Der Fall Guerrero: Kulturalistische Berichterstattung

In der Fußball-Bundesliga hat HSV-Stürmer Paolo Guerrero für einen Eklat gesorgt. Nach dem 0:0 gegen Hannover 96 bewarf der Stürmer einen Zuschauer mit einer  gefüllten Trinkflasche. Während die Verantwortlichen des HSV Konsequenzen ankündigten, äußerte sich HSV-Torhüter Rost zurückhaltender. Die Spieler müssten sich nicht alles gefallen lassen, sie seien heftigst bepöbelt worden, zudem seien auch schon viele Spieler  von Zuschauern beworfen und angegriffen worden. Für die Medien scheint der Fall hingegen bereits eindeutig zu sein. Ohne auch nur nachzufragen, was denn in Guerreros Richtung gerufen wurde oder ohne dessen Stellungnahme abzuwarten, wurde lauthals der Ausschluss des Peruaners gefordert.

Von Robert von Seeve für NPD-BLOG.INFO

450px-Guerrero-Paolo
Paulo Guerrero (nach CC-Lizenz)

Die Herkunft Guerreros spielt dabei offenbar eine gewichtige Rolle. So kommentierte ein NDR-Fernsehreporter in der Sendung „Sport-Club“, es gebe in „Mitteleuropa“ bestimmte Verhaltensnormen, an die sich auch der Südamerikaner zu halten habe. Immer wieder wird gerne das „südländische“ Temperament von Fußballspielern angeführt; was dabei genau „südländisch“ ist, bleibt offen. Dieses „südländische Blut“ scheint von der Türkei, über Griechenland, Spanien bis nach Brasilien sowie Peru in den Adern der Spieler zu fließen. Allerdings nur in den der Dunkelhäutigen, wie es scheint.

Offenbar wurde Gerrero auch ausländerfeindlich beleidigt. Das Hamburger Abendblatt berichtet, ein Zuschauer auf der Haupttribüne des HSV habe gerufen: „Geh doch zurück nach Peru!“. Ob das die einzigen Äußerungen waren, sei zumindest anzuzweifeln, schreibt das Blatt.

Eine drastische Strafe für Guerrero erscheint nach seinem Ausraster selbstverständlich. Allerdings sollten, wie bei jedem Vorfall, erst einmal alle Beteiligten angehört werden, bevor man weitreichende Konsequenzen fordert. Und der HSV-Stürmer darf, nachdem er offenbar bereits ausländerfeindlich beleidigt wurde, nicht auch noch in den Medien mit Stereotypen bedacht werden.

Übrigens wurde auch schnell ein Vergleich zu Eric Cantona gezogen; der ist allerdings weiß – und Franzose. Aber die sind ja irgendwie auch ein bisschen heißblütig…

HSV-Torwart Frank Rost hat indes nicht unrecht: Viele Zuschauer in den Stadien meinen offenbar, sie erwerben mit der Eintrittskarte auch das einseitige Recht, uneingeschränkt herumzupöbeln. Besonders beliebt ist es bei einigen Vereinen, den eigenen „Millionären“ verbal in den Arsch zu treten, wenn diese sich nicht wie von den Zuschauern erwartet selbigen aufreißen. Die Spieler sollen ihrerseits aber immer schön zum Verein stehen und artig betonen, wie toll die eigenen Fans sind. Selbst wenn die in einem wichtigen Spiel, in dem das Team Unterstützung bräuchte, ab der 45. Minuten fast nur noch pfeiffen, also selbst die größten Pfeiffen sind. Eine Sache hat der pfeiffende HSV-Anhang aber sicherlich erreicht: Die HSV-Spieler, die mit einem Wechsel liebäugeln, haben sicherlich ein gutes Argumente für einen Abschied aus Hamburg geliefert bekommen.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Pöbeln gehört durchaus zum Fußball – aber neimand muss sich wundern, wenn das Objekt des Hasses auf die Anfeindungen reagiert.

Siehe auch: Leitfaden: Rassistisch, fremdenfeindlich oder rechtsextrem? Schwarze, weiße oder farbige Menschen?

8 thoughts on “Der Fall Guerrero: Kulturalistische Berichterstattung

  1. Guerrero ist schon während des Spiels von unterschiedlichen Zuschauer bepöbelt worden. Vielleicht hat das auch was mit der schlechten Presse zu tun, die er bekommen hat, weil er offensichtlich unter Flugangst leidet.

  2. Inwieweit Zuschauer über die Spieler verfügen, müsste man sich fragen. Ich überspitze: Der Zuschauer ‚bucht‘ die Spieler und hat bestimmte Erwartungen. Für einige gehört dazu, dass der Spieler ihnen hörig ist und ihre ‚Kommentare‘ akzeptiert. Ein wenig ist es auch moderne Sklaverei.

    Zum Einen müsste klargemacht werden, dass die Spieler Menschen mit einer Würde und Rechten sind. Zum Anderen ist natürlich klar, dass die Reaktion auf Anfeindungen bestimmt nicht im Zuschlagen begründet. Idealerweise sollte der Pöbler angezeigt werden können (Die Zivilcourage und Aufklärung der umstehenden Zuschauer vorausgesetzt), zum Anderen muss natürlich der Spieler für sein darauf folgendes Fehlverhalten bestraft werden.

    Und die Berichterstattung? Was soll man da noch klagen…

  3. @omar: Selbstredend ist Guerreros Reaktion die falsche. Das steht doch vollkommen außer Frage.

    Interessant ist dennoch, was dazu führte. Der Hinweis auf seine peruanische Nationalität hatte in diesem Bericht nichts zu suchen. Diese ist in der Berichterstattung von Belang, wenn die Beleidigungen thematisiert werden – das war aber hier nicht der Fall. Stattdessen wurden Stereotypen herausgehauen, die offenbar seine falsche Reaktion erklären sollten.

    Gruß
    RvS

  4. Erinnert sich noch jemand an Zinedine Zidane während der WM2006?

    Manche werden einfach als Held gefeiert – da ist „Südländisches“ Temperament dann prötzlich ganz was tolles.
    http://www.youtube.com/watch?v=3lEgvQKm1Z4

    Was bei den einen eine „Nachvollziehbare Reaktion“ ist, ist bei anderen ein „unerwünschtes, kulturfremdes Temperament“. Solche Doppelmoral ko*** mich an.

    Es weiß ohnehin niemand, was mit diesem ominösen „Südland“ gemeint ist. Für mich waren es eigentlich immer Bayern und Ba-Wütter, die ich zu den Südländern zählte. Für andere ist offenbar eher die Hautfarbe die ausschlaggebendste Kategorie.

  5. […] Um Missverständnissen vorzubeugen: Pöbeln gehört durchaus zum Fußball – aber neimand muss sich wundern, wenn das Objekt des Hasses auf die Anfeindungen reagiert. […]

    Ja, reagieren darf er sicherlich, aber es gibt KEINE(!) Rechtfertigung irgendeiner Art, auf verbale Angriffe mit physischer Gewalt zu antworten!

    Zum Klischee des „südländischen Tempraments“ fällt mir immer wieder folgendes auf: Brennen bei einer TV-Fußballübertragung aus dem Mittelmeerraum im ganzen Stadion die bengalischen Feuer, so schwärmt der Kommentator von „südländischem Temprament und mediterraner Begeisterungsfähigkeit“! Geschieht genau dasselbe in einem Bundesligastadion, so verurteilt derselbe Kommentator die „gewalttätigen Hooligans die den Fußball mißbrauchen“ und fordert scharfe Konsequenzen.

Comments are closed.