Pölchow-Prozess: Die Opfertour

Vor dem Landgericht Rostock ist am 22. Februar der Prozess gegen drei Neonazis wegen Landfriedensbruchs in besonders schwerem Fall und gefährlicher Körperverletzung fortgesetzt worden. Die Staatsanwaltschaft wirft den den drei Angeklagten zwischen 21 und 41 Jahren vor, im Sommer 2007 mit anderen Neonazis in einer S-Bahn auf dem Bahnhof Pölchow bei Rostock auf etwa 60 alternative Jugendliche und junge Erwachsene eingeschlagen und getreten haben. Der Mitarbeiter der NPD-Fraktion im Schweriner Schloss, Michael Grewe und der 25-jährige Dennis F. aus Göttingen sollen die Täter dabei aufgeheizt und angestachelt haben.

Von Kai Budler für NPD-BLOG.INFO

Nachdem Grewe bereits zu Prozessbeginn eine schriftliche Einlassung präsentiert hatte, ließ am sechsten Verhandlungstag auch Dennis F. seinen Anwalt Sven Rathjens eine Erklärung zu den Vorwürfen verlesen. Darin heißt es: „Ich musste mich gegen eine Attacke von Linken wehren; mir ist rätselhaft, dass gegen mich ermittelt wird“. Damit stützt der Göttinger Grewes Version, nach der die 150 Neonazis in der S-Bahn nach Rostock von vermummten und schwarz gekleideten Autonomen unter anderem mit Steinwürfen angegriffen worden seien. In Notwehr habe man mit „beherzter Gegenwehr“ die Angreifer abgewehrt, hatte Grewe erklärt.

Bald auch Anklage wegen versuchten Totschlags?

Ein Anwalt der Nebenklage hingegen beantragte die Ergänzung der Anklage um den Vorwurf „versuchter Totschlag“. Die Angehörigen der rechtsextremen Szene hätten bei dem Angriff geplant und aus niederen Beweggründen gehandelt, als sie ihre Opfer wegen deren politischer Einstellung malträtiert hätten. Insgesamt hatte es auf dem Bahnhof Pölchow 20 Verletzte gegeben, einige der Opfer wurden von den Angreifern eine angrenzende Böschung hinunter geworfen.

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Bald auch Anklage wegen versuchten Totschlags wegen des Überfalls in Pölchow?

Der Version der Neonazis widerspricht auch ein jetzt vor Gericht gezeigtes Video, das Polizisten nach ihrem Eintreffen in Pölchow gedreht hatten. Darin sind von außen eingeschlagene Fensterscheiben sowie Blut und ausgerissene Haarbüschel auf dem Waggonboden zu sehen. Statt schwarz gekleideter Antifa-Aktivisten zeigen die Aufnahmen der Opfer überwiegend Personen mit bunter Kleidung und ihren Verletzungen. Für die Anwälte der Nebenklage stützt das Video die Aussagen von Zeugen und ihrer Mandanten, die vor Gericht Grewe und Dennis F. mehrfach belastet haben. In den Aussagen hatte es unter anderem geheißen, Grewe sei an der Spitze einer Gruppe von Neonazis an dem Gewaltexzess in der S-Bahn und auf dem Bahnsteig in Pölchow beteiligt gewesen. Dabei habe er sowohl umstehenden Neonazis Anweisungen gegeben als auch selbst zugeschlagen. Auch der 25-jährige Göttinger war von Zeugen als Schläger identifiziert worden.

Anwälte kritisieren Schlampereien und Versäumnisse

Die Ermittler hatten unmittelbar nach dem Vorfall von einer „Schlägerei zwischen Rechtsextremisten und Anhängern der linken Szene“ gesprochen, die Staatsanwaltschaft Rostock leitete Ermittlungen gegen zwölf Frauen und Männer ein, die die Polizei der linken Szene zugerechnet hatte. Die Beamten hatten in Pölchow ihre Personalien aufgenommen und sie gefilmt. Ein Jahr später wurden elf der Verfahren mangels Tatverdacht eingestellt. Bei den Neonazis wurde an diesem Tag weitestgehend auf Video- und Bildaufnahmen verzichtet, auch Durchsuchungen gab es bei den Rechtsextremen am Tatort nicht.

Ein Vorgehen, das bei den Anwälten der Nebenklage immer wieder auf scharfe Kritik stößt: die Rede ist unter anderem von „Versäumnissen und Schlampereien“ seitens der Polizei. Der Staatsanwältin Tanja Bierfreund wurde am fünften Verhandlungstag vorgeworfen, durch mangelndes Aufklärungs- und Befragungsinteresse den Eindruck zu erwecken, lediglich an einer Entlastung der Angeklagten interessiert zu sein. Damit verstärke sie den Eindruck, die Staatsanwaltschaft Rostock sei „auf dem rechten Auge blind“. Der Prozess wird am 1. März fortgesetzt.

Siehe auch: Pölchow: “Kreative” Aussagen

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