„Zähne zusammenbeißen und auf die Machtübernahme warten“

Erst NPD-Mitglied, dann aktiv bei der Neuen Rechten: Florian Röpke hat „das Gefühl, mal wirklich Mist gebaut zu haben“. Heute betreibt er ein Blog (The Wanderer), in dem er den „Rechten aufs Maul schaut“. Im Gespräch mit NPD-BLOG.INFO berichtet der 28-Jährige über seine Zeit bei der NPD sowie  seinen Erfahrungen mit dem neurechten „Institut für Staatspolitik“.

Der Einstieg in die Szene war typisch, er sei „hineingerutscht“, so Röpke. Ein guter Freund habe regelmäßig die „Deutsche Stimme“ gelesen und auch entsprechende Musik gehört. Die NPD-Zeitung sowie der dazu passende Rechtsrock – hauptsächlich „Sturmwehr“ – habe er „dann auch sehr gut“ gefunden. Der Freund sei bald weggezogen, aber Röpke blieb dabei. Dem Abo für die „Deutsche Stimme“ sowie den Bestellungen von Rechtsrock im Netz folgte innerhalb einiger Monate der Eintritt in die NPD. „Ich habe mir tatsächlich nicht viel dabei gedacht.“ Da er bereits die „Deutsche Stimme“ las und die entsprechende Musik hörte, sei die Mitgliedschaft nur ein kleiner Schritt gewesen. Zudem habe er gesellschaftliche Ausgrenzung als Bestätigung des eigenen Denkens und Handelns“ erlebt:

„Freunde wollen mit einem nicht mehr viel zu tun haben, man lernt neue Leute kennen, da setzt sich ein Kreislauf in Gang, der einfach stattfindet, man hat nicht das Gefühl dies bewusst zu steuern. Oder mal etwas konkreter: Man bestellt bei der NPD Informationsmaterial, kreuzt an, dass man sich für eine Mitgliedschaft interessiert. Dann bekommt man seine Materialien, es wird Kontakt aufgenommen. Ich bin dann blauäugig direkt eingetreten und kurz darauf ist man auf Mitgliederversammlungen des Unterbezirks etc. Dann steht der Wahlkampf an, man hilft, kümmert sich um das Kleben von Plakaten, besucht Stammtische, ist entsprechend im Internet unterwegs, da kommt einiges zusammen, irgendwann ist man dann quasi Hauptberuflich Rechts.“

Das gemeinsame Ziel, regional etwas auf die Beine zu stellen, „schweißt zusammen“, betont Röpke. Er engagiert sich bei der NPD in Wolfenbüttel, deren harter Kern im Jahr 2006 nur aus drei bis vier Personen bestanden habe. Man musste sich laut Röpke zwar „in die Strukturen ein- und sicherlich auch unterordnen, konnten aber ansonsten sehr frei selbst bestimmen, was wir für wichtig hielten“. Das Menschenbild der Ungleichwertigkeit sei zunächst unter den Teppich gekehrt worden. „Natürlich waren wir alle der Meinung, etwas Besseres zu sein, wir haben das aber nicht so nach außen getragen, wir wollten kommunal Fuß fassen und politisch etwas erreichen“, fasst Röpke zusammen. Daher hieß es für die Kameraden: „Zähne zusammenbeißen und auf die Machtübernahme warten.“ Der Weg dorthin erscheint aber lang, denn in der Kleinstadt kenne jeder jeden und da könne „es dann auch mal Thema sein, wenn ein Kamerad sich am Bahnhof einen Döner gekauft hatte und er dabei gesehen wurde“.

Die Extraportion Kreide aus Sachsen

Trotz solcher Absurditäten macht Röpke im Jahr 2006 Wahlkampf für die NPD. Natürlich werde bei der NPD versucht, nach außen seriös und „wählbar“ zu wirken, bestätigt er. „Man gibt sich bewusst zukunftsorientiert. Intern lebt man dann doch eher in der Vergangenheit. Kriegsschuld, Oder-Neiße-Grenze, generell, was alles nicht schlecht war damals.“ Die Wahl sei relativ erfolgreich verlaufen, die NPD holte einen Sitz im Kreistag. „Das ist dann eine Art Arbeitsgrundlage“, sagt Röpke. „Und so unterscheiden sich dann auch die Ziele der NPDler, die ich so getroffen habe. Die einen wollten die Parlamente erobern, also von unten nach oben, anderen ging es generell um „die Rettung Deutschlands“, was sich auch immer im konkreten Fall darunter verstehen lässt. Das Hauptaugenmerk ist unterschiedlich: Ausländer, die raus müssen, Juden, deren Einfluss gebrochen werden muss, Linke, die in ihre Schranken verwiesen werden müssen.“

Glauben die NPD-Mitglieder eigentlich das, was sie von sich geben? „Einiges ist sicherlich pures Wunschdenken und Flucht vor Realitäten“, meint Röpke. Doch die Mehrheit der NPDler sei von der Richtigkeit ihrer Aussagen „vollkommen überzeugt. Die oberen Funktionäre seien

„zwar durchaus als intellektuell zu bezeichnen und sicherlich auch Teile der Basis, die breite Menge der Mitglieder, bzw. des Umfeldes, entspricht aber durchaus den gängigen Vorurteilen. Da darf man sich nicht täuschen lassen, wenn mal einer brav seinen Argumentbaukasten auswendig gelernt hat oder fehlerfrei die Quintessenz eines „Deutsche-Stimme“-Artikels vortragen kann.“

Daher werde sich auch nicht viel ändern in der NPD, selbst wenn die Strategen den „Sächsischen Weg“ vorantreiben, glaubt Röpke. „Es bleiben ja die gleichen Leute mit den gleichen Vorstellungen. Es geht doch nur um ein Konzept, wie man bei Wahlen wieder besser abschneiden kann.“ Daher sei der „Sächsische Weg doch nur die Bestellung einer Extraportion Kreide, die man seinen Leuten zu fressen gibt, damit sie in der Öffentlichkeit einen wählbaren Eindruck machen“.

Hintergrund: Sächsische NPD feiert “Erfolg für sächsischen Weg”

Es handele sich aber weiterhin um eine „sehr primitive Weltanschauung“. Die politischen Gegner würden als „durchtrieben, verkommen und minderwertig“ verachtet. Doch obwohl sich die NPD-Kader dem einzelnen Gegner gegenüber überlegen fühlten, seien diese in der Überzahl und verfügten über „gleichgeschalteten Medien“ und eine „linke Meinungsdiktatur“. Nur mit Verschwörungstheorien kann also die eigene Erfolglosigkeit erklärt werden.

Entradikalisierung

Relativ schnell sei das Weltbild ins Wanken geraten, berichtet Röpke, da es nicht mit der erlebten Realität übereinstimmte. „Ich bin von vielen Punkten abgerückt, Entradikalisierung würde ich das nennen“, so Röpke. Er habe „sehr extrem und radikal angefangen“ und habe mit der Zeit immer kleinere Brötchen gebacken. „Gerade aus meiner jetzigen Perspektive habe ich wieder dieses Gefühl, mal wirklich Mist gebaut zu haben.“

Nach etwa einem Jahr war wieder Schluss bei der NPD. Er habe sich dann der „Neuen Rechten zugehörig gefühlt, zudem ein entsprechendes Blog betrieben. Im September 2007 war er dann bei der 8. Sommerakademie des „Institut für Staatspolitik“ (IfS) dabei. Was sind aus Röpkes Erfahrung heraus die Hauptthemen der Neuen Rechten? Er antwortet erst einmal pauschal: „Deutschland“. Dazu kommen die Unterthemen: 1) „Der Deutsche als Opfer“ 2) Linker Zeitgeist 3) Dekadenz (Kulturpessimismus). Inzwischen ist man auch auf den „Anti-Islamisierungs-Zug“ aufgesprungen, also 4) Landnahme und Überfremdung. Ziel des IfS sei ein Reemtsma Institut von Rechts, so sei es von Karlheinz Weißman, Mitbegründer des Instituts für Staatspolitik, auch direkt gesagt worden, berichtet Röpke.

„Da ist also zum einen der große Bereich der Gegenöffentlichkeit und zum anderen der Versuch seine Leute in Stellung zu bringen. Gegenöffentlichkeit meint rechte Bildungsarbeit und ein Gegengewicht zur wahrgenommenen linken Meinungsführerschaft. Die Wirkungsweise ist auf den vorpolitischen Raum (Metapolitik) beschränkt, man unterstützt keine Partei, zumindest nicht direkt. So entsteht ein neurechtes Milieu, welches versucht Begriffe zu setzen und eigene Wahrnehmungen in den öffentlichen Raum zu projizieren. Die eigenen Leute werden in Stellung gebracht und sollen versuchen in ihren Bereichen zu wirken. Man könnte das vielleicht in abgeschwächter Form mit dem so genannten „Marsch durch die Institutionen“ der 68er vergleichen. Wobei man ähnliche Erfolgsaussichten bei sich selbst so nicht sieht. Man geht davon aus, dass die linken Meinungsführer so etwas nicht zulassen werden, sie also am eigenen Beispiel gelernt haben.“

Dennoch sei besonders das IfS eine gute Basis für die „Neue Rechte“, hier „werden Akademien abgehalten, Studien erarbeitet und die Sezession veröffentlicht“, so Röpke. Dann sei da der Verlag Edition Antaios, der gut zu laufen scheine. Es sei nicht zu unterschätzen, dass die Akteure somit „unabhängig wirken und auch veröffentlichen“ können. Ebenso sollten die Online-Angebote der „Neuen Rechten“ nicht unterschätzt werden, so Röpke weiter, also die Blaue Narzisse und Sezession im Netz, sowie viele kleinere Projekte, die aber alle diesem Milieu zuzuordnen seien. Über das Internet finde der größte Teil der so genannten „Gegenöffentlichkeit“ statt und man erreiche die meisten Menschen.

Neu für die „Neue Rechte“ sei der Aktionismus in Form „konservativ-subversiver Aktionen“. Nach dem von Götz Kubitschek postulierten Prinzip der Provokation solle der Feind gestört werden. Es werde „damit natürlich auch versucht mediale Aufmerksamkeit zu erlangen. Im Idealfall wird es „Nachahmer“ geben und sich so eine Dynamik in Gang setzen, aber davon ist man wohl noch weit entfernt.“ Röpke zeigt sich überzeugt davon, dass es sich bei „Kubitschek und Kollegen um absolute Überzeugungstäter“ handelt. Dies sei „Stärke und Schwäche zugleich. Man kann andere Menschen nur wirklich überzeugen, wenn man selbst an seine Sache glaubt. Allerdings macht diese absolute Überzeugung auch blind für eigene Fehleinschätzungen.“ Zudem stellt Röpke eine große konzeptionelle Schwäche bei der Neuen Rechten fest.

„Man steht dort nämlich, auch wenn das niemand zugibt oder gar das Gegenteil behauptet wird, unter Druck. Wer immer nur meckert, bzw. überall nur Dekadenz und linke Meinungsführerschaft sieht, der muss natürlich irgendwann ein Gegenangebot machen. Und dies auch greifbar und nicht in intellektuellen Eiertänzen versteckt. Und diese Gegenangebote fehlen bislang fast völlig, zumindest sehe ich keine echten Alternativen, die die „Neue Rechte“ anzubieten hätte.“

Dennoch sei Röpke zunächst fasziniert gewesen: „Das Elitäre und der hohe Anspruch, ja auch die Arroganz gegenüber dem politischen Gegner.“ Abgeschreckt habe ihn dann die Radikalisierung. „Ich wollte mit der NPD und deren Umfeld nichts mehr zu tun haben und habe das auch oft so gesagt. Damit rutscht man dann in die Kategorie derer, die Denkverbote setzen oder annehmen, bzw. sich ein Stück dem linken Zeitgeist unterwerfen. Dazu kamen dann generelle Identifikationsprobleme, also ich selbst habe mich verändert und vieles einfach neu überdacht, am Ende blieb dann nichts Rechtes mehr übrig.“ Wichtige Fragen könne eine Neue Rechte nicht beantworten, meint Röpke. Daher kam er im Jahr 2009 schließlich zu der Erkenntnis: „Die Gesellschaft, in der ich leben möchte, hat mit einer rechten Weltanschauung nichts (mehr) zu tun.“

Artikel von Florian Röpke: Leitbegriffe – “ein metapolitischer Meilenstein!”, Sezession: Stefan Scheil und die FAZ, Blaue Narzisse & Sezession: Einbildung ist auch eine Bildung, Sezession im Netz: Dümmer als gedacht, Der rot-braune Bernd oder der Versuch lustig zu sein

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