Georg Elser und das gescheiterte Attentat auf Adolf Hitler (II)

Die Kundgebung vom 8. November 1939 war die erste, seit die deutsche Wehrmacht in Polen einmarschiert war. Gegenüber früheren Jahren war das Programm der Feierlichkeiten „in Hinblick auf den Kriegszustand“ reduziert worden. Der übliche Erinnerungsmarsch entfiel. Stattdessen waren lediglich Kranzniederlegungen an der Feldherrnhalle und an den sogenannten Ehrentempeln auf dem Königsplatz vorgesehen, wo die von der Polizei erschossenen Putschisten des Jahres 1923, die „Blutzeugen der Bewegung“, ihre letzte Ruhestätte gefunden hatten. Aber die Hitler-Rede, der Höhepunkt der zweitägigen Feierlichkeiten, fand statt.

Von Ernst Piper*

Wegen des bevorstehenden Frankreich-Feldzugs wollte Hitler möglichst in der Reichshauptstadt präsent sein. Er flog erst am Nachmittag des 8. November nach München. Die Wetterlage war unsicher und Hitlers Chefpilot Hans Baur befürchtete, am nächsten Morgen könnte es Nebel geben. Das hätte den Rückflug unweigerlich verzögert. Deshalb entschied Hitler, seinen Sonderzug zu nehmen und die Rückreise noch am selben Abend anzutreten. Die Eisenbahnverwaltung sah nur eine Möglichkeit, den Sonderzug in den Fahrplan zu integrieren: Abfahrt ab Hauptbahnhof um 21 Uhr 31. Hitler beugte sich, beschränkte seine Rede auf eine gute Stunde und begann nicht wie sonst zur historischen Stunde um 20 Uhr 30, sondern schon eine halbe Stunde früher. Um 21 Uhr 07 beendete er seinen Auftritt, sodass der Sonderzug pünktlich abfahren konnte.

Um 21 Uhr 20 explodierte Georg Elsers Höllenmaschine, genau wie er es berechnet hatte. Der Festsaal versank in Schutt und Asche, doch Hitler bekam davon nichts mehr mit. Die Nachricht von dem Anschlag erreichte ihn erst in Nürnberg. Die Explosion hatte ein riesiges Loch in die Decke gerissen, sodass man den Himmel sehen konnte. Der Saal war in eine Trümmerlandschaft verwandelt. Herabgestürzte Balken und Ziegel, zertrümmerte Tische und Stühle, zerschlagene Bierkrüge – alles lag durcheinander. Rohrmatten, Stahlträger und Drahtgeflecht hingen herab. Alles war von einer dicken Schicht aus Kalk und Dreck überzogen. Elser hatte, sprengtechnisch die günstigste Stelle gewählt. Zwei Längs- und ein Querträger, die weitere Träger stützten, waren aus ihrer Verankerung gerissen worden, so dass die ganze Dachkonstruktion eingestürzt war.

Drei Menschen waren sofort tot, fünf weitere starben später im Krankenhaus. Außerdem gab es 63 Verletzte. Eines der acht Opfer war eine Aushilfskellnerin, die zufällig in der Nähe gestanden hatte, die anderen sieben waren nationalsozialistische Funktionäre und Träger des „Blutordens“. Wäre die Veranstaltung programmgemäß verlaufen, wären Hitler und die ihm nächststehenden Parteigrößen umgekommen. Die Aushilfskellnerin Maria Henle wäre nicht unter den Opfern gewesen, weil der Ausschank untersagt war, solange Hitler sprach. Elser hatte alle diese Umstände bei seinen Planungen bedacht. Dass der Zeitplan in letzter Minute geändert werden würde, konnte er nicht ahnen.

Sobald die Tat bekannt wurde, wucherten die Gerüchte. Viele glaubten angesichts der wundersamen Errettung des „Führers“ an einen fingierten Anschlag zur Erhöhung von Hitlers Popularität. Am 11. November notierte Goebbels: „Bürgerbräu-Attentat noch immer große Weltsensation. London und Paris versuchen uns nach Muster Reichstagsbrand die Schuld zuzuschieben.“ Die Gerüchte erhielten auch dadurch Nahrung, dass Elser nicht vor Gericht gestellt wurde, sondern im KZ verschwand. Der wahre Grund dafür war, dass Hitler nach dem „Endsieg“ einen Schauprozess mit ihm veranstalten wollte, am liebsten im besiegten London.

Georg Elser war am 8. November nach Konstanz gefahren. Dort wurde er um 20 Uhr 45, also noch vor dem Attentat, bei dem Versuch des illegalen Grenzübertritts verhaftet. Doch bereits am folgenden Tag war seine Verbindung zu dem Anschlag klar und Elser wurde nach München überführt, wo er tagelang verhört und brutal gefoltert wurde. Nach vier Tagen war seine Widerstandskraft erschöpft und er gestand. Um niemanden in die Sache hineinzuziehen, bestand Elser darauf, er habe alles ganz alleine gemacht. Durch die Fülle seiner technischen Detailkenntnisse und einen Nachbau des Explosionsapparates gelang es ihm, die ermittelnden Kriminalbeamten schließlich davon zu überzeugen.

Adolf Hitler dagegen glaubte, dass der britische Geheimdienst hinter der Sache steckte. Er war tief enttäuscht, dass die Briten Deutschland nach dem Überfall auf Polen den Krieg erklärt hatten. Seine Rede im Bürgerbräukeller war eine einzige Hasstirade gegen England gewesen. Da traf es sich günstig, dass es der SS am 9. November gelang, aus dem niederländischen Grenzort Venlo zwei britische Geheimagenten nach Deutschland zu entführen. Nach ausführlichen Verhören war bald klar, dass Best und Stevens, die beiden Agenten des Secret Intelligence Service, rein gar nichts mit dem Münchner Attentat zu tun hatten, aber für das in der NS-Presse gezeichnete Bild der Tat taugten sie wunderbar. Am 21. November fügte Hitler diesem Bild noch eine weitere Farbe hinzu. Er ließ verbreiten, der britische Geheimdienst habe den Anschlag auf ihn in Auftrag gegeben und auch finanziert, doch der Organisator sei Otto Straßer.

Otto Straßer hatte zum linken Flügel der NSDAP gehört und die Partei im Streit mit Hitler verlassen. 1933 war er ins Exil gegangen. Andernfalls wäre er wohl wie sein Bruder Gregor im Zuge des sogenannten „Röhm-Putschs“ ermordet worden. Zum Zeitpunkt des Bürgerbräu-Attentats befand sich Straßer in der Schweiz. Georg Elser war ihm völlig unbekannt. Nach intensiven Ermittlungen kam auch die Schweizer Bundesanwaltschaft zu keinem anderen Ergebnis. Dennoch wurde Straßer in einem Akt vorauseilenden Gehorsams gegenüber den mächtigen deutschen Nachbarn von der Schweizer Regierung ausgewiesen.

Georg Elser wurde unterdessen weiter verhört. Erst als man ein über 100 Druckseiten umfassendes Geständnis aus ihm herausgeprügelt hatte, ließen Gestapo und Kriminalpolizei von ihm ab. Das Verhörprotokoll ist eine zentrale Quelle. Auch zahlreiche Mitglieder seiner Familie wurden verhaftet und, zum Teil Monate lang, verhört, sodass wir über Elsers Geschichte sehr genau unterrichtet sind. Er selbst kam ins Konzentrationslager Sachsenhausen, gegen Kriegsende dann nach Dachau. Am 5. April 1945, der nationalsozialistische „Endsieg“ war in weite Ferne gerückt, gab das Reichssicherheitshauptamt die Anweisung, Elser „in absolut unauffälliger Weise … zu liquidieren“. Eigentlich sollte dies im Zuge eines Luftangriffs geschehen, aber die SS hatte in jenen Tagen andere Sorgen als die Vertuschung eines einzelnen Mordes. Als der Befehl am 9. April eintraf, wurde Elser sofort erschossen und seine Leiche verbrannt. Ein Grab bekam er nicht.

Der Reichskriminaldirektor Arthur Nebe, der die Sonderkommission Elser geleitet hatte, war nach Abschluss der Verhöre im Gespräch mit einem Kollegen zu einem sehr zutreffenden Urteil über Georg Elser gekommen: „Dieser Mann aus dem Volke liebte das einfache Volk; er legte mir leidenschaftlich und in simplen Sätzen dar, Krieg bedeute für die Massen aller Länder Hunger, Elend und millionenfachen Tod. Kein ‚Pazifist’ im üblichen Sinne, dachte er ganz primitiv: Hitler ist der Krieg, und wenn dieser Mann weg ist, dann gibt es Frieden …“ Wie Recht dieser Handwerker aus Hermatingen doch hatte und wie wenige seinem Beispiel gefolgt sind – das ist der Kern der deutschen Tragödie.

Teil 1: Georg Elser und das gescheiterte Attentat auf Adolf Hitler

*Der Historiker Ernst Piper lehrt an der Universität Potsdam. Von ihm erschien unter anderem eine “Kurze Geschichte des Nationalsozialismus – Von 1919 bis heute” sowie Alfred Rosenberg: Hitlers Chefideologe.

Siehe auch: Vor 75 Jahren: Der “Röhm Putsch” (Teil I), Vor 75 Jahren: Der “Röhm-Putsch” (Teil II), Kapitulation und Kriegsende 1945: Das Geschenk der Freiheit, Die Nazis und der 1. Mai: Homogenität statt Egalität, Die Nazis und der 1. Mai: Von Niedriglöhnen und dem Ende der Gewerkschaften, Die letzten Tage des “Führers”: Hitler tat alles, um seine erbärmliche Existenz zu verlängern, Vor 85 Jahren: Adolf Hitler vor Gericht 

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