Kulturkampf in der NPD-Fraktion

Im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern ist am 18. November 2009 über den Antrag der Fraktionen von CDU und SPD über „Gewaltverherrlichende Mixed Martial Arts-Veranstaltungen“ beraten worden. Die Fraktionen fordern, solche Veranstaltungen zu untersagen, da „unter dem Deckmantel des Sports extremste Gewalt verherrlicht“ werde (hier der Antrag der CDU und SPD dazu). Weiter heißt es darin, im „Mittelpunkt der kommerziellen Wettkampfveranstaltungen in den USA steht die Inszenierung brutalster Gewalt. Dies können und dürfen wir in Deutschland nicht gesellschaftsfähig werden lassen.“ Jeder kann sich auf Basis zahlreicher Videos selbst einen Eindruck davon verschaffen, was hinter diesem Kampfsport steckt, allerdings ist Boxen beispielsweise auch nicht ganz ungewalttätig.

Verbaler Schlagabtausch zwischen Müller und Pastörs

Interessanter als der Antrag ist aber die Reaktion der NPD-Fraktion, die dem SPD-Projekt Endstation Rechts zufolge in dieser Frage recht uneinig war. Während Tino Müller demnach von den Kampfveranstaltungen geradezu schwärmte, kritisierte Fraktionschef Udo Pastörs fehlende „Ritterlichkeit“ und machte eine Ästhetik aus, die „nicht in unseren Kulturkreis“ gehöre.

Wie in der extremen Rechten sehr beliebt, führte auch Müller bei seiner Verteidigungsrede für den Kampfsport einen ziemlich sinnfreien Vergleich an. „Schwule und Lesben“, führte der NPD-Abgeordnete laut ER zu Beginn seines Redebeitrages aus, „erfreuen sich einer großen Akzeptanz in der Politik. Dies geht soweit, dass heute Schwule schon Bürgermeister oder Außenminister sind.“ Dennoch würde niemand auf die Idee kommen, „Schwulenparaden“ zu verbieten, obwohl diese Müller zufolge „jugendgefährdend und geschmacklos“ seien. Genauso würde es sich mit „Hip-Hop-Konzerten“ verhalten, die von einer „multikulturellen Subkultur“ veranstaltet würden. Auch „Punk-Konzerte“ nannte Müller den Bericht zufolge als „krankhafte Auswüchse unserer Zeit“. Mixed-Martial-Arts sei hingegen „eine Disziplin, die vom Zeitgeist losgelöst“ sei, so Müller. Hier gäbe es „klare Regeln, an die sich die Sportler“ halten müssten. Das Trainig fordere „Disziplin und Manneszucht“, so Müller laut ER weiter.“ Abschließend wandte sich Müller, offenbar im Glashaus mit Steinen werfend, an die Abgeordneten und bat, dass – wenn sie etwas nicht verstünden – dies doch nicht immer gleich „schlecht reden“ müssten.

Alles wird immer schlechter…

Udo Pastörs stellte sich laut ER an das Podium, um eine Erklärung zu seiner Nichtteilnahme an der Abstimmung abzugeben. „Ich persönlich“, erklärte Pastörs demnach, „halte dieses Mixed-Material-Arts-Geschäft für widerlich, unästhetisch, unkultiviert, primitiv“. Diese Kämpfe seien etwas, „was nicht in unseren Kulturkreis hineinpasse“. Und dann packt Pastörs noch den Kulturpessimisten aus: „Wir haben im Bereich des gesamten Sportes mittlerweile in keinster Weise mehr Ritterlichkeit.“

Das Thema deutsche Kultur und was dazu gehört, ist für die Neonazis ein schwieriges. Denn wie kann man ernsthaft von 1000-jähriger deutscher Kultur schwadronieren – und gleichzeitig im NPD-Warenhaus Rechtsrock anbieten, der in seinen Wurzeln aber so etwas von „undeutsch“ ist? Auch die Klamotten und Stile der jungen Neonazis haben wenig mit deutscher Tradition zu tun, ohnehin lässt sich überhaupt nicht definieren, was denn alles deutsch ist – und was nicht.

Der Migrationsforscher Klaus Bade meinte dazu, die Rede von der ‚tausendjährigen deutschen Kultur’ sei

eine völkische Fiktion. Wer sie im Munde führt, sollte sich doch mal ‚zurückbeamen’ um 1.000 Jahre – er würde dann im Zeitalter der Kreuzzüge landen und sicher wenig Spuren von dem finden, was er heute unter ’deutscher Kultur’ versteht. Und auch das ‚Heilige Römische Reich deutscher Nation’, von dem seit dem 15. Jahrhundert gesprochen wurde, hat mit der im 19. Jahrhundert vor der Reichsgründung ersatzweise vielbesungenen deutschen Nation, mit dem erst 1871 geschaffenen deutschen Nationalstaat und mit dem Staatsvolk in seinen Grenzen ebenso wenig zu tun wie mit dem deutschen Volk in der Bundesrepublik Deutschland heute.

Kultur ist kein Zustand, sondern ein Prozeß. Darin findet jede Zeit ihre eigene Form. Man muß also immer genau hinsehen, was zu welcher Zeit unter ‚Kultur’, ‚deutsch’ und ‚Volk’ verstanden wurde. Die deutsche Kultur wie das deutsche Volk sind Ergebnis der verschiedensten kulturellen Einflüsse in einem Kulturaustausch, aus dem Europa als Kulturregion hervorgegangen ist. Durch Zuwanderung geprägte Zeiten hat es dabei immer wieder gegeben – und viele dieser Zeiten kannten die Angst vor der damit verbundenen Veränderung und die Idealisierung erträumter vergangener Zustände. Die aber waren in Wirklichkeit meist nur ersehnte Traumbilder im Gegenentwurf zu einer schwarz in schwarz gemalten Gegenwart und gefürchteten Zukunft. Wenn aber diese Zukunft später erlebte Gegenwart geworden war und andere Wanderungsbewegungen ins Land kamen, dann erschienen die seinerzeit beklagten, inzwischen Geschichte gewordenen Migrations- und Integrationsprobleme oft in harmonischen Farben als neue Gegenbilder zu den dann wieder als viel düsterer erlebten Migrations- und Integrationsverhältnissen. Solche Erfahrungswechsel kennen die meisten Einwanderungsländer.

Siehe auch: Klaus Bade: “Tausendjährige deutsche Kultur ist eine völkische Fiktion”

One thought on “Kulturkampf in der NPD-Fraktion

  1. Apropos NPD in MV:

    Diese wirbt für sich derzeit „Mitglied werden!“ und gibt u.a. als Begründung an:

    „Weil Wahlen nur wenig ändern können. [sic!] Wirklicher Widerstand gegen die etablierten Versagerparteien muß jeden Tag stattfinden.“

    MoMent Mal! Da behauptet also eine Partei, die sich an Wahlkampfständen allzu gern kleinbürgerlich und demokratisch gibt und im Parlament sitzt, vollen Ernstes, dass „Wahlen nur wenig ändern können“?
    Nun müsste sich der potenzielle NPD-Wähler spätestens fragen, warum er denn überhaupt und gerade die NPD wählen soll.
    Aber wir kennen ja den typischen NPD-Wähler aus seinem tausendjährigen Kulturkreis… wie er zur Zeit der Kreuzzüge mit „Odin statt Jesus“ auf dem „T-Hemd“ durch ein nicht existentes „Deutschland“ marschiert wäre….

    Und wie man sich auf den „Widerstand gegen die etablierten Versagerparteien“ in der Vorstellung der NPD vorbereitet, das haben wir dank Müller im Text jetzt auch gelernt.
    Bleibt zu fragen, wann Pastörs die regelmäßigen Gewaltausbrüche seiner Parteifreunde und Sympathisanten einmal als „widerlich, unästhetisch, unkultiviert, primitiv“ bezeichnet. Aber diese scheinen seiner Meinung nach wohl schon eher „in unseren Kulturkreis“ zu gehören. Bei einem Blick in unsere Geschichte – auch vor tausend Jahren – müstte man ihm da leider Recht geben.

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