Keine Nazi-Immobilie in München-Forstenried

Beinahe hätte die Münchner Neonaziszene in den nächsten Tagen ein eigenes „Versammlungshaus“ in München-Forstenried eröffnet. Intern hatten Kameradschaften und „Bürgerinitiative Ausländerstopp“ (BIA) sogar schon für die Einweihungsparty sowie eine Veranstaltung in die eigenen Räume mobilisiert. Doch der erst vor wenigen Tagen geschlossene Mietvertrag ist gestern fristlos gekündigt worden.

Von Robert Andreasch, www.aida-archiv.de

Die Geschichte des nun geplatzten neonazistischen Immobilientraums im Münchner Südwesten begann im Februar im östlich gelegenen Stadtteil Berg am Laim: Bürger_innen und Lokalpolitiker_innen wandten sich dort gegen eine jahrelange Serie von Neonaziveranstaltungen in der Gaststätte „Wirtshaus zum Glaskasten“. Auf einen Bericht auf der a.i.d.a-Website, einen darauf folgenden Artikel der BILD-Zeitung und einen Beitrag des Bayerischen Rundfunks hin reagierte der überraschte Inbev-Konzern, der den „Glaskasten“ verpachtet hat, umgehend: Der Bremer Konzern untersagte dem zunächst uneinsichtigen „Glaskasten“-Betreiber vertraglich jegliche weiteren neonazistischen Veranstaltungen.

Da zunächst keinE andere Münchner Wirt_in bereit war, den extrem Rechten Unterschlupf zu gewähren, erinnerten sich die Münchner Neonazis nach ihrem Rauswurf aus dem „Glaskasten“ an ein schon mehrfach in ihren Kreisen diskutiertes Projekt: die Anmietung eigener Räumlichkeiten. Das ging für die Münchner NPD-Liste „Bürgerinitiative Ausländerstopp“ (BIA) um Karl Richter, Roland Wuttke und Philipp Hasselbach jedoch nicht schnell genug. Die eigentlich für den 22. März 2010 geplante BIA-Jahreshauptversammlung musste verschoben werden. Bei der NPD griff man zu einem Trick, der die eigene Misere kaschieren sollte: In einem Artikel auf der Homepage des bayerischen NPD-Landesverbands wurde der Journalist, den die Neonazis für die Recherche und Berichterstattung über den Glaskasten verantwortlich machten, beleidigt und diffamiert. Im gleichen Artikel wurde zudem kokettiert, es gebe ja „rund 6000 Gaststätten in München“, die angeblich genutzt werden könnten.

Die Arbeit der „FIRM“ gegen rechts zeigt Erfolg

Nazigegner_innen setzten derweil die Suche nach weiteren Veranstaltungsorten der extremen Rechten fort. Zu den erfahrenen Beobachter_innen der lokalen Neonaziszene gehört Marcus Buschmueller, Leiter der „Fach- und Informationsstelle Rechtsextremismus München“ (FIRM). Im Jahr 2009 hatte der Stadtrat der Landeshauptstadt München mit einem parteiübergreifend getragenen Beschluss die FIRM-Recherchestelle beim Kulturzentrum Feierwerk eingerichtet. FIRM soll die Szene in München beobachten und eine schnelle, praxistaugliche Beratung städtischer und zivilgesellschaftlicher Akteur_innen im Kampf gegen die extreme Rechte gewährleisten. Buschmueller hatte schon im „Fall“ Berg am Laim mehrere Beratungsgespräche geführt.

Die FIRM recherchierte nun zu den neonazistischen Immobilienplänen. Gewissheit brachten nicht zuletzt Einladungen der nachgeholten „Bürgerinitiative Ausländerstopp“-Mitgliederversammlung am 26. April 2010. Stephan Wörle (Neubiberg), Aktivist der Neonazi-Kameradschaft „Nationale Solidarität Bayern“ (NSB) und bei der BIA „Interessenten- und Mitgliederbetreuer“, lud in diesem Schreiben mit Datum vom 10. April 2010 bereits in die eigenen Räumlichkeiten in München-Forstenried ein. Großspurig bezeichnete Wörle die etwa 80 Quadratmeter großen Erdgeschoßräume als „BIA-Versammlungshaus“.

Erst am Vortag, am 9. April 2010, hatte der NPD-Multifunktionär Roland Wuttke (Mering) bei der Vermieterin einen Mietvertrag für die teilweise leerstehenden Gewerberäume unterzeichnet. Von April 2010 bis Ende März 2011 wolle er die Lokalität ausschließlich als „Lagerraum“ und „Abstellfläche“ seiner „Westend-Computer GmbH“ nutzen. Marcus Buschmueller von der „Fach- und Informationsstelle Rechtsextremismus München“ (FIRM) kennt diese Methode der rechten Szene aus anderen Beispielen im ganzen Bundesgebiet: „Die Eigentümer ahnen nichts vom Hintergrund ihres Mieters/ihrer Mieterin. Sie werden von den Neonazis darüberhinaus über die wahren Anmietabsichten getäuscht. Ist der Mietvertrag erst unterschrieben, werden die überraschten Vermieter/Vermieterinnen dann dreist vor vollendete Tatsachen gestellt“.

Der geplatzte Immobilientraum von ganz rechts in München-ForstenriedDer geplatzte Immobilientraum von ganz rechts in München-Forstenried

„BIA-Versammmlungshaus“ und „Nationales Jugendzentrum“

Die jungen Neonazis der „Freien Nationalisten München“ (FNM) waren von Wuttkes Anmietung begeistert. Die Räume (zu 550 Euro Monatsmiete) passten bestens in ihr Konzept, sich zukünftig in den Stadtteilen Fürstenried und Großhadern breit zu machen. Zur gesteigerten neonazistischen Präsenz im Münchner Südwesten soll ja nicht zuletzt der von Philipp Hasselbach und Roland Wuttke am 8. Mai 2010 in unmittelbarer Nähe zur Immobilie geplante Neonaziaufmarsch dienen.

Erkenntnisse der Antifaschistischen Informations-, Dokumentations- und Archivstelle München (a.i.d.a. e. V.) belegen zudem: Kaum, dass der Mietvertrag unterzeichnet und die Räumlichkeiten übergeben waren, begannen Neonazis der „Freien Nationalisten München“ und der „Nationalen Solidarität Bayern“ in Forstenried mit Renovierungsarbeiten. Auch eine erste Grillparty soll in den angeblichen „Abstell- und Lagerräumen“ und auf dem Hof davor abgehalten worden sein. Die Neonazis waren sich ihrer Sache sehr sicher: An der Eingangstür wurde gleich eine aus Blech gefertigte „88“ angebracht (siehe Bild oben). Dabei beziehen sich die NS-verherrlichenden Münchner Neonazis zum Einen auf die Zahl 88 als Szenecode für die ansonsten illegale „Heil Hitler“-Parole und spielen zum Anderen auch auf das bundesweit bekannte Nazi-Lokal „Club 88“ in Neumünster an, das hier offensichtlich als Vorbild dient.

Intensive antifaschistische Recherchen der letzten Tage ergaben Hinweise darauf, dass die „FNM“ wohl bereits für den Samstag, 24. April 2010, wenige Tage nach dem in der Neonaziszene beliebten „Führergeburtstags“-Datum, die Einweihung ihres „Nationalen Jugendzentrums“ mit einer Party und Rechtsrock feiern wollten.

Die Verhinderung des Nazi-Projekts

Anwohner_innen, Nachbar_innen und Mitnutzer_innen der Gewerbeimmobile waren a.i.d.a. gegenüber entsetzt über die neonazistische Anmietung und kündigten Proteste an. Geschockt war zunächst auch der von den Neonazis offensichtlich getäuschte Vermieter der Forstenrieder Immobilie nachdem er von Medienvertreter_innen kontaktiert worden war. Das vermietende Immobilienunternehmen zog seinen Rechtsbeistand hinzu und zeigte nur wenige Stunden später Zivilcourage: Der mit dem NPD-Funktionär Roland Wuttke geschlossene Mietvertrag wurde noch am Nachmittag des 14. April 2010 wieder fristlos gekündigt.

Ausgelassene Stimmung herrschte am Mittwochabend bei den Aktivist_innen mehrerer Münchner Antifa-Initiativen. Die Freude über die neonazistische Bauchlandung ging dabei mit neuem Engagement einher. Den Schwung aus der erfolgreichen Immobilienverhinderung wollen die jungen Leute nun mitnehmen: in die „eh schon unerwartet gut laufende“ Mobilisierung gegen den am 8. Mai 2010 geplanten Neonaziaufmarsch von Fürstenried-West nach Großhadern.

5 thoughts on “Keine Nazi-Immobilie in München-Forstenried

  1. Sehr geehrter Herr Andreasch,

    ich möchte die a.i.d.a. zu ihrem Erfolg beglückwünschen. Ihr Bericht hat sehr gutgetan.

    Weg vom inhaltlichen möchte ich Sie auf eine „stilistische“ Sache hinweisen, die mir sehr am Herzen liegt: Im Zuge der Gleichstellung unabhängig des Geschlechts reicht es nicht, an den Wortstamm die weibliche Form, getrennt durch einen Unterstrich, heranzuhängen. Natürlich ist es hier wichtig, z.B. bei ‚erfahrenen Beobachter_innen‘ ein n groß zu schreiben, sprich ‚erfahrenen Beobachter_inneN‘. Noch zwei weitere Punkte fielen mir auf: Zum einen ist es wichtig, alle zugehörigen Adjektive anzupassen (keinE andereR Münchner Wirt_in), sodass mit den Zusätzen sowohl eine weibliche als auch eine männliche Lesform möglich ist, zum zweiten sollte man sich bemühen, jedes geschlechtsspezifische Wort in eine ’neutrale‘ Form zu bringen. (Z.B. haben Sie dies bei Nazi unterlassen. Richtig wäre m.E. Nazi_sse.)

    Natürlich hat die Gleichstellung nur sekundär mit dem eigentlichen Thema zu tun, es war mir dennoch wichtig, auf dieses kleine Detail hinzuweisen.

    Ihnen wünsche ich in München weiterhin viel Erfolg im demokratischen Engagement! Viele Grüße,

    Jon

  2. Irgendwie habe ich bei solchen Meldungen immer ein komisches Gefühl. Nazis muss man natürlich ablehnen, aber ist es richtig das Recht zu brechen und sie wegen ihrer politischen Meinung zu diskriminieren?
    Diese leute haben genau diegleichen Rechte wie jeder andere, solange sie nicht straffällig werden, was sie in diesem Fall ja wohl nicht gemacht haben.

  3. Und jeder Vermieter hat das Recht zu erfahren, wer seine Mieter sind und was sie mit der Immobilie bezwecken wollen…
    Es ist nich der Staat der das Versammlungsrecht verweigert, sondern die 6000 Wirte und die hunterttausende Vermieter. Da diese nicht in Grundrechte eingreifen können, Herzlichen Glückwunsch dazu!

  4. Ich möchte der FIRM für die Informationen und schnelle Aufklärung danken.
    Der Eigentümer sowie der Vermieter distanzieren sich mit aller Deutlichkeit von dieser Gruppierung und ihrer politischen Ansichten.
    Diese hat die Räumlichkeiten vertragsbrüchig als Versammlungsräume benützt.

    Der Eigentümer

  5. Liebe Herr Andreasch, danke Ihre Mühe Nazis Haben Immobilien verloren. HIer werde ich ncith kommentieren weiter. WIe gesagt Vermieter muss wissen wer Mieter eigentlich war. Auf jeden Fall fällt mir nur eine. Wie habt ihr das erfahren das NAzi Immobilien mieten möchten. Das bleibt für mich unklar. Vielleicht ,Sind Sie Beamter von der Staat gestellt wurde damit diese“ Nachtgallery“aufzulösen:))) oder es bleibt nru eine Erklährung dazu:SInd Sie Linksorientierte und Info wird von Linken Quelle gesammelt.) Oder Zwischen NAzi gibt es auch Veräter die Ihnen mithelfen laufen…:)=))

    Es wäre gut das jemand hier das veröffentlicht und erklährt solche Erfolge.

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