Thesen zum Rechtsextremismus – Über Nazis und Forellen

„Wenn die Leute in England arbeitslos werden, sagte mir neulich ein Brite, dann geht es den Forellen an den Kragen. Weil dann alle angeln gehen. Wenn Deutsche in die Krise geraten, dann werden sie böse, dann geht es Einwanderern oder Schwarzen an den Kragen, weil das immer so war“, meint Annetta Kahane. Deshalb laute die rasche Antwort auf das Problem Rechtsextremismus auch heute: Arbeit und Gemeinschaft.

Von Annetta Kahane, Amadeu-Antonio-Stiftung, zuerst veröffentlicht in der Berliner Zeitung

Es gibt in Deutschland eine quer durch die Gesellschaft getragene These zum Rechtsextremismus. Sie lautet: Das liegt alles an der Arbeitslosigkeit und den krassen sozialen Unterschieden. Wenn es an etwas mangelt, wie an Arbeitsplätzen, oder etwas zu groß ist, wie die Kluft zwischen Arm und Reich, dann sei es kein Wunder, dass es so viele Neonazis gebe. Weil die Menschen in einer solchen Lage natürlich rechten Verführern oder Rattenfängern auf den Leim gehen. „Das beste Programm gegen Rechtsextremismus ist Vollbeschäftigung!“, so brachte es sogar Guido Westerwelle auf den Punkt. Diesen Satz hätten auch Vertreter aller anderen Parteien sagen können. Er gehört einfach zu den unumstößlichen, deutschen Gewissheiten, die mir gerade vergangene Woche wieder in einer Diskussion über steigende rechtsextreme Gewaltstraftaten entgegengehalten wurde. Es klingt wie eine Erklärung und ist doch nichts weiter als eine tief in der Geschichte verwurzelte Rechtfertigung. Krise und Arbeitslosigkeit hätten 1933 die Machtübernahme ermöglicht, heißt es nach wie vor in Deutschland – mit Hilfe des Finanzkapitals, wie in der DDR hinzugefügt wurde.

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Bachforelle (Quelle: Stefan Weigel - nach CC-Lizenz)

Wenn die Leute in England arbeitslos werden, sagte mir neulich ein Brite, dann geht es den Forellen an den Kragen. Weil dann alle angeln gehen. Wenn Deutsche in die Krise geraten, dann werden sie böse, dann geht es Einwanderern oder Schwarzen an den Kragen, weil das immer so war. Deshalb lautet die rasche Antwort auf das Problem Rechtsextremismus auch heute: Arbeit und Gemeinschaft. Die Gesellschaft darf auf keinen Fall zu viele Unterschiede produzieren. Also muss, so die weit verbreitete Haltung, der Staat für Arbeit sorgen und Differenzen zwischen sozialen, ethnischen oder kulturellen Gruppen ausgleichen. Alles andere sei eine Zumutung und könnte durch Menschenjagd geahndet werden. Gewalt, Antisemitismus und Rassismus sind demnach vor allem ein Schrei aufgrund eines Mangels? Den es zu beseitigen gilt? Damit unsere Nazis nicht verrückt spielen? Also gleicher Lebensstandard für alle und weg mit provokanten Unterschieden? Wenn sie dennoch rassistisch bleiben, verbieten wir es einfach? Das ist ein totalitärer Gedanke. Das hat schon mal nicht funktioniert.

Selbst wenn es so wäre – weshalb erklärt man Gewalt von Linksextremen und Migranten nicht auch mit sozialem Elend? Würden sie weniger Autos demolieren, Steine schmeißen und Hamas loben, wenn alle gleich wären? Oder gäbe es keinen Antisemitismus mehr unter muslimischen Einwanderern, weil es ihnen hier besser geht als zum Beispiel im Libanon? Die Beispiele zeigen: Die These kann nicht stimmen.

Aus allen Studien geht hervor: Es liegt nicht am sozialen Mangel. Dann würde es in deutlich ärmeren Ländern auch deutlich mehr Nazis geben. Es ist kein soziales, sondern ein kulturelles Problem. Es liegt am Neid und dem noch immer so starken Hang zum Homogenen. In Deutschland mangelt es an etwas anderem: an einer ganz bestimmten Art persönlicher Lebensfreude, an der Fähigkeit, Unterschiede auszuhalten, sie als Herausforderung zu sehen und den Zorn über Missstände dahin zu lenken, wo sie hingehören: auf reale, auf politische Konflikte, wie auch immer die aussehen. Oder auf Regenbogenforellen. Meinetwegen auch das.

4 thoughts on “Thesen zum Rechtsextremismus – Über Nazis und Forellen

  1. Es ist sicher richtig, dass das Erstarken des Rechtsextremismus in Deutschland nicht allein durch das soziale Gefälle und die Arbeitslosigkeit erklärt werden kann, was einfach daran liegt, dass man Irrationalität schlecht rational begründen kann. Die Ansätze im Artikel gehen aber in meinen Augen auch an der Sache vorbei.

    Warum sollte Deutschland, das im Zentrum Europas liegt, eine schlechtere Kultur haben als die umliegenden Staaten? War es nicht gerade „Deutschland“, das sich maßgeblich an der Aufklärung beteiligt hat, die Reformation ausgelöst hat und für wesentliche Kulturleistungen im europäischen Raum (mit)verantwortlich war? (Nicht im Sinne einer überlegenen Kultur, aber als eine Kultur die sich zur damaligen Zeit nicht verstecken brauchte)

    Auch der Vergleich zu anderen, ärmeren Staaten geht fehl. Die verarmten afrikanischen Staaten fallen im Wesentlichen dadurch auf, dass sich ihre Bewohner nach „ethnischen“ oder religiösen Gruppen getrennt die Köpfe einschlagen. Die asiatischen Staaten sind entweder kommunistisch (oder wie man das auch immer nennen möchte) oder werden durch religiöse Dogmen zusammengehalten. Gerade Indien gibt hier ein gutes Beispiel, da das Kastensystem in den „normal“-entwickelten Bundesstaaten den sozialen Frieden garantiert, während in den besser entwickelten meist die kommunistische Partei regiert.

    Da wären wir auch bei der NS-Zeit Deutschlands: Nicht die Arbeiter oder die Arbeitslosen haben NSDAP gewählt (die hielten sich größtenteils an KPD und SPD), sondern überwiegend Beamte, Selbstständige, protestantische Bauern, … also das Bürgertum. Insofern sorgt ein großes Gefälle durchaus für eine Radikalisierung der Bevölkerung, meist aber in die linke Richtung. Dies geschah nicht nur in Deutschland, sondern auch in Frankreich und England (ist ja nicht so, dass nur wir Nazis haben und hatten). Die Ansicht Brechts, dass es Frankreichs Bourgeoisie im 2. WK nicht ganz unrecht war, dass die Nazis die französische KP zerstörten, ist nicht gänzlich von der Hand zu weisen. Die Unterstützung der NSDAP durch das Großkapital muss daher auch immer als Reaktion gegen das Aufkommen kommunistischer Strömungen gesehen werden.

    Warum sollte nun aber ein Verbot der rechtsextremen Strukturen totalitär sein? Niemand, der die Meinungsfreiheit abschaffen will, sollte sich hinter der Meinungsfreiheit verstecken können. Niemand, der die Menschenwürde einschränken möchte, darf für sich noch eine Würde beanspruchen. Im Sinne der Toleranz müssen wir uns gegen jede Form der Intoleranz auch intolerant zeigen. Und warum sollte es denn nicht funktionieren? Man hat genau diese Taktik doch auch über Jahrzehnte mit Erfolg gegen die Linken angewandt.

    Man kann das Erstarken des Rechtsextremismus (wenn man heute davon sprechen kann) nicht monokausal und positivistisch begründen. Soziale Spannungen haben damit aber sicher etwas zu tun, genauso wie die Rationalisierung des Irrationalismus wie sie Adorno sieht. Eine Reduktion auf die deutsche „Kultur“ oder Lebensweise(was auch immer das bedeuten soll), ist aber auf jeden Fall irreführend.

  2. Was Frau Kahane zusammengefasst sagt, ist: Arbeitslose sollen nicht immer Vollbeschäftigung verlangen, sondern lieber mal angeln gehen.

    Wird diese Art neokonservative Propaganda wirklich „links“ – bloß dadurch, dass man sie antideutsch verpackt (Nur böse Deutsche verlangen Vollbeschäftigung, anstelle angeln zu gehen)?

    Dann wären die deutschen Arbeitslosen ja „rechts“ tatsächlich besser aufgehoben …

  3. Wenn irgendwas zeigen die Beispiele im dritten Absatz eher, dass die genannten Thesen stimmen, als das Gegenteil.
    Würde die Autorin ernsthaft behaupten, es gäbe in ärmeren Ländern nicht mehr linkextreme Gewalt und muslimischen Antisemitismus? Und wenn ja, kann sie das auch belegen?
    Überhaupt kommt es mir so vor, als fehlten den Behauptungen in diesen Aufsatz jegliche logische Begründungen. Ist der gekürzt?

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