Historiker fordert Veröffentlichung von BdV-Studie

Der Historiker Erich Später hat in der 3sat-Kulturzeit die sofortige Veröffentlichung der umstrittenen Studie über die Vergangenheit des Bundes der Vertriebenen (BdV) gefordert. Später kritisierte die Studie als Versuch des Bundes, alle Kritiker an seiner Vergangenheit in Misskredit zu bringen. Es sei ein Skandal, dass dafür Gelder des Innenministeriums verwendet worden seien, sagte Später in der 3sat-Sendung. Die gesamte Konzeption des geplanten Zentrums gegen Vertreibungen im Berliner Deutschland-Haus diene dem Bund der Vertriebenen dazu, eine alternative Sicht des Zweiten Weltkriegs, der Shoa und des Vernichtungskriegs zu installieren.

Die alleinige Verantwortung der deutschen Nation für den Krieg und die Vernichtung des jüdischen Volkes solle «wegretuschiert werden». Daher sollten diese Ereignisse eingebettet werden in ein allgemeines jahrtausendelanges Verhängnis von Flucht und Vertreibung, Mord und Totschlag. „Die Deutschen werden dort als die Opfer der Nazis und der Alliierten installiert“, sagte Später.

Mehr Widerstandskämpfer als Nazis?

steinbach
Erika Steinbach (Foto: http://commons.wikimedia.org/wiki/User:Dontworry)

BdV-Chefin Erika Steinbach hatte im Chat mit tagesschau.de betont, dass sich der BdV äußerst selbstkritisch der eigenen Geschichte stelle. Zwar sei das “eine oder andere” Mitglied auch bei der NSDAP gewesen, doch habe man “mehr Widerstandskämpfer als Nationalsozialisten” gehabt. Sie äußerte den Wunsch, dass auch andere so selbstkritsch gewesen wären wie der BdV.

Für die Ablehnung ihrer Person in Polen gab Steinbach deutschen Politiker eine Mitschuld. Diese hätten Ängste geschürt”. Sie verteidigte ihre Abstimmungsverhalten im Jahr 1990, als sie gegen die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze zu Polen votiert hatte. Diese Entscheidung sei richtig gewesen, da die Eigentumsfrage noch nicht geregelt gewesen sei – und dies sei bis heute so geblieben. Sie warf polnischen Nationalisten vor, sie erzeugten Angst mit diesem Thema. Steinbach antwortete ausweichend auf die Frage, ob sie eine Rückgabe von enteignetem Eigentum anstrebe. Dies sei “eine offene Frage”, die von den Regierungen gelöst werden müsse.

Gefragt nach der Unterstützung durch die NPD für ihre Person, antwortete Steinbach, dies sei ihr nicht bekannt. Die Moderatorin des Chats verwies daraufhin auf eine Erklärung der NPD in Sachsen. Steinbacht entgegnete, man könne “sich nicht aussuchen, wer solidarisch ist”. Einen ihrer Vertreter habe sie “abwählen lassen”, weil er sich in eine fragwürdige Richtung entwickelt habe. Für ihre Arbeit seien solche Dinge kontraproduktiv.

Die NPD-Fraktion Sachsen hatte in dem Streit um Steinbach von polnischen Erpressungen gesprochen und eine “schäbige Behandlung der Heimatvertriebenen im eigenen Land” beklagt. NPD-Fraktionschef Holger Apfel sprach von einem Holocaust am deutschen Volk, der zunehmend relativiert werde. Die demokratischen Fraktionen im Landtag entschuldigten sich bei Polen für diesen Vergleich.

“Blanker Unsinn”

Der Wissenschaftler Samuel Salzborn erklärte auf Anfrage des Autoren, die Behauptung von Steinbach zu den Widerstandskämpfern im BdV sei “blanker Unsinn”. “Ob es unter den einfachen Mitglieder eine nennenswerte Anzahl von Widerstandskämpfern (was auch immer Frau Steinbach darunter verstehen mag) gibt oder gegeben hat, entzieht sich meiner Kenntnis”, so Salzborn. “Für die GEWÄHLTEN Führungen der Vertriebenenverbände, insbesondere die einflussreichen Landsmannschaften, ist diese Aussage für die 1950er und 1960er Jahre blanker Unsinn”.

Wie viele Mitglieder hat der BdV?

Die Bundesregierung hatte in der vergangenen Woche mitgeteilt, sie habe keine eigenen Erkenntnisse über die Zahl der Mitglieder des Bundes der Vertriebenen (BdV). Die SPD-Fraktion wollte wissen, ob die Meldung einer Nachrichtenagentur zutrifft, die ”durch Umfragen ermittelt hat, dass der BdV statt der von ihm angegebenen 2 Millionen Mitglieder lediglich circa 500.000 Mitglieder hat“.

In ihrer Antwort verweist die Bundesregierung darauf, dass der BdV ein Zusammenschluss von 21 Landsmannschaften, 16 Landesverbänden und weiteren 4 angeschlossenen Verbänden sei und keine unmittelbaren natürlichen Mitglieder habe. Nach Schätzungen des BdV belaufe sich die Zahl der in den Mitgliedsverbänden organisierten Personen auf circa 2 Millionen. Eine unabhängige Überprüfung der Mitgliederzahl des BdV plant die Regierung nach eigenen Angaben nicht.

Die BdV-Präsidentin Erika Steinbach hatte im Streit um ihren Sitz im Rat der „Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ mehrmals betont, drei Sitze für “15 Millionen Vertriebene” seien “arg wenig”.

Siehe auch: Steinbach: “Mehr Widerstandskämpfer als Nazis im BdV”

7 thoughts on “Historiker fordert Veröffentlichung von BdV-Studie

  1. Späters Aussagen zu dieser Studie sind wirklich interessant und sie werden zum Teil ja auch in diesem Beitrag wieder gegeben. Dass die dem BdV nahestehende katholische schlesische Priesterschaft in der Bundesrepublik, die den Verfasser dieser Studie über den BdV schon einmal selbst mit einem Stipendium bei seiner „Volkstumsarbeit in Oberschlesien“ (Später) finanziell „unterstützt“ hat, ihre hauseigene Stiftung nach Georg Bertram (http://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Bertram) benannt hat, spricht eine so glasklare Sprache wie nur möglich.

    Ergänzend zum Video vielleicht noch dieses Interview mit Später in der FR-Rundschau vom 11.2.20: http://www.fr-online.de/in_und_ausland/politik/aktuell/?em_cnt=2300008.

  2. Offensichtlich spielen auch bei diesem Beitrag ideologische Gesichtspunkte eine größere Rolle als die seriösen Fakten.

    Die Ende 2008 gegründete Stiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“, deren Aufgabe u.a. darin besteht, das „Zentrum gegen Vertreibungen“ im Deutschlands-Haus einzurichten, hatte seine Grundlage in einem Beschluß, der von der gesamten damaligen Großen Koalition verabschiedet wurde, also von CDU / CSU und SPD. Die Stiftung befindet sich unter dem Dach bzw. der Leitung des Deutschen Historischen Museums – dem größten historischen Museum Deutschlands in dieser Art – , einer Institution, der man sicherlich in keiner Weise eine politische Einseitigkeit vorwerfen kann. Im Stiftungsbeirat verfügt der BdV auch mit sechs statt drei Stimmen über keinerlei Mehrheit. Also kann er ohnehin keine Beschlüsse und Entscheidungen im Hinblick auf das Zentrum gegen Vertreibungen alleine durchsetzen, ohne dazu die Zustimmung von anderen zu erhalten, wie etwa von Historikern und Vertretern großer öffentlicher Institutionen wie den Kirchen.

    Später muß folglich schon eine sehr geringe Meinung u.a. über die Kollegen von seiner eigenen Zunft haben, wenn er diesen kein eigenes seriöses Urteil in dem entscheidenden Gremium zutraut. Ansonsten sind Feststellungen wie die Auffassung, daß „die gesamte Konzeption des geplanten Zentrums gegen Vertreibungen im Berliner Deutschland-Haus … dem Bund der Vertriebenen dazu (diene), eine alternative Sicht des Zweiten Weltkriegs, der Shoa und des Vernichtungskriegs zu installieren“ schlichtweg überflüssig. Sie deuten letztlich nur darauf hin, daß Später höchstwahrscheinlich überhaupt keine derartige Erinnerungsstätte möchte. Dann kann man das aber auch ganz offen sagen und benötigt keine vorgeschoben klingenden Einwände.

    Nebenbei bemerkt kann eine Institution mit einer Mitgliedschaft wie dem BdV (und das egal, ob er 2 Millionen oder auch „nur“ 500.000 Mitglieder zählt) und mit Vertriebenen unterschiedlicher politischer Präferenzen nie einen monolithischen Block darstellen. Sehr merkwürdig ist auch, daß man durch Umfragen die tatsächliche Mitgliederzahl des BdV ermittelt haben will. Wie soll das gehen? Hatte man anhand der Mitgliederlisten Hunderttausende Leute telefonisch befragt, ob sie dort auch „wirklich“ Mitglied sind? Das klingt absolut unglaubwürdig, eher scheinen bei solchen Behauptungen ganz andere Motive die entscheidende Rolle gespielt zu haben.

    Und so geht es auch in dem obigen Beitrag nicht um Fakten, sondern lediglich um die Frage: Gibt es irgendetwas Neues, was für den BdV „belastend“ sein könnte? Und falls es sich auch als Unwahrheit oder Halbwahrheit herausstellt – was macht es schon – bei einer vermeintlich „rechten“ Organisation …

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