Die Rechte und der Missbrauchsskandal

Gegen Zwangsverschleierung! Gegen Genitalverstümmelung! Gegen Zwangsheirat! Für die strikte Trennung von Staat und Kirche!  Alles unterstützenswerte Forderungen, die gerne von Islamfeinden vorgebracht werden, um rassistische Vorurteile als liberale Religionskritik zu verkaufen. Wie wenig ernst es diese Leute aber mit der Kritik an autoritären, undemokratischen Strukturen und dem Schutz von Opfern selbiger meinen, wird einmal mehr deutlich, wenn man auf den Seiten der Islamhasser, Freizeit-Menschenrechtler und Minarett-Verbot-Fans nach Stellungnahmen zu den Missbrauchsvorwürfen in der katholischen Kirche sucht.

Auf PI-News heißt esaktuell beispielsweise:

„Uns allen wird bei dem Stichwort religiöse Rechtsprechung etwas einfallen. Vielen wird die Inquisition ins Gedächtnis gerufen werden. Und zu Recht glaubte man diese Schrecken sind Geschichte, gehören ins Mittelalter, in eine voraufklärerische Welt verbannt. Leben wir doch heutzutage in einem säkularen Rechtstaat“, heißt es dort, „in dem das Parlament, demokratisch, legitimierte Gesetze erlässt, die für jeden gültig sind.“

Man ahnt es schon – auch hier geht es nicht um die katholische Kirche, die sich nicht mit Bundesjustizministerin Leutheusser-Schnarrenberger an einen Runden Tisch setzen will, um den Opfern zumindest „das Gefühl von Gerechtigkeit“ zu vermitteln, sondern es geht immerhin um die „Schrecken des Mittelalters“ – aber bezogen auf Scharia-Gerichte.

Unentschieden in Sachen Verlogenheit

Auch von der NPD ist zu dem Thema Missbrauch in der katholischen Kirche nichts zu vernehmen, dabei schreien die Neonazis sonst bei jeder Gelegenheit nach der Todesstrafe, wenn es um echte oder vermeintlich „Kinderschänder“ geht. Stattdessen kündigt die NPD-NRW eine „öffentlichkeitswirksame“ Veranstaltung für den 27. März in Duisburg an. Dort wolle man – wie einfallsreich – gegen eine Moschee demonstrieren. Die NPD wird mit ihrer Strategie im Westen erneut scheitern, da die Pro-Parteien und bürgerlichen Islamfeinde einfach weniger schmuddelig daherkommen.

In Sachen Verlogenheit geben sich die Rechtsradikalen und Neonazis aber wenig. Da passt es auch ins Bild, dass nach Angaben der Antifa Münster jüngst Kader der NPD-Jugendorganisation JN bei einem fundamentalistischen „1000-Kreuze-Marsch“ in Münster teilnahm. Denn gemeinsame Feinde hat man mehr als genug: Schwule, Abtreibungsbefürworter, Frauenrechtlerinnen, Linke – und selbstverständlich Moslems.

Die 68er sind schuld!

Und so werden die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche in der deutschen Rechten verharmlost  bzw. die Schuld wird – wie man es auch sonst gerne tut – anderen zugeschoben. Beispielsweise auch von der Publizistin Gabriele Kuby, Gastautorin und Gesprächspartnerin der „Jungen Freiheit“. Sie stimmt dem Augsburger Bischof Mixa zu, der der “sexuellen Revolution” eine Mitschuld an den Missbrauchsfällen gegeben hatte. Ihr Kommentar in der evangelikalen Zeitschrift ideaSpekrum Ende Februar 2010 ist nach Angaben des lesenswerten Blogs „Mission Gottesreich“ überschrieben mit: “Missbrauchsskandal in der Kirche: Wo Bischof Mixa recht hat”.

Kuby verurteilte demnach in dem Text vor allem Grünen-Politiker. “Der stinkende Eiter” werde gerade von jenen über die katholische Kirche geschmiert, die “ihre Lebensenergie investieren, um die Kirche und die christliche Sexualmoral zu zerstören, allen voran die Grünen”, so Kuby. So wirft sie zum Beispiel Parteichefin Claudia Roth eine “geifernde Hetze” vor. Roth hatte unter anderem in der Augsburger Allgemeinen die Äußerungen von Bischof Mixa kritisiert. Sie sagte: “Es ist nicht nur haarsträubend, sondern auch eine beispiellose Verhöhnung der Opfer sexuellen Missbrauchs, wenn an diesem Skandal innerhalb der katholischen Kirche nun andere schuld sein sollen.”

Man fragt sich, was in Deutschland los wäre, wenn in mehreren islamischen Gebetsvereinen über Jahre Kinder sexuell missbraucht worden wären. Dann wären die 68er wahrscheinlich ebenfalls schuld, weil „die ja Multi-Kulti propagieren“. Die Welt kann so einfach sein.

Siehe auch: Die Religionskritikverhinderer