Eine Mahnung aus Stralsund

Glaubt man verschiedenen Umfragen, so ist der Otto-Normaldeutsche satt und möchte nichts mehr von einer Zeit vor der Bundesrepublik hören. Mahnen und Erinnern geht vielen, gerade jüngeren Menschen, inzwischen einfach nur noch auf die Nerven, immerhin ist es ja auch schon Ewigkeiten her. Diesen Menschen ist der folgende Artikel gewidmet.

Von Florian Röpke

Am 4. November berichtete das Hamburger Abendblatt über den Diebstahl der Gedenk-Tafel der Stralsunder Synagoge. Zuvor wurde übrigens im Internet auf einschlägigen Neonazi-Seiten ordentlich gehetzt. Warum? Weil die Gedenk-Tafel an die in der Reichspogromnacht 1938 in Brand gesteckte jüdische Synagoge erinnert. Und das ist in den Augen der Neonazis eben Schuldkult. So ein Diebstahl wird dann auch kommentiert: „Gute Aktion! Davon müsste es mehr geben. Kaum aufwand und der Preis: Werbung und lustige heul Texte.“

Makaber, die ortsansässige „Hatecrew“ Stralsund hat die Polizei erst auf den Diebstahl aufmerksam gemacht, da sie ein Bild von der Hauswand eben ohne Gedenk-Tafel veröffentlichte. Natürliche wurde der neonazistischen Hatecrew das Bild nur zugespielt, wie später auch ein Video, ihre menschenverachtende Freude über das Geschehen können und wollen sie aber kaum verbergen. Am Wochenende veröffentlichten sie für ihre Gesinnungsgenossen einen Aufruf: „Wer in der Nacht vom Sonntag zu Montag beabsichtigt aus irgendwelchen Gründen einen Spaziergang durch die Innenstadt zu machen, dem sei geraten daran zu denken, einen Personalausweis mit sich zu führen. Außerdem täte er gut daran sich einmal mehr zu vergegenwärtigen, gegen kein Gesetz zu verstoßen wenn er eine Begegnung mit der dritten Art in Zivil oder möglicherweise auch uniformiert vermeiden möchte. (…) Wer meint sich in Gegenwart bestimmter Reliquien wie Stolpersteine, Judentafeln, Stele etc. nicht zusammenreißen zu können, sollte besser die gesamte Innenstadt meiden.“ Da liegen die Karten doch auf dem Tisch, noch offener kann man seinen Antisemitismus nicht zur Schau tragen.

Heute, am 9. November, veröffentlicht die Hatecrew dann das schon genannte Video, welches im Augenblick stetige Verbreitung im Internet findet. Das Video zeigt, wie die Gedenk-Tafel in den Strelasund geworfen wird.

Es sind übrigens Neonazis wie diese, die alljährlich zu Gedenkmärschen aufrufen und ausschließlich an die Deutschen Opfer des 2. Weltkriegs erinnern wollen. Wer vor diesem Hintergrund, es gibt sicherlich noch unzählige andere Beispiele, noch immer von Schuldkult spricht und keine Verpflichtung sieht, auch 2009, an die Verbrechen der Nazizeit zu erinnern, der muss dringend umdenken.

Hier noch der Kommentar der Hatecrew Stralsund zum Video: „Die Suche nach der verschollenen Juden-Tafel hat ein Ende! Auf Youtube ist inzwischen ein Video aufgetaucht, aus dem hervor geht, dass die Tafel offenbar in den unendlichen Weiten und Tiefen des Strelasunds versenkt worden ist. Wir sind darüber selbstverständlich wie immer bestürzt und betroffen. Der Anne-Frank-Spruch, der die Platte zierte, „Geschehene Dinge lassen sich nicht rückgängig machen“ ist damit in diesem Fall wohl Programm. Es sei denn die Stadt gönnt sich den Luxus ein paar Taucher loszuschicken…“

Damit sollte vorerst alles gesagt sein. Einen angenehmen 9. November.

Siehe auch: Museum startet Anne-Frank-Kanal bei YouTube

Sachsen-Anhalt: Prozess wegen Bücherverbrennung beim Volksfest, MV: NPD provoziert in und vor dem Landtag

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5 thoughts on “Eine Mahnung aus Stralsund

  1. findet ihr das video noch mal irgend wo anders? hat das vielleicht jemand irgendwo hochladen können, bevor es „vom benutzer entfernt“ wurde?

    .~.

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