Erneuter Nazi-Überfall am Rastplatz Teufelstal

Flaschen als Wurfgeschosse, Schläge ins Gesicht und Tritte gegen am Boden liegende Opfer. Erneut haben offenbar Neonazis am Rastplatz Teufelstal in Thüringen zwei junge Männer angegriffen und ihr Auto beschädigt. Doch die Polizei will nicht von einem rechtsextremen Übergriff sprechen – Alltag in Thüringen.

Von Johannes Radke, Störungsmelder

Erst knapp ein Jahr ist es her, dass eine Gruppe Neonazis die Insassen eines Gewerkschaftsbusses am selben Rastplatz brutal angegriffen hat. Ein Gewerkschafter wurde damals lebensgefährlich verletzt. Die nachfolgende Ermittlungsarbeit der Polizei stand in der Kritik. Die Beamten nahmen lediglich die Personalien der Tatverdächtigen auf, ließen die Neonazis dann aber einfach weiterfahren. Viele Spuren wurden nicht gesichert, vier tatverdächtige Rechtsextremisten aus Schweden konnten sich ohne Probleme in ihr Heimatland absetzen. Für den rechten Schlägertrupp hatte der Überfall keine Folgen. Fast alle der 37 Verfahren wurden eingestellt.

Der Polizeibericht zu dem Überfalls vom vergangenen Wochenende klingt nüchtern:

“Am frühen Sonntagmorgen, 21.03.2010, kam es gegen 02:30 Uhr auf der Raststätte ‚Teufelstal’, BAB 4 in Fahrtrichtung Dresden, zu einer Körperverletzung und Sachbeschädigung. Nach einer zunächst verbal geführten Auseinandersetzung begannen mehrere bislang unbekannte männliche Personen einen 20jährigen bzw. 23jährigen männlichen Geschädigten zu schlagen bzw. deren genutztes Fahrzeug zu beschädigen. Die Geschädigten erlitten leichte Schürfwunden und Schwellungen.
Am beschädigten Pkw entstand ein Sachschaden in einer Höhe von ca. 1500,- Euro. Die Täter entfernten sich anschließend mit einem hellen PKW in Richtung Dresden.”

Kein Wort davon, dass offenbar Neonazis zugeschlagen haben, keine Erwähnung der rechtsextremen Beschimpfungen der Opfer. „Ob es eventuelle Rechtsextreme waren, können wir ja erst sagen, wenn wir sie haben“, sagte eine Sprecherin der Polizei Thüringen dem Störungsmelder. Man wolle keine voreiligen Schlüsse ziehen. Zwar hat die Polizei notiert, dass die Opfer vermutlich wegen linker Aufkleber auf ihrem Fahrzeug angegriffen wurden, eine rechtsextreme Tatmotivation sei aber dennoch nicht erkennbar, hieß es. Derzeit würden die Aufnahmen der Überwachungskameras ausgewertet, um die Täter zu identifizieren.

Doch die beiden Angegriffenen widersprechen der Version der Polizei vehement. Sie sind sich sicher, dass sie gezielt von Rechten angegriffen wurden, weil diese sie als „links“ wahrgenommen hätten.

„Mein Kollege, welcher am Auto wartete, wurde von den Neonazis mit leeren Bierflaschen beworfen. Dabei erlitt er einen Schnitt unter dem rechten Auge. Zwei Neonazis traten auf sein Auto ein, wodurch das rechte Rücklicht zerstört, die Kofferraumklappe und die Beifahrerseite verbeult, wurden. Die zwei anderen Neonazis ‚bearbeiteten’ mich vor der Eingangstür der Raststätte. Sie traten mit Springerstiefeln auf mich ein, auch als ich schon am Boden lag. Dabei erlitt ich Hämatome und Schwellungen am Kopf und im Gesichtbereich. Erst als weitere Personen auf die Raststätte kamen, flüchteten sie.“

Die Opfer gehen davon aus, dass die Angreifer auf dem Rückweg von einem Nazikonzert in der Region waren. Die Polizei bestätigte am Montag lediglich, dass es am gleichen Abend im nahe gelegenen Apolda eine rechtsextreme Veranstaltung gegeben hat. Es habe sich jedoch um kein Konzert, sondern um eine Feier gehandelt an der rund 40 Neonazis teilgenommen hätten. Die Polizei habe das Treffen beobachtet und Personenkontrollen durchgeführt. Der Ort ist bekannt für seine militante Naziszene um die „Kameradschaft Apolda“ und die „Braunen Aktionsfront Thüringen, Sektion Apolda“. Seit 1990 kam es in Apolda regelmäßig zu schweren Gewalttaten von Neonazis.

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Unzweideutige Forderung: "Vernichtet den Feind" (Foto: Störungsmelder)

Des Weiteren sagen die verletzten Männer, dass rund 10 Minuten nach dem Angriff zwei weitere Fahrzeuge mit Rechten auf dem Parkplatz auftauchten. „Es kam zu verbalen Auseinandersetzungen zwischen Neonazis, Polizei und uns.“ Auch dies findet in dem Polizeibericht keine Erwähnung.

Beobachter der Thüringer Naziszene überrascht der Umgang der Ermittler mit dem jüngsten Angriff nicht. „Dass die Polizei eine rechtsextreme Tatmotivation ausblendet sehen wir immer wieder“, sagte Uwe Schubert von der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus in Thüringen (Mobit). Es gebe oft Fälle in denen Neonaziangriffe von Polizei und Justiz nicht als rechtsextrem eingestuft werden. Hinzu kämen schleppende Ermittlungen, wenn es gegen die rechte Szene geht. Erst vor wenigen Wochen warnte Mobit vor der wachsenden Naziszene in der Region. Insgesamt 412 rechtsextreme Aktivitäten zählte der Verein im Jahr 2009 in Thüringen. 2008 waren es noch 348 Fälle. „Seit Beginn der Chronik im Jahr 2005 ist dies ein neuer besorgniserregender Höchststand“, so das Fazit.

Siehe auch: 709 Straftaten, 38 Verletzte, ein Haftbefehl

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