Neonazi-Zeitungen: Der Bock schockt, der Bote wirkt

Neonazis haben in Norddeutschland zwei neue Zeitungsprojekte gestartet. Besonders viel Aufmerksamkeit erreichten sie damit in Hannover, wo der „Bock – das Sprachrohr der Gegenkultur“ verteilt wurde. Ein neues Neonazi-Regionalblättchen in Mecklenburg-Vorpommern sorgt hingegen für keine Schlagzeilen. Dabei erscheint das Projekt ambitionierter.

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Dieser Bock soll die Schüler in Niedersachsen ansprechen...

„Die Hefte mit dem Titel „Bock – das Sprachrohr der Gegenkultur“ stammen von der verfassungsfeindlichen Gruppe „Besseres Hannover“, sagte Maren Brandenburger, Sprecherin des Verfassungsschutzes Niedersachsen einem Bericht der Zeitung „Die Welt“ zufolge. Die Gruppierung sei der Polizei schon länger bekannt und zuletzt etwa durch Graffiti und Flugblattaktionen auf dem Weihnachtsmarkt von Hannover aufgefallen. Das Kultusministerium hat daraufhin alle Schulen in der Region aufgefordert, weitere Vorfälle bei Polizei und Landesschulbehörde anzuzeigen sowie das Thema bei Bedarf im Unterricht zu besprechen. Laut Medienberichten haben die Neonazis 20.000 Exemplare der Zeitung drucken lassen. Es sei bekannt, dass es eine große Stückzahl gebe, „die genaue Zahl können wir aber nicht bestätigen“, sagte Brandenburger.

„Wir haben Strafanzeigen wegen Volksverhetzung gestellt“ sagt Silke von Meding vom Verein „Junge Presse Niedersachsen“, einem Zusammenschluss von nicht-kommerziellen Jugendmedien, gegenüber der taz. Zeilen wie „Ausländerintegration heißt bei uns Rückführung und ein mit Schoko überzogenes Schaumgebäck bleibt ein ,Negerkuss'“ könnten nicht toleriert werden: „Wir rufen auf, die Verteilungen zu verhindern.“

Auffallend sei der ironische Ton, der in vielen Beiträgen angeschlagen wird, betont die taz. Auf Seite 12 und 13 etwa heißt es: „Wir entlarven den alltäglichen Faschismus“..Was folgt, ist eine Analyse des Kinderliedes „Hänschen klein“, das gewollt läppisch auf seinen faschistischen Gehalt untersucht wird – Satire von rechts. Völlig ernst gemeint ist ein Interview mit der Rechtsrockband „Nordfront“ aus Hannover, in dem die Band zu politischen Aktionen aufruft. Abschließend wird eine Zitatensammlung des Freikorps-Kämpfers Harmut Plaas präsentiert.

Der Bock versuche „Jugendliche anzusprechen, die Kritik an den bestehenden Verhältnisse haben“, sagt der Braunschweiger Antifa-Aktivist Koch dem Blatt. Eindeutigkeiten, die gleich die rechte Intention erkennen ließen, würden darum vermieden.

Langfristige Strategie in MVP

In Mecklenburg-Vorpommern wurde derweil bereits Anfang des Jahres der „Demminer Bote“ gestartet. Das seit neun Jahren bestehende nationale Projekt der Regionalboten werde mit Beginn diesen Jahres um ein Informationsblatt reicher; „Der Demminer Bote“ erscheine nunmehr in regelmäßigen Abständen, heißt es auf einer regionalen Neonazi-Seite. Wie alle bestehenden Regionalausgaben beziehe sich „Der Demminer Bote“ hauptsächlich auf regionale Themen.

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Lokale Themen spielen in den Neonazi-Regionalblättchen eine entscheidende Rolle (Screenshot "Der Demminer Bote" 1/2010)

Damit versuchen Neonazis für die NPD zu werben und so deren regionale Verankerung voranzutreiben. Daher heißt es auch zu dem Blatt, es leiste „seinen Beitrag für die volkstreue Kraft im Land, die beständig und kontinuierlich den oppositionellen Takt gegen das herrschende BRD-System mit all seinen volksschädigenden Auswüchsen erhöht“.

Das Projekt in Mecklenburg-Vorpommern erscheint dabei langfristig weit erfolgsversprechender, als die Aktion in Hannover, die wohl hauptsächlich darauf ausgelegt ist, für Schlagzeilen zu sorgen. Zwar sind die Neonazi-Aktivitäten und die Bedrohung durch rechte Schläger nicht zu vernachlässigen, doch handelt es sich um isolierte Aktionen; in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen bauen Neonazis hingegen weiterhin flächendeckend und zielgerichtet ihre Strukturen aus.

Diese braune Graswurzelrevolution sorgt allerdings kaum noch für Aufsehen. Medial gesehen sind diese Vorgänge uninteressant: Es wurde bereits darüber berichtet – und die einzelnen Geschichten sind klein und regional – wie eben die Veröffentlichung einer neuen Regional-Zeitung. Nur wenn man die einzelnen Mosaiksteinchen zusammensetz, ergibt sich ein fatales Gesamtbild. Der Rechtsextremismus-Experte Günter Hoffmann warnte im Interview mit tagesschau.de, in Ostvorpommern verfüge die NPD über Ressourcen, von denen andere nur träumen könnten. Es sei hier gar nicht mehr möglich, die NPD auszugrenzen.

Siehe auch: “Nationale Graswurzelarbeit”

7 thoughts on “Neonazi-Zeitungen: Der Bock schockt, der Bote wirkt

  1. Ein Zitat aus dem Tagesschau-Interview: „Die Strukturen der Neonazis sind so weit fortgeschritten, dass sie schon systemstabilisierend sind.“

    Wenn das keine Ironie ist. Da die NPD ja jederzeit „gegen das System“ agieren will, müsste sie sich jetzt eigentlich fragen, was sie den falsch gemacht hat. Wenn man dem Volk eigentlich das demokratische System als kaputt und verrottet aufzeigen will, aber es andererseits so unterstützt, dann macht man sich doch vor der eigenen Klientel unglaubwürdig. Aber Widersprüche haben den NPD-Wähler ja noch nie abgeschreckt.

  2. http://www.besseres-hannover.info/

    u.A.

    (…)

    „Wir wollen nicht in einem multikriminellen Menschenbrei leben, sondern das Erbe unserer Vorväter in eine bessere Zukunft fortführen!“ (…), Zitat Ende.

    Heißt das nicht eigentlich „Völkerbrei“? … öhm … gleich eine Anfrage an die zuständigen Stellen in Niedersachsen richten … *freu* 😉

    Sieh` an, wieder das Fäustchen und sein NS-Klüngel aus NPD und DVU:

    http://europa-wehrt-sich.de/videozone.php?page=playvideo&video=179
    http://europa-wehrt-sich.de/about_us.php

    … Na ja, die „nationalen Sozialisten“ halt – ohne Nationalsozialismus- und Völkerbreibezug … *lol*

  3. @WW

    Du hast recht. – Ich dachte zuerst, du hättest dich verlesen und meintest „System-destabilisierend“, aber:

    (…)

    Hoffmann: Wir müssen jetzt irgendwie mit denen umgehen – und vollkommen neu denken. Denn was sich anderswo bewährt hat, nämlich die komplette Ausgrenzung von Neonazis, das geht hier auf der kommunalpolitischen Ebene gar nicht mehr. Die Strukturen der Neonazis sind so weit fortgeschritten, dass sie schon systemstabilisierend sind. In Dörfern mit einigen Hundert Einwohnern würde ohne diese Strukturen gar nichts mehr gehen

    (…), Zitat Ende.

    Na dann würde ich doch vorschlagen, wir fördern die neuen Nationalsozialisten noch, damit sie dem „gesunden Volksempfinden“ auf dem deutschen Lande eine „Stimme“ verleihen können … wird dann aber auch wieder ein Risiko, sofern in wenigen Jahren die „Wertkonservativen“ um Westerwelle rechts überholt werden sollten.

    Ist aber alles nur halb so schlimm, da wir ja eine intakte wehrhafte Demokratie haben, in der die neuen Nationalsozialisten juristisch belangt werden … und nicht etwa nur lediglich „ausgegrenzt“ … 😉

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