Der Kürbis als Volkstod

„‚Mama, beeil Dich, es ist schon fast um vier!‘ So und so ähnlich klingt es am Nachmittag des 31. Oktober 2009 zumindest in den Häusern der südbrandenburgischen Stadt Ruhland, in denen noch Kinder wohnen.“

"Hehehe, hier kommt der Volkstod!"
"Hehehe, hier kommt der Volkstod!"

So oder so ähnlich beginnen die Irr-, pardon Spreelichter einen bemerkenswerten Beitrag über einen gelungenen Halloween-Gag. Aber bevor es soweit ist, schaffen die Neonazis erst die richtige Atmosphäre zum Gruseln:

Dem deutschen Volk widerfährt der Tod! Schleichend, heimlich, nicht erwähnt von den Machthabern und in den Medienveröffentlichungen demografischer Zahlen nur für die erkennbar, für die „Volk“ sich von „Bevölkerung“ unterscheidet: Für die, die – ohne Erklärungen abwarten zu müssen – instinktiv wissen, dass die Zukunft einer Kulturnation niemals durch ein Auffüllen seiner Volkssubstanz mit artfremden Menschen aus aller Welt gesichert werden kann.

Glück im Unglück, so die lichterloh Brennenden, denn zumindest in Südbrandenburg werde die „Volkssubstanz“ nicht mit „artfremden Menschen“ aufgefüllt. Allerdings sei es so „kein Wunder, dass die Einwohnerzahl Ruhlands von 5.664 im Jahre 1950 auf 4.106 im Jahre 2005 gesunken ist“, beklagen die Spreelichter. Und diese Gruselstimmung überträgt sich dem Bericht zufolge dann auch auf den Halloween-Umzug in der fast menschenleeren Stadt:

Spielmannszüge beginnen zu musizieren, verkleidete Kinder und ihre Eltern folgen ihnen. Grotesk wirkt der Umzug fröhlicher Kinder in der nasskalten Dämmerung und im eisigen Wind, als würde die Natur selbst in diesem Moment unbeschwerter Heiterkeit mahnend auf das drohende Ende hinweisen, das unausweichlich erscheint, je länger niemand die Machthaber in ihrem Tun hindert.

Bekommt man von Kürbissuppe eigentlich Wahnvorstellungen, wenn man diese Hektoliterweise zu sich nimmt, oder muss man die Matschepampe erst trocknen und dann rauchen? Oder gleich spritzen? Auf jeden Fall braucht man schon guten Stoff, um Wind und Regen im November als Indiz für die Richtigkeit der eigenen politischen Überzeugung anzuführen und Kinder auf einen Halloween-Umzug so einzuheizen:

Viel besser als die bunten Verkleidungen und das Lachen der Kinder passt da das Bild, welches sich dem Beobachter am Straßenrand gegen Ende des Umzuges bietet: Vier junge als „Sensenmänner“ verkleidete Leute mit blass geschminkten Gesichtern tragen ein schwarzes Transparent vor sich her, auf dem in großen weißen Buchstaben schon von weitem zu lesen ist, was so mancher hier bereits weiß: „Die Demokraten bringen uns den Volkstod“.

Wer nun aber glaubt, diese Halloween-Verkleidung würde dem amerikanischen Spuk endlich ein Ende bereiten und die wenigen Blagen würden wieder in ihre Häuser laufen, der sieht sich getäuscht:

„Was steht denn da oben?“ fragt ein Kind neugierig seine Mutter, die interessiert das Flugblatt zu lesen beginnt.

Die Folgen des Auftritts der vier Neo-Sensemänner könnte weitreichende Folgen für die Lebensplanung der verbliebenen Kinder haben: Flucht. Und der folgende Absatz des Neonazi-Halloween-Abenteuers düfte sich daher als selbsterfüllende Prophezeiung erweisen:

Auch auf dem Halloween-Fest in Ruhland kann vor dieser Entwicklung niemand die Augen verschließen. Diejenigen, die noch mit Kindern hier wohnen, wissen aus Berichten anderer um die Befürchtung, dass vielleicht noch sie selbst, keinesfalls aber ihre Kinder in dieser Region werden leben können.

Denn im Ernst: Wer möchte schon in einem Kaff leben, geschweige denn seine Kinder aufwachsen lassen, in dem ein paar Gestörte solche Psycho-Auftritte hinlegen und sich damit dann auch noch im „Weltnetz“ brüsten? Ein Kommentator schrieb dann auch passend zu dem ganzen Spuk:

Sich an Halloween als Neonazi zu verkleiden halte ich für eine gelungene Idee. Das ist fast so gruselig wie Freddy Krüger!

Wohl wahr.

Siehe auch: NPD-Funktonäre setzen auf amerikanische Hotelkette

4 thoughts on “Der Kürbis als Volkstod

  1. Das ist schon wirklich sehr, sehr armselig, wenn man eine Kinderparade in der Provinz für die „Promotion“ der eigenen völkischen Minderbemitteltheit missbraucht.

    Ich schätze, dass bevor man an den eigenen „Volkstod“ glauben muss, vorher schon der eigene Hirntod eintreten sein muss.

    Lustig ist auch, dass diejenigen, die von „Artfremdheit“ quasseln, sich an einem „artfremden“ Brauch beteiligen. Aber Selbstreflektion war den Faschisten noch nie zu eigen!

  2. „Nach eigener Darstellung kam die Aktion gut an.“

    Nach eigener Darstellung kommen alle Aktionen der Nazis gut an.
    Nach eigener Darstellung werden werden NPD-Stände stets von vielen interessierten Bürgern und besucht und viele interessante Gespräche geführt.
    Nach eigener Darstellung wird ihnen das Informationsmaterial aus den Händen gerissen.
    Nach eigener Darstellunng schließen sich ihren Demonstrationen interessierte Bürger an.
    Nach eigener Darstellung vertritt man auch die Meinung der großen Mehrmheit aller Deutschen.
    Nach eigener Darstellung haben an den Wahlniederlagen immer die anderen Schuld.

    Übrigens betont die NPD stets, eine demokratische Partei zu sein. Wer bringt noch einmal den Volkstod…?

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