Die Geschichte des Schlachters. Mord und Antisemitismus in einer deutschen Kleinstadt

Im März des Jahres 1900 wird in der westpreußischen Kleinstadt Konitz (heute: Chojnice) ein Mord an einem 18-jährigen Gymnasiasten verübt. Die Tat zeichnet sich durch eine besondere Grausamkeit auf, da der Leichnam des Opfers zerstückelt wurde. Dieser Vorfall im deutschen Kaiserreich zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelte sich zum „schwersten Ausbruch antisemitischer Gewalt im wilhelminischen Deutschland“ (Zitat aus dem Klappentext des Buches). Der Vorfall wurde sogar Gegenstand einer Debatte im damaligen Reichstag.

Von Jochen Böhmer für NPD-BLOG.INFO

Helmut Walser Smith, ein amerikanischer Historiker, zeichnet in seinem Buch „Die Geschichte des Schlachters. Mord und Antisemitismus in einer deutschen Kleinstadt.“ diese Tragödie nach und vermittelt nicht nur einen plastischen Einblick in den deutschen Antisemitismus vor der Nazizeit, sondern er lässt den Leser bzw. die Leserin auch vor dem Gedanken erschaudern, wie leicht Menschen zu manipulieren sind, wenn die Manipulation sich auf latent vorhandene Vorurteile stützen kann.

Der Mord in Konitz 

Zunächst zeichnet der Autor den Vorfall noch einmal nach. Der Gymnasiast Ernst Winter verschwindet zunächst spurlos. Zwei Tage später werden Körperteile des Opfers an unterschiedlichen Orten der Stadt gefunden. Der durch die Aufklärung und den offiziellen Geschichtsoptimismus in die Latenz verbannte, religiös verbrämte Vorwurf des Ritualmordes gegenüber den Juden, kommt sofort zum Vorschein. Die fachgerechte Art der Zerstückelung des Leichnams lässt zunächst einen Verdacht gegen den christlichen Fleischer Gustav Hoffmann, aber auch gegen den jüdischen Schächter Lewy aufkommen. Aber der Zeitpunkt der Tat (die Phase um Ostern) ließ viele Konitzer nicht daran zweifeln, dass es sich um einen Ritualmord handelte. Nach dieser antisemitischen und „mittelalterlichen“ Legende töten die Juden immer vor dem Pessachfest einen christlichen Jungen, um das Blut für das ungesäuerte Brot – Mazzen – zu verwenden. (Natürlich ist diese Legende völlig haltlos. Ganz nebenbei: Das Blut ist in den jüdischen Speisevorschriften sowieso völlig tabu. Ganz zu schweigen vom Tötungsverbot von Kindern in der Tora.) Darüber hinaus gilt es zu bedenken, dass Deutschland im Jahr 1900 zu den „Völkern mit der besten Schulbildung der Welt“ (S. 11) gerechnet wurde und man es hier keineswegs mit einer „mittelalterlichen“  oder „unterentwickelten“ Gesellschaft zu tun hatte. 

Smith zeichnet akribisch die Aussagen der Denunzianten und der Verdächtigen nach. Der jüdische Metzger Lewy geriet dabei jedoch immer mehr in das Zentrum der Verdächtigungen. Dabei setzte sich vor allem der christliche Fleischer Hoffmann in Szene. Dieser veröffentlichte in der mittlerweile vor Ort berichtenden „Staatsbürgerzeitung“ ein Dokument, in dem er darlegte, warum er nicht der Mörder sein konnte, währenddessen nur Lewy als Mörder von Winter in Betracht kam. In diesem Dokument („vermutlich das in Westpreußen am meisten verbreitete Druckerzeugnis“, S. 70), welches nach Smith vermutlich „von einem der antisemitischen Journalisten“ (ebda.) verfasst wurde, werden die Elemente des  antisemitischen Verschwörungsdenkens erkennbar. So u. a. die „Theorie“, wonach die Juden mit der Polizei unter einer Decke stecken würden, da auch der Christ Hoffmann verdächtigt wurde, oder auch die Bestechung von Zeugen durch ein Komitee reicher Juden usw.

Aufklärungsresistentes Vorurteil

Immer mehr gediehen derweil in Konitz Hass und Antisemitismus. Selbst als die Geschichte eines stadtbekannten Gewalttäters und Trinkers (Bernhard Masloff), den selbst die Antisemiten vor Ort nicht viel Glauben schenkten, als Meineid abgeurteilt wurde, galt dies den Einwohnern wiederum als Beweis für die jüdische Macht, da in dieser erfundenen Geschichte angeblich die Juden der Stadt den Mord an Ernst Winter gestanden hätten. Das antisemitische Vorurteil erweist sich einmal mehr als aufklärungsresistent bzw. faktenresistent. 

Staatlicherseits wurde Ende März des Jahres 1900 ein erfahrener Kriminalbeamter aus Berlin nach Konitz geschickt um die Ermittlungen fortzuführen. Doch auch dieses Vorgehen galt den Antisemiten als Beweis dafür, dass etwas vertuscht werden solle. Aufgehetzt durch antisemitische Artikel und immer neue Gerüchte gingen die Konitzer nun auch zur direkten Gewalt über. Die ersten Ausschreitungen richteten sich gegen das Haus der Lewys. Aber letztlich galt es allen Juden und so handelten die Konitzer auch. Die Synagoge in Konitz brannte nach mehreren Tagen der Ausschreitungen und die antisemitische „Staatsbürgerzeitung“ schrieb davon, dass das Feuer von den Juden selbst gelegt wurde, um „Beweise“ zu vernichten. Selbst preußisches Militär, welches Ruhe und Ordnung herstellen sollte, konnte dies nicht verhindern und wurde teilweise sogar angegriffen! 

Im Buch wird darüber hinaus das gesamtgesellschaftliche Klima im damaligen Deutschland bzw. Europa dargestellt. In Zeiten politischer Umbrüche und gesellschaftlicher bzw. wirtschaftlicher Krisen griffen die verunsicherten Massen immer wieder zur antisemitischen Gewalt. Smith verweist z. B. auf die hohe Zahl der Pogrome in Russland in der Zeit von 1879 bis 1881: 259 „selbständige Pogrome“ wurden gezählt. In Deutschland ereignete sich in Xanten 1891 ein ähnlicher Fall wie in Konitz. Mit den gleichen Resultaten übrigens: Die Existenzen der jüdischen Familien bzw. der jüdischen Gemeinden allgemein war zerstört, die Pogrome von Konitz (und auch in Xanten und Umgebung) bildeten den unheimlichen Vorschein auf das, was 40 Jahre später in ganz Deutschland passierte.

Die Folgen 

Das überaus lesenswerte Buch endet mit der von Smith vertretenen These, dass der – nie wirklich gefasste – Mörder nur einer der christlichen Beschuldiger gewesen sein kann. Die Hinweise auf Masloff (ihn verdächtigte der Kriminalbeamte aus Berlin) bzw. auf den christlichen Metzger Hoffmann sowie deren mögliche Motive werden von Smith noch einmal detailliert nachgezeichnet. Die Staatsanwaltschaft schloss bald darauf die Akten und verhinderte so möglicherweise eine Aufklärung der furchtbaren Tat. 

Für die jüdische Gemeinde in Konitz war – wie gesagt – ein Leben in Konitz fast unmöglich geworden. Jeder „dritte jüdische Einwohner“ (S. 212) verließ Konitz im Laufe der Zeit. In den deutschen Wahlkreisen wurden die antisemitischen Parteien stärker und das preußische Militär musste noch bis zum darauf folgenden Jahr in Konitz bleiben und sogar „das Begräbnis einer alten Jüdin schützen.“ (S. 211) 

Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges beteiligten sich die Konitzer als „volksdeutscher Selbstschutz“ sehr früh am Mordprogramm gegenüber Juden, Polen und anderen Minderheiten. Ende September 1939 töteten Mitglieder des „Selbstschutzes in Konitz 208 Patienten einer psychiatrischen Abteilung eines Krankenhauses.“ (S. 246) In den Folgemonaten bis etwa Januar 1940 wurden in Konitz und umliegenden Dörfern „900 Polen und Juden“ (ebda.) getötet. 

Mittelalterliche Ritualmordlegende überlebt die Jahrhunderte

Erschütternd ist dieses Buch, weil es einen Blick darauf wirft, wie schnell latente Vorurteile in der Masse durch Presse und Politik mobilisiert werden können. Galt die mittelalterliche Ritualmordlegende als überholt, wurde sie in Konitz des Jahres 1900 wieder aufbereitet und diente als Legitimation für ein antisemitisches gewalttätiges Pogrom. Innerhalb kürzester Zeit waren die zivilisatorischen Formen des zwischenmenschlichen Umgangs weggewischt. Gerade hinsichtlich der Genozidforschung ist dieser Umschlag vom „normalen Nachbarn“ zum Mörder aktueller denn je. 

Aber auch in einer weiteren Hinsicht ist dieses Buch lesenswert. Es zeigt, dass Antisemitismus in Deutschland schon lange vor den Nationalsozialisten in der Bevölkerung vorhanden war. Und es lässt den Leser mit einer beunruhigende Frage allein: Wenn sich die mittelalterliche Ritualmordlegende über einen so langen Zeitraum in Latenz halten konnte um dann im Jahre 1900 als Vorwand für antisemitische Gewalt zu dienen, warum sollte diese Möglichkeit eines solchen Wiederauflebens in der Gegenwart verschwunden sein?

Helmut Walser Smith, Die Geschichte des Schlachters. Mord und Antisemitismus in einer deutschen Kleinstadt. (Lizenzausgabe, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 2004) 

Jochen Böhmer ist Diplom-Soziologe, lebt und arbeitet in Berlin.

Siehe auch: Taucher holen Gedenktafel aus Strelasund, Antisemitische Hetze: Gymnasiasten vor Gericht, Vorführung von Lanzmann-Film auf St. Pauli verhindert, Holocaust-Leugner Williamson wehrt sich gegen Strafbefehl, “Die Judenverfolgung ist nicht ausreichend erforscht”, “Völkerverständigung” durch Antisemitismus: Nazi-Ostfriese interviewt Nazi-Marokkaner, Völkische Querfront: Glückwunsch, Ahmadinedschad!