Riegers letztes Projekt: Faßberg feiert unter der Abrissbirne

Der Neonazi-Anwalt Jürgen Rieger hatte zu Lebzeiten für viele Schlagzeilen gesorgt – nicht zuletzt wegen tatsächlicher oder vorgetäuschter Immobiliengeschäfte. Was wird nun aus den Immobilien in Faßberg, Pößneck und Hameln? Und was wird aus dem Rieger-Erbe und dem verworrenen Firmengeflecht des Neonazis? Und was treiben NPD-Aktivisten in der Rieger-Villa in Hamburg-Blankenese?

Stefan Schölermann, NDR Info

Wenn das Wetter mitspielt kommt schon Mitte Februar die Abrissbirne für Riegers letztes Projekt in der Gemeinde Faßberg: Mit einer gemeinsamen Abbruchparty wollen Gegner des im vergangenen Herbst verstorbenen Neonazianwalts Jürgen Rieger aus Hamburg und die Investorin das endgültige Aus für die geplante Neonazi- Begegnungsstätte in der Südheide feiern. Fast zwei Jahre lang hatte Rieger mit seinen Plänen für das marode Hotel namens „Landhaus Gerhus“ die Region in Atem gehalten. Mitte Dezember hatte eine Unternehmerin aus Celle das mehr als vier Hektar große Gelände ersteigert. Dort soll ein sozialtherapeutisches Zentrum mit rund 80 Betten entstehen.

Jürgen Rieger (re.) / T-Shirt-Aufdruck links: "Wir bleiben braun" (Quelle: Marek Peters)
Jürgen Rieger (re.) / T-Shirt-Aufdruck links: "Wir bleiben braun" (Quelle: Marek Peters)

An kaum einem anderen Ort in Niedersachsen war Rieger der Verwirklichung seiner Pläne für eine braune Begegnungsstätte in Niedersachsen so nahe gekommen, wie in Faßberg. Im niedersächsischen Innenministerium nahm man diese Pläne so ernst, dass sie zur Chefsache erklärt wurde und ein ganzer Stab von Mitarbeitern mit der Abwehr von Riegers Vorhaben beschäftigt war. Mancher dürfte insgeheim aufgeatmet haben, als die Nachricht von Riegers Schlaganfall die Runde machte.

Bei anderen „Immobilienplänen“ des Neonazis sind Sicherheitsexperten der Ansicht, dass Rieger bewusst ein Pokerspiel betrieben hatte, um die Preise in die Höhe zu treiben. Das gilt auch für das sogenannte „KDF- Museum“ in Wolfsburg, das im Sommer vergangenen Jahres bundesweit Schlagzeilen machte. Mit dem „Museum“ in einem abgetakelten Möbelhaus gegenüber dem VW- Stammsitz wollte die rechte Szene angeblich an die Nazi- Organisation „Kraft durch Freude“ erinnern. Insider der Sicherheitsbehörden gehen aber davon aus, dass Rieger mit einem bewussten Propagandatritt die Öffentlichkeit narrte – auch um sich wieder einmal ins Gespräch zu bringen. Ein deutliches Indiz dafür sind Flugblätter die im Juni vergangenen Jahres auf einem sogenannten „Sommersonnenfest“ des braunen Landwirts Joachim Nahtz aus Eschede verteilt wurden. Auf hunderten dieser Flugblätter wurde ausdrücklich auf die Pläne für das „KdF-Museum“ hingewiesen. Alle trugen den Aufdruck „geheim- nicht weitergeben“. Ein sicheres Indiz für einen Propagandatrick des Neonazianwalts, sagen sogar Mitglieder aus der rechten Szene, die sich nach eigenen Angaben „vor Lachen auf die Schenkel klopften“, als das Thema kurze Zeit später Schlagzeilen machte.

Um ganz sicher zu verhindern, dass die rechte Szene mit dem abgetakelten Möbelhaus in Wolfsburg nach Riegers Tod doch Schindluder treiben könnte, hat jetzt die Stadt Wolfsburg das Haus erworben. Dort soll jetzt ein Sozialkaufhaus entstehen. Außerdem soll dort die weit über Niedersachsen hinaus bekannte „Arbeitsstelle gegen Rechtsextremismus und Gewalt“ einziehen, die ihren Sitz noch in Braunschweig hat.

Als Pokerspiel erscheinen in der Rückschau auch Riegers Pläne für das „Hotel am Park“ in Delmenhorst, dass Rieger angeblich von dessen früherem Eigentümer Günter Mergel erwerben wollte. Rieger hatte damals von einer „Millionensumme“ gesprochen, die er für das hinlegen wollte, zugleich behauptete er, bereits einen notariellen Kaufvertrag unterschrieben zu haben. Bis heute aber hat niemand diesen Vertrag gesehen. Dennoch war die Angst vor einem braunen Zentrum mitten in Delmenhorst so groß, dass besorgte Bürger eine bundesweit einzigartige Spendensammlung lostraten, bei der mehr als eine Million Euro zusammen kamen. Die Stadt stocke den Betrag auf, so dass der Pleitehotelier Mergel rund drei Millionen einsacken konnte.

Rieger dürfte für seine Aktivitäten als „Panikstifter“ eine satte Belohnung kassiert haben. Das Hotel wurde im vergangenen Jahr abgerissen- auf Kosten der Stadt Delmenhorst.

Heisenhof wird abgerissen

Dasselbe Schicksal dürfte in absehbarer Zeit den berüchtigten „Heisenhof“ im Landkreis Verden ereilen, den Rieger für 250.000 Euro bei einer Versteigerung erworben hatte. Der Landkreis hat mittlerweile fünf Abrissverfügungen erlassen. Zwar hatte Rieger dagegen noch zu Lebzeiten Berufung beim Oberverwaltungsgericht Lüneburg eingelegt – doch die Kreisverwaltung ist optimistisch , dass das Gericht in ihrem Sinne entscheiden wird, denn das weitläufige Areal der ehemaligen Bundeswehrkaserne auf dem Gelände des historischen „Heisenhofes“ liegt baurechtlich im Außenbereich und ist damit rechtswidrig, seit die Bundeswehr das Gelände in den 90iger Jahren geräumt hat. Zu deutsch: Es muss abgerissen werden.

wunsiedel_rieger1 Für die Kosten des Abbruches – eine fast sechsstellige Summe – wird der Eigentümer des Geländes in Haftung genommen – und das dürfte einen braunen Club in die Bedrängnis bringen, der jahrzehntelang ein Schattendasein in der braunen Szene gespielt hat, der aber möglicherweise eine entscheidende Schaltzentrale im braunen Finanzgeflecht gewesen ist – den beim Amtsgericht in Kiel registrierten Verein namens „Gesellschaft für biologische Anthropologie, Eugenik und Verhaltensforschung e.V. “ Zu Lebzeiten war Jürgen Rieger dessen erster Vorsitzender, heute führt Siegward Knof aus Grafrath in Bayern dort das Regime. Knoof, nach eigenem Bekunden „ein alter Fahrensmann von Rieger“, weiß offenkundig, was auf seinen Verein zukommt. Die Chancen, dass man den „ Heisenhof“ für „ die Bewegung erhalten kann, gehen gegen null“, sagt Knof.

Ob das auch für das berüchtigte Schützenhaus im thüringischen Pößneck gelten wird, ist zurzeit fraglich. Sicher ist wohl, dass auch diese Immobilie im Zuge der Abwicklung von Riegers Vermögenstransaktionen an den obskuren Verein fallen wird. Schuld an den verwickelten Verhältnissen ist Rieger selbst. Als Testamentsvollstrecker des vermögenden Bremer Altnazis Wilhelm Tietjen gründete Rieger die Londoner Briefkastenfirma „Wilhelm Tietjen Stiftung für Fertilisation Ltd.“ In ihrem Namen erwarb Rieger sowohl den „Heisenhof“ im Landkreis Verden als auch das „Schützenhaus“ im thüringischen Pößneck. Bezahlt hat Rieger jeweils offenkundig mit Mitteln aus der Kasse des Kieler Vereins. Denn der Verein war von Tietjen per Testament als Erbe eingesetzt. Über Kurz oder Lang dürfte der Verein deshalb auch wieder über den Schützenhof gebieten. Man werde versuchen, das Haus „für die Bewegung zu erhalten“, sagte Vereinschef Knof.

„Untreue“ bei Rieger-Verein?

Ob Knof selber dabei ungeschoren davonkommt, wird sich noch herausstellen. Denn die Übertragung von deutschem Vereinsvermögen an eine englische Gesellschaft muss vom Verein formell beschlossen und dem zuständigen Registergericht mitgeteilt werden. Doch nach Informationen des „Spiegel“ findet sich in den Vereinsunterlagen kein Hinweis auf einen solchen Beschluss . Es könnte also sein, dass Rieger nicht nur die Grundstücke mit Mitteln des Vereins widerrechtlich erworben, sondern aus dieser Quelle zugleich der klammen NPD mit Darlehen unter die Arme gegriffen hat. Mit dem Gründungszweck des mittlerweile 47 Jahre alten Vereins dürften solche Finanzeskapaden kaum zu vereinbaren gewesen sein. Bei Strafverfolgern wird solches Handeln möglicherweise unter dem Begriff „Untreue“ erfasst. Sollte auch Knof daran beteiligt gewesen sein, wird er sich möglicherweise noch peinliche Fragen gefallen lassen müssen. Er ahnt offenkundig, was auf ihn zukommt: „Sie wissen ja, wie dieser sogenannte Rechtsstaat mit dem Recht umgeht“, sagt der Rieger- Fahrensmann.

Lesetipp: Die Immobilien-Masche zieht nicht mehr

Unklar ist dagegen die Zukunft des Kinos in Hameln, das Rieger vor Jahren für rund zwei Millionen Euro erworben hatte. Die bezahlte Rieger aus eigener Tasche, ohne die Londoner Firma einzuschalten. Auch hier wollte er ein braunes Zentrum errichten, und auch hier bewies der als „Immobilienkenner“ gepriesene Rieger beim Kauf wenig Sachverstand. Denn das frühere „Hotel Monopol“, einst ein Schmuckstück der Rattenfängerstadt, ist seit Jahren baufällig. Aus handbreiten Rissen im Mauerwerk wachsen Birkenzweige. Die Stadt Hameln untersagte deshalb vor Jahren die Nutzung für große Teile des Gebäudes. Weil Rieger es viele Jahre unterließ, das Gebäude vor dem Verfall zu retten bezweifeln Verfassungsschützer dessen immer wieder behauptete finanzielle Potenz: „Vermutlich war er doch nicht mehr als ein Zampano.“

Jetzt müssen die Erben über das weitere Schicksal des Kinos entscheiden. „Sie werden versuchen, das Gebäude zu verkaufen“, sagt der Hamburger Anwalt Wolf- Dieter Hauenschild, der Riegers Nachlass verwaltet. Riegers Erben werden nicht mit der rechten Szene in Zusammenhang gebracht.

NPD-Aktivisten in Rieger-Villa

Umso verwunderter waren Augenzeugen am vergangenen Sonnabend im Hamburger Stadtteil Blankenese, dem früheren Wohn- und Kanzleisitz des Neonazi- Anwalts. Der Grund für die Verwunderung war das Erscheinen von rund zehn NPD- Aktivisten die im Blankeneser Zentrum einen Infostand angemeldet hatten. Bevor sie den Infostand aufbauten, versammelten sich die NPDler auf dem Grundstück des verstorbenen Anwalts. Nach Abschluss ihrer Veranstaltung zogen sie sich ungehindert auf das Gelände zurück.

Siehe auch: Neonazis finanzieren Arbeit gegen Rechtsextremismus, Jahresrückblick: Oktober: NPD-Vize Rieger stirbt, Proteste gegen “KdF-Museum” in Wolfsburg / NPD-Anhänger attackieren Fotografen, NPD-Spitzenfunktionäre wollen KdF-Museum gründen / Szeneinterne Kritik, Rechtsextremes “Kulturzentrum” in Wolfsburg?, Neonazis wollen in Wolfsburg “Kraft durch Freude”-Verein ins Leben rufen.

Zu Rieger: Das Ende der Heß-Propagandashow, Hunderte Neonazis bei NPD-Trauermarsch für Rieger, Der Kampf der Neonazis um das Rieger-Erbe, Schützenhaus Pößneck: No-go-area für Neonazis

4 thoughts on “Riegers letztes Projekt: Faßberg feiert unter der Abrissbirne

  1. Ich habe schon damals gedacht, dass ein Großteil der Immobilien-Interessensbekundungen alleine für die Propaganda war. Wahrscheinlich haben sich die braunen Idioten ins Fäustchen gelacht, wenn die Bürgerinitiativen usw. gegen die „Projekte“ Sturm gelaufen sind.

Comments are closed.