Faßberg: Endgültiges Aus für das braune Zentrum?

Im Saal 144 des Amtsgerichts Celle wird am 16. Dezember 2009 ein Mann vor Aufregung feuchte Hände haben: Faßbergs Bürgermeister Hans-Werner Schlitte. Denn ab 10 Uhr wird in einer Zwangsversteigerung darüber entschieden, ob in der 7000-Seelen-Gemeinde in der Südheide ein rechtsextremes Begegnungszentrum entstehen wird, das die Region in Verruf bringen könnte.

Von Stefan Schölermann, NDR Info

Es geht um das marode Hotel namens „Landhaus Gerhus“, das seit Jahren leer steht und nach dem der im Oktober verstorbene Rechtsextremist Jürgen Rieger aus Hamburg seine Fühler ausgestreckt hatte. Vor mehr als einem Jahr hatte Rieger rund 100.000 Euro hinterlegt, um das Haus für seine Zwecke erwerben zu können. Das Geld ist mittlerweile zurückgezahlt worden Die Angelegenheit gilt seitdem in Niedersachsens Landesregierung als Chefsache. Nach Informationen von NDR Info hatte sich vor wenigen Monaten sogar Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) in die Bemühungen eingeschaltet, einen solchen braunen Schandfleck in der Südheide zu verhindern. Im Innenministerium ist ein ganzer Stab von Mitarbeitern damit beschäftigt.

Es sieht so aus, als wenn diese Bemühungen heute Erfolg haben werden, denn offenkundig gibt es nach Riegers Tod niemanden in der braunen Szene, der das erforderliche Kapital von rund 500.000 Euro in der Zwangsversteigerung auf den Tisch legen könnte . Zwar hatte der Hamburger Rechtsextremist Christian Worch vor wenigen Wochen für Verunsicherung gesorgt, als er öffentlichkeitswirksam die Angebotsunterlagen beim Gericht einforderte und damit ein ernsthaftes Interesse der rechten Szene an dem Objekt zum Ausdruck brachte. Doch Worchs Kompagnon, der in Schweden lebende, deutschstämmige Millionär Patrik Brinkmann, hat sich nach Informationen von NDRInfo mittlerweile von dem Plan distanziert, das Hotel in der Südheide zu erwerben. “Wir haben derzeit keine Informationen, dass sich nach dem Tod von Jürgen Rieger ein anderer Rechtsextremist an der Zwangsversteigerung beteiligen könnte“, sagt die Sprecherin des niedersächsischen Landesamtes für Verfassungsschutz, Maren Brandenburger. Sie spricht von einem „geringen Restrisiko, dass doch noch einer am Versteigerungstag auftauchen könnte“.

Die Zwangsversteigerung wird von großen öffentlichem Interesse begleitet sein. Vor dem Amtsgericht haben DGB, evangelische Kirche und besorgte Bürger zu Mahnwachen gegen Rechtsextremismus aufgerufen. Gerechnet wird mit bis zu 300 Teilnehmern. Weil befürchtet wird, dass auch Neonazis sich einfinden könnten, wird auch die Polizei vor Ort sein. Zu den Initiatoren der Mahnwache gehört auch die Faßbergerin Anna K. Jander. Sie hatte im August schon einmal zu Mahnwachen vor dem maroden Hotel aufgerufen, nachdem Rechtsextremisten das Haus widerrechtlich besetzt hatten. Das brachte Faßberg bundesweit in die Schlagzeilen. Faßbergs Bürgermeister fühlt sich in seinem Abwehrkampf gegen das braune Zentrum durch diese Mahnwachen unterstützt. Wenn alles so läuft, wie er hofft, wird aus dem maroden Hotel keine braune Begegnungsstätte, sondern eine soziale Einrichtung. Trotzdem wird er heute „ mit gemischten Gefühlen“ im Gerichtsaal sitzen.

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