Neonazi-„Trauermarsch“ in Bad Nenndorf verschoben

Knapp ein halbes Jahr vor dem rechtsextremen „Trauermarsch“ im niedersächsischen Bad Nenndorf  haben die Organisatoren angekündigt, ihre Veranstaltung zu verlegen. Fand der Aufmarsch im Kurort Bad Nenndorf nahe Hannover bislang immer am letzten Juliwochenende bzw. am ersten Wochenende im August statt, war der „Trauermarsch“ in diesem Jahr ursprünglich für den 7. August angekündigt. Nun heißt es, nach Gesprächen mit der NPD und Verantwortlichen der Parteizeitung „Deutsche Stimme“ sei der Trauermarsch aus organisatorischen Gründen auf den 14. August verschoben worden.

Kai Budler für NPD-BLOG.INFO

Ein Grund dafür dürfte das „Pressefest“ der „Deutschen Stimme“ sein. Die Veranstaltung der NPD-Zeitung findet traditionell ebenfalls am ersten Wochenende im August statt, in diesem Jahr ist es offenbar für den 7. August geplant. Das rechtsextreme Open Air gilt als Beispiel für die kulturelle Agitation von Rechtsextremen gerade bei jungen Erwachsenen.

So schreibt der Kreisvorsitzende der NPD Trier, Safet Babic, in der Deutschen Stimme:

„Während die Besucherzahlen bei Schulungen und Rednerveranstaltungen im Regelfall überschaubar sind, werden Konzerte und andere Freizeitaktivitäten viel stärker angenommen. Die Besucherzahlen des Deutsche Stimme-Pressefestes sprechen eine deutliche Sprache. Um langfristig kulturelle Hegemonie als notwendige Vorbedingung für politische Macht aufzubauen, werden wir einen langen Atem brauchen.“

Er fordert eine flächendeckende Etablierung „von regionalen Arbeitskreisen ‚Kultur und Freizeit’“ und spricht sich für eine stärkere Einbindung kultureller Elemente in politischen Arbeit aus. Das „Pressefest“, bei dem Pressevertreter meist unerwünscht sind, böte auch dem “Gedenkbündnis Bad Nenndorf” noch einmal die Chance ihre Veranstaltung im Landkreis Schaumburg zu bewerben. Seit Beginn dieses Jahres rühren die Organisatoren die Werbetrommel für den „Trauermarsch“, zuletzt am 13.2. in Dresden. Auch der Initiator der  Aufmarsches, Marcus Winter, könnte dann wieder auf freiem Fuß sein. In den vergangenen zwei Jahren konnte er nicht als Versammlungsleiter in Erscheinung treten, weil er sich unter anderem wegen Volksverhetzung in Haft befindet.

Wird Bad Nenndorf Ersatz für Wunsiedel?

Große Sorgen bereitet auch die zeitliche Nähe des Aufmarsches zu einem anderen für Rechtsextreme wichtigen Jahrestag: am 17. August 1987 hatte sich der als „Märtyrer“ verehrte Hitler Stellvertreter Rudolf Heß in seiner Zelle in Berlin Spandau das Leben genommen. Der Leichnam des damals 83-jährigen wurde auf dem Friedhof im fränkischen Wunsiedel beigesetzt. Bis zum Verbot der sog. „Gedenkmärsche“ im Jahr 2005 marschierten bis zu 4.500 Neonazis durch die Ortschaft im Fichtelgebirge.

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Neonazis in Bad Nenndorf (Foto: Kai Budler)

Der ehemalige Leiter der Polizeidirektion Göttingen und amtierende Präsident des Niedersächsischen Verfassungsschutzes, Hans Wargel, teilt diese Befürchtung. Gegenüber dem Autor sagte Wargel, auch das gewählte Datum deute darauf hin, dass die Neonazis versuchten, die Veranstaltung in der Stadt Bad Nenndorf möglicherweise zu einer Ersatzveranstaltung für Wunsiedel aufzubauen. Der sog. „Gedenkmarsch“ habe in der rechtsextremen Szene eine „Klammerwirkung“ wie ähnliche Veranstaltungen in Dresden und Magdeburg. Der Verfassungsschutz schätzt den „Trauermarsch“ als bundesweit drittgrößte Veranstaltung dieser Art ein und rechnet in diesem Jahr mit einer ähnlichen Teilnehmerzahl wie 2009. Man beobachte die Entwicklung mit großer Sorge, so Wargel. Damit Bad Nenndorf nicht „zu einem neuen Wunsiedel“ werde, sei die gesamte Kreativität der Kommunen und des Verfassungsschutzes gefragt, um den Veranstaltungsort für die rechtsextreme Szene so uninteressant wie möglich zu machen.

Aufmarsch als Geschichtsrevisionismus pur

Seit 2006 marschieren die Neonazis um Marcus Winter und Thomas „Steiner“ Wulff in Bad Nenndorf auf und haben die Veranstaltung seitdem zum  größten rechtsextremen Aufmarsch in Norddeutschland gemacht. Beteiligten sich anfangs nur etwa 100 Neonazis an der Aktion, fanden im vergangenen Jahr etwa 700 Rechtsextreme den Weg nach Bad Nenndorf. Ziel der Neonazis ist das sog. „Winckler-Bad“ im Kern des Kurortes. Das Gebäude diente britischen Soldaten von 1945 bis 1947 als Internierungslager für NS-Täter und mutmaßliche Kriegsverbrecher. Hier war es in dieser Zeit auch zu vereinzelten Misshandlungen gekommen, für die sich die britische Regierung nach einer breiten Diskussion offiziell entschuldigt hatte. Die Neonazis nutzen diese Vorkommnisse, um die Geschichte für ihre Zwecke umzudeuten und die Täter zu vermeintlichen Opfer zu stilisieren.

Siehe auch: Trauermarsch als “Machtdemonstration”, “Trauermarsch” in strahlend weißen “T-Hemden” und mit aggressiven Parolen

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