Zwischen Anmerkung und Belehrung: Wenn eine Theorie zur Ideologie erhoben wird

Der SPD-Landtagsabgeordnete Brodkorb hat zwei kritische Anmerkungen zu seinem Projekt „Endstation Rechts“ zum Anlass genommen, eine Abrechnung mit „Bestmenschen“, Herrenantifaschisten und übereifrigen Kämpfern gegen Rechts vorzulegen. Da Brodkorb seinen Text hauptsächlich auch auf NPD-BLOG.INFO münzt, hier eine Antwort, die nicht geeignet sein wird, den Konflikt zu entschärfen.

Von Patrick Gensing

Brodkorb beginnt seine Anmerkungen mit einem Vergleich aus dem Familienleben:

Dass sich einander Ähnliche mitunter gegenseitig heftiger bekämpfen als tatsächliche Feinde, gehört wohl zur normalen und dennoch bedauerlichen Wirklichkeit menschlicher Existenz. Das ist in der Familie so – und beim „Kampf gegen Rechts“ nicht anders. Auch, soweit es ENDSTATION RECHTS. betrifft.

Diese Prämisse – in Anlehnung an angebliche Familiengesetze – stimmt nicht. Die Zusammenarbeit zwischen NPD-BLOG.INFO funktioniert mit fast allen Kollegen gut bis sehr gut. Nur mit Endstation Rechts gab es schon länger Probleme – die zunächst nicht inhaltlicher Natur waren, sondern beispielsweise die Übernahme von Texten und unzureichende Quellennennung angingen oder den Umgang mit Kollegen, die von NPDlern angegriffen wurden. All dies wurde nie öffentlich thematisiert, weil es nicht relevant war für die Öffentlichkeit. Wenn Brodkorb jetzt aber solche Behauptungen aufstellt, muss dies richtig gestellt werden.

Debatten über Gedenkkonzepte – alles nur Familienfehden?

Im Folgenden versucht er dieses angebliche Gesetz durch ein Beispiel zu unterfüttern, welches „viele Jahre“ alt ist. Es geht um den Streit um das Gedenken an die Opfer der NS-Zeit, konkret den Koloss von Prora, einer gigantischen Ferienanlage der Naziorganisation „Kraft durch Freude“ (KdF), die nie in Betrieb ging. Der Streitpunkt, so Brodkorb: „(neben persönlichen Differenzen): Wie darf und muss man eigentlich „richtig“ am Ort des Nazibaus an Nazis und deren Opfer erinnern?“

Inhaltliche Debatten, die für Gedenkkonzepte besonders heutzutage, Stichwort: Gedenken ohne Zeitzeugen, elementar sind, tut Brodkorb also als eine Art Bruderkampf ab, der von persönlichen Differenzen mitbestimmt wird. Das mag im Einzelfall teilweise zutreffen, lässt sich deshalb aber noch lange nicht verallgemeinern. Dennoch vergleicht Brodkorb diesen Streit, auch noch mit aktuellen Debatten im Internet, die an Tragweite und Tiefgang nicht ansatzweise vergleichbar sind. Zunächst präsentiert er aber seine „Analyse“ des Status Quo, in der erneut deutlich wird, dass Brodkorb sich als „aufmerksamen Beobachter“ sieht, der scheinbar über den Unzulänglichkeiten anderer steht:

Wer den „Kampf gegen Rechts“ aufmerksam beobachtet, wird ihn überall registrieren: eben diesen sozialistischen Wettbewerb um die Frage „Wer ist eigentlich der antifaschistischste Antifaschist?“ Es gewinnt, wer die meisten Kerben in seine Küchentischlatte hauen kann: Für jeden „Nazi“, den man ausgehoben, für jeden „Skandal“, den man aufgedeckt oder insinuiert hat, gibt es wieder ein paar zusätzliche Karma-Punkte. Aber nicht nur das. Mehr als die bloße Zahl zählt natürlich die Raffinesse, mit der in kriminalistischer Höchstleistung Nazis an Stellen entdeckt werden, an denen nicht einmal Hitler welche finden könnte. Das Fatale ist nur, dass der qualitative mit dem quantitativen Effekt Hand in Hand geht. Denn unentdeckte Nazis gibt’s wie Sand am Meer…

Der „aufmerksame Beobachter“ registriert es also „überall“: Der „Kampf gegen Rechts“ – ein sozialistischer Wettbewerb, in dem die übereifrigen und eigensüchtigen Akteure möglichst viele Nazis bloßstellen wollen. Man mag sich fragen, wo Brodkorb die Kämpfer beobachtet, die Kollegen, mit denen ich zu tun habe, können es nicht sein, denn hier herrscht Kollegialität vor – wie die zahlreichen Beiträge von Gastautoren, die von ER teilweise auch schon angeworben werden sollten, belegen. Oder meint Brodkorb vielleicht die Hunderte von Initiativen und Organisationen, die sich in Mecklenburg-Vorpommern beim „Kampf gegen Rechts“ gegenseitig ausstechen?

Die unterdrückte Rechte…

Der Begriff „Kampf gegen Rechts“ wird vor allem in Debatten um die Förderprogramme der Bundesregierung benutzt. Er dient in der medialen Berichterstattung der Vereinfachung, genau wie „linke Randalierer“ beispielsweise. Dies ist zum einen der Oberflächlichkeit von Nachrichten, zum anderen dem begrenzten Raum in Medien geschuldet. Brodkorb leitet aus dieser Verkürzung immer wieder die Behauptung ab, dahinter stecke eine Strategie, die demokratische Rechte zu beschädigen; gleichzeitig hat man noch nie von einem Linkspartei-Politiker gehört, der sich über den Begriff „linke Randalierer“ in der Umgangssprache echauffiert hätte. Dieser „Kampf gegen Rechts“ umfasst auf jeden Fall zahlreiche Facetten, höchst unterschiedliche Menschen sind hier tätig, etablierte Träger und junge Initiativen, es gibt Jugendarbeit, Erwachsenenbildung, Gedenkfahrten und Hundert Dinge mehr. Brodkorb hingegen entwirft einen „Kampf gegen Rechts“, bei dem – „mit etwas Abstand betrachtet“ – gerade einmal zwei Positionen gegenüberstehen. Als da wären im Ring:

Die Entschlossenen: Auschwitz war nur deshalb möglich, weil zuvor von Demokraten nicht konsequent und entschlossen genug gehandelt wurde. Damit sich dies nicht wiederhole, gilt es wachsam zu sein – jederzeit und gegenüber jedermann. Aus dieser Perspektive sind nicht die eindeutig erkennbaren rechtsextremen Gewalttäter das eigentliche Problem, sondern die subtilen Einflüsterer im Hintergrund. Um erkannt zu werden, sind sie angeblich zu klug. Sie müssen folglich mit Spürsinn, Raffinesse und Entschlossenheit entlarvt werden. Und das gelingt nur Eingeweihten.

Die Vorsichtigen: Sie sehen in genau dieser Entschlossenheit die Gefahr, das Kind gleich mit dem Bade auszuschütten und damit in guter Absicht der mimetischen Rivalität anheim zu fallen. Denn auch das ist ein allzu menschliches Phänomen: Die übersteigerte und so entschlossene Bekämpfung eines Gegners, dass es zu einer Anverwandlung kommt, zu einer unbewussten Kopie der Methoden und Motive des eigentlich Ablehnungswerten. Der Vorsichtige fragt daher lieber zweimal oder öfter nach, hört zu, schreckt hin und wieder auch vor einem endgültigen und vorschnellen Urteil zurück. Und ja, ENDSTATION RECHTS gehört zu diesen Weicheiern im „Kampf gegen Rechts“.

Brodkorb unterstellt durch die Selbstbezichtigungen „Weichei“ und „Die Vorsichtigen“ „den Entschlossenen“ eine Mackerattitüde. Hinzu kommt, dass er den „Kampf gegen Rechts“ – den er nie selbst definiert – vereinfacht und einmal mehr auf sein Lieblingsthema, die Neue Rechte, die „subtilen Einflüsterer“, reduziert. Dass es ein sowohl als auch gibt und sich die gesamte Geschichte ohnehin etwas komplexer darstellt – geschenkt. Dass es heutzutage übrigens gar nicht mehr um ein zweites Auschwitz geht, es wäre paranoid, dieses als konkrete Gefahr in Europa zu zeichnen, sei hiermit auch noch erwähnt. Doch Brodkorb gefällt sich weiterhin in der Rolle des Umsichtigen und aufmerksamen Beobachters, der alle Meinungen zählen lässt – „objektiv und gelassen“. Um seine Ideen weiterzuentwickeln, stellt er zwei historisch vollkommen unterschiedliche Situationen gegeneinander:

Wer wollte schon bestreiten, dass ein Mangel an Entschlossenheit Auschwitz zumindest begünstigt hat? Wer aber wollte umgekehrt bestreiten, dass das unberechtigte Nazi-Verdikt ganze Lebensentwürfe zerstören kann und für eine freiheitliche Gesellschaft ein ernsthafter Makel ist?

Auschwitz und falsche Anschuldigungen gegen vermeintliche oder tatsächliche Neonazis – was hat das miteinander zu tun? Wohin es aber führen soll, zeigen die folgenden Zeilen:

Der Entschlossene wird also notwendig hier und da überziehen. Er wird Personen verdächtigen und an den Pranger stellen, die es nicht verdient haben. Umgekehrt kann der Vorsichtige gar nicht anders, als hier und da tatsächliche Gefahren zu unterschätzen. Beide könnten also, wenn sie denn nur wollten, voneinander lernen und einander als Korrektive begreifen. Jeder wird sich einmal irren, da wir nun einmal keine reinen Intellekte sind.

Brodkorb fordert also ein gemeinsames Vorgehen, einen konstruktiven Austausch, um die jeweiligen Unzulänglichkeiten auszugleichen. Doch sein hehrer Ansatz wird vom Eifer der Entschlossenen zerstört:

Die Bereitschaft, voneinander zu lernen und einander zu respektieren, wird allerdings vom sozialistischen Wettbewerb um den „antifaschistischsten Antifaschisten“ durchkreuzt. Quelle dieser ambitionierten Haltung ist ein moralisches Sendungsbewusstsein, das im mentalen Angesicht von Hitler und Auschwitz nicht überrascht. Aus einem bloßen Menschen wird der Gutmensch, der stets auf der richtigen Seite steht. Die Logik ist dabei denkbar einfach: Hitler war böse. Wer gegen Hitler ist, ist folglich gut.

Nun müsste sich in dieser Lage weder der Vorsichtige noch der Entschlossene Sorgen um sein Existenzrecht machen. Sie beide sind ja gegen Hitler, in diesem Sinne also Gute. Doch in Wahrheit agieren im „Kampf gegen Rechts“ häufig nicht nur Gut-, sondern sogar Bestmenschen. Es geht nicht mehr nur darum, das Richtige zu tun, sondern darum, allein darüber zu bestimmen, was das Richtige sei. Aus dem Sendungsbewusstsein wird ein Überlegenheitsgefühl.

Jetzt geht es also richtig los: Zunächst erklärt Brodkorb in wenigen Sätzen, wie die „Entschlossenen“ ticken und wie – durch den sozialistischen Wettbewerb gepusht – aus ihnen Herrenantifaschisten werden, man könnte auch Linksfaschisten schreiben. Um diese wackeligen Thesen zu untermauern, führt er zwei Beispiele an:

Sebastian Brux bspw. wirft in seinem auf „MUT gegen rechte Gewalt“ veröffentlichen Beitrag „’Heil Hitler’ darf ich als Linker sagen! Oder?“ der „Apfelfront“ und „Endstation Rechts.“ vor, mitunter ästhetisch in satirischer Weise auf den Nationalsozialismus Bezug zu nehmen. […] Man muss persönlich weder „Storch Heinar“ noch die „Apfelfront“ lustig finden. Das ist halt irgendwie auch Geschmackssache. Etwas anmaßend jedoch ist der Anspruch, bestimmen zu wollen, worüber andere lachen dürfen.

Wohl wahr. Brux ging es auch nicht darum zu bestimmen, wer über was lachen darf, was eine gern vorgetragene Unterstellung gegenüber Humor-Kritikern ist, sondern er forderte eine Reflexion der Apfelfrontler und Sonnenrad-Träger ein, vor dem Hintergrund, dass solche teilweise gelungenen Parodien, wie Brux es ausdrücklich betonte, auch Leute anziehen, die den Witz nicht begreifen. Solche Abnutzungsprozesse sind wenig ungewöhnlich, so war bei der APPD (Anarchistische Pogo Partei Deutschland), welche ebenfalls mit Nazi-Ästhetik hausieren ging, nach einigen Jahren zu beobachten, dass viele Leute diese Sache verdammt ernst nahmen – der Dackelzüchterverein lässt grüßen. T-Shirts der APPD hängen heute auch [ACHUTUNG. EXKLUSIVINFORMATION NPD-BLOG.INFO!!!] in den Kleiderschränken von Autonomen Nationalisten. Doch auf die eigentliche Kritik Brux` geht Brodkorb nicht ein, denn dies würde seine folgende Schlussfolgerung behindern:

Dass es am Ende genau um diesen Anspruch – um die Definitionsmacht – geht und damit um die Physiognomie des Bestmenschen, beweist Brux durch eigenes Handeln. Denn noch kurz vor der Bundestagswahl veröffentlichte er eine Satire-Anzeige aus der Wochenzeitung „Jungle World“. Durch den Kakao gezogen wurde die „Piratenpartei“ und – selbstverständlich – in NS-Optik. […] Und die Moral von der Geschicht’? Was Brux darf, dürfen wir noch lange nicht. Aber ein richtiger Widerspruch ist das nicht. Denn die Definitionsmacht zu beanspruchen schließt freilich ein, für sich selbst – und nur sich selbst – bei Bedarf zugleich ganz andere Regeln aufzustellen.

Erneut vergleicht Brodkorb zwei unterschiedliche Vorgänge, um vorgetragene Kritik, die er als solche ignoriert, als eine fast schon totalitäre Definitionsmacht zu denunzieren. Das funktioniert wie erwähnt nur, wenn man die Kritik nicht versteht – oder verstehen will. Weiterhin sollte Brodkorb auch anderen Menschen zugestehen, Satire als gelungen oder auch weniger gelungen bezeichnen zu dürfen, ohne dass man gleich zum Linksfaschisten wird. Als zweites Beispiel für einen „Bestmensch“ kommt dann meine Person ins Spiel:

Patrick Gensing […] kritisierte uns – ganz gesittet – bereits einmal dafür, dass wir vor einiger Zeit ein Interview mit dem umstrittenen linken Publizisten Jürgen Elsässer veröffentlicht hatten. Gensing hält dessen Auffassungen – ohne es näher zu begründen – für „völkisch“, wir hingegen für „republikanisch“. Freilich: Deshalb muss man Elsässer und sein Bedürfnis nach permanenter Provokation und Grenzüberschreitung noch lange nicht mögen. Aber warum eigentlich soll man kein Interview mit einem durchgeknallten Linken veröffentlichen, der immerhin ein paar interessante Dinge zu sagen hat, während Patrick Gensing für sich selbstverständlich in Anspruch nimmt, auf seinem Blog ein ganzes Interview mit dem Rechtsextremisten Jürgen Schwab zu veröffentlichen?

„Durchgeknallte Linke“ und Endstation Rechts

Im Sommer 2009 begab es sich im Iran, dass Oppositionelle gejagt, verprügelt und ermordet wurden. Diese Opfer verhöhnte Elsässer auf übelste Art und Weise, Brodkorb verniedlichte diese Ausfälle mit: “Invektiven gegen die ‘westliche Easyjet-Intelligenzia’”. Dass er diesen Schinken jetzt noch einmal auspackt, lässt darauf schließen, dass Brodkorb möglicherweise nicht besonders gut mit Kritik umgehen kann. Meinetwegen soll er jeden Tag irgendwelche Spinner interviewen, ich will und kann es nicht verbieten, aber ich kann das kritikwürdig finden. Und bis heute konnte Brodkorb übrigens noch keinen Grund nennen, was daran so „spannend“ ist, einen „durchgeknallten Linken“ als ernsthaften Gesprächspartner auf einem Projekt gegen Rechtsextremismus zu präsentieren – und was an dessen Analysen so „erfrischend“ sein soll. Um es einmal auf den Punkt zu bringen: Es ist eine ziemliche Unverschämtheit, die Brodkorb hier auffährt. Wenn ich bei jeder Kritik so überzogen reagieren würde, müsste ich monatlich ein Buch herausgeben. Apropos Buch:

Das Interview mit Jürgen Schwab war Teil meiner Recherche für das Buch „Angriff von Rechts“, auf welches Brodkorb auch noch zu sprechen kommt. Auch ein Interview mit Christian Worch wurde als Hintergrund und Quellentext zu dem Buch auf NPD-BLOG.INFO veröffentlicht. Übrigens hatte genau dies Endstation Rechts in der Besprechung meines Buches eingefordert, um so alberner, dass man dies nun anführt, um mir eine Definitionsmacht zu unterstellen, weil ich es gewagt hatte, das Handeln und die Einschätzungen des Herrn Brodkorb zu hinterfragen. Doch offenbar schwant Brodkorb selbst, dass er sich damit endgültig auf brüchiges Eis begibt und betont erneut seinen Mut zur Meinungsfreiheit. Allerdings:

Wir würden nur gern für uns dasselbe Maß an Freiheit in Anspruch nehmen – ohne Bestmenschen-Belehrung.

Ob Brodkorb langfristig so gut damit fährt, Kritik einfach als „Belehrung“ eines Bestmenschen abzutun, soll er einfach selbst entscheiden. Aus diesen sehr unterschiedlichen „Vorfällen“ meint er aber folgende Bilanz ziehen zu müssen:

Nun haben wir ihn also, einen offenen Konflikt zwischen verschiedenen Akteuren im Kampf gegen Rechtsextremismus – wie in jeder ordentlichen Familie eben.

Noch einmal der unsinnige Vergleich mit der Familie; er soll offenbar eine diffuse Zusammengehörigkeit zwischen dem Projekt der Jusos – und zwar nicht des Bundesverbandes, sondern einiger kleiner Landesverbände – sowie NPD-BLOG.INFO herstellen, das mit Parteiarbeit nichts zu tun hat. Einen offenen Konflikt haben wir allerdings tatsächlich jetzt, seit dem vorliegenden Artikel von Brodkorb, in dem noch nachgelegt wird, denn endlich kommt er zu seinen weiteren Steckenpferden, neben der angeblichen Hetzjagd auf „Rechtskonservative“ geht es dabei um die mangelnde Abgrenzung „linker Blogs“ – wer gemeint sein dürfte, ist klar – zu linksextremer Gewalt, der angeblich ungerechten Benutzung des Begriffs Rechts (s.o.) sowie noch einmal um Linke, die sich als Gralshüter der Wahrheit aufspielen. Dabei bleibt Brodkorb erneut möglichst nebulös und unklar, praktische Beispiele sucht man vergebens – seine Sprache ist von Verben wie „erahnen“ und „scheinen“ sowie rhetorischen Fragen geprägt.

Brodkorb geht hier aber auch noch auf den Verriss ein, den Endstation Rechts über mein Buch abgeliefert hat und behauptet, andere Kollegen hätten das Buch nur aus Eigeninteresse und der Sorge, als Nestbeschmutzer zu gelten, gut oder zumindest wohlwollend besprochen. Nun war ER allerdings gar nicht das einzige Medium, welches Kritik an dem Buch geübt hat, nur war die (berechtigte!) Kritik von anderen Kollegen weit fundierter und nachvollziehbarer, ja, es ließ sich etwas daraus lernen. Und der Süddeutschen Zeitung unterstellen zu wollen, diese habe aus Sorge als Nestbeschmutzer aufzufliegen, mein Buch gelobt, dazu fällt mir nur noch der Begriff lächerlich ein. Solche Vorwürfe kann nur erheben, wer noch nicht einmal begreift, dass nicht alle Bücher für Betreiber von Fachseiten zum Thema Rechtsextremismus geschrieben werden.

Extremismustheorie multipliziert mit Gesinnung

Im Folgenden kommt Brodkorb dann auch endlich mal wieder auch auf die Extremismustheorie, in der er die bekannten Positionen darlegt – und das Modell dann auf abenteuerliche Weise erweitert. Dabei entwirft er ein Bild, in der er die „Gesinnung“ und die Haltung zur Demokratie von Akteuren in verschiedene Gruppen einordnet. Auf welcher Basis das Ganze stattfindet, bleibt unklar, die Regeln hat er wohl selbst entworfen; aber das kommt dabei heraus:

bestmensch

Nur um es noch einmal zu erwähnen: Brodkorb wirft anderen Leuten eine Definitionsmacht vor. Diese „Entschlossenen“ im „Kampf gegen Rechts“, diese sozialistischen Wettbewerber, übereifrige Kämpfer und Denunzianten, die um Ausgleich und Austausch bemühte Zeitgenossen bevormunden und zensieren wollen, werden bei Brodkorb nun teilweise zu Antidemokraten, die Gesinnung über Demokratie stellen. Brodkorb verdünnt den ohnehin wässrigen Extremismusbegriff also noch weiter, in dem er das Gebilde mit moralischen Kategorien anreichert, welche er in seinem Text entwickelt hat. Kann man damit zufrieden sein? „Wir“ können, schreibt Brodkorb. Das geht aber wohl auch nur, wenn man meint, als aufmerksamer Beobachter auch die eigenen Texte objektiv bewerten zu können:

Wir wissen natürlich nicht mit Sicherheit, ob wir damit die Konfliktlinien und ihre Hintergründe jenseits aller persönlichen Eitelkeiten angemessen beschrieben haben. Aber es scheint immerhin kein ganz schlechter Anfang zu sein.

Daraus folgert Brodkorb, es gehe im Kern um die Frage, wie es die einzelnen Akteure im „Kampf gegen Rechts“ eigentlich mit der Extremismustheorie und der ihr zugrunde liegenden normativen Rahmentheorie einer demokratischen Gesellschaft halten. „Wir werden dies zum Anlass nehmen, eine gründliche Debatte über eben jene Extremismustheorie anzustoßen. Sie dürfen gespannt sein und natürlich mitmachen!“

Um es zusammenzufassen: Brodkorb nimmt zwei kritische Anmerkungen zu Endstation Rechts als Anlass, eine Analyse „der Entschlossenen“ und Bestmenschen vorzunehmen und „eine gründliche Debatte“ über die Extremismustheorie anzustoßen. Er unterstellt den „Bestmenschen“, wo solche Begriffe sonst benutzt werden – einfach mal Google fragen, Belehrungen und Definitionsbestrebungen. Konkret geht er nicht auf die vorgetragene Kritik ein, sondern hebt den Vorgang auf eine Meta-Ebene, auf der er dann den „Kampf gegen Rechts“ und dessen sozialistische Wettbewerber, Denunzianten, Entschlossenen und Antidemokraten seziert. Offenbar reicht es schon aus, Kritiker der Extremismustheorie zu sein, um selbst als Anti-Demokrat verdächtig zu sein. Warum und wo die Überschneidungen mit dem Linksextremismus, den Brodkorb übrigens auch nicht definiert, liegen? Keine Ahnung. Ich müsste doch eigentlich unverdächtig sein, wenn ich mit Nazis rede aber Gespräche mit Linken „verbieten“ lassen möchte.

Theorie wird zur Ideologie

Im Ernst: Brodkorb erhebt die Extremismustheorie in den Stand einer Ideologie, wer diese ablehnt, wird verdächtig. Wenn er dies demokratisch nennen möchte, bitte sehr. Meine Arbeit ist mir zu wichtig, um mich hier weiter auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten zu verheddern, allerdings werde ich Brodkorb auch weiterhin nicht meine „Belehrungen“ ersparen, ich würde dabei aber weiterhin von Kritik sprechen.

Letztendlich tragen Brodkorb und Endstation Rechts das Banner des vermeintlich kritischen Querdenkers gerne vor sich her, doch wenn es dann Kritik gibt, schlagen sie wild um sich – oder werden persönlich. Dabei scheint es vor allem darum zu gehen, sich immer wieder die Richtigkeit der eigenen Position zu versichern. Wer es braucht, bitte schön. Nur mit dem Kontra sollte man auch leben können.

50 thoughts on “Zwischen Anmerkung und Belehrung: Wenn eine Theorie zur Ideologie erhoben wird

  1. Da man Versprechen einhalten sollte, möchte ich meins hiermit auch erfüllen. Ich bitte um Entschuldigung, für meine Frage nach einer Antwort von Herrn Brux. Denn wenn er wirklich verhindert ist, dann gilt das selbstverständlich akzeptiert zu werden, denn das würde ich mir von anderen Menschen auch wünschen, wenn ich einmal in einer solchen Situation bin.

    Sehr geehrter Herr Brux, ich bitte Sie hiermit um Entschuldigung und freue mich auf einen Austausch mit Ihnen, wenn es unsere Zeit wieder zulässt.

    Bis dahin verbleibe ich mit freundlichen Grüßen,
    normaler_bürger

  2. Nach allem, was ich hier gelesen habe, ziehe ich den folgenden Schluss:

    1. Keiner der Gensing-Anhänger ist willens oder imstande, einen Unterschied zwischen „linksdemokratisch“ und „linksextremistisch“ wahrzunehmen oder anzuerkennen.
    2. Insofern ist Brodkorbs Grafik richtig (die „Entschlossenen“ werden quer über die Unterscheidung „linksdemokratisch“/“linksextremistisch“ drüber gezeichnet).
    3. Zugleich steht die Position von Gensings Anhängern in einem gewissen Widerspruch zu dem, was Gensing selber vorbringt. Gensing setzt nämlich voraus, dass eine Unterscheidung „linksdemokratisch“/“linksextremistisch“ sehr wohl existiert, behauptet aber, dass seine Anhänger innerhalb des „linksdemokratischen“ Spektrums verbleiben.

    4. Wie erklärt sich diese Diskrepanz?
    Wie viele Antifa-Journalisten ist Gensing zu einem ständigen Spagat zwschen der Radau-Antifa einerseits und seinen bürgerlichen Sponsoren gezwungen. Er weiß ganz gut: Wenn er bestreiten würde,dass man zwischen „linksdemokratisch“ und „linksextremistisch“ unterscheiden kan und muss, dann hat er keine Chance mehr, beim Springer-Verlag einen Preis zu bekommen.

    Gensing muss sich also in diesen Fragen mit allerlei gewundenen Formulierungen durchlavieren; und das erklärt seine Gereiztheit gegenüber Brodkorb, der es sich leisten kann, Klartext zu reden.

  3. Aus persönlichen Gründen ist es für mich im Augenblick nicht möglich, an der Debatte so aktiv teilzuhaben, wie ich mir das wünschen würde. Das kann man akzeptieren oder auch nicht. Es ändert nichts an der Situation. Ich bedauere es für mich, da ich eine große Freude an Diskurs, Kritik und Reflexion habe. Eine kleine Rückmeldung daher auf die Kritik.

    Mit dem Kommentar „‘Heil Hitler‘ darf ich als Linker sagen! Oder?“ steht mein Wunsch nach einer Debatte über die Affinität zur NS-Ästhetik, Slogans und Sprüchen, in manchen Kreisen der Arbeit gegen Neonazis, Rassismus, Antisemitismus und Homophobie, im Mittelpunkt. Es entspricht im Übrigen der Eigenart des Kommentars, dass sich darin die Meinung des Autors widerspiegelt. Also nicht zwingend die des Portals mut-gegen-rechte-gewalt.de, der Amadeu Antonio Stiftung oder von NPD-BLOG.INFO. Trotz der Rückendeckung in den drei Institutionen für einen kritischen Kommentar sollte das gesagt werden. Der Kommentar zeichnet sich auch dadurch aus, dass er Diskussionen anregt. Die hier laufende Debatte finde ich sehr spannend und offensichtlich notwendig, auch wenn sie an meinem eigentlichen Anliegen vorbei läuft. Brodkorbs Einteilung der Menschentypen wurde ausführlich diskutiert, ich stelle mich hier hinter die Argumente von Patrick Gensing u.a.

    Dass mut-gegen-rechte-gewalt.de in Artikeln auch positiv über die Apfelfront berichtet, stellt da keinen Widerspruch dar, da es keine Meinungsseite ist sondern primär die Arbeit von Projekten darstellt. Es sollen aber auch Ansätze diskutiert werden. Deshalb werden bei mut-gegen-rechte-gewalt.de beispielsweise „Bratwürste gegen Rechts“ als Aktionsform benannt und an anderer Stellewieder kritisiert. Da es kein Patentrezept in unserer Arbeit gibt, sind Diskussionen darüber unerlässlich. Die Handreichung gegen Rechts, die sagt, man dürfe alle, die was gegen Nazis machen, nicht kritisieren, habe ich noch nicht gelesen. Der Ansatz wäre neu. Ich teile ihn nicht. Ich würde es da aber wie Keynes halten: „Wenn sich die Fakten ändern, ändere ich meine Meinung. Und Sie, was machen Sie?“

    Herr Brodkorb und seine Verteidiger_innen verzichten bisweilen auf eine Erklärung, was denn das ansprechende an der schwarzen Sonne sei. Warum Nazis sich an vermeintlich linken Symbolen, wie dem Intifada-Schal oder Che Guevara-Shirts, bedienen habe ich verstanden. Eine schlüssige Argumentation, weshalb nicht-Rechte eine schwarze Sonne auf der Brust tragen, kenne ich nicht. Außer die, dass es ja „witzig“ sei und ich keinen Humor haben würde. Einen Hauch von Humor habe ich trotzdem, sonst hätte ich, wie Brodkorb richtig bemerkt, nicht die Satire der Jungle World über die Piratenpartei in meinem Blog verlinkt. Nun kann man sich über guten und schlechten Humor, Satire und Witze streiten und letztlich liegt es im Auge des Betrachters. Trotzdem kann man darüber diskutieren und hinterfragen, was denn der Hintergedanke ist und ob es neben dem ironischen Anliegen auch unerwünschte Nebeneffekte oder Aussagen gibt. Dass die FdÄ in ihren Gauen über meinen Kommentar nicht nur jubelt, überrascht mich nicht. Es sollte dazu nur gesagt sein: Ich schrieb nie „alle“ sondern „manche“.

    Ich fände es anständig, wenn das Pseudonym „normaler_bürger“, das hier und an anderer Stelle offensichtlich ein Problem mit mir hat und sich dessen Argumentationslinien bei unterschiedlichen Klarnamen oder Pseudonymen wiederfinden, seinem Frust einmal Luft macht. Ich bin ab 30. November wieder im Büro unter folgender Nummer zu erreichen: 030 . 240 886 25. Rufen Sie an?

    Nun ist es hier wie so häufig: Kritik kommt öffentlich, Zuspruch dagegen im Gespräch oder per Email. Das haben öffentliche Diskussionen so an sich. Patrick Gensing, stellvertretend für die weiteren Kommentatoren, sei an dieser Stelle für die Rückendeckung gedankt.

  4. Sehr geehrter Herr Gensing,

    Sie haben Recht. Wir sollten über die substanziellen Dinge sprechen, das hatte ich ja schon im ersten Kommentar vorgeschlagen. Daher erneut mein Angebot: Ich komme bei Gelegenheit zu Ihnen nach Hamburg, wir räumen bei einem Bier die Probleme aus und klären dann die Frage, wie wir gemeinsam die eigentlichen Fragen auf eine Art und Weise aufbereiten, von der alle etwas haben – vor allem unsere Leserinnen und Leser. Dieses Kommentar-Ping-Pong jedenfalls bringt uns nicht vorwärts.

    Gruß
    Brodkorb

  5. Diese Diskussion zwischen Gensing und Brodkorb erinnert an die mittelalterlichen Dispute der Scholastiker, die mit Hilfe der natürlichen menschlichen Vernunft und insbesondere der Philosophie des Aristoteles übernatürliche Phänomene der christlichen Offenbarung begreiflich machen wollten, sich also anheischig machten, Gott wissenschaftlich zu beweisen. Dabei waren sie sich allerdings in all ihrer intellektuellen Gehirnakrobatik gar nicht mehr bewußt, daß die Art ihrer Beweisführung das zu Beweisende – nämlich die Existenz Gottes – voraussetzt. Wer z.B. mathematisch herleiten kann, wieviel Engel auf einer durchschnittlichen Nadelspitze Platz finden, der kann sicherlich sehr schöne formale Schlüsse ziehen; Sinn und Zweck seiner Ausführungen hat er damit aber verfehlt.

    Wie damals die Scholastiker die Existenz Gottes, so bemüht sich heute vor allem Gensing in all seinen Artikeln um den Nachweis dessen, was er dabei voraussetzt, nämlich dem Dogma des Vorhandensein eines weitverbreiteten Rechtsextremismus in der deutschen Bevölkerung respektive den anderen nachgelagerten Eigenschaften wie Neonazismus, Xenophobie, Antisemitismus und neuerdings auch Islamophobie. Denn wozu sonst all dieser gewaltige Aufwand und Apparat für den Kampf gegen Rechts, und wozu all dieses Getöse in den Medien?

    Die Kontroverse mit Brodkorb rührt anscheinend auch nicht daher, daß letzterer grundsätzliche Zweifel an diesem Dogma hat, sondern daß es ihm lediglich um eine etwas elegantere und eingängigere Verbreitung dieses Dogmas geht. Oder sollten hier demokratische Restinstinkte greifen, die Brodkorb zumindest ahnen lassen, auf welchen falschen Prämissen all dieser „Kampf gegen Rechts“ aufgebaut ist?

    Zitat Brodkorb:
    „Wer den „Kampf gegen Rechts“ aufmerksam beobachtet, wird ihn überall registrieren: eben diesen sozialistischen Wettbewerb um die Frage „Wer ist eigentlich der antifaschistischste Antifaschist?“ Es gewinnt, wer die meisten Kerben in seine Küchentischlatte hauen kann: Für jeden „Nazi“, den man ausgehoben, für jeden „Skandal“, den man aufgedeckt oder insinuiert hat, gibt es wieder ein paar zusätzliche Karma-Punkte. Aber nicht nur das. Mehr als die bloße Zahl zählt natürlich die Raffinesse, mit der in kriminalistischer Höchstleistung Nazis an Stellen entdeckt werden, an denen nicht einmal Hitler welche finden könnte. Das Fatale ist nur, dass der qualitative mit dem quantitativen Effekt Hand in Hand geht. Denn unentdeckte Nazis gibt’s wie Sand am Meer…“

    Der letzte Satz, dessen Charakter auch ohne das heute übliche Hinzufügen von Markierungstags als ironisch erkennbar ist, macht Hoffnungen auf Erleuchtung. Das aber kann ihm der Glaubensbruder im Geiste Gensing natürlich nicht durchgehen lassen, denn Abweichler und Schwankende im Heiligen Kampf gegen Rechts sind allemal schlimmer als das Ziel dieses Kampfes. Vorgeblich sind das Neonazis und Rechtsextreme. Kann aber nicht stimmen, denn warum trägt der „Kampf gegen Rechts“ wohl seinen Namen?

    Zitat Gensing:
    „Brodkorb unterstellt durch die Selbstbezichtigungen „Weichei“ und „Die Vorsichtigen“ „den Entschlossenen“ eine Mackerattitüde. Hinzu kommt, dass er den „Kampf gegen Rechts“ – den er nie selbst definiert – vereinfacht und einmal mehr auf sein Lieblingsthema, die Neue Rechte, die „subtilen Einflüsterer“, reduziert.“

    Auch Gensing und alle seine Mitstreiter definieren uns nie genau, worin dieser Kampf gegen Rechts denn nun bestehen soll.

    Zitat Gensing:
    „Der „aufmerksame Beobachter“ registriert es also „überall“: Der „Kampf gegen Rechts“ – ein sozialistischer Wettbewerb, in dem die übereifrigen und eigensüchtigen Akteure möglichst viele Nazis bloßstellen wollen. … Oder meint Brodkorb vielleicht die Hunderte von Initiativen und Organisationen, die sich in Mecklenburg-Vorpommern beim „Kampf gegen Rechts“ gegenseitig ausstechen?“

    Wir kommen der Wahrheit näher, unabhängig davon, ob das von Gensing so beabsichtigt ist.

    Zitat Gensing:
    „Der Begriff „Kampf gegen Rechts“ wird vor allem in Debatten um die Förderprogramme der Bundesregierung benutzt. Er dient in der medialen Berichterstattung der Vereinfachung, genau wie „linke Randalierer“ beispielsweise.“

    Bingo. Das dürfte wohl die Essenz dieses Kampfs gegen Rechts sein. Dieser durch Fördergelder staatsindizierte Kampf bietet vielen Leuten Posten, Prestige und berufliche Existenz, die sich ansonsten bei der regionalen Agentur für Arbeit in die Schlange einreihen müßten. Der Begriff „Kampf gegen Rechts“ dient also der medialen Vereinfachung, genau wie „linke Randalierer“, very interesting. Bloß seltsam, daß ich in den letzten Jahren nie etwas von staatlichen Förderprogrammen für einen „Kampf gegen Links“ gehört, der natürlich auch nur eine mediale Verkürzung für alle Linksextreme sein müßte.

    Ein kleiner Ausflug in die Geschichte: Im mittelalterlichen Indien wollte einst ein Radscha etwas gegen die Kobraplage in seinem Reich tun. Er ließ deswegen eine Prämie für jede getötete Kobra ausloben, um einen Anreiz für die Menschen zu geben. Das Ergebnis kann sich jeder ausrechnen, der auch nur ein wenig in Zusammenhängen zu denken versteht: Die Menschen fingen an, Kobras zu züchten, um sie den Beauftragten des Radschas in größeren Zahlen präsentieren zu können mit dem Ziel der persönlichen Gewinnmaximierung.

    Obiges Verhalten ist natürlich menschlich verständlich. Bedenklich wird es dann, wenn sich eine Bewegung, hinter der ja eine Idee steckt, nämlich die seitens der Politik einmal beabsichtigte Auseinandersetzung mit Neonazigruppen oder rechtsextremen Schlägern, von ihrem Ursprungsgedanken löst und zur Ideologie wird, die inzwischem von einem mit Steuergeldern finanzierten Apparat exekutiert wird, der an einer realen Darstellung der Lage gar nicht mehr interessiert ist, weil seine ganze Existenz vom Vorhandensein eines rechtsextremen Bedrohungsszenario abhängt. Wenn sich auf einmal die Erkenntnis durchsetzen sollte, daß es eine Bedrohung für die Demokratie durch eine derartige Einstellung gar nicht gibt: Wo bleiben dann die vielen Fördergelder für die „Hunderte von Initiativen und Organisationen, die sich in Mecklenburg-Vorpommern beim „Kampf gegen Rechts“ gegenseitig ausstechen“?

    Dabei läßt allein schon die Untersuchung der blanken Zahlen von im Verfassungsschutzbericht als „mit politischem Hintergrund extrem Rechts“ eingestuften Straftaten erkennen, daß es dieses Ausmaß an Rechtsextremismus, Xenophobie oder neuerdings Islamophobie gar nicht gibt, welche eine derart hypertrophierte Berichterstattung, einen derartigen politischen Aufwand und eine derartige finanzielle, organisatorische und mediale Unterstützung auch nur annähernd rechtfertigen würden. Bei den dort genannten bundesweit ca. 22.000 Straftaten (wer Genaueres will, kann googeln, mir geht es um die Darstellung der Dimensionen) handelt es sich in den allermeisten Fällen um Propagandadelikte, wie ein an die Wand geschmiertes Hakenkreuz oder das Verteilen von CD`s mit als rechtsextrem eingestufter Musik. Dabei ist übrigens interessant, daß nach einer Änderung in der Klassifizierung solcher Straftaten im letzten Jahr, gemäß der alle solche Dinge als rechtsextrem einzustufen sind, unabhängig ob sie von Einheimischen oder von Leuten mit Migrationshintergrund, die Zahlen um einige Tausend gestiegen sind. Die Zahl der Gewaltstraftaten mit Hintergrund Rechtsextrem bewegt sich seit vielen Jahren um die 1000 pro Jahr für das gesamte Bundesgebiet. Davon sind ca. 40 % als Attacken auf „Linksextreme“ oder „vermeintlich Linksextreme“ eingestuft, was die hier mehrfach bestätigte These stützt, daß es sich bei diesen Taten um einen Kampf zwischen Rechtsextrem und Antifa handelt, zwei Gruppen also, die mit dem Rechtsstaat wenig am Hut haben.

    Jetzt zum Vergleich mit diesen o.g. Zahlen ein Ausflug in die BKA-Statistik. Diese nennt für das Jahr 2008 allein für den Bereich „schwere und gefährliche Körperverletzung“ bundesweit eine Zahl von ca. 237.000, eine Zahl also, welche die der genannten Zahlen für rechtsextreme Gewaltstraftaten um Größenordnungen übersteigt. Allein hieran sollte der unvoreingenommene Betrachter eigentlich ablesen können, welchen Anteil dieser Bereich an der im Land ausgeübten Gewalt besitzt und welche Relevanz hier vorhanden ist.

    Zur Information: Beim Bereich Gewaltstraftaten Hintergrund Linksextrem liegen die Zahlen lt. Verfassungsschutzbericht in der gleichen Größenordnung, und auch der Anteil der als „Gewaltstraftaten gegen Rechte oder vermeintlich Rechte“ liegt in einem ähnlichem Bereich. Interessant daran ist, daß in Stadtstaaten wie Berlin und Hamburg inzwischen wesentlich mehr links- als rechtsextreme Straftaten begangen werden, was inzwischen auch in den offiziellen Statistiken auftaucht.

    Fazit: Dieser „Kampf gegen Rechts“ bezieht seine Daseinsberechtigung inzwischen aus dem selbsterzeugten Lärm. Gleichzeitig scheint er einigen linken Aktivisten als Vehikel zu dienen, um die althergebrachten ideologischen Gegner „deutscher Staat“ und „deutsche Nation“ weiter bekämpfen zu können, dieses Mal aber von genau diesem Staat finanziert. Denn in Wahrheit ist dieser absichtlich nie genau definierte „Kampf gegen Rechts“ ein Kampf gegen alles, was rechts von der eigenen linksextremen Position steht, und das wäre dann notwendigerweise die bürgerliche Mitte der Gesellschaft. Wie sonst lassen sich dann so dubiose Studien wie die der Friedrich-Ebert-Stiftung „Vom Rand zur Mitte“ erklären, in denen mehr oder weniger großen Teilen der deutschen Gesellschaft Rechtsextremismus, Nationalismus oder Antisemitismus (wahlweise Xenophobie oder Islamophobie) oder zumindestens Neigungen dazu angedichtet werden? Sieht man sich die Fragestellungen genauer an, mit denen diese Behauptungen begründet werden, dann stellt man fest, daß hier ein Abweichen von der eigenen linken Gesinnung als Rechtsextremismus oder Neigung dazu interpretiert wird. Aufschlußreich ist hier vor allem der Geldgeber solcher Studien sowie die Intentionen, mit der diese in Auftrag gegeben werden.

    Man muß konstatieren, daß diese Bewegung, die sich im Endeffekt in Richtung einer linken Meinungs- und Gesinnungsdiktatur bewegt, erschreckend weit gekommen ist, sieht man sich das Klima der öffentlichen Diskussion. Blogs wie diese sind da lediglich eine Abweichung davon. Es ist in dem Zusammenhang ein Fortschritt zu nennen, daß von linken Mainstram abweichende Meinungen in der letzten Zeit nicht mehr derart zensiert werden, wie das noch vor einiger Zeit der Fall war. Da scheinen sich, und das ist auch meine Hoffnung, inzwischen auch bei Leuten wie Herrn Brodkorb Erkenntnisse Raum zu bahnen, die in Richtung einer Befreiung aus dem ideologischen Prokrustesbett hinweisen, in dem die öffentliche Diskussion inzwischen steckt. Natürlich werden dann alle, die sich bis jetzt die Deutungshoheit über die gesellschaftlichen Vorgänge im Land anmaßten, mächtig auf die Füße getreten fühlen und entsprechend reagieren. Aber ohne das wird sich nichts ändern.

  6. Sehr geehrter Herr Brodkorb,
    ich weiß zwar nicht, warum Sie – nachdem Sie mich zum Bestmenschen erhoben haben – nun plötzlich unbedingt mit mir ein Bier trinken wollen, aber klar, von mir aus.

    Allerdings wird dies nicht eine weitere öffentliche Debatte ersetzen, die Sie ja auch selbst anstoßen wollten. Sie haben nämlich weiterhin eine ganze Menge Fragen offengelassen. Besonders interessieren würde mich, ob Sie Ihre Ausführungen als wissenschaftliche Überlegungen oder als politisches Projekt betrachten würden.

    Mit freundlichem Gruß
    Patrick Gensing

  7. Tut mir leid, dass ich mich erst so spät wieder einmische, ich war einige Tage unterwegs und hatte keinen Internetzugang.

    Das Problem einer an den Totalitarismustheorien orientierten Kritik des Rechtsradikalismus, wie sie von Herrn Brodkorb favorisiert wird, ist die Unterschätzung verschiedener Elemente der politischen Kultur.

    Herr Brodkorb sieht in meiner Rezension eines Buches von Clemens Heni () eine Lobhudelei eines wissenschaftlich zweifelhaften Buches. Sieht man sich seine eigene Rezension desselben Buches an (), dann erkennt man, dass er insbesondere „sekundären Antisemitismus“ nicht als Kriterium der Analyse des Rechtsradikalismus (es gibt ihn auch linksaußen) anerkennen möchte.

    Totalitarismustheorien haben häufig ein Problem mit Phänomenen der politischen Kultur, wie Rassismus, Antisemitismus und Nationalismus. Freilich handelt es sich bei Menschen, die sich nicht der Totalitarismustheorien in der Analyse des Rechtsradikalismus bedienen, nicht einfach um „unwissenschaftliche“ oder „aufgeregte“ Zeitgenossen. Sie bedienen sich lediglich eines anderen Instrumentariums der Analyse. Da scheint es ein bisserl gewagt mit Worten wie „Bestmenschen“ etc. um sich zu werfen.

    Aber vielleicht kommt das ja alles bei einem Gläschen Bier mit Herrn Gensing zur Sprache. Ich hoffe es.

    Martin Jander

  8. Nun hat Herr Brodkorb doch noch einmal öffentlich in dieser Sache Stellung bezogen, bei Endstation Rechts. Da die Debatte dort offtopic war, habe ich mir erlaubt, diese hier fortzusetzen. Hier der Kommentar von Brodkorb:

    __________________________________________________

    @ Gensing: Nö, Herr Gensing, ganz so schlimm ist es nun auch wieder nicht.

    Dass ich Scholz nicht verteidigen oder kritisieren werde, ohne das von ihm besprochene Buch selbst gelesen zu haben, werden Sie mir nachsehen.

    Meine These in Bezug auf Sie war, dass Sie diesen Beitrag von Brux nicht nur auf Ihrem Portal zugelassen, sondern in Artikeln und Kommentaren inhaltlich (!) verteidigt haben – das ist der entscheidende Punkt. Und bevor Sie vielleicht gar nicht wissen (wollen), was ich meine, stelle ich doch einfach folgende Frage: Fanden Sie die damals von Brux über uns und Storch Heinar geäußerten Thesen angemessen und richtig? Ja oder nein?

    Daniel Erk jedenfalls meinte dazu im Hitlerblog der taz Folgendes: „Der implizite Nazivergleich, den Brux dort zieht, ist falsch, beleidigend und überheblich. Wer es ernst meint im Kampf gegen den Rechtsextremismus, der sollte sich nicht an solcher Demagogie und Verunglimpfung beteiligen. Wehret den Anfängen, ja – aber wehret auch der Hetze.“ (http://blogs.taz.de/hitlerblog/tag/mut_gegen_rechte_gewalt/) Wenn Sie Brux‘ Thesen damals falsch fanden und Sie nur zum Zwecke des pluralistischen Diskurses veröffentlicht haben, nehme ich alles zurück. Ansonsten bleibt alles, wie es war.

    Aber was mich am meisten irritiert, ist Folgendes: Nach langem Hin und Her haben Sie damals meine Einladung zu einem Bier angenommen. Vor wenigen Tagen haben Sie mich wieder „ausgeladen“. Sie hätten keine Zeit, keine Lust und das ganze keinen Sinn. Wenn Sie aber weder Zeit noch Lust haben mit mir in einem persönlichen Gespräch endlich mal die Probleme aus der Welt zu schaffen: Warum investieren Sie dann so viel Zeit in das Lesen unserer Kommentare und in das Schreiben eben solcher auf unserer Seite. Ist das nicht irgendwie ein Widerspruch, angeblich keine Zeit und Lust zur Kommunikation zu haben und sie dennoch zu betreiben?

    ______________________________________

    Hier nun meine Antwort:

    Sehr geehrteer Herr Brodkorb,
    ich habe mir schon fast gedacht, dass Sie einen Unterschied zwischen der Verantwortlichkeit für Veröffentlichungen auf NPD-BLOG.INFO und ER so herleiten. Weil Sie das nicht gelesen haben, ist es okay, weil ich zu einem Artikel etwas sage, ist es nicht okay. Naja.

    Vielleicht erinnern Sie sich auch noch, warum ich für Brux eingesprungen bin? Weil er zu dieser Zeit ganz andere Probleme hatte. Das steht auch oben.

    Weiterhin können Sie sich Ihre Frage aber auch selbst mit Ja beantworten – ohne dies durchzudifferenzieren. Schon in der Mittelstufe wird Die Welle gelesen, jeder, der mal an Massenveranstaltungen teilgenommen hat, kennt die Faszination der Gruppendynamik. Gut, wenn sämtliche Apfelfront-Träger davor gefeit sind – Glückwunsch. Ich halte Brux Einwurf weiterhin für gerechtfertigt; und es ist auch von ER nicht zu viel verlangt, dass man hinterfragt, was an einer Schwarzen Sonne so toll sein soll. Nigendwo steht, das sind alles Nazis. „muhmann“ schrieb oben passenderweise:

    „hmm ich glaub da nehmen n paa leute das zu persönlich.
    dem autor gings wohl eher darum das inzwischen viel zu wenig reflektiert wird, auch innerhalb der linken szene.“

    Was mein Zeitbudget angeht: Ich habe Ihnen geschrieben, ich habe weder Zeit noch Lust, auf ER einen Gastbeitrag zu schreiben; ehrlich gesagt fand ich die Anfrage geradezu skurril. Ich schreibe doch nicht auf einer Seite, auf der ich als Bestmensch angegriffen werde, weil ich Kritik an einem Interview geübt habe. Darauf gehen Sie übrigens gar nicht mehr ein, stattdessen begründen Sie Ihre Klassifizierung für mich nun mit der Veröffentlichung und sogar dem Eintreten (also wirklich) für einen Autor von NPD-BLOG.INFO.

    Zurück zu meinem Zeitbudget: Wenn ich Lust habe, einen Kommentar zu schreiben, dann mache ich das auch – so lange dauert das übrigens auch nicht.

    Was diese Biertrinken-Geschichte angeht, wiederhole ich gerne meinen Standpunkt: Ich halte nichts davon, eine Debatte öffentlich anzustoßen und dann auf die „Wir-trinken-mal-ein-Bier“-Ebene zu ziehen. Weiterhin haben Sie sich in unserem lustigen Streit nicht mehr zu Wort gemeldet, nach mehreren Monaten ist so ein Angebot dann auch mal hinfällig.

    Insgesamt bleibe ich bei meiner Einschätzung:

    Ihr Text geht nicht auf, und ich denke, das wisen Sie auch.

    Gruß
    Patrick Gensing

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