Erst die Razzien, dann die Vereinnahmung

365 Tage Vorbereitung, hunderttausende Poster und Flugblätter und stundenlanges Sitzen bei Minusgeraden – das Bündnis „Dresden Nazifrei“ hat das geschafft, was bislang kaum jemand für möglich gehalten hat. Der größte Naziaufmarsch in Europa wurde erstmals verhindert. Der Mythos um und vielleicht auch die Anziehungskraft für den Tag der Bombardierung Dresdens auf die Naziszene scheint gebrochen.

Von Johannes Radke, Störungsmelder

Kaum sind die Türen der 32 Busse aufgegangen, eilen die rund 1500 Berliner Nazigegner auf die Straße. Viele können es gar nicht glauben, dass der riesige Konvoi ohne Kontrollen bis in die Dresdner Neustadt, dem Aufmarschgebiet der Nazis, fahren konnte. „Wir hatten eigentlich befürchtet, dass wir einfach auf der Autobahn für Stunden festgesetzt werden“, sagt ein junger Mann mit einer Verdi-Fahne. Jetzt muss alles ganz schnell gehen. So wurde es auf der Fahrt erklärt: Zügig und vor allem friedlich zum Blockadepunkt laufen. Der ist rund 1,5 Kilometer entfernt.

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Auch der Albertplatz war bereits früh blockiert. (Foto: NPD-BLOG.INFO)

Blitzschnell teilen sich die 1500 Menschen in zwei Gruppen auf. Die einen laufen schnellen Schrittes geradeaus, die anderen biegen in eine Seitenstraße ab. Die Polizei ist völlig überfordert. Beamte in Kampfmontur bilden eilig eine Kette, versuchen die Menge mit Schlagstöcken aufzuhalten. Doch immer mehr Menschen gelingt es durch die Lücken zu rennen. Nach zehn Minuten Gerenne, einigen aufgeplatzen Lippen und blauen Flecken bei den Demonstranten gibt die Polizei auf und lässt alle Übrigen ebenfalls durch. Es ist kurz vor 10 Uhr. Die erste der insgesamt fünf Blockaden um den Neustädter Bahnhof steht. Sieben Stunden lang werden die Menschen hier auf der Straße sitzen, bis der Aufmarsch endgültig abgebrochen wird, ohne dass die Neonazis auch nur einen Meter marschieren durften. Als am späten Nachmittag die Nachricht über den Lautsprecher durchgesagt wird, dass die Polizei die Nazis nach Hause schickt, bricht Jubel aus. Hunderte tanzen und singen zu Liedern der Politband „Ton, Steine, Scherben“, Dutzende machen eine Polonaise durch die Menge. „Ich bin unglaublich müde, kaputt und durchgefroren“, sagt eine Frau, die auf einer Isomatte im Schnee sitzt. „Aber dafür, dass die Rassisten nicht laufen konnten, hat es sich gelohnt.“

„Es ist ein großer Erfolg für alle, die sich aktiv den Neonazis in den Weg gestellt haben“, sagt Lena Roth, Sprecherin des Bündnisses „Dresden-Nazifrei“. Ein Jahr haben hunderte Initiativen gegen Rechts, Antifagruppen und Einzelpersonen das ausgeklügelte Blockadekonzept organisiert. Unterstützt wurde das Bündnis auch von Politikern von SPD Grünen und Linke und Künstlern wie Konstantin Wecker und den Toten Hosen. Rund 15.000 Menschen folgten dem Aufruf und beteiligen sich an den Sitzblockaden. Mit mehr als 120 Bussen aus ganz Deutschland sind Aktivisten angereist. Jeder Buskonvoi hat direkt einen der Blockadepunkte angesteuert, die bis eine halbe Stunde vorher nur ein kleiner Kreis von Eingeweihten kannte.

„Aktionskonsens der Gewaltfreiheit“

Erfolgreich war das Bündnis nicht nur, weil der Aufmarsch tatsächlich zum ersten Mal gestoppt wurde, sondern auch weil der besprochene „Aktionskonsens der Gewaltfreiheit“ bei allen Blockadepunkten eingehalten wurde. Außer einigen Schneeballschlachten, bei denen auch ab und zu Schneebälle in Richtung der Polizei flogen, blieb es den ganzen Tag friedlich. Diejenigen Linkradikalen, die brennende Barrikaden bauten und Autos von Neonazis umkippten, konnten dies nur weit ab von den friedlichen Protesten tun.

Dass Bürgermeisterin Helma Orosz (CDU) und Ministerpräsident Stanislav Tillich (CDU) die Niederlage der rechten Szene in Interviews jetzt als Erfolg der Menschenkette mit 10000 Teilnehmern in der Altstadt betrachten, ärgert an diesem Tag viele. „Es ist doch absurd: die Menschenkette war auf der anderen Seite der Elbe. Die haben nicht einen einzigen Nazis zu Gesicht bekommen“, sagt ein Blockierer. „Hätten wir hier nicht stundenlang in der Kälte gesessen, wären die Nazis ganz normal losgelaufen“, fügt ein älterer Mann aus Potsdam hinzu. „Was mich richtig ärgert ist, dass alle Blockierer von Politikern vorher pauschal als Linksextremisten beschimpft wurden und jetzt will man nicht zugeben, dass die Blockaden Erfolg hatten“, sagt ein anderer.

Gegen Abend ziehen dann rund 10 000 Menschen als Spontandemonstration auf die andere Seite der Elbe, um mit den Reisebussen endlich nach Hause zu fahren. Weil im Dunkeln Übergriffe von wütenden Neonazis befürchtet werden, hat man allen eingeschärft nur in großen Gruppen durch die Stadt zu gehen „Um 18 Uhr fahren unsere Busse ab. Wenn man uns nicht zu ihnen durchlässt, werden unsere Kameraden ausschwärmen und dafür sorgen, dass die Polizei hier in Dresden heute Nacht keine Ruhe hat“, hatte Nazi-Funktionär Thomas Wulff auf der rechten Kundgebung zuvor über Lautsprecher gedroht.

„Wir kommen wieder“ rufen die Gegendemonstranten, als es durch die Straßen von Dresden-Neustadt geht. Einige Anwohner stehen an den Fenstern und winken. Sie wissen, dass die Nazis auch im nächsten Jahr wieder versuchen werden ihren Aufmarsch durchzuführen. Aber ob es wieder so viele werden und vor allem ob die Stadt nach den Gewaltausbrüchen aus dem Zug der Nazis heraus die Veranstaltung überhaupt erlauben wird, ist jetzt erstmals fraglich.

Siehe auch: Neonazis total blockiert, Chronologie: Das war der Tag in Dresden, NPD-Vorstandsmitglied droht: “Lassen Kameraden ausschwärmen”, Trauermarsch als “Machtdemonstration”, Der “Kampf um die Straße”, Vor der Bombardierung war Auschwitz, Neonazis dürfen durch Dresden marschieren, Die Toten Hosen unterstützen “Dresden Nazifrei!”, “Kampf um die Straße”: Neonazis marschieren weiter, Neonazis dürfen marschieren – Dresden kündigt Rechtsmittel an, Gibt es Extremismus? Anmerkungen aus politischer Perspektive, Neonazis dürfen nicht durch Dresden marschieren, “Lex Dresden gegen Extremisten-Schwemme”, NPD stellt Anzeige gegen dresden-nazifrei, Staatsanwaltschaft legt dresden-nazifrei.de still, Dresden-Plakat: Politikerin der Linkspartei festgenommen, Starker Staat als Strategie, Kommentar: Mutwillige Vereinfachung, Hintergrund: Polizei geht gegen Dresden-Plakat vor

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