NPD-Ideologie: Alte Rechte mit etwas Neuer Rechten

Die NPD propagiert einen homogenen, völkischen, autoritären Staat, in dem Parteien und Organisationen ausschließlich der „Volksgemeinschaft“ verpflichtet sind. Doch trotz aller NS-Bezüge: Die Ideologie der NPD hat sich auch modernisiert, zumindest wurde sie mit Ideen der Neuen Rechten vermischt.

Von Patrick Gensing, in ähnlicher Form in dem Buch Angriff von Rechts erschienen

Wir sind keine Partei, die nur deshalb etwas schlecht findet, weil es schon zwischen 1933 und 1945 vorhanden war. Tatsächlich hat der Nationalsozialismus die Ideen völkischer Identität von 1848 in hohem Maße realisiert, leider aber war er auch imperialistisch. Als Befreiungsnationalisten lehnen wir die Unterwerfung fremder Völker ab. (Udo Voigt im Jahr 2004 in der Jungen Freiheit)

verkaufmarterial
NPD-Propaganda (Foto: Hans Mecon)

Die NPD propagiert einen homogenen, völkischen, autoritären Staat, in dem Parteien und Organisationen nur dem Wohl des deutschen Volkes verpflichtet sind. Die Würde des Menschen ist in der Welt der NPD an Bedingungen und Voraussetzungen geknüpft; in ihrer Volksgemeinschaft wollen die Rechtsextremisten nur die Eliten fördern, Kinder aus Bauernfamilien sollen hingegen die Höfe in den „Kulturlandschaften“ fortführen. Die NPD will Frauen zu Gebärmaschinen für die „Volkssubstanz“ machen, Millionen von Menschen durch ihre „Rückführung“ vertreiben oder deportieren, zudem setzt die Partei auf Holocaust-Leugnung, Nazi-Glorifizierung und knüpft an die Traditionen der Wehrmacht an. Wo ist also eigentlich das Neue?

Trotz aller offensichtlichen Bezüge zum Nationalsozialismus, die NPD hat sich tatsächlich modernisiert. Die NPD bezieht sich oft und gerne auf den Stichwortlieferanten der NS-Ideologie, Carl Schmitt, und stützt das heutige Programm und Handeln auch auf die so genannte Neue Rechte, welche sich in den 1970er Jahren von der NS-Ideologie abgrenzte. Aus einer Stellungnahme der Bundesregierung aus dem Juni 2006:

Die Bundesregierung sieht die Neue Rechte vor dem Hintergrund des gesetzlichen Auftrages des Verfassungsschutzes als Teil von rechtsextremistischen Bestrebungen gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung. Danach handelt es sich dabei um eine teilweise fest organisierte, teilweise aber auch lose miteinander verbundene Gruppe von Intellektuellen, die sich auf das Gedankengut der konservativen Revolution der Weimarer Republik beziehen und über das Konzept einer „Kulturrevolution von rechts“ einen politischen Wandel durch die Delegitimierung des demokratischen Verfassungsstaates beabsichtigen.

Eine Abgrenzung von einer traditionellen Rechten ist nicht trennscharf möglich, da das Selbstverständnis der Neuen Rechten als ‚neu‘ nicht wörtlich genommen werden kann. Deren Vertreter beziehen sich vielmehr auf Versatzstücke des nicht-nationalsozialistischen Teils des Weimarer Rechtsextremismus, die formal und verbal für die Deutung der gegenwärtigen politischen Situation umgewidmet werden. […]

Die Neue Rechte knüpft also an Ideen der konservativ-nationalen Strömungen aus der Zeit der Weimarer Republik an und setzt auch die rechtsextreme Tradition fort, bei der Linken zu klauen – hier taten sich einst auch die Nazis hervor. So hatte beispielsweise Joseph Goebbels versucht, das Auftreten von Kommunisten wie Ernst Thälmann zu kopieren, um die Arbeiterschaft anzusprechen. Ohne durchschlagenden Erfolg: Die Nationalsozialistische Arbeiterpartei Deutschlands (NSDAP) blieb überwiegend die Partei der Bauern und Kleinbürger.

Nach der Zerschlagung der progressiven Organisationen und Zusammenhänge in Deutschland durch die nationalsozialistische Volksgemeinschaft wurden nach dem Krieg zunächst wieder SPD und KPD (bis zu deren Verbot 1956) aufgebaut, in den 1960ern entstand wieder eine neue außerparlamentarische Neue Linke, die selbstbewusst die postfaschistische Gesellschaft mächtig durcheinander wirbelte. Die Ausläufer sind heute noch in den Feuilletons zu bestaunen, wo sich Alteingesessene immer wieder versichern, ihre Ideale von damals keinesfalls verraten zu haben. Als Reaktion auf diese Neue Linke erschufen Strategen aus alten Versatzstücken die Neue Rechte als Gegenbewegung.

Ausgeprägtes Freund-Feind-Denken

Die Ideologie der Neuen Rechten ist gekennzeichnet durch ein ausgeprägtes Freund-Feind-Denken, die Homogenität des Kollektivs, einen starken Staat statt Demokratie und Pluralismus, identitäre Demokratie („Volksdemokratie“) statt Interessenpluralismus, Ethnopluralismus statt universaler Menschenrechte – sowie eine Absage an die NS-Ideologie. Die meisten dieser Punkte sind bei der NPD nachzuweisen, einige stärker ausgeprägt – andere weniger. Besonders mit der Loslösung vom Nationalsozialismus und dem „Führer“ tun sich viele NPDler mehr als schwer: So bezeichnete der tödlich verunglückte NPD-Landtagsabgeordnete Uwe Leichsenring das „Dritte Reich“ als „Wohlfühldiktatur mit 95 Prozent Zustimmung“, bei der Beerdigung des Altnazis Friedhelm Busse im Sommer 2008 legte ein NPD-Kader eine Flagge mit Hakenkreuz auf den Sarg, Parteichef Udo Voigt stand daneben – nach Medienberichten über den Vorfall distanzierte sich die Parteiführung plötzlich von der „Symbolik von gestern“.

Über den Begriff der Kultur versuchen sich die Neuen Rechten vom klassischen Abstammungsrassismus abzugrenzen, ein „Rassismus ohne Rassen“ (gemeint sind Ethnien), wie einige Experten es umschreiben. Mensch sei nicht gleich Mensch, sondern werde durch Volkstum und Kultur definiert (siehe auch Kapitel „Was will die NPD eigentlich?“). Und das geht bei der NPD so:

haehnel_peters
J. Hähnel (F: M. Peters)

Unser Kulturkampf geht um das Überleben des deutschen Volkes. Verlieren wir ihn, werden Eure Kinder eine schrecklich elende, öde, triste Welt vorfinden, in der man nicht mehr lebt, sondern nur noch existiert. […] Lasst uns den Politversagern in Berlin zeigen, dass es in Deutschland noch Mut, Opferbereitschaft und Ehre gibt. Lasst uns gemeinsam für den Erhalt unseres Landes kämpfen. Organisierter Wille bedeutet Macht! (Stachel − Schülerzeitung für Mitdenker, Oktober 2007, hrsg. NPD Landesverband Berlin, NPD-LV Brandenburg, verantwortlich NPD-Bundesvorstandsmitglied Jörg Hähnel)

Oder auch so:

Der Mensch ‚an sich‘ existiert nicht, deshalb sind wir nicht unterschiedslos einfach ‚Menschen‘, wie die multikulturalistischen Völkerverächter behaupten … Der Mensch existiert nur in seiner je unterschiedlichen ethnisch-kulturellen Prägung und damit als Angehöriger eines bestimmten Volkes. (Handreichung für NPD-Kandidaten)

Das theoretische Konstrukt dahinter wird „Ethnopluralismus“ genannt – ein Kunstwort, das in etwa „Völkervielfalt“ bedeutet. Dieser Idee zufolge haben alle Völker ihren angestammten, natürlichen Lebensraum. Der Ethnopluralismus propagiert die strikte Trennung der Völker, da jeder Austausch negativ sei und daher als Angriff von außen gewertet wird. Der Ethnopluralismus will homogene Nationalstaaten erreichen – und die Ausweisung aller Menschen rechtfertigen, die ihrer Definition nach fremd sind. Die Neuausrichtung des Rassismus fällt zeitlich mit der Dekolonisierung zusammen. Nun muss nicht mehr die weiße Vorherrschaft über die „Wilden“ legitimiert werden, sondern nun geht es auch darum, die Anwesenheit von Einwanderern zu bekämpfen.

Dekolonisierung des Nordens

Daher fordern neurechte Strategen im Zuge der typischen Täter-Opfer-Umkehr nach der Dekolonisierung des Südens nun eine Dekolonisierung des Nordens. In Anlehnung an veraltete Antirassismus-Theorien wird behauptet, zum Beispiel die „Neger“ als angeblich homogene Gruppe hätten eine einheitliche schützenswerte Kultur, die durch das Leben in einem anderen Kulturkreis zerstört werde. Diese gedankliche Konstruktion zieht sich durch zahlreiche NPD-Texte – zu finden unter dem Begriff „ethnokulturelle Identität“. Daraus abgeleitet wird die Parole „Türkei den Türken, Deutschland den Deutschen!“ Auch hier wird klar, dass sich rechtsextreme Denker immer wieder linker Theorieelemente bedienen und diese neu zusammensetzen und definieren.

oneworld_marekp
Völkische Propaganda gegen die USA (Foto: Marek Peters)

Allerdings spielt der biologistische Rassismus weiterhin eine immense Rolle – auch bei den Strategen. So schreibt der NPD-Ideologe Jürgen Gansel regelmäßig von „rassefremden“ Ausländern und Völkern. Und in der NPD-Zeitung Deutsche Stimme 4/2006 wird „Rasse“ als Voraussetzung für Kultur beschrieben:

Rasse macht nicht nur die Eigenart des Volkes, sondern auch die des Menschen aus; sie ist unveränderbar, sie führt zur Kultur und formt die Erziehung … Freiheit würde bedeuten, die aus der Rasse stammenden zeitlosen Kräfte bewusst zu formen, sie mit einer Gestalt von wahrer Kultur zu überziehen. (Deutsche Stimme Nr. 4/2006)

Aus Sicht der NPD wäre es also passender, von „rassekultureller Identität“ zu sprechen: Identität entstehe aus Kultur, Kultur basiere auf „Rasse“.

Politische Geisterfahrer

Bei der Auseinandersetzung mit Rechtsextremisten beeindruckt in gewisser Weise immer wieder deren unerschütterlicher Glaube, im Recht zu sein. Ganz im Stil eines politischen Geisterfahrers, der alle Entgegenkommenden für unzurechnungsfähig erklärt, wollen die Anhänger einer Volksgemeinschaft keine gesellschaftlichen Aushandlungsprozesse durch unterschiedliche Interessensvertretungen, längere Debatten halten sie für überflüssig, Parlamente verachten sie als „Schwatzbuden“. Hinter diesen Ansichten steht die tiefe Überzeugung, im Besitz der absoluten Wahrheit zu sein – und diese muss demnach auch nicht hinterfragt werden. Der Wissenschaftler Wolfgang Gessenharter weist in diesem Zusammenhang auf den Verismus hin, den die Völkischen vertreten – gegen den Fallibilismus, von dem pluralistische Demokratien ausgehen, bzw. ausgehen sollten. Dem Fallibilismus liegt zugrunde, dass ein Irren möglich sei, dass eine kritische Überprüfung der eigenen Meinung stets notwendig sei (was allerdings nicht mit ständigen Relativierungen verwechselt werden darf). Der Begriff Verismus wurde aus der Kunst entliehen. Er steht laut Gessenharter für die

Betonung der absoluten Richtigkeit, der wirklichen Wahrheit der eigenen Erkenntnisse die spöttische Herabwürdigung der Andersdenkenden verknüpft. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit deren Argumenten, ein nachvollziehbares Abwägen der jeweiligen Positionen kann damit für die Neuen Rechten unterbleiben; der Gegner ist – gemäß der Freund-Feind-Unterscheidung – eben nicht prinzipiell gleich und ebenbürtig, sondern erkenntnismäßig wie auch moralisch längst disqualifiziert. Eine Auseinandersetzung mit ihm müsse nur deshalb geführt werden, weil er (noch) faktisch herrsche und diese Herrschaft mit dem Totschlags-Mittel der „Political Corectness“ (PC) zu stabilisieren versuche.

Durch dieses Konstrukt kann auch erklärt werden, wie NPD und Konsorten sämtliche Erkenntnisse von Experten, Wissenschaftlern, Politikern und anderen Menschen einfach aus ihrem völkischen Wolkenkuckucksheim beiseite wischen: Sie sind natürlich im Recht, alle anderen Fakten und Erkenntnisse sind entweder schlichtweg falsch oder aus Gründen des Machterhalts von der „politkriminellen Kaste“ manipuliert worden.

Seit Jahrzehnten richten die etablierten Politiker unser Land systematisch zu Grunde und rauben der deutschen Jugend ihre Zukunft. Mittlerweile weiß jeder, dass die Politbonzen mit ihrer volksfeindlichen Kahlschlagpolitik endgültig abgewirtschaftet haben. […] Der jämmerliche ‚Kampf gegen Rechts‘ ist nunmehr ein letzter Rettungsanker, an den sich die charakterlich und geistig verlumpten Pseudo-Demokraten in ihrer Verzweiflung klammern. (Flugblatt des NPD-Landesverbands Saar)

Oder auch:

Innerhalb des Systems gibt es keine Hoffnung auf Erneuerung. Erst die rücksichtslose und restlose Beseitigung des korrupten liberal-kapitalistischen Systems kann den Weg freimachen für einen nationalen und sozialen Neuanfang in Frieden und Freiheit für unser Volk. (Winfried Petzold, NPD-Landesvorsitzender in Sachsen im Januar 2006)

Die Schuld an Problemen wird wie gewohnt „denen da oben“ zugeschoben, die Rechtsextremisten entledigen sich jeglicher Verantwortung und jeglicher Selbstreflexion. Eine bequeme Weltsicht, von Denkfaulheit geprägt – für eine antimoderne und rückwärtsgewandte Ideologie, die der Realität immer weiter hinterhinkt, allerdings eine elementare Voraussetzung.

Siehe auch: Angriff von Rechts: “Ein Buch, das keine Fragen offen lässt”, Alle Artikel und Leseproben zu dem Buch

7 thoughts on “NPD-Ideologie: Alte Rechte mit etwas Neuer Rechten

  1. Dass die „kleinen Leute“ die Schuld „denen da oben“ zuschieben – und dass sie nicht einsehen, dass die da oben nur das Beste wollen und dass sie selber schuld sind, wenn sie den Ansprüchen nicht genügen, die von oben an sie gestellt werden – ja, das ist wirklich ein zentrales Problem der Politikwissenschaft. Daran ist bekanntlich schon der erste real sozialistische Staat auf deutschem Boden gescheitert, und wir wollen doch nicht, dass das noch mal so läuft! Wie kann man diese verbohrten „kleinen Leute“ nur zur Einsicht bringen?

  2. “ (….), in dem Parteien und Organisationen nur dem Wohl des deutschen Volkes verpflichtet sind.“

    Wenn ich mich nicht täusche, müssen die Minister bei der Vereidigung sagen, daß sie “ Schaden vom deutschen Volk abwenden, sowie den Nutzen mehren wollen „.

    Schön wenn es so wäre und sicher keine Idee der NPD !

    Mag sein, daß Goebbels bei Thalmänn geklaut hat, von ihm stammt ja auch der Ausspruch: “ Wir sind so weit rechts, daß wir schon wieder linksaußen sind. “ Aber Thälmanns frühe Schriften sind sehr national-kommunistisch geprägt, z.B. scharfe Angriffe auf “ die Schmach von Versailles und das Diktat der Sieger „.
    Kommt einem irgendwie bekannt vor, oder ?

    In der Tat ist das NPD „Parteiprogramm“ ein wüstes – und auch widersprüchliches – Sammlersurium, welches irgendwie versucht alles zu vereinnahmen, was rechts, national oder anti-kapitalistisch ist.

    Wie allerdings eine NPD „Regierung“ aus Neo-Nazis, Alt-Nazis, Strasseristen, Nationalbolschewisten, National-Kommunisten, Ayatollahs, Nordkoreanern, Anti-Islam Ideologen, Autonomen Nationalisten, usw. funktionieren soll, dieses Realexperiment bleibt uns ganz sicher erspart.

Comments are closed.