Perspektiven interessiert, dem sei das Buch – inklusive Vorwort von DFB-Boss Zwanziger – wärmstens empfohlen.

Siehe auch: Rassismus in deutschen Fußballstadien – Die Welt zu Gast bei Feinden?

11 thoughts on “Von Fußball, Migration und bürgerlichen Freiheiten

  1. Lieber Patrick,

    „Da sind sie wieder, “die” Antideutschen“

    Genau falsch. Eben nicht „die“, sondern „viele“. Ich habe genug Gespräche mit solchen Leuten gehört und mir entsprechende Thesen anhören müssen.

    „denen heute von linker Seite alles angehängt wird, was einem nicht passt.“
    Das mag sein, tut aber in dieser konkreten Diskussion nichts zur Sache, da ich hier lediglich eine bestimmte These des Autors kritisiere, in der ich Argumentationsmuster der Antideutschen wiedererkenne, die mir aus persönlicher Erfahrung wohlbekannt sind.
    Es geht mir nicht um einen Rundumschlag gegen „die Antideutschen“ und ich hoffe, dass wir beim eigentlichen Thema bleiben können.

    „Ich könnte da – strukturell !!! – übrigens einen Vergleich ziehen, aber das spare ich mir einfach mal.“
    Wenigstens das bleibt mir erspart. Ich hoffe, dass du es nicht nötig hast, dich auf ein solches Niveau hinab zu begeben.

    „Übrigens steht da auch mit keiner Silbe, das sei alles murks, was linke Fans veranstaltet haben, dass hast Du einfach mal kurz behauptet“

    Du hast in Ergänzung zu dem, was in der Rezension aus dem Buch zitiert wird, gesagt, dass der Autor die These vertritt, die Kommerz-Kritik sei oberflächlich gewesen. Der Autor rückt diese Theorie in die Nähe des Antisemitismus und verleiht noch das Prädikat „ganz besonders ekelhaft. Es folgen Lobgesänge auf den kapitalistischen Markt, den Fan als eine Art „mündiger Konsument“ usw… naive Fantasien wie aus einem Pamphlet der Jungliberalen abgeschrieben.
    Wird hier vielleicht ein eigenständiger Kritikansatz entwickelt? Dann wäre es ja was anderes. Davon steht aber nichts und ich möchte es dem Autor der Rezension nicht unterstellen, einen solch entscheidenden Punkt unterschlagen zu haben. Es wird also, soweit ich verstehe, die Kritik an der Kommerzialisierung mit einem Federstrich in die Tonne getreten, um dann die Vorzüge des kapitalistischen Weltmarktes für den Fußball aufzuzählen.
    Die Ironie ist natürlich, dass die bürgerlichen Freiheiten in der heutigen Zeit eben nicht mit dem bürgerlichen Staat und seinen Repräsenanten verteidigt werden können sondern eben durch diese zunehmend ausgehöhlt und angegriffen werden. Auch und gerade Fußballfans bekommen dies zu spüren. Daran sieht man, dass der Kapitalismus eben heute nicht mehr in der Lage ist, die gleiche fortschrittliche Rolle zu spielen wie noch in früheren Jahrhunderten. Leider scheint dem Autor diese historische Perspektive vollkommen verschlossen. Es geht also nicht darum, dass linke Fans die Errungenschaften der bürgerlichen Freiheiten ignorieren – es geht um die Frage, wie und von wem diese Freiheiten in der heutigen Zeit verteidigt werden können. Einer Antwort auf diese Frage bleibt man schuldig, wenn man wie der Autor dieses Beitrages von einer starren und ahistorischen Perspektive aus Argumente vorbringt, die vielleicht vor 200 Jahren zutrafen, heute aber versagen.

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