Pölchow: Bierfreund fordert Bewährungsstrafen

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Der Vorfall sei "weitgehend aufgeklärt", so Bierfreund.

Im Prozess gegen drei Neonazis, denen die Beteiligung an einem brutalen Überfall auf vermeintlich linke Jugendliche vorgeworfen wird, hat die Rostocker Staatsanwaltschaft Bewährungsstrafen für zwei der Angeklagten gefordert. Der dritte Beschuldigte sei mangels Beweisen freizusprechen, erklärte Staatsanwältin Tanja Bierfreund der Zeitung „junge Welt“ zufolge im großen Saal des Landgerichts der Hansestadt. Der Vorfall sei „weitgehend aufgeklärt“, so Bierfreund den Angaben zufolge weiter. Demnach sind die Neonazis in Pölchow aus den hinteren beiden Waggons in den ersten Wagen gestürmt, um dort die Gruppe von rund 60 eher linksorientierten Reisenden zu attackieren. Diese hatten zuvor zehn Rechte aus ihrem Abteil gedrängt; allerdings ohne diese zu verletzen. Unter Rufen, wie »Ihr kommt hier nicht lebend raus«, hätten die Neonazis dann auf ihre Opfer eingeschlagen, erklärte Bierfreund.

Als Organisatoren des Angriffs seien der NPD-Mitarbeiter Grewe sowie Dennis F. aufgetreten. Zeugen hätten beide zweifelsfrei identifiziert und zudem beobachtet, daß Grewe mit einem Quarzsandhandschuh zugeschlagen habe. »Der Angeklagte Grewe ist mit äußerster Brutalität vorgegangen, unabhängig davon, ob es sich um Angehörige der linken Szene oder Unbeteiligte gehandelt hat«, betonte Bierfreund laut jW.

Dennoch forderte sie vergleichsweise milde Strafen. Wegen schweren Landfriedensbruchs und gefährlicher Körperverletzung solle Dennis F., der bereits eine laufende Bewährungsstrafe wegen Körperverletzung verbüßt, zu insgesamt zwei Jahren auf Bewährung verurteilt werden. Im Fall von Grewe halte sie ein Jahr und vier Monate auf Bewährung für angemessen. Stefan V. sei eine direkte Tatbeteiligung nicht nachzuweisen und er deshalb freizusprechen.

Ermittlungen gegen Linke

Die Ermittler hatten unmittelbar nach dem Vorfall von einer „Schlägerei zwischen Rechtsextremisten und Anhängern der linken Szene“ gesprochen, die Staatsanwaltschaft Rostock leitete Ermittlungen gegen zwölf Frauen und Männer ein, die die Polizei der linken Szene zugerechnet hatte. Die Beamten hatten in Pölchow ihre Personalien aufgenommen und sie gefilmt. Ein Jahr später wurden elf der Verfahren mangels Tatverdacht eingestellt. Bei den Neonazis wurde an diesem Tag weitestgehend auf Video- und Bildaufnahmen verzichtet, auch Durchsuchungen gab es bei den Rechtsextremen am Tatort nicht.

Ein Vorgehen, das bei den Anwälten der Nebenklage immer wieder auf scharfe Kritik stieß: die Rede war unter anderem von „Versäumnissen und Schlampereien“ seitens der Polizei. Der Staatsanwältin wurde zudem am fünften Verhandlungstag vorgeworfen, durch mangelndes Aufklärungs- und Befragungsinteresse den Eindruck zu erwecken, lediglich an einer Entlastung der Angeklagten interessiert zu sein.

Zu ganz anderen Ergebnissen als die Staatsanwältin kommt in dieser Sache hingegen die Seite „MV Regio“, hier heißt es:

Juristen erwarten eine Verurteilung, obwohl es sich um einen reinen Indizienprozess handelt. Die Zeugenvernehmungen brachten bisher nur Widersprüche hervor. Einer der Hauptzeugen soll ein mehrfach vorbestrafter gewalttätiger Linksextremist sein. Lediglich der Zugbegleiter konnte eine glaubwürdige Darstellung der Vorgänge schildern. Demnach sollen ein Gruppe von schwarz vermummten Personen einen Regionalzug der DB bestiegen haben und während der Anfahrt des Zuges auf den Bahnhof Pölchow mit Mitgliedern aus der rechten Szene handgreiflich geworden sein.

Dennoch meinen Juristen, es sei ein politischer Prozess und eine Verurteilung liegt in der Luft. Die Angeklagten signalisierten bereits, dass sie bei einer Verurteilung Berufung einlegen werden.

Das Urteil wird für den 16. März erwartet.

Siehe auch: Pölchow-Prozess: Die Opfertour

5 thoughts on “Pölchow: Bierfreund fordert Bewährungsstrafen

  1. Man sollte erst mal das Urteil abwarten. Es ist noch nicht klar, ob das Gericht der Meinung der Staatsanwaltschaft folgt. Selbst die linke junge Welt hat nämlich geschrieben, dass es zwei Versionen von der ganzen Aktion in Pölchow gibt.

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