Westerwelle, der Vaterlandsverräter

Bei den Neurechten herrscht Enttäuschung vor. Endlich ist der rote Terror der SPD im Bundeskabinett durchbrochen, endlich zumindest wieder eine bürgerliche Koalition am Ruder – und dann das: Der Streit um die Nominierung von Erika Steinbach, Nachkommin von Vertriebenen und Chef selbiger, für den Beirat der Stiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ ist noch immer nicht beigelegt, weil sich Außenminister Guido Westerwelle frecherweise quer stellt. Ausgerechnet Westerwelle. „Schwesterwelle“, scherzen besonders witzige Zeitgenossen gerne.

Lesetipp: Steinbach und die “Vorsätzlich geplante Vernichtungsaktion gegen Deutsche”

Die „Junge Freiheit“ sieht in Westerwelle wegen seiner Haltung offenbar einen Vaterlandsverräter. „Wem dient Westerwelle?, fragt die rechtsradikale Zeitung über ihrem Leitartikel. Offenbar konnte man sich in der Redaktion aber nicht so richtig darauf einigen, welche Sau nun durchs Dorf getrieben werden soll, neben Westerwelle muss die Frau an der Spitze der Regierung auch noch ihr Fett wegbekommen. Denn Merkel hat, wie die JF in der Vorwoche empört feststellte, das Existenzrecht Israels „inzwischen ernstlich zur Staatsräson Deutschlands“ erhoben – wegen des Holocaust! Also wirklich.

Kann Westerwelle überhaupt deutsche Interessen formulieren?

Daher hat die JF eine Art Zwitter-Überschrift gebaut – gegen Westerwelle, der offenbar fremden Mächten dient, sowie gegen Merkel, die den „Schuldkult“ zur Staatsräson erhoben habe. Finster geht es dann auch im Text weiter, die JF drischt zunächst voll auf Westerwelle ein: „Verbissen“ versuche der, die Nominierung Steinbachs zu verhindern, der Außenminister wolle der „CDU-Politikerin und führenden Repräsentantin der bedeutendsten Opferorganisation in Deutschland die Möglichkeiten beschneiden, sich um ihre ureigenen Aufgaben zu kümmern“. Fast schon ein Berufsverbot also. Westerwelle begründe dies mit den „deutschen Interessen“. Doch so einfach kommt er bei der JF nicht durch, denn die fragt sofort kritisch nach: „Doch ist er überhaupt in der Lage, sie zu formulieren?“ Und wer könnte das besser, objektiver und vor allem fundierter beurteilen, als die JF? Und wie es sich für solch seriösen Journalismus gehört, liefert die JF ausschließlich belastbare Fakten und Argume – zumindest fast ausschließlich:

Groß geworden im Treibhaus der Berufspolitik, hat Westerwelle nun endlich das Amt erreicht, das sein Ehrgeiz ihm als Ziel gewiesen hatte. Leider war es ihm in seiner langen Laufbahn nie gelungen, irgendeinen Befähigungsnachweis für das Ressort zu erbringen. Intelligent, wie er ist, weiß er das selbst. Die Selbstzweifel und Minderwertigkeitskomplexe, die sich daraus ergeben, teilen sich in seiner verbalen und Körpersprache mit.

Eine Schande für Deutschland, wie der Westerwelle rumschlurft. Zwar hatte die JF den FDP-Mann vor Kurzem noch ansatzweise gelobt, da er einen britischen Reporter etwas rüde aufforderte, Fragen auf Deutsch zu stellen, doch auch diese Äußerung Westerwelles war „nicht von Überzeugung getragen“, sondern nur auf Publikumswirkung berechnet, was aber nach hinten losgegangen sei. Daher wolle Westerwelle in der „Causa Steinbach“ nun „Härte und Stehvermögen“ demonstrieren und sich „außenpolitisch zu profilieren“. Ein ziemlich verwerfliches Anliegen für einen Außenminister…

Die DVU über Westerwelle:
Die Regierenden, und so auch Herr Westerwelle, vertreten viel, aber keine deutschen Interessen. Die Kanzlerin fährt nach Paris und feiert die Niederlage und damit die Opfer ihres eigenen Volkes, Westerwelle ist augenscheinlich froh, wenn die letzten Vertriebenen verschwunden sind.

Das abschließende Urteil der JF über Westerwelle, nachdem dieser genau drei Wochen im Amt ist: „Westerwelle ist seinem Amt, soviel wird man schon jetzt sagen können, weder politisch noch persönlich gewachsen.“ Immerhin kann die JF aber über die sexuelle Orientierung des Außenministers weiterhin gelegentlich kleine Witzchen machen, nach dem Motto „Coming out“ und ähnlich. Urkomisch.

Mit Westerwelle ist JF-Autor Thorsten Hinz damit erst einmal fertig, nun kommt die Kanzlerin an die Reihe. Hinz kommt noch einmal auf Merkels Teilnahme an der Gedenkfeier zum Ende des Ersten Weltkriegs am 11. November in Paris zu sprechen, denn der Dolch steckt noch immer tief: „Der historische Erkenntniswert ihrer Rede war gleich Null, und zwar nicht nur, weil jeder – auch indirekte – Hinweis auf den Vertrag von Versailles fehlte.“

Im Folgenden schreibt Hinz dann über Versöhnung im „geschichtstheologischen Sinne“, der die Forderung nach „Sühne“ assoziiere. Die Vertreibung der Deutschen sei „wie eine Umkehrung der nationalsozialistischen Lebensraumideologie“. Steinbach schlage hingegen „irrational anmutender Hass“ entgegen, dadurch würden die Nachbarn Deutschlands ermutigt, ihre „eigenen Lebenslügen und Egoismen zu pflegen und gegebenenfalls Kapital daraus zu schlagen“.

NPD-Fraktionschef Holger Apfel zum Fall Steinbach und einer Erinnerungsstätte an die Vertreibung:
„Lassen Sie uns damit ein eindrucksvolles Signal gegen die zunehmende Relativierung des Holocaust am deutschen Volk setzen“.

Um es kurz zu machen: Einmal mehr zeigt die JF besonders beim Thema Vergangenheit und „Schuldkult“, wo der Hammer hängt.

Siehe auch: Junge Freiheit: Für Schultze-Ronhof und gegen die “Shoah-Epidemie”, Gemeinsam gegen die Versöhnung: Extreme Rechte wird ewigvorgestrig, “Neue Rechte” voran: Gegen die Schmach von 1918!, Auf dem Selbstfindungstrip, “Keine Politik mehr rechts von Lenin”? Konservatismus in der Krise

6 thoughts on “Westerwelle, der Vaterlandsverräter

  1. Wer erwartet bei der Rede eines Politikers denn ernsthaft einen „historischen Erkenntnisgewinn“? Das kann doch nicht Aufgabe von Politik sein. Wenn die Ansprüche am Anlass vorbeigehen, dann kann man natürlich jedem Politiker seine Rede vorwerfen – wenn man unbedingt nach einer Möglichkeit sucht. Billiger kann eine Masche gar nicht sein.

    Also, liebe JF: Der journalistische Erkenntnisgewinn des Artikels war gleich null und zwar nicht nur, weil jeder – auch indirekte Realitätsbezug – fehlte.

    Herr Apfel hat sich hingegen wohl selbst ein Ei gelegt: „Holocaust am deutschen Volk“. Tja, was wohl im Sinne eines „Bombem-Holocaust“ gedacht war, geriet in dieser Formulierung plötzlich zur Umkehrung der NPD-Propaganda und zur historischen Wahrheit: Da viele Juden Deutsche waren, hat der Holocaust in der Tat das deutsche Volk erheblich getroffen. Und richtig, Herr Apfel, das sollte man nicht relativieren! :-)

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