Experten verlassen „Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung“

Der Berliner Kulturstaatsminister kündigt eine Umstrukturierung in der „Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ an. Die Stiftung, die auf eine Initiative des „Bundes der Vertriebenen“ zurückgeht, ist Gegenstand scharfer internationaler Kritik: Binnen kürzester Zeit haben ein Drittel der Mitglieder des wissenschaftlichen Beraterkreises unter Protest ihren Rücktritt erklärt, darunter Historiker aus Polen und aus der Tschechischen Republik. Einem im Beraterkreis verbliebenen Historiker zufolge hätten Polen und die Tschechoslowakei die NS-Verbrechen nur als Anlass genutzt, um schon lange verfolgte Vertreibungspläne zur Schaffung „ethnisch homogener“ Nationalstaaten zu realisieren. Dem Stiftungsdirektor Manfred Kittel wird vorgeworfen, eine aus Steuermitteln finanzierte Studie betreut zu haben, die schwerster Verbrechen schuldige NS-Täter in Schutz nimmt. Eine Umstrukturierung scheint unumgänglich, um das arg ramponierte Ansehen der Stiftung aufzupolieren. Die Bundesregierung kündigt an, die Basis der Einrichtung zu verbreitern; auch ein Führungswechsel gilt als möglich. Ausgeschlossen werden jedoch inhaltliche Korrekturen an dem Revisionsprojekt.

Gernam Foreign Policy berichtet.

Siehe auch: 100.000 Euro für umstrittene BdV-Studie

7 thoughts on “Experten verlassen „Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung“

  1. „Einem im Beraterkreis verbliebenen Historiker zufolge hätten Polen und die Tschechoslowakei die NS-Verbrechen nur als Anlass genutzt, um schon lange verfolgte Vertreibungspläne zur Schaffung “ethnisch homogener” Nationalstaaten zu realisieren.“

    Diese verquere Ansicht ist unter vielen, vielen Berufs(!)vertriebenen stillschweigender Konsens, der immer wieder geäußert wird – auch Erika Steinbach hat sich schon so geäüßert. Interessanterweise gibt es bis heute keinen Plan, der eine Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus den diesbezüglichen Gebieten schon vor der Machtergreifung der Nazis nachweisen würde. Für die Verschwörungstheoriker aus den Reihen de Vertriebenen dennoch alles kein Problem.

    Vor gut zwei Wochen hat die tschechische Historikerin Kristina Kaiserova diese Stiftung verlassen, weil die Berufsvertriebenen eine alternative Sicht auf den 2. WK etablieren wollen. Damit tat sie es ihrem polnischen Kollegen Tomasz Szarota gleich, der diesen Schritt aus dem genannten Grund schon vor einigen Monaten gemacht hat.

    Und als wäre dies nicht genug: Auch der Zentralrat der Jude droht mittlerweile mit einem Boykott der Stiftung, wenn die Vertreibungen nicht in den Kontext der Naziverbrechen eingebettet werden (http://www.dradio.de/kulturnachrichten/201003131400/1; http://www.tagesschau.de/inland/kornvertreibung100.html)
    Uuuuppss – ist dies nicht genau das, was die Berufsvertriebenen ihren Stiftern immer versprochen haben? Offensichtlich nicht!

    Die Spitzen des BdV werden niemals einsehen, wer für die Vetreibungen verantwortlich war. Mit diesem obskuren Verein lassen sich einfach keine „Geschäfte“ machen.

  2. Mit den Vertriebenenverbänden ist eine neutrale Aufarbeitung der Geschichte nicht zu machen und jeder, der das anders sehen wollte, muss blind sein. Der BDV besteht in meinen Augen nur aus Revisionisten und Leugnern. Alle Gespräche, die ich bisher mit BDVlern geführt habe, wären mit NPDlern nicht anders verlaufen, oft sind die sogar Argumenten zugänglicher.

    Es bleibt nur zu hoffen, dass der CDU/CSU diese ganze Geschichte sauber um die Ohren fliegt.

  3. Mittlerweile dürfte ja eigentlich angekommen sein, daß Massenvertreibungen des 20. Jahrhunderts keineswegs nur im Kontext des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkrieges praktiziert wurden. Es begann schon viel früher und bis heute ist dieses Kapitel (leider) nicht beendet. Niemand verlangt, bei der Behandlung der Vertreibung der Deutschen aus den östlichen Siedlungsgebieten nicht den geschichtlichen Kontext zu beachten bzw. ihn auszuklammern. Gleichsam ist die Ansicht, daß es sich bei der Vertreibung nach 1945 lediglich um eine Reaktion auf die vorherigen deutschen Verbrechen handelte und die nicht schon lange vor 1933 in nationalistischen Debatten sowohl von deutscher als auch von tschechischer und polnischer Seite ihre Wurzeln hatte, längst widerlegt. Zum Verständnis der langen Vorgeschichte der Vertreibung aus der Tschechoslowakei empfehle ich wärmstens den umfangreichen Dokumentenband „Odsun – Die Vertreibung der Sudetendeutschen“ von 2002. Dort kann sich jeder sein eigenes Bild machen, der sich mit dem Thema wirklich fundiert und ernsthaft auseinandersetzen möchte.

    Worum es lediglich im Hinblick auf die Zukunft nur gehen kann, ist zweierlei:

    1. (Massen-) Vertreibungen von Menschen müssen – unter welchen Vorzeichen und unter welchen Vorwänden sie auch geschehen – international gleichermaßen geächtet werden, wie jedes andere Verbrechen an der Zivilbevölkerung. Es gibt keine „humanen“ Vertreibungen.

    2. Die Auseinandersetzung mit den Wurzeln der Vertreibung – dem grenzenlos übersteigerten Nationalismus – berührt faktisch nahezu alle Völker, und dabei selbstverständlich auch die Deutschen. Dazu wird das Zentrum einen wesentlichen Beitrag leisten können; und damit auch dazu beitragen, aus dem Irrgarten der monokausale Vorwürfe (die bis heute die Debatten über dieses Thema prägen) endlich einen Ausweg zu finden. Denn dies ist wiederum die zwingende Grundlage dafür, sich auf der europäischen Ebene mit diesem übersteigerten Nationalismus seriös auseinanderzusetzen und ihn gemeinsam zu überwinden.

    Mit einer Umschreibung der Geschichte hat das alles überhaupt nichts zu tun. Im übrigen bleibt von dem Zentrum die Erinnerung an die zahlreichen Opfer des Nationalsozialismus selbst vollkommen unberührt, etwaige Verdrängungsängste entbehren jeder seriösen Grundlage.

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