„Bitteres Leid des Neonazitums“: 148 Kerzen für Todesopfer rechter Gewalt

148 Namen und 148 Schicksale hat die Wunsiedler Jugendinitiative gegen Rechtsextremismus am 14. November 2009 mit einem beeindruckenden Stationengottesdienst in Erinnerung gerufen – mit 30 Kreuzen, 148 Namenszetteln und 148 Kerzen. „Wir wollen den Opfern ihre Gesichter zurückgeben“, sagte dazu einer der Sprecher der Jugendinitiative, Christian Hartmann, zur Frankenpost. In den Tagen zuvor hatten die Jugendlichen die Namen der Opfer im Internet recherchiert, die Namenskarten beschriftet und 30 Holzkreuze gebastelt. Zudem wurden an der Stadtkirche, beim Maxi-Kindergarten und vor dem Luisenburg-Gymnasium die Namen der Toten verlesen. An den drei Orten stellten die Teilnehmer des Stationengottetsdienstes jeweils zehn Kreuze mit Namenszetteln auf und entzündeten für jedes Opfer ein Licht. In einem Schweigemarsch zogen die Gottesdienstteilnehmer von Station zu Station.

„Diese Menschen werden leicht vergessen“, sagte Pfarrerin Susanne Böhringer laut Frankenpost über die Opfer der rechtsextremen und/oder rassistischen Gewalt. Die Pfarrerin gestaltete gemeinsam mit ihrem evangelischen Kollegen Jürgen Schödel und dem katholischen Pfarrer Günter Vogl den Gottesdienst. Schödel betonte, dass Frieden nicht nur ein harmonischer Zustand sei. Zum Frieden gehöre es auch, Unrecht beim Namen zu nennen, Zeichen zu setzen und Entwicklungen anzusprechen. Mit dieser Aktion wolle man Frieden stiften und gegen rechte Gewalt eintreten. Am Schluss des Gottesdienstes war Schödel dem Bericht zufolge voll des Lobes für die Jugendlichen: „Das war eine starke Idee.“ Auch Bürgermeister Karl-Willi Beck war beeindruckt: „Durch das Verlesen der Namen wurde in ergreifender Weise sichtbar, welch bitteres Leid das Neonazitum seit 1990 in Deutschland gebracht hat.“

Opfer schwebt in Lebensgefahr

In Hamburg könnte zudem bald ein weiteres Todesopfer der rassistischen Gewalt in Deutschland zu beklagen sein. Der 37-Jährige, der am Sonntag von einem 20-jährigen NPD-Anhänger angegriffen wurde, schwebt laut Medienberichten in Lebensgefahr. Der Angreifer hatte an einer roten Ampel an dem Auto des schwarzen Mannes einen NPD-Aufkleber befestigt, als der 37-Jährige den Rassisten zur Rede stellen wollte, schlug dieser zu. Der Mann musste notoperiert werden.

Bundesregierung geht von „nur“ 46 Toten aus, jüngst setzte die Regierung die Zahl allerdings hoch. Dabei wurden nun plötzlich Fälle aus den 1990iger Jahren neu bewertet.

Der Tagesspiegel gibt einen Überblick über die vier nachgemeldeten Fälle aus den 1990iger Jahren:

Im Juli 1993 verletzte ein Skinhead in Marl einen Obdachlosen so schwer, dass der Mann drei Monate später starb. Schon dieser Fall zeigt, dass die Behörden rechte Tötungsverbrechen manchmal widersprüchlich bewerten. Die Polizei meldete den Fall zunächst als rechtes Delikt, entsprechend nannte die Bundesregierung die Tat auch 1999 in einer Antwort auf eine Anfrage der PDS-Abgeordneten Ulla Jelpke. Doch bei späteren Anfragen erwähnte die Regierung den Tod des Obdachlosen nicht mehr. Erst jetzt taucht der Fall wieder auf. Einen Grund nennt das Landeskriminalamt Nordrhein-Westfalen nicht.

Fälle zwei und drei: Der Neonazi Thomas Lemke erstach im Februar 1996 in Bergisch-Gladbach eine Frau, weil sie einen Aufnäher „Nazis raus“ getragen hatte. Sechs Wochen später erschoss Lemke in Dorsten einen 26-Jährigen, der die rechte Szene verlassen hatte. Das Landgericht Essen verurteilte Lemke, der schon 1995 eine Frau getötet hatte, zu lebenslanger Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung. Die Morde in Bergisch-Gladbach und Dorsten seien nun dem BKA nachgemeldet worden, weil die Polizei des Landes aufgrund der Großen Anfrage der Linksfraktion „einen Abgleich zwischen eigenen Erkenntnissen und denen der Justiz“ gemacht habe, sagte der Sprecher des Innenministeriums von Nordrhein-Westfalen, Ludger Harmeier. Warum so spät, bleibt offen.

Im vierten Fall geht es um den gewaltsamen Tod des Punks Frank Böttcher, den Rechtsextremisten im Februar 1997 in Magdeburg überfallen hatten. Das Innenministerium von Sachsen-Anhalt sagte, der Totschlag sei erst jetzt als rechte Tat gewertet worden, weil die polizeiliche Definition solcher Delikte im Jahr 2001 bundesweit erweitert wurde.

141 versuchte Tötungsdelikte

Zudem kam es im selben Zeitraum im Bereich der politisch rechts motivierten Kriminalität laut Vorlage zu 141 versuchten Tötungsdelikten, bei denen insgesamt 112 Opfer körperlich verletzt wurden und zu denen bislang 399 Täter oder Tatverdächtige ermittelt werden konnten. Zu solchen Delikten machten die Justizbehörden der Antwort zufolge Angaben zum Strafmaß von insgesamt 134 Tätern, die ebenfalls häufig zu langjährigen Haftstrafen verurteilt wurden.

Linktipp: Karten zur extrem rechten Ideologie und Gewalt in Deutschland

Mehr als 20.000 rechte Straftaten im Jahr 2008

Im vergangenen Jahr wurden laut Bundesregierung ausweislich einer aktuellen Abstimmung mit den Ländern insgesamt 20.422 politisch rechts motivierte Straftaten registriert, von denen 8.134 aufgeklärt wurden. 2.338 dieser aufgeklärten Taten entfielen auf die insgesamt 4.506 politisch rechts motivierten Delikte, die dem Themenfeld Hasskriminalität zugeordnet wurden.

Im ersten Halbjahr 2009 sind in Deutschland insgesamt 9.119 politisch rechts motivierte Straftaten registriert worden. Darunter waren 427 Gewalttaten und 6.416 Propagandadelikte, wie aus der Antwort der Bundesregierung (16/13943) auf eine Kleine Anfrage der Fraktion Die Linke (16/13882) hervorgeht. Dabei handelt es sich den Angaben zufolge um vorläufige Zahlen, die sich aufgrund von Nachmeldungen und Korrekturen ”teilweise noch erheblich verändern können“. Erfahrungsgemäß steigen die Zahlen um rund 50 Prozent. Somit muss für 2009 mit mehr als 20.000 “politisch rechts motivierten Straftaten” gerechnet werden, dabei dürfte es erneut mehr als 1000 Gewalttaten geben, bei denen Hunderte Personen, wahrscheinlich weit mehr als 1000 Menschen, verletzt wurden.

Siehe auch: Regierung setzt Zahl hoch: Offiziell 46 Tote durch rechte Gewalt seit 1990, Gleichsetzen, relativieren, verharmlosen, August: Rechte Schläger verletzten mindestens 46 Menschen, “143 Todesopfer durch Rechtsextremismus seit 1989″, Auf Rekordkurs: 9.119 politisch rechts motivierte Straftaten im ersten Halbjahr 2009, Regierung zählt “nur” 40 Tote durch rechtsextreme Gewalt seit 1990, Statistik über Todesopfer rechter Gewalt von 1990 bis 2004., Ausstellung Opfer rechter Gewalt.

5 thoughts on “„Bitteres Leid des Neonazitums“: 148 Kerzen für Todesopfer rechter Gewalt

  1. Ich hatte mich mal intensiv mit den Statistiken und was dahinter steckt befasst. Schüttel! Jeder Anfangsverdacht wird gelistet. Was in den Statistiken absolut fehlt, ist eine zuordnung der Täter zur Szene oder Parteien. Meines Wissens nach gibt es auch „Rechte“ Straftäter in den Reihen der Jungen Union, CDU und SPD! Würde das mal einer machen, dann würden endlich mal alle die ganze Tragweite erkennen und sehen wie ernst die Lage wirklich ist. Sich nur auf die NPD zu beschränken kommt enen Alibi gleich, da man es sich nicht mit anderen verscherzen will.
    Darüber hinaus wird das ganze Gesamtbild absolut verzerrt! Es soll später keiner sagen: aber, aber wir dachten immer die NPD sind die bösen….

  2. 148 Tote? Na und. In Berlin haben böse Linke schon mindestens 250 Autos angezündet – in nur einem Jahr. Dagegen muss man mal was machen. Autos sind schließlich viel wertvoller als Menschen.

  3. Ecki, ich glaube kaum, dass man in der CDU und SPD rechte Straftäter findet. Da scheint ein Missverständnis vorzuliegen. Es sind Taten gemeint, die aus rechtsextremen Gründen wie Rassismus, Ausländerhass, „unwertes Leben“ und oder gegen politische Gegner begangen werden. Ich wüsste nicht, wann das bei CDU und SPD der Fall gewesen wäre. Die NPD hingegen ist voll solcher Leute. Die Täter werden schon immer der rechten Szene oder NPD zugeordnet.

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