Türkische Rechtsextreme stören Armenien-Veranstaltung

Der 24. April gilt als Symbol des Aghet, der Verfolgung und Ermordung der Armenier im Osmanischen Reich während des Ersten Weltkrieges. An diesem Tag begannen 1915 systematische Deportationen und Massaker an der armenischen Minderheit, die als erster Genozid des 20. Jahrhunderts in die Geschichte eingingen. In der Türkei ist dieses Thema bis heute tabuisiert. Versuche, der bis zu 1,5 Millionen armenischen Opfer sowie den ebenfalls ermoderten hunderttausenden Angehörigen der assyrischen und griechischen Volksgruppen zu gedenken, wurden teils von staatlicher Seite, teils durch nationalistische Gruppen unterbunden.

Von Volker Weiß für NPD-BLOG.INFO

Anlässlich des 95. Jahrestages dieser Ereignisse hatte das Historische Seminar der Universität Hamburg zusammen mit Umdenken/Heinrich Böll-Stiftung und der „Initiative zum Gedenken an den Völkermord 1915“ am vergangenen Donnerstag, den 22. April, Professor Halil Berktay zum Vortrag eingeladen, der an der Sabanci Universität Istanbul Geschichte lehrt. Als Spezialist für den türkischen Nationalismus im 20. Jahrhundert gehörte er im September 2005 in Istanbul zu den Organisatoren der ersten akademischen Konferenz über die Massenmorde an den Armeniern. Er zählt zudem zu den Initiatoren der öffentlichen Erklärung „Ich entschuldige mich“. Berktays Arbeiten zur armenisch-türkischen Geschichte haben in der Türkei einige Aufmerksamkeit erregt und sein Ruf als kritischer Akademiker schien ihm nach Hamburg vorausgeeilt zu sein: Der Hörsaal war bald überfüllt, das Gros der Gäste bestand aus Mitgliedern der armenischen Gemeinde sowie interessierten türkischen Zuhörern, für eine Übersetzung ins Deutsche war gesorgt.

armenien
The Armenian population in historical Armenian regions in 1896. The Armenian population in represented in the colored areas, as well as in the red Arabic numbers, indicating their exact percentage.

Der Vortrag selbst war eine differenzierte Darstellung der Debatte um den Genozid an den Armeniern im Osmanischen Reich 1915. Berktay machte zunächst deutlich, dass aus der Perspektive des Historikers am planvollen Vorgehen der Türken 1915 keine Zweifel bestünden, bezog aber auch den armenischen Nationalismus kritisch in seine Darstellung ein. Wie der Referent darlegte, steht die historische Genese des türkischen Nationalismus im engen Zusammenhang mit der Gründung der modernen Türkei, weshalb er bis heute Teil der offiziellen Nationalidentität ist. Die Rolle Atatürks als Stifter der nationalen Einheit sei unterdessen nur deshalb möglich gewesen, weil dieser persönlich an den Verbrechen unbeteiligt gewesen sei.

Der Schwerpunkt seines Vortrags lag auf der Tabuisierung des Themas durch die türkische Politik. Dieses systematische und offizielle Verschweigen habe sich, wie Berktay darlegte, erst verhältnismäßig spät in den Sechziger Jahren durchgesetzt. Direkt im Anschluss an die Massaker habe es in der Türkei sehr wohl Gedenkveranstaltungen und sogar Gerichtsprozesse gegen Täter gegeben. Das Motiv des systematischen Vergessens sah er im Interesse des türkischen Nationalismus, die Legende einer „sauberen nationalen Revolution“ aufrecht zu erhalten. Da sich die Überlebenden des Genozids auf sowjetischem Territorium befanden, wurde das spätere NATO-Mitglied Türkei in seiner leugnenden Haltung vom Westen lange bestärkt. Sehr anschaulich beschrieb eine Metapher Berktays die Weigerung nationalistischer Kreise, die Schattenseite der Entstehung der modernen kemalistischen Türkei wahrzunehmen. Sie verhielten sich, so der Redner, wie ein kleiner Junge, dem zum ersten Mal die Sexualität der Erwachsenen zum Bewusstsein gelangt sei, anschließend aber darauf insistiere, seine Zeugung sei „nicht so“ gewesen.

Heikles Thema

Unter normalen Bedingungen wäre dies also ein interessanter, aber nur für Spezialisten weiter erwähnenswerter wissenschaftlicher Vortrag gewesen. Doch ist die Armenierverfolgung ein heikles Thema und birgt für einen türkischen Redner zahlreiche Fallstricke. Noch 2005 strebte der türkische Staat einen Prozess wegen „Beleidigung des Türkentums“ gegen Orhan Pamuk an, der sich öffentlich zu den Massakern geäußert hatte. Der kritische Journalist Hrant Dink, der immer wieder öffentlich an der Verdrängung der Massaker rührte, wurde 2007 auf offener Straße erschossen. Auch wenn heute als Reaktion auf diesen Mord die Debatte in der Türkei selbst wesentlich offener geführt wird, so stehen Teile der im Ausland lebenden Türken weiter stramm zu den nationalistischen Mythen.

Dies wurde während des Vortrages deutlich, als eine Gruppe türkischer Nationalisten – sehr zum Unmut der restlichen armenischen und türkischen Besucher – für einen Eklat sorgte. Durch lautstarke Interventionen machten sie klar, dass der Redner mit seinen Analysen nach ihrer Ansicht die Grenzen des Sagbaren überschritten hatte. Die Turkologin Dr. Corry Guttstadt hatte als Moderatorin einige Mühe, den Nationalisten die Schranken zu weisen. Schließlich sah sich sogar der Sprecher des Historischen Seminars, Professor Golczewski, gezwungen, seine Autorität als Hausherr durchsetzen. Erst nach seiner Drohung mit der Räumung des Saals und rechtlichen Konsequenzen für die Störer konnte der türkische Gast seinen Vortrag beenden. Das sei ja „wie beim Volksgerichtshof“, quittierte der Wortführer der Nationalisten den Ordnungsruf und stellte damit seine Sensibilität für historische Themen erneut unter Beweis. Da im Zuge der Auseinandersetzung eine lückenlose Übersetzung unmöglich geworden war, können hier die gegen den Referenten erhobenen Vorwürfe nicht en Detail wiedergegeben werden. Mehrfach übersetzt und auch auf Deutsch formuliert wurde aber das Credo der Kritik: Die Arbeit des Wissenschaftlers beleidige den Staatsgründer Kemal Atatürk und die türkische Nation. So konstruiert die Vorhaltungen waren, sie folgten doch einem Zweck, denn vor einem türkischen Gericht könnte dies als strafbare Handlungen gewertet werden.

Strukturelle Ähnlichkeiten

Der Abend hinterließ einen bleibenden Eindruck vom Treiben türkischer Rechtsextremisten, das auch in anderen Städten zum Problem wird. So hat die Kölner CDU seit geraumer Zeit mit Vorwürfen zu kämpfen, Personen aus dem Umfeld der türkisch-faschistischen „Grauen Wölfe“ eine Plattform zu bieten. Zudem hielten deutsche CDU-Funktionäre Kontakt zu einem Verein, der von der nationalistischen MHP, der Mutterpartei der „Grauen Wölfe“, dominiert wurde. In die Kritik geriet auch der türkischstämmige Kandidat der Partei für den Kölner Integrationsrat. CDU-Vorstandesmitglied Minu Nikpay, Vorsitzende der Armenischen Gemeinde in Köln, beklagte sich gegenüber dem Kölner Stadtanzeiger: „Es kann nicht sein, dass man gegen deutschen Rechtsextremismus vorgeht und sich dann mit türkischen Rechtsextremen ins Bett legt.“

Die „Grauen Wölfe“ pflegen ein Weltbild, in dem – je nach Bedarf – Juden, Amerikaner, Freimaurer oder die Angehörigen nationaler Minderheiten in der Türkei als Personifikation des Bösen dienen. Die inhaltlichen und strukturellen Ähnlichkeiten mit dem Rechtsextremismus europäischer Provenienz sind unverkennbar. Das haben sogar schon die Nazis bemerkt: Seit einigen Jahren gibt es ein Strategiepapier der Hessischen NPD, in dem über die Zusammenarbeit mit den „Grauen Wölfen“ räsoniert wird. Als Basis wird ihre Ablehnung des EU-Beitritts der Türkei durch die MHP genannt. Eine weitere Brücke zur deutschen Rechten stellt eben die Verweigerung dar, sich der eigenen Vergangenheit zu stellen, wie es in Hamburg gerade eindrucksvoll unter Beweis gestellt wurde.

10 thoughts on “Türkische Rechtsextreme stören Armenien-Veranstaltung

  1. was unerwähnt bleibt ist die Tatsache: Dass das Auswärtige Amt – nach jahrelangem Schweigen – faktisch die Position der Türkei übernommen hat. Weiterhin ist es kein Geheimnis mehr, dass die CDU Deutschland, sowie FDP stürzen sich wieder einmal auf ausgediente Scheinargumente und unterstützt somit bewusst die türkische Lügenpolitik!

  2. Kölner Schriftsteller Ralph Giordano hat auf den Punkt gebraucht:
    Er habe die Bundesregierung schriftlich aufgefordert, den Völkermord endlich offiziell als Völkermord zu benennen, jedoch nie eine Antwort erhalten.

    Giordano weiter:
    „Mit ihrem Zögern fällt die heutige schwarz-gelbe Bundesregierung weit hinter den damaligen Bundestagsbeschluss zurück“, so Giordano. Tatsächlich habe das Auswärtige Amt die türkische Formel von den „tragischen Ereignissen“ übernommen, indem sie einer sogenannten „unabhängigen Historikerkommission“ zur Aufklärung der „tragischen Ereignisse“ zustimmte. Diese Kommission „ist die Fortsetzung der Auschwitz-Lüge mit anderen Vorzeichen.“

  3. Leider werden hier in der BRD lebende türkische rechtsextrmisten gar nicht strafrechtlich verfolgt!
    Und es gibt eine menge davon!
    das unterschätzt man gerne in der BRD!

    da diese menschen von der geburt an den türkentum und nationalstolz mit in Ihrer Erziehung liegt und pemanent in der öffentlichkeit vor allem in der Türkei vorgelebt wird,haben andere meinungen kein platzt!
    Der Türkische staat unterstüzt es gerne aus dem hintergrund!
    wie weit es geht sieht man dann leider in solchen gesprächsdisskussionen und vorträgen sowohl in der BRD und in der Türkei.
    Weiterhin haben ja die westlichen nationen den türkischen staat dabei unterstüzt es zu leugnen und zu vertuschen!
    da doch die türkei für die nato in militärisch günstigen punkt liegt!
    Es fehlt leider jede form von aufklärung und öffentlichkeitsarbeit!
    Man darf auch nicht vergessen das Orhan Pamuk aus einer akademischen familie kommt ein man in der öffentlichkeit in der türkei ist!
    Im grunde genommen haben menschen die es schon lange in der türkei dafür arbeiten und schreiben wollen keine möglichkeit haben es zu veröffenlichen.da noch sehr viel druck ausgeübt wird!
    Pressefreiheit
    Meinungsfreiheit
    Redefreiheit
    ist in der türkei für die presse leider nicht vorhanden und wenn sehr
    minimal,geschweige für akademiker,journalisten und menschenrechtler!
    die drahtzieher sind natürlich nach meiner meinung oft die millitär!
    die ihre fäden durch alle bereiche haben!

  4. Für jeden am Thema interessierten:

    • DER FILM AGHET ONLINE:
    -> http://www.zshare.net/video/74808096c173a3a1/

    • PHOENIX-DISKUSSION:
    -> http://www.youtube.com/view_play_list?p=3C8A5873B2F384DF

    • ARD-ERKLÄRUNG GEGEN DIE PROPAGANDA-VORWÜRFE SEITENS TÜRKISCHER ORGANISATIONEN UND BÜRGER:
    -> http://www.scribd.com/doc/30845469/ARD-Erklarung-vom-14-April-zum-Film-AGHET-Ein-Volkermord

    • EINE VERLEUGNETE GESCHICHTE:
    -> http://www.ardmediathek.de/ard/servlet/content/3517136?documentId=4166228

  5. Pingback: Anonymous

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