Nach Riegers Tod: Weiter Unruhe in Faßberg

Nach dem Tod von Jürgen Rieger versuchen Sicherheitsbehörden das Firmen-Netzwerk des Neonazis zu überblicken. Dabei steht vor allem dessen Firma in London im Fokus. Die Neonazi-Szene versucht derweil, Riegers Wirken fortzusetzen – und so herrscht in Fassberg weiter Unruhe. Unterdessen werden Zweifel laut, ob Riegers Familie tatsächlich nichts mit der Neonazi-Szene zu tun hat.

Von Stefan Schölermann

Vier Wochen vor dem geplanten Versteigerungstermin für ein marodes 80-Betten-Hotel in der Gemeinde Faßberg im Landkreis Celle steigt in der Region die Spannung, ob Neonazis sich tatsächlich an der Versteigerung beteiligen werden, um eine braune Begegnungsstätte in der Südheide zu gründen.

Christian Worch (Quelle: Marek Peters)
Christian Worch (Quelle: Marek Peters)

Überraschend ist jetzt ein Brief des bundesweit aktiven Neonazis Christian Worch an das Amtsgericht Celle aufgetaucht. In diesem Brief erbittet Woch detaillierte Informationen über die Versteigerungsbedingungen. In dem Schreiben, das Worch mit den Worten abschließt “Für ihre Mühewaltung danke ich im voraus“, will der Neonazi vor allem wissen, ob eine fünfstellige Sicherheit für die Versteigerung zu hinterlegen ist.

Der Plan für die Neonazi- Begegnungsstätte in der Südheide stammt von dem Ende Oktober verstorbenen Hamburger Neonazi Jürgen Rieger. Zwar haben Riegers Erben inzwischen mitteilen lassen, dass sie kein Interesse an dem rund vier Hektar großen Gelände haben, doch sind die Sicherheitsbehörden nach wie vor in Alarmbereitschaft.
Zwar halten Experten das Schreiben von Worch für einen gezielten Trick, um Verunsicherung zu stiften. Dennoch haben sie Sorge, dass Angehörige der rechten Szene mit möglicherweise gefälschten Vollmachten eines der vielen Konten des verstorbenen Neonazis abgeräumt haben könnten , um beim Versteigerungstermin einen Strohmann mitbieten zu lassen . Die Chancen werden von Verfassungsschützern zwar als relativ gering eingeschätzt, dennoch will man, angesichts des möglichen Schadens für die Region durch eine braune Begegnungsstätte, alle Risiken ausschließen.

Internationale Ermittlungen

Nach Informationen von NDR Info haben die Sicherheitsbehörden inzwischen internationale Ermittlungen aufgenommen, um einen Überblick über Riegers Vermögensverhältnisse zu gewinnen. Im Zentrum der behördlichen Ermittlungen steht Riegers in London registrierte Firma Namens „Wilhelm Tieten Stiftung für Fertilisation Ltd.“ Das Kapital dieser Firma stammt aus der Erbschaft eines Bremer Altnazis. In einem NDR Info seit einem Jahr vorliegenden Testament hatte Tietjen sein Vermögen in Höhe von rund 1,2 Millionen Euro einem von Rieger mit gegründeten Verein vermacht und den Neonazi zugleich als Testamentsvollstrecker eingesetzt.
Rieger setzte Geld in den Sand.

NPD-Funktionär Jürgen Rieger (Quelle: Recherche Nord)
NPD-Funktionär Jürgen Rieger (Quelle: Recherche Nord)

Unterdessen wird immer deutlicher, dass der in rechten Kreisen als „Immobilienkenner“ gepriesene Rieger große Teile des ihm zur Verfügung gestellten Geldes für Schrottimmobilien „verbrannt“ hat. Der von Rieger für umgerechnet rund 250.000 Euro ersteigerte „Heisenhof“ im Landkreis Verden ist von der Abrissbirne bedroht und damit praktisch ohne Wert. Ähnliches gilt für das für mehr als zwei Millionen Euro von Rieger gekaufte Kino in Hameln. Das Gebäude ist so baufällig, dass die Behörden weitgehende Nutzungsbeschränkungen erlassen mussten. Dass Rieger jahrelang kein Geld für die nötigen Sanierungsarbeiten zur Verfügung stellte, lässt Sicherheitsexperten an der Ernsthaftigkeit von Riegers angeblichen Plänen für ein „Schulungszentrum“ zweifeln, denn das Gebäude in Hameln wäre dafür wie geschaffen gewesen.

Besonders bitter ist der bauliche Verfall des Kinos für die Stadt Hameln: Der imposante und denkmalgeschützte Jugendstilbau in zentraler Ortslage war unter dem Namen „Hotel Monopol“ einst ein Schmuckstück der Rattenfängerstadt, jetzt wachsen Birkenzweige aus handbreiten Rissen im Mauerwerk.

Schaden für Kommunen

Als Rattenfängerei entpuppt sich unter diesem Blickwinkel allerdings Riegers Immobilienpoker um das Hotel „ Am Park“ in Delmenhorst . Sicherheitsexperten gehen mittlerweile davon aus, dass Riegers laut verkündete Kaufabsichten reiner Bluff waren, um den Preis für den mittlerweile abgerissenen 70iger Jahre Bau in die Höhe zu treiben. Rund drei Millionen Euro konnte der Hotel-Verkäufer damals einstreichen. Große Teil dieser Summe stammten aus einer bundesweiten Spendenaktion, mit der ein „braunes Schulungszentrum“ in Delmenhorst verhindert werden sollte. Tatsächlich hat bis heute niemand einen schriftlichen Vertrag über das Schrott-Hotel gesehen. Rieger hatte immer wieder behauptet, dass er ein entsprechendes Papier in Händen halte. In der rechten Szene hatte es zuvor keinerlei Gespräche über den Betrieb eines solchen „Schulungszentrums gegeben – auch das ein Indiz für ein Pokerspiel des Hamburger Neonazis, der am Ende seinen Delmenhorster Reibach in bar eingestrichen haben dürfte.

Geld in den Sand gesetzt hat Jürgen Rieger auch beim Erwerb eines Hauses in Hummelfeld an der Schlei in Schleswig-Holstein . Immer wieder war das kleine Haus mit seinem rund 600 Quadratmeter großen Grundstück als Museum für Riegers rechte Esoteriksekten ins Gespräch gekommen. Tatsächlich ist der Bau mit Umweltgiften versucht und darf nicht benutzt werden. Das Einfamilienhaus hat nur noch Schrottwert, nachdem der frühere Bewohner die Innenräume mit heidnischen Symbolen flächendeckend bemalt hatte. Die Farbe, die er benutzte, durfte allerdings nur für den Außenanstrich verwendet werden und ist hoch toxisch. Für Riegers Erben dürften diese Immobilien in Zukunft eher Belastung als Segen sein.

Familie ohne Bezug zu Neonazi-Szene?

Dennoch können die Erben finanziell von Riegers rechten „Investitionen“ profitieren. Die sechsstelligen Kredite, die Rieger der NPD gewährte, werden nach Informationen des Weserkuriers nicht nur regulär getilgt, sondern werfen mit zweistelligen Zinsen auch regelmäßige Erträge ab. Zu verschenken hatte der verstorbene Neonazi auch zu Lebzeiten nichts.

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Zweifel sind unterdessen laut geworden, ob die Erbenfamilie tatsächlich eine geschlossene Haltung gegen die rechtsextremen Positionen des verstorbenen Jürgen Rieger einnimmt. So zeigen Fotos die langjährige Lebenspartnerin und Mutter von zwei der vier Kinder des Hamburger Neonazis Seite an Seite mit prominenten Rechtsextremisten beim Aufmarsch der NPD am vergangenen Wochenende im bayerischen Wunsiedel .

Siehe auch: Hunderte Neonazis bei NPD-Trauermarsch für Rieger, Kein Neonazi-Schulungszentrum in Faßberg, Faßberg: Spontane Proteste gegen Neonazi-Zentrum, Faßberg: NPD-Funktionär Rieger kann auf Versteigerung hoffen, Neonazi-Hotel kann geräumt werden / Razzia nach erneutem Schuss, Braunes Schulungszentrum in Faßberg: Etappensieg für NPD-Vize Rieger, Neonazis wollen JN in Niedersachsen reaktivieren, Neonazi-Schulungszentrum: Faßberg will Landhaus erwerben, Faßberg: Einsatz im Immobilienpoker wird erhöht, “Als Haus wärst du `ne Hütte”: Neonazis bieten, Gemeinden zahlen, Über die Anziehungskraft von Bruchbuden auf Neonazis

5 thoughts on “Nach Riegers Tod: Weiter Unruhe in Faßberg

  1. Gibt es eine Link mit dem Bild der Lebensgefährtin? Wenn Rieger dauernt pleite macht und nur von Zinsen lebte, durch gegebene Kredite und Tietjens Vermögen auch verpulverte erschließt sich mir nicht woher sein Ruf als Geldgeber und Mäzen bekam?

    Gibt es da noch lesenwertes?

    Grüße

  2. Also wer unbedingt mit so Pack auf Trauermarsch geht hat sicher mehr als genug am Hut mit der rechten Szene.

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