Die Extremismus-Theorie in den Medien

Was meinen Journalisten, wenn sie von Extremisten sprechen oder schreiben? Was verstehen Journalisten unter Rechtsextremisten, Neonazis, Skinheads? Schaut man sich entsprechende Artikel an (oder hört entsprechende Radio – bzw. TV-Beiträge), dann wird schon auf den ersten Blick klar, dass Journalisten mit diesen Begriffen höchst unterschiedlich umgehen. So wenig wie es in der Politikwissenschaft unumstrittene Wortdefinitionen in diesem Bereich gibt und so wenig es gesamtgesellschaftlich einen klaren, unmissverständlichen Umgang mit Begriffen rund um Extremismus gibt, so diffus stellt sich das Begriffsfeld in den Medien dar.

Von Daniela Kahls
Studium Diplom-Journalistik/Germanistik an der Universität Leipzig, 2001 Axel-Springer-Preis für junge Journalist_innen. Seit 2002 ist sie Sachsenkorrespondentin für MDR INFO und hat in der Vergangenheit kontinuierlich über neonazistische Strukturen im Freistaat berichtet. 2006 erhielt sie den Kurt-Magnus-Preis der ARD für ihre Berichterstattung über Rechtsextremismus

Das ist natürlich in gewissem Sinne problematisch, denn bildlich gesprochen beisst sich hier die Katze in den Schwanz. Wenn schon gesamtgesellschaftlich angesichts der sprachlichen und inhaltlichen Bandbreite rund um Extremismus-Begriffe eine gewisse Verwirrung und Unschärfe zu verzeichnen ist, so könnten – zumindest theoretisch – wenigstens die Medien helfen zu sortieren und damit für Klarheit sorgen. Doch diese Aufgabe erfüllen die Medien nicht. Und dafür gibt es meiner Meinung nach fünf Gründe:

1. Strukturelle Gründe

Viele Redaktionen, vor allem die der großen Regionalzeitungen, der bundesweiten Zeitungen und die der ARD-Sender, sind relativ groß, das heißt, sie beschäftigen viele Mitarbeiter. Und diese Mitarbeiter sind meistens nicht auf einen Ort, die Zentrale, konzentriert, vielmehr sitzen die Korrespondenten und Autoren in vielen verschiedenen Städten. Das heißt, es gibt höchst selten Zusammenkünfte, auf denen einen Großteil der gesamten Redaktion sich über grundlegende Regeln für alle verständigen könnte. (Grundlegende Debatten und Reflektionen über das Programm oder die Zeitung lassen sich telefonisch nun einmal schlecht anstellen.)

Nehmen wir als Beispiel das Nachrichtenradio MDR Info. Der Sender beschäftigt rund 200 feste und freie Mitarbeiter. Die Zentrale des Radioprogramms ist in Halle, hier wird also die Sendung gefahren, hier finden die Konferenzen statt und hier sitzt auch die Redaktionsleitung. Dem Programm, das 24 Stunden am Tag nur Wortbeiträge sendet, arbeiten jedoch Autoren und Korrespondenten aus der ganzen Welt zu. Selbst im Sendegebiet, also in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, sitzen die Beitragsmacher an vielen verschiedenen Orten, zum Beispiel in Dresden, Magdeburg und Erfurt – ganz zu schweigen von dem eigenen MDRHauptstadtbüro in Berlin. Man kann sich also vorstellen: all diese Programm-Macher zu einem Termin an einem Ort zu vereinen, dürfte ein schwieriges Unterfangen werden.

Wenn also eine Redaktion wie die von MDR Info sich nicht auf einer Konferenz darüber verständigen kann, wie man mit solchen Begriffen wie Rechtsextremismus etc. umgehen will, dann könnte es doch entsprechende Redaktionsanweisungen geben – mag man berechtigerweise einwenden. Tatsächlich gibt es für viele das Programm betreffende Fragestellungen konkrete Anweisungen, die bei MDR Info in einem sogenannten Stylebook zusammengefasst sind. Dieses Stylebook ist allen Mitarbeitern zugänglich. Darin wird genau das Format des Programms beschrieben, beispielsweise die Stundenuhr, die Länge von Beiträgen, die Ansprechhaltung gegenüber dem Hörer. Aber einzelne Formulierungen sind nicht geregelt.

Warum nicht?

Ein wichtiger Grund ist sicherlich, dass in der täglichen Arbeit die Redaktionsleitung keine Notwendigkeit sehen wird, festzulegen, was genau mit Rechtsextremismus etc. gemeint ist. Denn: wo kein Kläger, da kein Richter. Will heißen: im journalistischen Umgang mit Begriffen rund um Extremismus hat sich ein Status Quo herausgebildet, der irgendwie schon funktioniert. Manchmal mag eine Formulierung in einem Beitrag vielleicht etwas verwirrend sein oder der eine Autor den Begriff Neonazi in einem anderen Zusammenhang verwenden als ein anderer Autor – aber das sind doch eher kleine Irritationen, die sich (wie es im Radiodeutsch so schön heißt) «eh versenden» und die kein Eingreifen eines Chefredakteurs nötig machen.

2. Redaktionsabläufe

Dass jeder Autor also mehr oder weniger entsprechend seinem eigenen Sprachgefühl über einen Eklat der NPD im sächsischen Landtag, eine neonazistische Demonstration oder ausländerfeindliche Übergriffe berichtet, wird zusätzlich noch durch Redaktionsabläufe begünstigt. Denn meist beschließt (zumindest in einem tagesaktuellen Medium) eine Konferenz in der Zentrale entsprechend der Nachrichten – und Terminlage welche Themen wie besetzt werden.

Die Autoren, zumal diejenigen die nicht in der Zentrale lokalisiert sind, werden meist kurz über «ihr» Thema informiert. Das läuft oft stichwortartig ab, nach dem Motto: «Da gab es mal wieder Übergriffe von Rechten in der Stadt XY, mach doch mal etwas darüber!» Mit einer Vorgabe dieser Art muss natürlich jeder Autor seinen eigenen inhaltlichen und sprachlichen Zugang zu dem jeweiligen Thema finden.

3. Journalistenpersönlichkeit

Und da Journalisten auch nur Menschen sind – noch dazu oftmals etwas spezielle – fällt die Umsetzung ähnlicher Themen durchaus unterschiedlich aus. Der eine mag beispielsweise von einer Neonazi-Demonstration sprechen, der andere von einer rechtsextremistischen Demonstration – und beide reden von derselben Veranstaltung. Oder der eine spricht von Linksextremisten, der andere von Linken – und beide meinen dieselbe Menschengruppe.

Dieses sprachliche Verhalten beschränkt sich ja im Übrigen nicht nur auf Journalisten. Auch unter Politikwissenschaftlern, Historikern, Politikern und vielen anderen werden wie oben schon aufgeführt die Begriffe im Extremismus-Bereich unterschiedlich verwendet.

Zurück zum Journalismus: Prinzipiell ist dagegen auch nichts einzuwenden, dass in journalistischen Texten die Persönlichkeit des jeweiligen Autors auch sprachlich durchschimmert. Eine zu große Gleichförmigkeit wäre schnell langweilig. Ohnehin würden viele Journalisten sich wahrscheinlich höchst ungern in ein sprachliches Korsett pressen lassen. Viele Journalisten sehen sich – sicherlich in unterschiedlichem Maße –
heimlich ein wenig als «Freigeister. Und wenn nun jemand sprachliche Wendungen quasi von oben herab festlegen würde, die zu benutzen sind und andere mit Tabus belegen würde, dann würde das wohl nicht nur auf Gegenliebe stoßen. Aber in diesem Themenfeld des Extremismus sorgt die Individualität der Autoren und der damit einhergehende uneinheitliche sprachliche Umgang eben für eine gewisse Begriffsdiffusität.

4. Bedarf nach kategorisierenden Begriffen und Synonymen

Diese wird zusätzlich noch durch allgemeine journalistische Gepflogenheiten befördert. Um Texte abwechslungsreich zu gestalten, verwenden Journalisten gerne Synonyme. Wenn man beispielsweise ein Porträt über einen Ministerpräsidenten schreibt, wird man einmal vom Ministerpräsidenten sprechen, dann vom Landeschef, dann vom ersten Mann im Staate usw.. Ähnlich verfahren Journalisten häufig mit Begriffen rund um Extremismus. Nur um es sprachlich interessanter zu machen, wird ein Autor eines Textes mal von Neonazis, mal von den Rechten, mal von den Rechtsextremisten sprechen – und dabei dieselben Personen meinen.

Das Problem dabei ist: diese Begriffe werden oft als Synonyme verwendet, sind aber streng genommen gar keine. Desweiteren bedienen Journalisten sich besonders in der Berichterstattung über Rechtsextremismus
gerne Kategorisierungen. So wird über die NPD oft mit dem zusätzlichen Adjektiv rechtsextremistisch oder neonazistisch berichtet. Wie oft wird im Vergleich von der liberalen FDP oder den ökologisch-orientieren Grünen geschrieben? In diesen Fällen werden solche einordnenden Zusätze nur in inhaltlich begründeten Ausnahmefällen verwendet, bei der NPD hingegen ist es fast ein Automatismus.

Ein weiteres Beispiel für diese Kategorisierungen sind Personen-Zusätze. Besonders häufig findet man diese in der Berichterstattung über den sächsischen NPD-Landtagsabgeordneten Jürgen Gansel. Vor seiner Namensnennung findet man zahlreiche Einordnungen wie der rechtsextreme Jürgen Gansel, der Chefideologe, der braune Historiker, der rechte Vordenker und so weiter. Kaum ein anderer Politiker wird in der Berichterstattung mit so vielen Attributen ausgestattet. Bei der Fraktionsvorsitzenden der Grünen im sächsischen Landtag, Antje Hermenau, beispielsweise wird des Öfteren noch der Zusatz Finanz-Expertin verwendet, ansonsten wird sie eben als Fraktionsvorsitzende tituliert. Gleiches gilt für die Vorsitzenden der anderen Landtagsfraktionen. Das heisst, für die Vertreter aller anderen Parteien werden vor allem Funktionsbeschreibungen verwendet, bei der NPD hingegen kommen oft noch zusätzliche Kategorisierungen ins Spiel.

Die Gründe dafür sind sicherlich vielschichtig. Ein Grund dürfte sein, dass viele Medien in der Berichterstattung über Rechtsextremismus Sorge haben, ungewollt zum Podium für rechtsextremistische Positionen zu werden. Diese Kategorisierungen dienen in diesem Kontext zum einen als eine Art «Warn-Hinweis» für die Rezipienten und zum anderen als Mittel der Distanzierung.

5. Begriffsfeld selbst ist sehr disparat

Von diesen Medien-internen Gründen für einen uneinheitlichen Umgang mit Extremismus-Begriffen in den Medien einmal abgesehen, liegt diese Begriffsdiffusität auch in der Sache begründet. Denn das gesamte Begriffsfeld ist nun einmal sehr umfangreich und vielfältig und die Trennlinien sind auch bei genauer Betrachtung nicht immer scharf zu ziehen. Um nur einige Beispiele zu nennen: Wenn man von der Annahme ausgeht, dass die NPD eine rechtsextremistische Partei ist, sind dann alle Wähler der NPD auch Rechtsextremisten oder einfach nur «Rechte» oder nichts dergleichen? Sind Mitglieder der NPD Rechtsextremisten, Neonazis, NS-affin, Antisemiten, homophob, Nationalisten? Und was ist mit den Rechtspopulisten, Freien Kräften, Autonomen Nationalisten, Skinheads und Kameradschaften?

Und wie sieht es zu guter Letzt bei «den Linken» aus? Was sind Linksextremisten, Autonome, Antideutsche, Antiimperialisten, Antifaschisten? Man sieht also: viele Begriffe, viele Fragen. Aber dennoch wählen Journalisten natürlich nach bestimmten Kriterien aus, welche Begriffe sie nun verwenden. Wie bereits aufgezeigt, wird diese Auswahl immer im gewissen Maße individuell sein. Nichtsdestotrotz gibt es jedoch einige Handlungsmuster für die Begriffsauswahl im Extremismus-Bereich in den Medien.

In der Praxis zeigt sich, dass die Vorgaben der Interviewpartner für die Begriffsauswahl eine große Rolle spielen. Oft werden in der Berichterstattung über Extremismus staatliche Stellen wie der Verfassungsschutz, das Innenministerium oder die Polizei zitiert. Die Art und Weise wie hier mit den Begriffsfeldern umgegangen wird, spiegelt sich dann entsprechend in der jeweiligen Berichterstattung wider. Gleiches gilt im Übrigen für Politiker, die auch oft Interviewpartner in diesem Themenfeld sind. Interessant wäre sicherlich eine Untersuchung, inwiefern sich die verwendeten Terminologien ändern, wenn Initiativen gegen Extremismus als Gesprächspartner ins Spiel kommen. Eine solche Untersuchung kann jedoch an dieser Stelle nicht geleistet werden.

Dieser Text stammt aus der Broschüre “gibt es extremismus? Extremismusansatz und Extremismusbegriff in der Auseinandersetzung mit Neonazismus und (anti)demokratischen Einstellungen”. Die Broschüre kann hier als pdf heruntergeladen werden.

Siehe auch: “Extremismus”: Autoritär-obrigkeitsstaatlich aufgeladen, Dossier: Die Extremismus-Theorie

2 thoughts on “Die Extremismus-Theorie in den Medien

  1. Was macht es für einen Sinn über die Feinheiten des journalistischen Vokabulars zu philosophieren, wenn es, Sender- und Printmedienübergreifend, allgemeiner Konsenz geworden ist, von „rechten Aufmärschen“ zu reden bzw. zu schreiben. In jedem Land der Welt gibt es „rechte Aufmärsche“, da es überall auch „rechte Flügel“ gibt (je nachdem in wie weit der Konservatismus und sein nationales Erstarren als „rechts“ bezeichnet wird).

    Wenn sich in den Redaktionsstuben schon mit dem Thema „Rechtsextremismus“ auseinandergesetzt wird, dann werden doch gerade deutsche Journalisten wissen, was die Stunde geschlagen hat, wenn einem das NS-Klientel vor`s Mikro bzw. vor die Linse läuft. Der braune Mob und sein Anhang macht doch keinen Hehl aus seinen Zielen: Es wird doch deutlich der „nationale Sozialismus“ apostrophiert, eingefordert und angestrebt. – Es müßte doch gerade Journalisten möglich sein, sich inzwischen deutlich zu positionieren, ohne an der „Phobie“ zu leiden, eventuell das richtige Kind beim falschen Namen zu nennen. Was kann ein Journalist denn, um Gottes Willen, Falsches schreiben, nach dem er das Gebahren der NPD, ihres Anhangs etc. zur Kenntnis genommen hat: auf hunderten Veranstaltungen, Demonstrationen, Konzerten, in den Medien usw. usf.? – Und wofür noch eine „inhaltliche“ und ideologische Unterscheidung zwischen – wie im Artikel o.g. – „Rechtspopulisten, Freien Kräften, Autonomen Nationalisten, Skinheads und Kameradschaften“, wenn DAS die Unterstützerschaft der NPD/JN ist. Alle Rechtspopulisten des Landes stecken doch bis zum Halse im „Arsch der NPD“; die „Freien Kräfte“ prügeln der NPD den Weg frei, schützen ihre Konzerte, bedrohen die Kritiker der NPD usw. – Etwas, das auch für die anderen genannten Gruppen gilt.

    Wer heute durch die Sender zappt – oder die Zeitungen liest – hört bzw. liest bundesweit, dass es zu „rechten Aufmärschen“ kommt. – Der „Gegenpart“ dazu müsste dann eine „linke Gegendemonstration“ sein. Allein der Begriff des „rechten Aufmarsch“ („rechte Demonstration“ etc.) suggeriert quasi lediglich einen „Familienkrieg“ zwischen „Rechts“ und „Links“; es geschieht – und dies unterbewußt – bereits im Vorfeld der Demonstration eine Polarisierung, in die weite Teile der Bevölkerung (und weite Teile diverser Parteien) nicht einbezogen werden wollen (vielleicht auch sollen), sich nicht angesprochen fühlen, sich in keiner Gefahr wähnen usw. Für „die Rechten“ sind sozusagen lediglich „die Linken“ „zuständig“ … und alle Anderen bleiben offenbar „sterile“ Demokraten, die „den Rändern“ zuschauen. Man kann schon Dankbar seien, wenn Medien von „breiten Bündnissen“ sprechen, die sich den neuen Nationalsozialisten entgegenstellen, da es eben nicht „die Domäne“ „der Linken“ ist, gegen den neuen NS-Mob zu demonstrieren.

    Das Aufstellen von Extremismustheorien angesichts einer NPD und deren Mob, sowie im Kontext Dessen was Journalisten wahrnehmen und erfahren, halte ich für „Luxus“. Die Zeiten der gepflegten „Talk-Shows“ und des entspannten Feuilleton (bzgl. der neuen gewalttätigen Nationalsozialisten in Deutschland) sind entgültig vorbei. – Auch Journalisten können sich Nichts mehr „schön“ reden … oder sich immer noch den Kopf über längst gelegte Eier zerbrechen. So Bedauerlich es seien mag`, aber es sind wieder Zeiten wo Farbe bekannt und der NS-Mob als SOLCHES deutlich benannt werden muß. – In diesem Kontext die Frage nach weiteren „(anti)demokratischen Einstellungen“ zu stellen hat etwas Tragisches, da eine antidemokratische Gesinnung gegenüber der NPD inzwischen eine Tugend ist …

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