Sobibor 1943: Aufstand in der Hölle

Im Oktober 1943 wagten Häftlinge die Flucht aus dem NS-Vernichtungslager Sobibor – nur wenige von ihnen überleben. Im blick nach rechts 21/2008 berichtet Heiner Lichtenstein über den Aufstand in der Hölle. Der bnr kann hier aboniert werden.

„Der 14. Oktober (1943) war ein warmer, sonniger Tag und nichts unterbrach die gewohnte Routine. Nur eine sehr kleine Gruppe wusste, was für ein schicksalhafter Tag ihnen bevorstand.“ So beginnt das Kapitel „Der Aufstand“ in Thomas Blatts Erinnerungen „Sobibor“, das 2004 im UNRAST- Verlag Hamburg/Münster erschienen ist. Der etwa 250 Seiten umfassende Band erzählt die Geschichte des NS-Vernichtungslagers Sobibor im Südosten Polens. Es ist ein eindrucksvolles, anschaulich geschriebenes Buch über ein Vernichtungslager, in denen die Nationalsozialisten Millionen Menschen ermordet haben – allein in Sobibor 250 000. Die anderen Vernichtungslager waren Belzec südlich von Sobibor und Chelmno in Zentralpolen. Auschwitz, Majdanek und Treblinka waren beides: Arbeits- und Vernichtungslager.

Blatt schreibt in einer Art von Nachwort zum Aufstand: „Ich habe Sobibor auf Grund dieses Aufstandes überlebt und habe seitdem immer das Gefühl gehabt, dass seine Geschichte und die von Sobibor als Ganzes erzählt werden muss.“ Im Gegensatz zu Auschwitz oder Majdanek ist Sobibor bis heute wenig bekannt.

Nach der deutschen Niederlage bei Stalingrad im Frühjahr 1943 war der deutschen Führung klar, dass der Krieg gegen die UdSSR verloren war. Die Wehrmacht befand sich auf der gesamten Ostfront auf dem Rückzug. Damit wuchs in den Konzentrations- und Vernichtungslagern die Gefahr, von Partisanen überfallen zu werden. In Sobibor ließ die Lagerleitung deshalb im Sommer 1943 rund um das Lager einen breiten Minengürtel anlegen. Trotz dieser zusätzlichen Maßnahmen taten sich in Sobibor im Juli und August einige wenige jüdische Gefangene zusammen, um über einen großen Ausbruch zu beraten. Den Vorsitz übernahm Leon Feldhendler, der ehemalige Vorsitzende des Judenrats in Zodkiew, einer Stadt in Ostgalizien. Wegen des schnellen Vorrückens der Roten Armee verlegten Wehrmacht und SS mehr und mehr sowjetische Kriegsgefangene nach Westen, so von Minsk nach Sobibor. Damit kamen erfahrene Offiziere ins Lager. Zu ihnen gehörte Leutnant Alexander Petscherski. Ihm übertrug die Widerstandsgruppe die Leitung, Feldhendler wurde sein Stellvertreter. Man beschloss, in die Waffenkammer der SS einzudringen, sich zu bewaffnen, möglichst viele SS-Leute zu töten und in die Wälder rund um Sobibor zu fliehen. Dort hoffte man, auf sowjetische Partisanenverbände zu treffen.

Am späten Nachmittag des 14. Oktober 1943 – also vor 65 Jahren – begann der Aufstand. Während eine Gruppe versuchte, in die Waffenkammer zu kommen, wollte die zweite, größere Gruppe mit Äxten und Spaten den elektrisch geladenen Stacheldraht durchbrechen. Beides gelang, etwa 300 Häftlinge rannten in die Freiheit, die sie freilich nur kurze Zeit genießen konnten. Die anderen wurden gefangen und ermordet, etwa 50 erlebten das Ende des Krieges. Thomas Blatt erinnert sich: „Ich hatte erst den halben Weg durch den Zaun geschafft, als er zusammenbrach und mit dem gesamten Gewicht so vieler Menschen auf mich niederstürzte … Ich bemühte mich frei zu kommen, doch durch das Getrampel (der anderen Flüchtenden) hatte sich der Stacheldraht in meinem dicken Mantel verfangen, so dass ich nicht weg konnte … Plötzlich schoss mir eine Idee durch den Kopf: Ich schlüpfte einfach unter dem Mantel hervor und ließ ihn dort hängen.“

Angesichts der neuen Lage befahl das Reichssicherheitshauptamt in Berlin, das Lager aufzulösen. Alle Gebäude und Zäune wurden abgerissen, die Gaskammern gesprengt, das Gelände in einen Bauernhof verwandelt. Ein Mitglied der Lagerwache übernahm die Bewirtschaftung. Als sowjetische Truppen im Sommer 1944 die Gegend erreichten, gab es keine Spuren mehr von den Massenmorden. Alles machte einen friedlichen Eindruck. Nach der Befreiung Europas von der NS-Herrschaft im Mai 1945 dauerte es 20 Jahre, ehe die deutsche Justiz einige der Sobibor-Schergen auf die Anklagebank brachte. Vom 6. September bis zum 20. Dezember 1965 verhandelte das Schwurgericht Hagen gegen elf Wachleute von Sobibor. Einer nahm sich während der Hauptverhandlung das Leben, einer bekam lebenslang, fünf Angeklagte erhielten Haftstrafen zwischen drei und acht Jahren, vier wurden freigesprochen. Auf dem Lagergelände erinnert ein Mahnmal an jene schreckliche Zeit.

Siehe auch: Berlin: Neues Video-Archiv in Holocaust-Gedenkstätte, Gedenkstättenkonzept: Neue Qualität für Erinnerungskultur , Auschwitz – das präzedenzlose Verbrechen.