Trauermarsch als „Machtdemonstration“

Die Szenen gleichen sich: Auf der einen Seite braune Parolen brüllende Glatzköpfe, in der Mitte Polizisten mit Helm und Panzerwesten, auf der anderer Seite Demonstranten aller Lager, die den Neonazis ihre Verachtung entgegen schleudern . So wird es heute in Dresden aussehen und so wiederholt es sich Jahr für Jahr im August zum Beispiel in niedersächsischen Bad Nenndorf. „diese Trauermärsche haben eine entscheidende Bindungswirkung für die rechtsextreme Szene“, sagt Niedersachsens Verfassungsschutzpräsident Hans- Werner Wargel .

Von Stefan Schölermann, NDR Info

Während in Dresden heute nach Angaben aus Sicherheitskreisen bis zu 8000 Neonazis aus der ganzen Republik mit ihrem Aufmarsch der „Opfer des Bombenholocaust“ gedenken, sind es in Bad Nenndorf Jahr für Jahr mehr als 500 Neonazis, die damit angebliche alliierte Kriegsverbrechen im Bad Nenndorfer „Winckler-Bad“ anprangern wollen . Zwar ist die Zahl der rechten Demonstranten in Bad Nenndorf deutlich kleiner als in Dresden, doch das braune Spektakel in der niedersächsischen Kurstadt sei nicht zu unterschätzen: „In der bundesweiten Rangordnung dieser Aufmärsche steht Bad Nenndorf für das rechtsextreme Lager an dritter Stelle“, sagt Niedersachsens oberster Verfassungshüter Wargel im Gespräch.

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Neonazis wollen durch ihre Aufmärsche Macht demonstrieren - der Anlass ist zweitrangig. (Foto: Marek Peters)

Und die Tendenz ist steigend: Als die Neonazis vor fünf Jahren zum ersten mal zum „Marsch auf Bad Nenndorf“ bliesen, konnten sie gerade einmal ein paar Dutzend Gesinnungsgenossen um sich versammeln. Im vergangenen Jahr zählte die Polizei schon mehr als 600 braune Gesellen in der niedersächsischen Kurstadt. Das Muster dieser Aufmärsche ist immer das Gleiche: “Die Neonazis suchen sich eine geschichtliche Tatsache und verdrehen sie in ihrem Sinne und für ihre Propagandazwecke“, sagt Gerhard Bücker vom Niedersächsischen Landespräventionsrat, der diese Aufmärsche seit Jahren beobachtet und der auch in Dresden auf Posten sein wird, wenn die Rechtsextremisten in Dresden einfallen.

Viele Gesichter wird er wiedererkennen, denn allein aus Niedersachsen werden nach Informationen des niedersächsischen Verfassungsschutzes mehre hundert Neonazis in Dresden erwartet. Bücker hält diese Aufmärsche vor allem für eine „Machtdemonstration“ der braunen Szene, die sich an sich selber berauscht. „In Wirklichkeit ist das rechtsextreme Lager zerstritten und von Grabenkämpfen ihrer Anführer zerrissen. Doch das bedrohliche Erscheinungsbild solcher Aufmärsche gaukelt den Neonazis an solchen Tagen eine Stärke vor, die mit der Wirklichkeit im Alltag nichts zu tun hat“, sagt Bücker. Ähnlich sieht es Verfassungsschutzchef Wargel, denn diese Massenaufmärsche können aus seiner Sicht eine gefährliche Werbewirkung für mögliche Sympathisanten haben.

Diese Werbewirkung reicht offenkundig über die deutschen Grenzen: In Dresden erwarten die Sicherheitsbehörden heute eine „hohe dreistellige Zahl“ von Neonazis aus dem Ausland. In Bad Nenndorf sind es regelmäßig Rechtsextremisten aus Holland, von denen sich manche sogar als Hetzredner auf dem Lautsprecherwagen betätigen. Einer von ihnen bekam im vergangen beim „Trauermarsch“ in Bad Nenndorf den langen Atem der deutschen Strafverfolger zu spüren . Ein Staatsanwalt präsentierte ihm einen Strafbefehl. Der Grund: Im Jahr zuvor hatte er am selben Ort als Redner der Neonazis zum Rassenhass aufgestachelt.

In Bad Nenndorf sah man sich in den ersten Jahren diesen Neonaziaufmärschen wehrlos ausgesetzt, nur einige linksorientierte Jugendliche und eine Handvoll empörter Bad Nenndorfer stellten sich den Rechtsextremisten symbolisch in den Weg –  im vergangenen Jahr aber war die Zahl der Gegendemonstranten aber erstmals größer als die Zahl der Rechtsextremisten.

Das ist sicherlich auch ein Verdienst des Bad Nenndorfer Apothekers Jürgen Uebel , der sich seit dem ersten braunen Aufmarsch in der Kurstadt gegen „diese Form der Geschichtsklitterung“ engagiert, wie er es nennt: „Mittlerweile haben sehr viele Politiker und andere Menschen erkannt, dass unsere Geschichte hier von den Nazis wieder einmal missbraucht wird“, sagt Uebel. Er und seine Mitstreiter gründeten ein Bündnis das sich kontinuierlich mit dem Problem der Neonaziaufmärsche auseinandersetzt. „Wenn wir diese Aufmärsche schon nicht verbieten können, müssen wir uns ihnen entgegenstellen“, heißt es dort. Deshalb werden sich heute auch einige Bad Nenndorfer in Dresden den Rechtsextremisten entgegen stellen.

Siehe auch: “Trauermarsch” in strahlend weißen “T-Hemden” und mit aggressiven Parolen, Bad Nenndorf gegen Neonazis

3 thoughts on “Trauermarsch als „Machtdemonstration“

  1. Es ist schlimm das sich die Geschichte wiederholen kann. Wann wecken deutsche Politiker endlich auf und man unternimmt etwas gegen diesen Wahnsinn. Sie scheinen nicht zu wissen das auch Sie nicht erwünscht sind in einer Diktatur die Herren von CDU unsw. Man schaue in die Vergangenheit was ist denn mit Sozialdemokraten und anderen politischen Kräften passiert ab 1933.

    Also Frau Merkel, schauen Sie sich mal an wieviel Mandate die NPD jetzt schon hat auf Kommunaler Ebene. Dort wird mitregiert ! Schlimm genug. Für Sie ist das noch weit weg , noch! Unternehmen Sie etwas ,bevor es zu spät ist und die Menschen am Ende eines Desasters sagen wir waren nicht dabei, wir haben Sie nicht gewählt , davon wussten wir nichts ! Erhaten Sie mit uns die Demokratie ! Die Leute lassen sich leider leicht blenden !

  2. „Die Leute lassen sich leider leicht blenden !“

    98.5% aller Wähler haben bei der letzten Bundestagswahl keine rechtsetreme Partei gewählt. „Die Leute“ lassen sich also eben nicht leicht blenden…

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