Homophobie stärker ausgeprägt als Rassismus

Aziz möchte Arzt werden. Leidenden Menschen zu helfen, ist sein Traum. Doch niemand weiß von seinem eigenen Leiden. Denn Aziz liebt Männer, und in seiner Herkunftskultur gilt das immer noch als Schande. Und in der Schwulenszene fühlt er sich als Deutsch-Türke nicht anerkannt. Mit wem könnte er über seine Situation mal vorurteilsfrei sprechen? Olga hat es nicht leichter. Sie kann in ihrem Beruf noch so erfolgreich sein. Solange sie nicht heiratet und Kinder bekommt oder erst recht wenn jemand erfährt, dass sie Frauen liebt – sie würde für ihre Verwandtschaft als krank gelten. Eine Pseudo-Ehe mit einem Mann wäre vielleicht ein Schutz. Aber kann sie unter solchen Bedingungen jemals glücklich werden? Für Olga und Aziz bedeutet die Familie so viel: Sie haben Angst, sie zu verlieren und möchten doch auch kein ständiges Versteckspiel leben.

Der Lesben- und Schwulenverband thematisiert auf seinen Projektseiten Migrationsfamilien die doppelte Benachteiligte für Homosexuelle mit Migrationshintergrund. Sie sind oft doppelter Diskriminierung ausgesetzt, wie nun eine Studie der Universität Jena zeigt, welche der LSVD in Berlin vorgestellt hat.

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Axel Hochrein, Sprecher des LSVD, forderte in diesem Zusammenhang, die Familienpolitik müsse sich der Situation von Lesben und Schwulen mit Migrationshintergrund annehmen. Für sie stelle die Familie deutlich überproportional ein hohes Diskriminierungsrisiko dar. Das beeinträchtige die Chancen junger Menschen auf ein selbstbestimmtes Leben erheblich.

„Je weniger die Eltern integriert sind, desto schlechter können sie mit der Homosexualität ihrer Kinder umgehen“, sagte die Leiterin der Untersuchung, Melanie Steffens.

Auffällig ist der Studie zufolge, dass die Befragten in Deutschland häufiger Diskriminierungen auf Grund der Homosexualität erlebten, als Diskriminierungen aufgrund ihrer Herkunft. Das ist angesichts der vielfach belegten Probleme durch rassistische Diskriminierung in Deutschland ein gravierender Befund. Zudem wurden die Diskriminierungen wegen der sexuellen Identität als belastender eingeschätzt.

Der LSVD fordert deshalb den Ausbau der Unterstützungsangebote für Lesben und Schwulen mit Migrationshintergrund sowie eine systematische Aufklärungsarbeit für Eltern und Familien zum Thema Homosexualität. Das Thema Homosexualität muss integraler Bestandteil einer verantwortungsvollen Integrationspolitik sein, um die durch die Studie festgestellten Probleme wirksam zu bekämpfen.

Fazit der Studie lautet:

„Migrationshintergrund ist ein Risikofaktor: für geringe Lebenszufriedenheit, schlechtere Gesundheit, ein wenig positives Selbstbild und die Verfügbarkeit von sozialer Unterstützung von Lesben und Schwulen, wenn sie aus Ländern mit starken Repressalien gegenüber Homosexuellen stammen und ihre Eltern in Deutschland wenig integriert sind. Diese Personengruppe kann der Familie gegenüber nicht offen homosexuell leben und/oder macht in diesem Zusammenhang sehr negative Erfahrungen bis hin zu Gewalt. Eine misslungene Integrationspolitik wird auf dem Rücken dieser Personen ausgetragen, die in zwei miteinander unvereinbaren Subkulturen leben – schwul-lesbische vs. migrantische.“

Siehe auch: NPD-Stadtrat angeblich an Überfall auf CSD-Besucher beteiligt

2 thoughts on “Homophobie stärker ausgeprägt als Rassismus

  1. Wenn mehr „Integration“ weniger Homophobie bzw. weniger diskriminierender Umgang mit Homosexuellen bedeutet, sind mindestens 90 % aller Menschen mit deutscher Staatsbürgerschaft _nicht_ „integriert“.

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