Konservatismus – ein ideologischer Phantomschmerz

Der einstige CDU-Vorsitzende und langjährige Bundeskanzler Helmut Kohl wollte nichts weniger sein denn konservativ. Ebenso wie seine Nachfolgerin, die jetzige Bundeskanzlerin, bestand er darauf, die politische Mitte zu vertreten. Hingegen bezeichnet beider Parteifreund, der einstige Bundeswehrgeneral, Innensenator und Innenminister Schönbohm, sich selbst als durchaus konservativ. Er steht damit in der Union nicht allein.

Von Rolf Schneider, übernommen von Dradio-Kultur

Von Norbert Geis bis Stefan Mappus gibt es eine Reihe führender Unionsleute, die von sich das Nämliche behaupten; und man darf annehmen, dass sie für breite Mitglieder- und Wählerkreise stehen. In der Tagespresse erhalten die Unionsparteien ohnehin und durchweg das Epitheton konservativ.

Was aber ist denn konservativ? Was kann es sein?

Werden deutsche Repräsentanten befragt, liefern sie als Antwort eine diffuse Ansammlung von Einzelheiten. Man ist für Familie, für Religion, für preußische Ordnungsbegriffe, man misstraut dem Liberalismus und dem Marxismus sowieso. Man ist für Brauchtum, einen starken, wehrhaften Staat. Das ist nicht besonders viel. Manches davon lässt sich auch bei anderen politischen Strömungen finden.

Als klassisches Land des politischen Konservatismus gilt Großbritannien. Dort, im Staat mit der ältesten bürgerlichen Revolution, jener von Oliver Cromwell, bildete sich eine politische Interessenvertretung des Landadels, der die alten Besitzstände und Privilegien verteidigen wollte. Durch die Revolution von 1789 in Frankreich wurden ihm neue Argumente beschert und auch der wichtigste Ideologe: Edmund Burke. Als Tory-Partei bestimmte sie maßgeblich die britische Innen- und Außenpolitik des 19. und des 20. Jahrhunderts. Sie hatte eine Reihe herausragender Spitzenpolitiker, wie Benjamin Disraeli und Winston Churchill.

Im heutigen England gibt es weiterhin einen Landadel, der über große Latifundien und riesige Schlösser verfügt. Letztere müssen sich, da ihr Unterhalt viel Geld verschlingt, dem zahlenden Publikum öffnen; auf den zugehörigen Böden halten Ferienbungalows und Vergnügungsparks Einzug, wenn sie nicht als Bauland veräußert werden. Nicht einmal die Fuchsjagd alten Stils darf noch stattfinden. Statt des lebendigen Opfers müssen sich die Jäger mit einer Attrappe begnügen. Sofern Angehörige der Gentry noch über Macht und Reichtum gebieten, haben sie Bank-, Fabrik- und Aktienbesitz. Auch Großbritanniens Konservative sind verbürgerlicht.

In den USA, einem von Beginn an antiaristokratischen Land, das sich seiner feudalistischen Schlacken im Sezessionskrieg des 19. Jahrhunderts entledigte, ist Konservatismus eine Sache des rechten Flügels der Republikanischen Partei. Dort huldigt man einem indolent christlichen Puritanismus, kämpft gegen die Abtreibung, ist versteckt oder offen rassistisch, vertritt eine unregulierte Marktwirtschaft und einen militanten US-Machtanspruch. Konservativ im Sinne der einstigen Tories ist davon fast gar nichts. Durchweg geht es um bürgerlich-kleinbürgerliche Ziele.

Die selbst ernannten Konservativen im heutigen Deutschland hüten sich, zu jenem Flügel der Grand Old Party den Schulterschluss zu suchen, schon weil sie selber großenteils einem orthodoxen Katholizismus anhängen. Die römische Kirche von heute nun beherbergt viele Strömungen. Wenn ein deutscher Kirchenfürst, der sich selber als konservativ begreift, der Kölner Kardinal Meisner nämlich, gegen die CDU ebenso Stellung bezieht wie gegen etliche seiner Bischofsbrüder, wirft das ein bezeichnendes Licht auf die verzweifelte Situation des Konservatismus in unserem Land.

Dabei gab es ihn einmal. Otto von Bismarck, Paul von Hindenburg und Alfred Hugenberg waren unzweifelhaft Konservative. Hindenburg und Hugenberg wurden mitschuldig an Hitler. Der späte Bismarck regierte innenpolitisch auch nicht eben glücklich, man denke an Kulturkampf und Sozialistengesetz. Zu beidem dürften heutige Konservative in Deutschland sich ungern bekennen wollen. Sie sind Bürgerliche mit rührend altmodischen Ansichten. Ihr Konservatismus ist nicht viel mehr als ein ideologischer Phantomschmerz. Ob man dies bedauern soll, weiß ich nicht. Es ist aber so.

Rolf Schneider, Schriftsteller, Essayist und Publizist, stammt aus Chemnitz. Er war Redakteur der kulturpolitischen Monatszeitschrift „Aufbau“ in Berlin (Ost) und wurde dann freier Schriftsteller. Wegen „groben Verstoßes gegen das Statut“ wurde er im Juni 1979 aus dem DDR-Schriftstellerverband ausgeschlossen, nachdem er unter anderem zuvor mit elf Schriftstellerkollegen in einer Resolution gegen die Zwangsausbürgerung Wolf Biermanns protestiert hatte. Veröffentlichungen unter anderem „November“, „Volk ohne Trauer“ und „Die Sprache des Geldes“. Rolf Schneider schreibt gegenwärtig für eine Reihe angesehener Zeitungen und äußert sich insbesondere zu kultur- und gesellschaftspolitischen Themen.

Siehe auch: JF: Auf dem Selbstfindungstrip, “Keine Politik mehr rechts von Lenin”? Konservatismus in der Krise

8 thoughts on “Konservatismus – ein ideologischer Phantomschmerz

  1. Nein, für Herrn Gensing ist faktisch jeder Konservative bereits „NPD-Umfeld“.

    Wenn in einem aktuellen Newsletter der A.-Antonio-Stiftung Frau Kahane die DDR als „konservativ“ definiert, rundet dies das Bild ab.

    Interessant wäre vielmehr die Frage: Wenn der Konservatismus derart marginal und faktisch mausetod wäre, warum beschäftigt man dann die politische Konkurrenz in letzter Zeit mit ihm so stark wie nie zuvor?

  2. Nach der Lektüre dieses Artikels suche ich irgendwie den möglichen Zugewinn an Erkenntnis… Was soll denn die zentrale These sein? Dass es in der Praxis große Unterschiede in der Eigenbezeichnung „konservativ“ gibt?

  3. „Man ist für Familie, für Religion, für preußische Ordnungsbegriffe, man misstraut dem Liberalismus und dem Marxismus sowieso. Man ist für Brauchtum, einen starken, wehrhaften Staat. Das ist nicht besonders viel. Manches davon lässt sich auch bei anderen politischen Strömungen finden.“

    Menschen, die sich antifaschistisch angegieren, werden oft genug in die Nähe von Linksexremisten gerückt(Z.b. Schröder will die KgR-Projekte vom VS beobachten lassen). Deshalb ist es interessant auch mal zu schauen: Was verbindet Konservativismus mit rechts? Oha-einiges!

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