Warum sich die Öffentlichkeit in der Krise gegen Israel wendet

Der Journalist und Autor Robert Kurz ist am 18. Juli im Alter von 68 Jahren gestorben. Kurz galt als einer der wichtigsten Vordenker der Linken. Publikative.org hatte im Februar 2010 einen Text von Kurz über die Glorifizierung des alten „Antiimperialismus“ veröffentlicht, den wir nun noch einmal aus dem Archiv holen. Die Glorifizierung des alten „Antiimperialismus“ und dessen Übertragung auf die islamistischen Bewegungen und Regimes bezeichnete Kurz als ideologische Verwahrlosung. Dies gelte besonders bei Linken, da der Islamismus gegen alles stehe, wofür die Linke jemals eingetreten ist. Ein Auszug aus dem Text von Kurz:

Die politischen Reaktionen auf den Krieg in Gaza zeigen, dass Israel umso weniger Freunde hat, je bedrohlicher seine militärische Lage wird. Im Verhältnis der Kräfte findet eine tektonische Verschiebung statt. Schon immer ging es im Nahen Osten nicht um einen begrenzten Streit von regionalen Interessen, sondern um einen exemplarischen und ideologisch aufgeladenen Stellvertreter-Konflikt. In der Epoche des Kalten Krieges galt die Auseinandersetzung zwischen Israel und Palästina als Paradigma für den Gegensatz von westlichem Imperialismus unter Führung der USA und einem „antiimperialistischen“ Lager, um dessen Führung die Sowjetunion und China konkurrierten. Die Propaganda beider Seiten ignorierte dabei den Doppelcharakter des Staates Israel, der einerseits ein gewöhnlicher moderner Staat im Rahmen des Weltmarkts ist, andererseits aber eine Antwort der Juden auf die eliminatorische Ausgrenzungsideologie des europäischen und insbesondere des deutschen Antisemitismus. Israel wurde subsumiert unter eine weltpolitische Konstellation, in der es nie aufging.

Robert Kurz im Jahr 2009 bei einem Attac-Kongress (Foto: Hanno Böck)
Robert Kurz im Jahr 2009 bei einem Attac-Kongress (Foto: Hanno Böck)

Nach dem Zusammenbruch des Staatssozialismus und der „nationalen Befreiungsbewegungen“, die ein Programm „nachholender Entwicklung“ auf Basis des Weltmarkts formuliert hatten, veränderte sich der Charakter des Stellvertreter-Konflikts grundsätzlich. An die Stelle der säkularen Entwicklungsregimes trat im Nahen Osten und darüber hinaus der sogenannte Islamismus, der nur scheinbar als traditionelle religiöse Bewegung firmiert. Tatsächlich handelt es sich um eine postmoderne kulturalistische Krisenideologie eines Teils der längst verwestlichten Eliten in den islamischen Ländern, die das autoritäre Potential der Postmoderne repräsentieren und den gänzlich unislamischen europäischen Antisemitismus aufgesogen haben. Die am Weltmarkt gescheiterten Segmente des Kapitals in dieser Region erklärten den Krieg gegen die Juden zum exemplarischen Kampf gegen die westliche Vorherrschaft. Umgekehrt machte der westliche Krisenimperialismus mit den USA an der Spitze den Islamismus zum neuen Hauptfeind, nachdem er ihn zuvor im Kalten Krieg gepäppelt und mit Waffen versorgt hatte.

Diese neue Konstellation führte zu ideologischen Verwerfungen ungeahnten Ausmaßes. Der Neoliberalismus schien sich mit dem kapitalistischen Weltordnungskrieg gegen die „zerfallenden Staaten“ in den Krisenregionen und im Nahen Osten mit Israel zu identifizieren. Neofaschistische Strömungen in aller Welt gehen seither mit dem antisemitischen islamistischen „Widerstandskampf“ konform, obwohl sie gleichzeitig rassistische Stimmungen gegen Migranten aus den islamischen Ländern schüren. Auch große Teile der globalen Linken begannen umstandslos die Glorifizierung des alten „Antiimperialismus“ auf die islamistischen Bewegungen und Regimes zu übertragen. Das kann nur als ideologische Verwahrlosung gekennzeichnet werden, denn der Islamismus steht gegen alles, wofür die Linke jemals eingetreten ist; er verfolgt jedes marxistische Denken mit gnadenloser Unterdrückung und Folter, er stellt Homosexualität unter Todesstrafe und behandelt die Frauen als Menschen zweiter Klasse. Auch dafür ist keine traditionelle Religion verantwortlich, sondern eine kulturalistisch eingefärbte Militanz des kapitalistischen Patriarchats in der Krise, die sich auf andere Weise auch im Westen bemerkbar macht. Die unheilige Allianz des „sozialistischen“ Caudillismus eines Chavez mit dem Islamismus stellt nur die weltpolitische Ratifizierung dieses ideologischen Verfalls dar, die keine emanzipatorische Perspektive hat.

Der ganze Text erschien bei Exit-Online.

Siehe auch: Querfront-Träume: NPD bietet Elsässer Zusammenarbeit an, Rostock: Anschlag auf jüdische Gemeinde, Finanzkrise als Nährboden für AntisemitismusAufruf Zusammen gegen den Al Quds-Tag – gegen antisemitische und antiisraelische Hetze, Antisemitismus: Yes, they can!, Darf man Israel in Deutschland kritisieren?,  Querfront: Vermeintliche Linke auf Abwegen , “Der Antisemit nimmt dem Juden nicht übel, wie er ist, sondern, dass er existiert” , Deutschland, Iran und die Linkspartei, Neonazis und soziale Themen: Ist das neu?, Antisemitische Hetze im NPD-Netztagebuch09/11, ZOG und “Judenpresse”: Wie baue ich eine Verschwörungstheorie?, Völkischer Antiimperialismus: Bei der NPD gut aufgehobenHessen: NPD-Funktionär möchte “alle Juden human erschießen”, Die UN und der Antisemitismus: Noch kein Abschlussdokument von Durban 2001“Protokoll der Weisen von Zion” in der UN-Vollversammlung

38 thoughts on “Warum sich die Öffentlichkeit in der Krise gegen Israel wendet

  1. @NDM: gut, wenn wir uns einig sind. Es bleibt mir dann bloß noch., darauf hinzuweisen, daß die mediale Aufmerksamkeit, die Antisemitismus und Antimoslemistmus bekommen, sehr ungleich verteilt ist: niémand will Israel „endlösen“: was für eine grandiose Lüge das angebliche Ahmadinejad-Zitat war, ist ja mittlerweile mehr als einmal durch Presse und Blogs gegangen und vorsorglich erlaube ich mir, daraus hinzuweisen, daß beim Israel-Gewächs Hamas der Punkt 32 der Charta, der eben jenes fordert, diejenigen Israelis, die die Hamas (mit) aufgebaut haben, auch nicht gestört hat. Der Extremfall von Asymmetrie sind die Antideutschen, über die die Jüdin Elise Hendricks schreibt:
    „Zum antideutschen Judenbild: Für den Nazi bin ich Hassobjekt. Für den Antideutschen bin ich Wichsvorlage.Für keinen von beiden bin ich Mensch.“ Sie hat zwei pointierte Artikel dazu abgeliefert:
    http://meldungen-aus-dem-exil.noblogs.org/post/2010/01/08/der-masturbatorische-philosemitismus-nochmals-zu-den-antideutschen
    und:
    http://meldungen-aus-dem-exil.noblogs.org/post/2009/12/15/lob-der-innovation

    Streckenweise kommt mir die ganze Debatte vor wie eine Gespensterdebatte: da wird gegen Sachen angerannt, die maximal von einer zu Recht marginalisierten Minderheit postuliert werden und die reale Gefahr, die längst im mainstream angekommen ist, wird überhaupt nicht gesehen.

  2. Sehr geehrte Frau Schatz,
    eigentlich wollte ich mich aus der Debatte hier heraushalten, aber was Sie nun zu Hamas und Ahmadinedschad schreiben, muss ich doch zurückweisen. Ich könnte Ihnen dazu etliche Quellen nennen, ich denke aber, diese sind Ihnen bekannt – aber Sie halten andere für glaubwürdiger, von daher möchte ich mir die Zeit sparen. Dennoch möchte ich zumindest meine Position hier einmal deutlich machen.
    Gruß
    PG

  3. Lieber Herr Gensing,

    die Ausgangsfrage der hiesigen Zusammenfassung des Artikels von Robert Kurz lautete für mein Empfinden suggestiv: „Warum sich die Öffentlichkeit in der ökonomischen Krise gegen Israel wendet“. Auf diese Frage gibt die Zusammenfassung des obigen Artikels im Grunde nicht wirklich eine Antwort. Es ist für meine Wahrnehmung eher so, daß es sich in der Überschrift um eine These handelt, die ich persönlich nicht nachvollziehen kann.

    Wenn man aber wirklich über die Frage des Zusammenhangs von Antisemitismus und Krise nachdenken möchte – denn darum soll es doch wohl, wenn auch aus meiner Sicht unzulässig mit dem Stichwort „Israel“ repräsentiert, gehen, dann empfiehlt es sich vielleicht, doch einmal die 2009 veröffentlichten Ergebnisse von Wolfgang Benz Ernst zu nehmen und nicht unbesehen ad acta zu legen.
    Antisemitismus und antiislamischer Rassismus werden einander strukturell immer ähnlicher. Der aktuelle Fall „Cihad“ hat auch Micha Brumlik dazu veranlasst, die Positionen von Benz in einem beachtlichen Interview im Deutschlandradio zu unterstützen.
    Wenn es Sie interessiert, können Sie etwas dazu hier nachlesen: http://antinazi.wordpress.com/2010/02/05/wer-cihad-heist/

    Es wird in verschiedenen Diskussionsbeiträgen hier Stellung gegen einen sogenannten „alten“ Antiimperialismus bezogen, der angeblich auf der Logik einer nicht mehr existierenden bipolaren Welt aufgebaut habe.

    Dazu möchte ich hier nur ganz kurz zu bedenken geben: im Grunde war das immer schon nur eine Verleumdung. Wer, wie Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg zum Beispiel, den Hauptfeind – hierzulande also: den wilhelminischen deutschen Imperialismus – im eigenen Land sah und sieht, wurde und wird als Agent ausländischer Mächte von manchen gerne als außerhalb jeder Debatte stehend behandelt und „geächtet“.

    Selbstverständlich gab und gibt es in Wahrheit keinen homogenen Antiimperialismus, so wenig es eine alleinseligmachende und einzig wahre Imperialismustheorie gibt. Es gibt seit Rosa Luxemburg, Rudolf Hilferding, W.I.Lenin ud vielen anderen vielmehr eine bis heute nicht beendete Debatte über den genauen Inhalt des wissenschaftlichen und politischen Begriffs Imperialismus sowie die politischen Konsequenzen, die aus ihm zu ziehen sind. Das ist wohl unvermeidlich auch gut so.
    Und es gab und gibt die antiimperialistische Solidarität mit Völkern und Bewegungen weltweit, die nach ihren Kräften versuchen, sich dem Diktat der Monopolbourgeoisie in den Metropolen zu entziehen und einen selbstbestimmten Entwicklungsweg einzuschlagen. Das ist niemals eine fehlerfreie oder bruchlose Angelegenheit.
    Aber wir, die auch wir in einem Staat der Profiteure leben: sollten wir zuerst diese Fehler der unter die Räder Gekommenen thematisieren, anstatt die Verwicklung des Staats, in wir dem leben, in das Elend der globalen Bevölkerungsmehrheit zu unterstützen?
    Wie bequem und arrogant wäre denn das?

    Nach einer Analyse der BBC aus dem Jahre 2005 werden in Großbritannien und vergleichbaren Staaten 40 – 60% der erzeugten Nahrungsmittel nicht gegessen, sondern vernichtet – das ist doch wohl, wenn es nicht einfach als kollektiver irrationaler Unsinn für ein unerklärbares Phänomen gehalten werden und damit als Zustand verewigt werden soll, das zwingende Ergebnis der Logik kapitalistischer Warenproduktion.
    Zugleich sterben tagtäglich (!!) ca. 150.000 Menschen an den Folgen des Hungers, obwohl die weltweite Landwirtschaft schon heute potentiell in der Lage wäre, für knapp das doppelte der Weltbevölkerung, ca. 12 Milliarden Menschen, pro Tag ca. 3000 kcal an Nahrung zu erzeugen (Zahlenangaben zB. bei Jean Ziegler, das Imperium der Schande, dort werden Zahlen der FAO zitiert; man kann es auch in dem – stellenweise von der Realität schon wieder überholten Film Erwin Wagenhofers, „We feed the World“ ausführlicher dargestellt finden).
    Zum Vergleich: die 150.000 täglichen (!) Hungertoten übertreffen in ihrer Anzahl die toten ZivilistInnen und Soldaten des Zweiten Weltkriegs in einem auf die gesamte Kriegsdauer fiktiv berechneten Tagesdurchschnitt. Sie liegen nicht viel unter der Opferzahl des Erdbebens in Haiti. Beide Ereignisse gelten zu recht – wenn auch auf höchst unterschiedliche Art und Weise – als epochale Katastrophen.
    Am Hunger, ausgelöst durch die dominante Produktionsweise der Erde, sterben – pro Tag! – genausoviele Menschen: open end. Die Reichen dieser Erde, physisch oft genug bedroht vom Übergewicht, fressen buchstäblich die Armen – Kannibalismus modern.
    Diesen Zustand zu verteidigen, ja, als global betrachtet winzige Minderheit der Weltbevölkerung auf Kosten der weiten Mehrheit an ihm zu verdienen, das gehört zum Wesen des Imperialismus, verteidigt mit den Mitteln der Propaganda, einer gigantischen Bewußtseinsindustrie, dem Strafrecht sowie militärischen Mitteln.

    Und wer sich dagegen, wie inkonsequent oder fehlerhaft leider auch immer, konsequent und laut zur Wehr setzt, ist AntiimperialistIn.

    Es ist ganz genau so, wie Erich Fried es zusammenfasste:

    Wer will,
    daß die Welt bleibt,
    wie sie ist,
    will nicht,
    daß sie bleibt.

    Herzliche Grüße,
    Hans Christoph Stoodt

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