Kein NPD-Schulungszentrum in Faßberg

Eine bange halbe Stunde im Saal 114 des Amtsgerichts in Celle : Es ist genau 10.25 Uhr als das Gericht das marode Hotel namens „Landhaus Gerhus“ in Faßberg zur Versteigerung ausruft . Genau eine halbe Stunde ist jetzt Zeit für Gebote. Nach zwei Minuten kommt das erste: Eine Unternehmern aus Celle bietet rund 525.000 Euro für das 4 Hektar große Gelände in der Südheide. Danach herrscht Schweigen im Saal. “Ist unter den rund 50 Schaulustigen ein Rechtsextremist, der mit bieten könnte?“

Von Stefan Schölermann, NDR Info

Diese Frage beschäftigt vor allem einen, den Faßberger Bürgermeister, Hans-Werner Schlitte. Mehr als 15 Monate lang hatte der Verwaltungschef der 7000 Seelen Gemeinde die Hauptverantwortung bei der Abwehr einer braunen Begegnungsstätte in der Südheide getragen. Gegen Ende der halben Stunde rutscht er erkennbar nervös auf seinem Stuhl hin und her. Dann, nach genau 30 Minuten, kommt das erlösende Signal: Das erste Gebot ist das einzige geblieben. Des Bürgermeisters Miene hellt sich auf, er strahlt übers ganze Gesicht und sagt: „Damit hat der Spuk endlich ein Ende.“

Versteinerte Mienen dagegen auf der anderen Seite des Gerichtssaals. Hier sitzt die Erbengemeinschaft, der das marode Hotel bis gestern gehört hat. Sie hat sich bei dem von ihr selbst inszenierten Pokerspiel mit dem im Oktober verstorbenen Rechtsextremisten Jürgen Rieger gründlich verzockt. Denn der Versuch, so den Preis hochzutreiben, endete für die Erben mit einem finanziellen Desaster: Nur rund 100 000 Euro bleiben der Familie von dem Versteigerungserlös, mit dem Rest werden die Bankschulden getilgt. Hätte die Familie sich nicht mit dem Neonazi eingelassen, wäre ihr Erlös noch im Sommer dieses Jahres viermal so hoch gewesen. Betreten schweigend räumen sie das Feld. Am Ausgang des Gerichts wurden sie laut ausgelacht von Faßbergern, die sich hier zu einer Mahnwache gegen Rechtsextremismus in ihrer Region versammelt hatten. Mehr als ein Jahr lang hatten die Faßberger Sorge, dass tatsächlich ein braunes Begegnungszentrum bei ihnen in der Südheide entstehen könnte.

Auf dem Hotelgelände soll in Zukunft eine Pflegeeinrichtung für seelisch erkrankte Menschen entstehen. Betreiberin ist eine Firma aus Celle, die mehrere solcher Einrichtungen mit rund 300 Betten in ganz Niedersachsen betreibt, Für den Regionsvorsitzenden des DGB- Ostniedersachsen , Hartwig Erb, ist der Kampf gegen Rechtsextremismus damit aber noch lange nicht zu Ende, denn am kommenden Wochenende werden rund 200 Neonazis aus ganz Norddeutschland im Faßberger Nachbarort Eschede zur „Wintersonnenwende“ erwartet. „Da werden wir wieder mit unserer Mahnwache stehen“, sagt Erb und fügt hinzu: „Es wäre schön, wenn Faßbergs Bürgermeister dann auch wieder dabei ist.“

Siehe auch: Nach Riegers Tod: Weiter Unruhe in Faßberg, Hunderte Neonazis bei NPD-Trauermarsch für Rieger, Kein Neonazi-Schulungszentrum in Faßberg, Faßberg: Spontane Proteste gegen Neonazi-Zentrum, Faßberg: NPD-Funktionär Rieger kann auf Versteigerung hoffen, Neonazi-Hotel kann geräumt werden / Razzia nach erneutem Schuss, Braunes Schulungszentrum in Faßberg: Etappensieg für NPD-Vize Rieger, Neonazis wollen JN in Niedersachsen reaktivieren, Neonazi-Schulungszentrum: Faßberg will Landhaus erwerben, Faßberg: Einsatz im Immobilienpoker wird erhöht, “Als Haus wärst du `ne Hütte”: Neonazis bieten, Gemeinden zahlen, Über die Anziehungskraft von Bruchbuden auf Neonazis

One thought on “Kein NPD-Schulungszentrum in Faßberg

Comments are closed.