Jüdischer Friedhof in Heiligenstadt geschändet

Offenbar während der Osterfeiertage haben bislang unbekannte Täter den jüdischen Friedhof im thüringischen Heilbad Heiligenstadt geschändet. Insgesamt wurden 13 Grabstätten beschädigt, die Kriminalpolizei hat die Ermittlungen wegen Störung der Totenruhe aufgenommen. Unklarheit besteht über den genauen Zeitraum: während Anwohner nach eigenen Angaben die Stadtverwaltung bereits am Ostermontag auf den Vorfall aufmerksam gemacht hatten, ging die Polizei in ihrer ersten Meldung von der Nacht zum Mittwoch als Tatzeitpunkt aus – die Stadt habe erst am Mittwochnachmittag Anzeige erstattet, sagte ein Polizeisprecher.

Kai Budler für NPD-BLOG.INFO

Der stellvertretende Vorsitzende des Heiligenstädter Initiativkreises jüdisches Erbe, Johann Freitag, glaubt nicht an einen „Dummen Jungen Streich“ und verurteilte die Tat als „vorsätzlich“. Allein schon die schwer zu erreichende Lage des Friedhofes spricht für diese Beurteilung. Der Initiativkreis will sich nun um die Restauring der Grabstätten kümmern – woher aber das Geld dafür kommen soll, ist bislang noch offen. Für die Heiligenstädter Stadtverwaltung kündigte Bürgermeister Bernd Beck an, man werde sich für den Friedhof einsetzen. In welcher Hinsicht dies geschehen soll, blieb bislang unklar, denn auch in der Stadtkasse des Heilbades herrscht die typisch kommunale Finanznot. Der jüdische Friedhof in Heilgenstadt war 1817 von der jüdischen Gemeinde angelegt worden und ist neben der Synagoge das letzte sichtbare Überbleibsel des jüdischen Lebens in dem thüringischen Heilbad. Mit der Deportation der letzten jüdischen Einwohner in das KZ Theresienstadt eurde 1942 die Existenz der jüdischen Gemeinde vor Ort beendet.

Pöbeleien gegen Spontandemonstration

fried5-2

Anders als in anderen Fällen von antisemitischen Friedhofsschändungen waren die Reaktionen in der Eichsfelder Öffentlichkeit zurückhaltend und verhalten. Von Berichten in der Lokalpresse abgesehen, stößt der Vorfall nur auf mäßiges Interesse. Dies mussten am Sonntag, dem 11. April, auch die Teilnehmer einer Spontandemonstration in Heiligenstadt merken. Gerade mal zwölf junge Erwachsene waren zusammen gekommen, um auf die Schändung aufmerksam zu machen. Bei den Passanten in der Innenstadt stießen sie mir ihren Flugblättern größtenteils auf Desinteresse, auch Pöbeleien waren aus geöffneten Fenstern waren zu hören. Für die Demonstranten steht ein rechtsextremer Hintergrund der Tat außer Frage. Dieses Problem werde im Eichsfeld aber immer wieder herunter gespielt, heißt es in dem Flugblatt, in dem Landrat Werner Henning (CDU) mit dem Satz „Das Eichsfeld hat kein Problem mit Rechtsextremen“ zitiert wird.

Beispiele aus den vergangenen Jahren belegen das Gegenteil: eine Klezmerband darf nicht bei den Protesten gegen die NPD in Heiligenstadt spielen, weil die Neonazis nach Ansicht des Ordnungsamtes dadurch provoziert werden könnten. Erst im vergangenen Jahr beteiligten sich Neonazis mit den typischen Eselsmasken am traditionellen Karnevalsumzug in Heiligenstadt, kurz vorher hatten Mitglieder der Gruppierung „Freier Widerstand Eichsfeld“ das Jugendhaus der „Villa Lampe“ im Heilbad verbarrikadiert: dort sollte am selben Tag eine Ausstellung über die Opfer rechter Gewalt eröffnet werden.

Mindestens 470 Attacken auf jüdische Friedhöfe in acht Jahren

Zur einer Anfrage nach der Zahl der Schändungen jüdischer Friedhöfe in Deutschland seit dem Jahr 2000 verwies die Bundesregierung im Oktober 2009 darauf, dass dies im Strafgesetzbuch kein eigenständiges Delikt darstellt. Daher seien zur Beantwortung bei den im Rahmen kriminalpolizeilicher Meldedienste erfassten Daten die antisemitischen Straftaten herausgefiltert worden, ”bei denen Friedhöfe als Angriffsziel genannt worden waren“. Soweit für den Zeitraum der Jahre 2000 bis 2008 noch Datenbestände verfügbar gewesen seien, habe die so vorgenommene Recherche ergeben, dass von den Polizeibehörden insgesamt 471 antisemitische Straftaten ”mit dem Angriffsziel Friedhof“ registriert und insoweit 170 Täter beziehungsweise Tatverdächtige festgestellt wurden.

Siehe auch: Ausstellung über KZ wird vorzeitig beendet

2 thoughts on “Jüdischer Friedhof in Heiligenstadt geschändet

  1. während der Ostertagen häufen sich traditionell antisemitische Vorfälle, wäre interessant, ob da spezifische lokale Traditionen (Passionsspiele in Heiligenstadt) mit reinspielen

Comments are closed.