NS-Opfer fordern von Deutscher Bahn 445 Mio. Euro

Organisationen von NS-Opfern aus Polen, der Ukraine, Weißrussland und Russland haben die Deutsche Bahn in einer gemeinsamen Erklärung zu einer Entschädigungszahlung aufgefordert. Das Unternehmen sei dazu gegenüber den Insassen von Gefangenentransporten während des zweiten Weltkriegs moralisch verpflichtet, erklärte Jozef Sowa, Vorsitzender der Vereinigung der durch das Dritte Reich Geschädigten, laut einem Bericht der IKG Wien gegenüber der APA.

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Jews from Subcarpathian Russia (then part of Hungary) undergo a "Selektion" on the ramp at the Auschwitz-Birkenau extermination camp, May 1944. The officer in front holding a riding crop is either SS Unterscharfuehrer Wilhelm Emmerich or SS Haupsturmfuehrer Georg Hoecker; inmates in striped uniforms—to be killed at a later date—assigned to the "Kanada" section collect the property. Note the physician in the white coat between the columns, Gyorgy Havas, selecting who is sent immediately to death and who will wait. (Diese Datei wurde unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation veröffentlicht.)

„Wir appellieren an die deutsche und internationale Öffentlichkeit, sich an die Seite der Überlebenden zu stellen“, heißt es in der Erklärung. Die NS-Opferorganisationen erwarteten als Entschädigung insgesamt einen Betrag von 445 Mio. Euro, erklärte Hans-Rüdiger Minow, Vorsitzender der deutschen Stiftung „Zug der Erinnerung“, welche die Opferverbände unterstützt, bei einer Pressekonferenz in Warschau. Der Betrag entspreche nach vorsichtigen Schätzungen dem Gewinn, den die Reichsbahn im Dritten Reich durch Gefangenentransporte erzielte, so Minow dem Bericht zufolge. Zinsen seien nicht berücksichtigt worden.

Keine Antwort erhalten

Opferverbände aus der ehemaligen Sowjetunion wandten sich den Angaben zufolge bisher selbstständig an die Deutsche Bahn. Auf einen Brief im Januar habe er gar keine Antwort erhalten, sagte Markian Demidow vom Ukrainischen Verband der Opfer des Nazismus der APA. Dementsprechend verbittert sei er: „Die Deutschen behandeln uns wieder als Menschen zweiter Klasse“, sagte er. Demidow wies darauf hin, dass viele der NS-Opfer in der Ukraine heute in Armut lebten.

Die Organisationen richteten ihren Appell aus zwei Gründen nun an die Deutsche Bahn. Zum einen wurde bekannt, dass der Konzern auf dem polnischen Markt für Passagiertransporte aktiv werden möchte. Zum anderen feiert die Bahn groß das 175. Jubiläum der ersten Bahnstrecke auf dem europäischen Festland, die 1835 zwischen Nürnberg und Fürth eingeweiht wurde. Sie bekenne sich also zu ihrer historischen Nachfolge auch der Reichsbahn im Dritten Reich, so das Argument.

Bahn hat drei Millionen Menschen in KZs transportiert

Die Stiftung „Zug der Erinnerung“ gibt laut IKG an, dass die Reichsbahn allein drei Millionen Menschen aus ihrer Heimat in Konzentrationslager brachte. Dazu kämen Millionen von Transporten zwischen Arbeitslagern, so Hans-Rüdiger Minow, außerdem Millionen Transporte von Zwangsarbeitern. Pro Kilometer habe die Reichsbahn zwei Reichspfennige erhalten, häufig hätten die Gefangenen dies selbst bezahlen müssen. Die errechnete Summe von 445 Mio. Euro berücksichtige nur die dokumentierten Transporte, so Minow.

Kein Bundesverdienstkreuz für Klarsfeld

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Für die Stiftung „Zug der Erinnerung“ hatte sich auch Beate Klarsfeld engagiert. Die Nazi-Jägerin wurde bereits zweimal für eine Auszeichung mit dem Bundesverdienstkreuz ins Gespräch gebracht. Dies lehnte Außenminister Westerwelle aber ab. Die in Frankreich lebende 71-jährige Deutsche sagte der „Frankfurter Rundschau“ auf die Frage, warum sie in Deutschland keine Anerkennung erhalte: „Das weiß ich nicht. Unter Joschka Fischer wurde ich einmal für das Verdienstkreuz vorgeschlagen. Da hieß es nur, ich gehöre nicht in die Kategorie derer, die diese Auszeichnung verdienen würden.“ Klarsfeld fügte gegenüber der FR hinzu: „Im vergangenen Jahr wurde ich dann noch einmal von Gregor Gysi vorgeschlagen – und nun von Guido Westerwelle wieder abgelehnt.“ Dem Bericht zufolge gab der Außenminister keine Gründe für seine Entscheidung an.

„In Deutschland gibt es noch immer den Reflex, das Positive – also das Suchen und Finden der NS-Verbrecher – mit dem vermeintlich Negativen zu verrechnen – also der Ohrfeige gegen Kiesinger“, sagte Klarsfeld. Um geehrt zu werden, müsse sie „wohl noch auf den nächsten SPD-Bundespräsidenten warten“. Wenn sie von Deutschland eine Auszeichnung bekäme, würde sie das „natürlich stolz machen, es wäre die Anerkennung für eine Aktion, die so lange gedauert hat“.

Lesetipp: Interview mit Beate Klarsfeld von Patrick Gensing bei tagesschau.de

Siehe auch: Bahn soll erhobene Gebühren an den “Zug der Erinnerung” spenden, The Nazis and the “Final Solution” (Episode 5/5), Ausstellung: Züge in den Tod, Erinnerungspolitik: Kunst vs Pädagogik?, Zug der Erinnerung: Bahn verdient offenbar an Holocaust-Gedenken

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