Albtraum Pölchow: Den Nazis schutzlos ausgeliefert

Am dritten Verhandlungstag im Prozess gegen drei Neonazis wegen Landfriedensbruchs in besonders schwerem Fall und gefährlicher Körperverletzung vor dem Landgericht Rostock haben weitere Zeugen den 41-jährigen Mitarbeiter der NPD-Landtagsfraktion im Schweriner Schloss, Michael Grewe, belastet. In Pölchow im Landkreis Bad Doberan sollen die Angeklagten im Sommer 2007 aus einer 100-köpfigen Gruppe von Rechtsextremen u.a. mit Holzlatten auf Fahrgäste eingeschlagen und getreten haben. Grewe und ein 25-jähriger Neonazi aus Göttingen sollen die Täter dabei aufgeheizt und angestachelt haben. In dem Zug befanden sich rund 60 Personen, die auf dem Weg zu einer Demonstration gegen einen NPD-Aufmarsch in Rostock waren. Die NPD sprach anschließend von Notwehr.

Von Kai Budler für NPD-BLOG.INFO

In den Zeugenaussagen am 29. Januar 2010 hieß es, Grewe sei bei dem Gewaltexzess in der S-Bahn und auf dem Bahnsteig in Pölchow beteiligt gewesen. Dabei habe er sowohl umstehenden Neonazis Anweisungen gegeben als auch selbst zugeschlagen. Eine 20-jährige Architekturstudentin sprach vor Gericht von einer „Horde jugendlicher Männer“, die auf dem Bahnhof Pölchow den Waggon gestürmt habe. An der Spitze der Gruppe habe sich Grewe befunden, der sich mit seinem Äußeren und seiner Kleidung deutlich von den anderen Angreifern abgehoben habe.

„Wir waren der Willkür der Rechten schutzlos ausgeliefert“

Mit anderen Fahrgästen habe sie versucht eine mitreisende Frau zu schützen, deren etwa drei Jahre altes Kind von umher fliegenden Glassplittern verletzt worden war. Unter Rufen wie „Haltet eure dreckigen Schandmäuler!“ habe Grewe einer vor ihr stehenden Frau so heftig in den Bauch getreten, dass diese gegen sie gesackt sei. Durch die Wucht sei die Studentin fast nach hinten umgerissen worden. Auch Jugendliche, die reglos am Boden lagen, seien das Opfer von Tritten und Schlägen geworden. Als sie aus dem Zug heraus gekommen waren, seien gegen einen angrenzenden Zaun geschubst, beleidigt und von den Neonazis gefilmt worden. Bis zum Eintreffen der Polizei seien die Opfer auf dem Bahnsteig völlig schutzlos der Willkür der Rechtsextremen ausgeliefert gewesen. Doch die eintreffenden Beamten drängten sie in den verwüsteten Waggon zurück und zwangen sie nach Rostock weiter zu fahren. Dort angekommen, seien die alternativen Jugendlichen und jungen Erwachsenen von der Polizei gefilmt und fotografiert worden, sagte die 20-jährige.

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„Die Nazis waren nicht wahnsinnig, sondern wussten was sie tun“

Auch ein 39 Jahre alter gelernter Gärtner erinnerte sich als Zeuge an Grewes Funktion als Organisator in der tumultähnlichen Situation. Er habe seinen Begleitern Befehle erteilt, die dann befolgt wurden. Die Neonazis richteten sich offenbar nach den Anweisungen des 41-jährigen, der nach den Aussagen des Zeugen seinem bereits im Zug „verdoschenen“ Begleiter mehrmals ins Gesicht geschlagen und in den Bauch getreten habe. Auch am Boden sei er weiter getreten worden. „Die Nazis waren Herren der Lage und haben die Situation genossen“, sagte der Zeuge. Dem voraus gegangen war offenbar das Herausdrängen von mehreren Neonazis aus dem Waggon, in den die etwa 60-köpfige Gruppe eingestiegen war. Vorwürfen, die Rechtsextremen seien dabei angespuckt und geschlagen worden, widersprach der 39-jährige. Die „unspektakuläre Situation“ des Rauswurfs habe ihn vielmehr an einen vor Jahren gezeigten Kinospot erinnert, in dem mit der Darstellung einer ähnlichen Situation zur Zivilcourage gegen Rechtsextremismus aufgerufen worden war. Der gelernte Gärtner wies den Vorwurf eines Anwalts der Angeklagten zurück, erst der Rauswurf habe zu dem anschließenden „Konflikt“ geführt.

Prozessgruppe kritisiert „Beeinflussung der Zeugen“

Für eine Überraschung sorgten am dritten Prozesstag zwei Neonazis, die als Entlastungszeugen Grewes Angaben erwartungsgemäß stützten, nach denen der Vorfall ein „Angriff von Antifas“ gewesen sein soll. In der Aussage eines 20-jährigen Auszubildenden stellte sich dabei heraus, dass sich beide Zeugen kurz nach dem Prozessauftakt mit Sven Rathjens, dem Anwalt des Neonazis aus Göttingen, getroffen hatten. Es sei darum gegangen, durchzusprechen, „was wir aussagen können“, erklärte der Azubi. Zu dem Treffen eingeladen hatte der Mitarbeiter der NPD-Fraktion im Schweriner Schloss, David Petereit. Auch die Anfrage, ob man als Zeuge vor Gericht aussagen könne, stammte von dem führenden Aktivisten der Kameradschaftsszene in Mecklenburg-Vorpommern. Vor dem Treffen habe Petereit ihn außerdem die Anklageschrift gegen Grewe lesen lassen. Rathjens bestätigte das Gespräch in seiner Kanzlei, dementierte aber mögliche Absprachen im Vorfeld. Die „Prozessgruppe Pölchow“ kritisierte das Vorgehen als Beeinflussung der beiden Zeugen. Mit „unredliche Methoden“ werde versucht, „die Aussagen der Zeugen den Schutzbehauptungen der Angreifer anzupassen“. Damit sei nun auch die von Grewe präsentierte Version unglaubwürdig geworden.

Große Zweifel an Grewes Darstellung hegen auch die Anwälte der vier Nebenkläger in dem Prozess und thematisierten das damalige Angebot der NPD, der Polizei die im Juni 2007 gemachten Bildaufnahmen als Beweise zu übergeben. Weil die angekündigten Videoaufnahmen aber bislang noch nicht eingereicht wurden, beantragte Anwältin Rita Belter die Auswertung von DV-Kassetten, die bei dem führenden Neonazi der Kameradschaftsszene in Ludwigshafen, Matthias Herrmann, gefunden worden waren. Dessen Erscheinungsbild passe auf die Beschreibung des in Pölchow anwesenden Neonazis, der die gesamte Situation in fast schon professioneller Weise aufgezeichnet haben soll. Aus diesem Grund sollen die bei Herrmann beschlagnahmten Aufnahmen wiederhergestellt und ausgewertet werden, forderte Belter. Man dürfe „angesichts der Schwere der Tat nichts unversucht lassen, um zur Aufklärung beizutragen.

Siehe auch: Prozess gegen NPD-Funktionär in Rostock, Tapfere Notwehr? Prozess gegen NPD-Fraktionsmitarbeiter, “Endstation Pölchow” – Anklage gegen NPD-Funktionär Grewe, Ein Jahr nach Angriff in Pölchow – noch keine Anklage, MVP: Polizei kennt NPD-Landesvorstand nicht, MVP: Tapfere ‘Notwehr’ der NPD gegen ‘linke Terroristen’?!?, Verletzte bei Nazi-Übergriffen vor NPD-Aufmarsch

5 thoughts on “Albtraum Pölchow: Den Nazis schutzlos ausgeliefert

  1. danke für diesen wichtigen Artikel!

    über den Prozess wird viel zu wenig berichtet obwohl bereits die Vorermittlungen der Polizei mehr als skandalös waren!

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