NPD-Bildungswerk: Von JN bis Blauer Narzisse

Das NPD-nahe „Bildungswerk für Heimat und nationale Identität e. V.“ hat am 24. und 25. April 2010 im Erzgebirge sein erstes Jugendseminar zum Thema „Nation & Europa I“ durchgeführt. Die Veranstaltung, die sich nach Angaben der NPD „vornehmlich an Schüler, Studenten und junge Akademiker richtete, zeichnete sich vor allem durch geistige Offenheit und einen oftmals kontroversen, aber stets sachlichen und gewinnbringenden Diskurs aus“. Als Referenten traten vorwiegend NPD-Kader aus der Fraktion in Sachsen auf, unter anderem der neue Vorsitzende des Bildungswerkes, Thorsten Thomsen, der stellvertretende Vorsitzende und Geschäftsführer des Bildungswerkes, Holger Szymanski sowie Arne Schimmer.

Hintergrund: Arne Schimmer- “Alter Herr” in “Dresdner Schule”

Mit dem Seminar meldete sich laut NPD das im Jahr 2005 gegründete parteinahe Bildungswerk im Freistaat Sachsen „nach einer längeren Pause“ zurück und konnte damit „ein breites Spektrum der akademischen Jugend“ versammeln, das von Aktivisten der Jungen Nationaldemokraten (JN) und Vertretern des parteifreien Spektrums bis hin zu Rechtskonservativen, Burschenschaftern und Traditionalisten reichte. Für die NPD sicherlich auch erfreulich, dass auch Felix Menzel zu den Besuchern gehörte, der auf der Seite der „Blauen Narzisse“ dem Bildungswerk der NPD ein gutes Zeugnis ausstellt. In seinem Text, eine Mischung aus Erlebnisbericht und Bewerbungsschreiben,  klingt das dann so:

Wer das Geschehen rund um die NPD nur über die etablierten Medien mitverfolgt, der dürfte nicht besonders viel Lust auf eine persönliche Begegnung mit den „Nazis“ haben. Doch dann kommt alles ganz anders: An der Tür macht ein recht dürrer, 30jähriger junger Mann in blauen Jeans auf. Keine Begrüßung mit dem Hitler-Gruß, dafür gibt es erstmal einen Kaffee und dann noch einen zweiten, weil die Hälfte der Seminarteilnehmer zu spät kommt.

Sicher, in den „etablierten Medien“ sind alle Nazis adipös und tragen entweder Cord- oder gar keine Hosen. Außerdem saufen sie nur Schnaps – und keinen Galao. Nächste Überraschung:  die Unpünktlichkeit bei der deutschen Jugend – fast schon wie bei Dutschke & Co.! Das dürfte Menzel gefallen, da er ja auch voll sponti-mäßig durch „konservativ-subversive Aktionen“ auf sich aufmerksam machen will. Weiter berichtet er über die NPD-Veranstaltung:

Alle Teilnehmer sind hochpolitische Aktivisten, die bereit sind, durch ihr Engagement in der NPD oder deren Nähe Nachteile in Kauf zu nehmen. […] Schimmer und auch die anderen Referenten denken deutlich über die Grenzen der freiheitlich-demokratischen Grundordnung hinaus. Sie fühlen sich inspiriert vom Gedankengut der Konservativen Revolution und verschiedener europäischer Faschismen. Einigkeit herrscht hingegen bei allen Teilnehmern und Referenten in der Frage, welche katastrophalen Fehler der Nationalsozialismus begangen habe. Insbesondere der Slawenhaß Hitlers und die expansionistische Ostpolitik hätten zur Katastrophe von 1945 geführt.

Die Einsicht, dass der Führer nicht alles richtig gemacht hat, scheint Menzel  tief zu beeindrucken, denn er stellt fest, die

Debattenkultur beim Bildungswerk der NPD ist durch eine ausgesprochene Offenheit für neue Ansätze geprägt, die bei der Rosa-Luxemburg- oder Konrad-Adenauer-Stiftung so nicht zu finden ist. Die radikal rechten Ideen reichen vom Euro-Faschismus eines Oswald Mosley bis hin zu Regionalismus-Konzepten, die man sich nach Ansicht einiger Teilnehmer in naher Zukunft genauer ansehen müsse. Der Bildungswerk-Vorsitzende Thomsen meint am Ende der Tagung: „Es gibt sicher auch einen Mittelweg zwischen einem zentralistischen Europa und einer stärkeren regionalen Orientierung.“

Zwar stellt Menzel im Folgenden fest, dass wichtige Fragen für eigene politische Konzepte unbeantwortet geblieben seien, aber vielleicht, so spekuliert er, würden diese „auf dem nächsten Jugendseminar der NPD-nahen Stiftung, die wahrscheinlich im Herbst stattfindet, angegangen“. Könnte schon sein, zumindest schreibt die NPD:

Das Thema dieses ersten Jugendseminars soll bei einer weiteren Veranstaltung im Herbst 2010 weiter vertieft werden, insbesondere sollen dann gegenwarts- und zukunftsbezogene Konzepte für die weitere politische Entwicklung unseres Kontinents im Mittelpunkt stehen.

Doch Menzel übt auch Kritik – konstruktiv, versteht sich: Um wirklich Einfluß innerhalb und außerhalb der Partei aufzubauen, müsse die Stiftung „noch einen gehörigen Zahn zulegen“. Denn für das Wochenende im Erzgebirge sei es zum Beispiel nicht gelungen, „namhafte Referenten zu gewinnen“. Klingt schon fast nach einer Bewerbung. Dann würden sich künftig vielleicht nicht „deutlich mehr junge Leute an der Demonstration in Torgau bzw. dem Parteitag in Sachsen-Anhalt“ beteiligen, „statt in aller Abgeschiedenheit die theoretischen Grundlagen eines radikal rechten Weltbildes zu klären“.

"Alter Herr" und für die NPD seit 2009 im Landtag: Arne Schimmer (Quelle: NPD-Fraktion Sachsen)
"Alter Herr" und für die NPD seit 2009 im Landtag: Arne Schimmer (Quelle: NPD-Fraktion Sachsen)

Die große Chance des Bildungswerkes sei es aber, meint Menzel, eine „Schnittstelle zwischen Theorie und Praxis zu werden“. Es könne „kein Zweifel darüber bestehen, daß die aktivistischen Teilnehmer über die Szene und den Parteiapparat Veränderungen bewirken wollen“. Welche Rolle Menzel und seine Mitstreiter dabei spielen wollen, dürfte spannend werden. Denn offensichtlich gibt es eine Annäherung an die offen rechtsextreme Bewegung, Distanzierungen sind mittlerweile seltener zu vernehmen, umso mehr eine Suche nach Gemeinsamkeiten, wie in dem Beitrag von Menzel. Zudem fließt demnächst das staatliche Geld für das extrem rechte Bildungswerk. So will die NPD ab 2011 Zehntausende Euro für diese Zwecke beantragen – jährlich.

Hintergrund: NPD will Geld für Bildungswerk ab 2011 beantragen

Hier zeigt sich, wie wichtig die parlamentarischer Verankerung für die NPD ist, denn durch ein Bildungswerk und die Aussicht auf gut dotierte Posten in der Fraktion wird die Partei mit dem Schmuddel-Image eben auch für Leute interessant, die sich sonst von den martialischen NPD-Aufzügen öffentlich eher fernhalten. Aber auch nicht immer, der blick nach rechts berichtete anlässlich des NPD-Aufmarsches in Dresden im Februar 2010:

Im Pulk der Völkischen fanden sich überraschend auch Ellen Kositza und Götz Kubitschek, Vertreter der so genannten „Neuen Rechten“, Initiatoren des „Instituts für Staatspolitik“ in Schnellroda, ein. Kositza ist auch Autorin für das neurechte Blatt „Sezession“. Hier in Dresden mischten sie sich unter vorbestrafte Neonazis wie Christian Hehl aus Ludwigsburg, Ewiggestrige wie die wegen Volksverhetzung verurteilte Anführerin des „Ring Nationaler Frauen“ Edda Schmidt oder militanter Gruppen wie der Kameradschaft „Braune Teufel Vogtland“ oder dem „Heidnischen Sturm Pforzheim“. Der Anlass verbindet.

Zuletzt schrieben zudem mehrere Autoren der rechten Wochenzeitung „Junge Freiheit“ für das neue rechtsextreme Monatsmagazin „Zuerst“. Dabei wollen die Neurechten doch so gerne als aufrechte Konservative wahr- und ernstgenommen werden. Doch der Konservatismus bleibt ein ideologischer Phantomschmerz – Volker Weiß schrieb dazu:

Das ist also das Schicksal des Konservatismus: Während sich seine bürgerliche Variante im Liberalismus aufzulösen beginnt, tendieren die verbliebenen antiliberalen Konservativen zur Radikalität. Den Rückschritt in vorbürgerliche Formen, also den aristokratischen oder den religiösen Konservatismus, hat die Moderne unmöglich gemacht. Es bleibt ein Angebot aus autoritärem Etatismus, Populismus und kapitalistischer Ökonomie, das nur noch wenig mit Konservatismus gemein hat und zeigt: Der letzte Ausweg dieser Rechten liegt in der modernisierten Variante des Faschismus. Der Platz des Konservativen wird leer bleiben.

Siehe auch: Konservatismus – ein ideologischer Phantomschmerz, Wenn Rechte ihr Recht einfordern, Zwischen hirnlos und elitär: Vom Umgang mit der Neuen Rechten, Junge Freiheit: Für Schultze-Ronhof und gegen die “Shoah-Epidemie”, “Keine Politik mehr rechts von Lenin”? Konservatismus in der Krise