Junge Freiheit: Für Schultze-Ronhof und gegen die „Shoah-Epidemie“

Die rechtsradikale Junge Freiheit empfiehlt in ihren aktuellen Ausgabe unter anderem eine Veranstaltung mit Gerd Schultze-Rhonhof am 01. Dezember 2009 in Marburg. Schultze-Rhonhof gilt in rechtsextremen Kreisen als beliebter Stichwortgeber für revisionistische Thesen. Zwar wurden zwei seiner Bücher in konservativen Zeitungen wie beispielsweise der FAZ besprochen – allerdings auch in der Luft zerrissen. So schrieb die FAZ zu dem Buch „1939. Der Krieg, der viele Väter hatte. Der lange Anlauf zum Zweiten Weltkrieg.“, Schultze-Rhonhof gebe

frank und frei zu, er erhebe gar nicht den Anspruch, „die Tausende von Büchern gelesen und verarbeitet zu haben, die zum Thema meines Buchs bereits geschrieben worden sind“. Dabei hätten doch schon wenige genügt! Denn bei der Genese des Zweiten Weltkriegs handelt es sich um ein Thema, das gut erforscht ist. Trotzdem sucht man selbst die Namen der wichtigsten Autoren in einem Literaturverzeichnis von etwas über neun Seiten vergebens. Anstelle eines Hermann Graml, Walther Hofer, Klaus Hildebrand oder Andreas Hillgruber finden sich etwa der „dtv-Atlas zur Weltgeschichte“, ein Schulbuch für Gymnasien, das Werk von Urs Schwarz mit dem Titel „Strategie – Gestern, heute, morgen“ und politisch höchst bedenkliche Traktate von David Hoggan und Erich Kern.

Die Schriften von Erich Kern sind von Antisemitismus und der Weißwäsche von Wehrmacht und Waffen-SS und NS-Organisationen geprägt. Selbstverständlich sieht er die Deutschen als die eigentlichen Opfer des Zweiten Weltkrieges. Dennnoch (oder deswegen?) beurteilt die Junge Freiheit das Werk von Schultze-Rhonhof weit positiver; und auch sein Buch „Das tschechisch-deutsche Drama 1918–1939“ wurde gelobt. Doch auch dieses Werk wurde in der FAZ rezensiert, auch hier war die Kritik vernichtend, da Schultze-Rhonhof die „gesamte intensive Forschung zu diesem Komplex“ ignoriert habe und dessen „Drall ins Zwielicht des Revisionismus“ stattdessen „auf höchst zweifelhafte Literatur“ stütze. Hierbei bediene Schultze-Rhonhof „Klischees, die von rechtsradikaler Seite hochgehalten“ würden. Weiter heißt es in der FAZ:

Zum anderen ist das Buch, dem ohne Zweifel das Verdienst zukommt, das Integrationsdefizit der Tschechoslowakei bündig herauszuarbeiten, durchsetzt mit unhaltbaren Passagen und Urteilen. Dazu gehört die Gleichsetzung des Versailler Friedens mit dem Abkommen von München; die angebliche Konversion Konrad Henleins, des Führers der Sudetendeutschen Partei, vom loyalen Autonomisten zum Gefolgsmann Hitlers, der sich nur widerwillig als Sprengmeister andiente; sowie der Vorwurf einer angeblichen Dokumentenfälschung durch die Alliierten im Umfeld des Nürnberger Prozesses, um zu beweisen, dass man in Berlin schon Anfang 1937 auf einen Anschluss des Sudetenlandes zielte.

Vor allem aber bedient Schultze-Rhonhof Klischees, die von rechtsradikaler Seite hochgehalten werden: der „Lebensraum“, den Hitler anstrebte, sei ausschließlich auf Österreich, Böhmen und Mähren beschränkt gewesen; die britische Aufrüstung sei ein Bruch des zwischen Premierminister Neville Chamberlain und Adolf Hitler geschlossenen Kriegsverzichts- und Konsultationspaktes vom 30. September 1938; und die im Münchener Abkommen übernommene Grenzgarantie des amputierten Staates sei von Hitler bei seinem „Griff nach Prag“ im März 1939 nicht verletzt worden. Ein Blick in die ernst zunehmende Forschungsliteratur, von den Akten im Public Record Office und am Quai d’Orsay ganz zu schweigen, hätte den Autor eines Besseren belehren müssen.

Recherche Nord beschäftigte sich mit der Quellenarbeit von Schultze-Ronhof – und kam zu dem Ergebnis, das „am Ende eine Naziquelle übrig“ bliebe:

Schultze-Rhonhof offenbart bei dem hier aufgezeigten Umgang mit historischen Quellen und der Literatur eine Herangehensweise, die sich auch bei vielen anderen revisionistischen Buchautoren findet: Man bezieht sich bei Behauptungen auf einen anderen Autor, der wiederum einen anderen Autor als Quelle nennt. Es bleibt dann am Ende eine Naziquelle übrig, der eine nicht belegbare Behauptung zugrunde liegt. Was Leser von so einem Umgang mit Quellen und Literatur lernen können ist klar: Revisionistische Autoren erfinden sich ihre Behauptungen und biegen sich die Geschichte zurecht!

Kein Wunder, dass auch Neonazi-Krawallseiten wie Altermedia gerne auf Schultze-Ronhof verweisen. Besonders perfide die Behauptung, zwischen 1933 und 1938 seien Juden nach Deutschland geflüchtet. Und das geht so:

Tatsächlich bastelt der Ex-General aber auch an antisemitischen Mythen. So behauptet er, in den Jahren von 1933 bis 1938 hätten »557 000 Juden ihr polnisches Heimatland verlassen und Zuflucht im benachbarten Deutschland« gesucht; und er wiederholt: Es »strömen 557 000 polnische Juden von Ost nach West, um in Deutschland den Verfolgungen in Polen zu entkommen.« Nazi-Deutschland als Zufluchtsort für Juden – damit kommt Schultze-Rhonhof nicht nur bei einem Treffen des Kameradenverbands des ehemaligen 1. SS-Panzer-korps gut an, sondern erhält konsequenterweise auch Beifall von der NPD, die das Buch in ihrer Mitgliederzeitung Deutsche Stimme wohlwollend besprach. Schultze-Rhonhof ist übrigens Mitgründer der »Arbeitsgemeinschaft ›Stimme der Mehrheit‹«, der auch Martin Hohmann angehört, und als Interviewpartner bei der Jungen Freiheit beliebt.
Quelle: Ossietzky 8/2004

Auch für eine Veranstaltung mit Josef Schüßlburner wirbt die JF in ihrer aktuellen Ausgabe. Schüßlburner wurde im Jahr 2007 als Regierungsbeamter beurlaubt. Anlass für die Intervention war nach SPD-Angaben eine Einladung der Deutschen Burschenschaft im Frühjahr, die er unter Verweis auf die politischen Hintergründe der weiteren Referenten abgelehnt hatte. So waren neben Josef Schüßlburner auch Dieter Stein, Chef der „Jungen Freiheit“, sowie der FPÖ- Nationalratsabgeordnete Lutz Weinzinger angekündigt. Später wurde das Podium den Angaben zufolge um die in rechtsextremen Kreisen gut bekannte Anwältin Gisa Pahl ergänzt. Sie ist die Inhaberin der Internet- Domain des „Deutschen Rechtsbüros“, das sich als Kommunikations- und Informationszentrum für rechte Szene- Juristen versteht, und zählte neben dem Neonazi- Anwalt Jürgen Rieger zu den Gründungsmitgliedern dieser Einrichtung.

Bereits 2001 war Schüßlburner bereits Gegenstand einer kleinen Anfrage der Linksfraktion (BT- Drs. 14/7219). In ihrer Antwort bestätigte die damalige Bundesregierung, dass Schüßlburner „seit 1993 regelmäßig Beiträge in rechtsextremistischen Publikationen“ veröffentlicht habe und „zumindest seit 1995 als Vortragender bei rechtsextremistischen Veranstaltungen“ auftrat. So unter anderem 1995 bei einer Tagung der „Gesellschaft für Freie Publizistik“, die von Verfassungsschützern als die größte rechtsextremistische Kulturvereinigung in Deutschland eingestuft wird. 2003 wurde Schüßlburner namentlich unter der Rubrik „rechtsextremistische Bestrebungen“ im Verfassungsschutzbericht des Bundes aufgeführt.

Deutschland als Opfer des Shoah-Gedenkens…

Wenn man die die Empfehlungen für solche rechtsextremen Publizisten berücksichtigt, die sich besonders dem Revisionismus verschrieben haben, wird auch der Zweck des Interviews mit dem israelischen Autor und Knesset-Abgeordneten Avraham Burg in der Jungen Freiheit noch deutlicher. Burg hat in Israel längst eine Debatte über den Umgang mit der Shoah ausgelöst. Eine Debatte über Israel, die in Deutschland aber schnell in eine ganz andere Richtung geht, denn hier geht es vielen eben um Deutschland.

Lesetipp: The Saturday Profile – The New York Times über Burg

Lesetipp: Der Professor und sein Prophet – Lizas Welt

Und so fragt die JF in ihrem Interview auch nur teilweise nach der vermeintlichen Instrumentalisierung der Shoah in Israel und die Folgen für den jüdischen Staat, sondern in fast jeder zweite Frage nach Deutschland. So ärgert sich die JF beispielsweise:

Bundeskanzlerin Merkel zählt wegen des Holocaust das Existenzrecht Israels inzwischen ernstlich zur Staatsräson Deutschlands.

Doch Burg will nicht folgen. Er meint, Merkel nehme „einige äußerst interessante und couragierte Positionen ein“. Dies beeindrucke ihn

vor allem, da sie in der DDR aufgewachsen ist, die damals die Haltung vertrat, das antifaschistische Deutschland zu vertreten und deshalb mit der Schuld Hitlers nichts zu tun zu haben. Dennoch nimmt Frau Merkel die Verantwortung des vereinten Deutschland für die Schuld am Holocaust an. Das ist doch erstaunlich, ja eine bewunderswerte Haltung.

Findet die JF wohl weniger bewundernswert und fragt den Israeli lieber nach der Rolle des Zentralrats der Juden in Deutschland. Burgs Antwort : „Ich bin Israeli und kein deutscher Jude, ich kann dazu nichts sagen.“ Die JF lässt aber nicht locker und führt noch einmal die Deutschen als Opfer ein: „Etliche Deutsche beklagen hinter vorgehaltener Hand eine Instrumentalisierung des Holocaust durch Israel, um Deutschland außenpolitisch zu gängeln. Haben sie recht?“ Burg antwortet: „Noch einmal: Ich kann nicht kommentieren, was die Deutschen über die Dinge denken. Auf jeden Fall ist Deutschland heute ein verläßlicher Partner Israels, und ich wünsche mir, daß wir auf dieser Basis zu einer neuen Stufe des Verhältnisses unserer beiden Nationen kommen. Gemeinsam sollten wir die Logik durchbrechen, der Holocaust gehöre uns und alle anderen Morde in der Welt sind normale Übel, aber kein Holocaust.“ Das interessiert die JF nun wiederum weniger. Wer übrigens ein Interview ohne ständige Nachfragen zu Deutschland mit Burg lesen möchte, der sei an das Time-Magazin verwiesen.

„Tag der Befreiung“ und radikales Mittagessen in der Schule

Im Zusammenhang mit dem 09. November 1989 spricht die JF übrigens vom „Tag der Befreiung“ – dieser Ausdruck wird von diesen Kreisen sonst eigentlich abgelehnt – zumindest wenn es um das Ende des 2. Weltkrieges geht.

Ansonsten widerspricht sich die JF innenpolitisch bezüglich ihrer eigenen Einschätzung zur Linkspartei selbst. Zwar vermeldet man auf Seite 5, die Linkspartei habe in NRW ein radikaleres Programm beschlossen (unter anderem Abschaffung von Studiengebühren sowie kostenloses Mittagessen in Schulen), auf der Titelseite wird allerdings die Lage der SPD so analysiert, dass der Platz für die Sozialdemokraten zwischen CDU und Linkspartei immer kleiner werde. Wahrscheinlich lässt sich dies so erklären, dass aus der Sicht der Jungen Freiheit die CDU einfach noch schneller nach links abdüst als es die Linkspartei schon tut. Verrückte Welt.

Siehe auch: Gemeinsam gegen die Versöhnung: Extreme Rechte wird ewigvorgestrig, “Neue Rechte” voran: Gegen die Schmach von 1918!, Auf dem Selbstfindungstrip, “Keine Politik mehr rechts von Lenin”? Konservatismus in der Krise

35 thoughts on “Junge Freiheit: Für Schultze-Ronhof und gegen die „Shoah-Epidemie“

  1. @Regor

    Ähm … öhm … wie jetzt!?

    „Laut GG darf sich jeder aus allen ihm zugänglichen Quellen unterrichten, das gilt auch für Schriften historischer Rechtsextremer. Sie können in jeder Bibliothek ausgeliehen werden, es gibt keine Zugangsbeschränkungen. Das sollte mal festgehalten werden.“

    „Schriften historischer Rechtsextremer“..!?

    Regor, kannst du bitte deine Begrifflichkeit „historische Rechtsextreme“ etwas präzisieren? – Meinst` du jetzt Kühnen, oder Rieger, oder Hitler, oder Rosenberg oder wie oder was!? – Welche Bibliothek ist nun genau gemeint: die an deiner Ecke, oder wie? :(

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