Prozess gegen „Trawniki“ – für Deutschlands Ansehen?

Der Prozess gegen John Demjanjuk ist nach Ansicht des Rechtsausschussvorsitzenden im Bundestag, Siegfried Kauder (CDU), ein „Prüfstein für das weltweite Ansehen Deutschlands“. Die ganze Welt werde auf diesen Prozess ein Augenmerk richten und genau kontrollieren, wie Deutschland mit solchen Thematiken umgehe, sagte Kauder im SWR. Er finde es „gut, dass Deutschland sich entschieden hat, diesen Mann vor einem deutschen Gericht zur Verantwortung zu ziehen“.

Nun war es nicht „Deutschland“, welches sich für diesen Prozess entschieden hat; diese juristische Einheit gibt es nicht. Zudem stellt sich um so mehr die Frage, warum nicht die Ausbilder der SS sowie die Hintermänner an den Schreibtischen härter rangenommen wurden.

Linktipp: Holocaust-Referenz

Michel Friedman sagte in München der Nachrichtenagentur ddp, es sei „richtig und
wichtig, dass dieser Prozess stattfindet. Aber es ist nicht richtig, dass deutsche Schreibtischtäter nicht verurteilt oder freigesprochen wurden.“ Er verwies auf die Vorbildfunktion des Prozesses: „Man muss den Anfängen wehren. In Deutschland gibt es viele Zeichen, dass diese Anfänge wieder überschritten sind. Dieser Prozess soll zeigen, wohin das führt.“

Tatsächlich wird das Thema NS-Verbrechen damit abseits der alljährlichen Gedenktage wieder einmal in der Öffentlichkeit groß thematisiert. Die Täter bekommen ein Gesicht, genau wie die Opfer. Nachfahren von Holocaust-Opfern reisten nach München und zeigten Fotos von den ermordeten Häftlingen.

Auf tagesschau.de gibt es einen lesenswerten Hintergrund zu dem Vernichtungslager Sobibor zu lesen. Darin wird Thomasz Blatt zitiert, der als einer von wenigen die Hölle von Sobibor überlebt hat. Er sagt, Demjanjuk müsse vor Gericht die Wahrheit sagen. Es geht dem Sobibor-Überlebenden dabei weniger um eine Verurteilung des 89-jährigen Angeklagten, sondern darum, die Holocaust-Leugner zum Schweigen zu bringen. Blatt, der im Lager ein halbes Jahr lang zur Arbeit gezwungen wurde und dessen Familie dort vergast wurde, kann über Demjanjuk konkret nichts sagen. Er sei ihm bewusst nie begegnet. Aber dass er ein Trawniki gewesen sei, sage genug über ihn aus, so der Zeitzeuge. In seiner Erinnerung waren sie alle brutal und skrupellos.

Lesetipp: Sobibor 1943: Aufstand in der Hölle

Die Verhandlung begann nach Medienberichten unter chaotischen Bedingungen, Beobachter und Journalisten lieferten sich ein Handgemenge um die wenigen Plätze.

Siehe auch: Bahn soll erhobene Gebühren an den “Zug der Erinnerung” spenden, Bauzeichnungen von Auschwitz: “Ausdruck einer von Menschen kreierten Unmenschlichkeit”, Täterforschung im globalen Kontext: Blick auf moralische Umformatierung richten, Die NPD und der Holocaust: Relativieren statt leugnen,

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