231 Veranstaltungen gegen Antisemitismus

Die Amadeu Antonio Stiftung eröffnete heute die bundesweiten Aktionswochen gegen Antisemitismus 2009 mit Claudia Schmid (Verfassungsschutz Berlin), Dirk von Lowtzow (Tocotronic), Franziska Drohsel (Jusos), Jan Jetter (AGFJ, HH) und Anetta Kahane (Amadeu Antonio Stiftung).

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„20 Jahre nach dem Mauerfall ist es wichtig, den aktuellen Antisemitismus in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken. Der nicht aufgearbeitete Antisemitismus in Ostdeutschland trifft auf einen neuen, gesamtdeutschen und globalisierten Antisemitismus, der sich jugendkulturell Bahn bricht und verschwörungstheoretisch nährt. Er reicht aktuell von globalisierungskritischen, antisemitischen Karikaturen über eine antisemitische Israelfeindschaft bis hin zu Hassdiskussionen über den Nahostkonflikt in den sozialen Netzwerken wie Studi-VZ und facebook. Deshalb sind wir froh, dass die Aktionswochen heute zum sechsten Mal bundesweit stattfinden um eine verstärkte Auseinandersetzung mit Antisemitismus zu ermöglichen“ so Anetta Kahane, Vorsitzende der Stiftung. Anetta Kahane wies darauf hin, dass die Aktionswochen von der Zivilgesellschaft getragen werden und sie sich mehr Engagement von staatlichen Stellen wünsche. In diesem Zusammenhang kritisierte sie auch die mangelnde Umsetzung des 9. November-Beschlusses des Deutschen Bundestages zur Bekämpfung des Antisemitismus vor einem Jahr: „Es sollte ein deutliches Zeichen gegen Antisemitismus sein. Doch es bleibt ein Zeichen ohne Folgen. Bis jetzt hat sich gerade mal ein Gremium konstituiert, mehr ist nicht passiert. Es ist peinlich, dass Bundestag und Bundesregierung so lange brauchen, um das Beschlossene zu verwirklichen. Ich bin auch sehr gespannt, wie die im Koalitionsvertrag versprochene verstärkte Bekämpfung gegen Antisemitismus aussehen wird. Das Bundesjugendministerium hat vor einer Woche die Verlängerung der erfolgreichen Modellprojekte gegen Antisemitismus in den Bundesprogrammen gegen Rechtsextremismus überraschend abgelehnt“, so Kahane.

Aktionswochen in 75 Orten mit 231 Veranstaltungen
Die Aktionswochen gegen Antisemitismus finden in 75 Orten mit 231 Veranstaltungen in allen Bundesländern statt. Beteiligte Initiativen setzen sich in Gedenkveranstaltungen, Theater- und Filmaufführungen, Zeitzeugengesprächen und Lesungen mit historischem und aktuellem Antisemitismus auseinander. So wird es beispielsweise vom Sportverein Roter Stern Nordost Berlin e.V. einen Vortrag zu „Antisemitismus im ostdeutschen Fußball“ geben, im ABC Bildungs- und Tagungszentrum e.V. in Drochtersen-Hüll ein Seminar zu „Antisemitismus & Antiamerikanismus in DDR und BRD“, in der Evangelischen Kirche Sterkrade in Oberhausen eine Theateraufführung des Stücks „Ein ganz gewöhnlicher Jude“ und in Leipzig lädt die „Gruppe Gedenkmarsch“ alle Bürger dazu ein, in Gedenken an die Reichspogromnacht alle Stolpersteine zu putzen.

Die komplette Liste der Veranstaltungen: www.aktionswochen-gegen-antisemitismus.de
Jan Jetter von der „Arbeitsgemeinschaft freier Jugendverbände aus Hamburg“, der sich im Rahmen der Aktionswochen engagiert stellte seine verschiednen Aktionen auf der Pressekonferenz vor und berichtete aus der Arbeit: „Moderne Formen des Antisemitismus, kriegen wir tagtäglich mit. So zum Beispiel durch Vergleiche von Israel und Nationalsozialismus. Das wollen wir in keinem Fall hinnehmen und thematisieren das mit Jugendlichen in unserer Arbeit. Wir wollen ihre Argumentation für solche Auseinandersetzung im Alltag stärken.“

Die Aktionswochen gehen mit einer Perspektivdiskussion zu Ende. Vertreter der neuen Regierungsparteien diskutieren gemeinsam mit Experten, was im Kampf gegen Antisemitismus zu tun ist. Sie findet am 30. November im Centrum Judaicum statt. Sie wird von der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, dem Jüdischen Forum gegen Antisemitismus und der Amadeu Antonio Stiftung ausgerichtet.

Antisemitismus in der Mitte der Gesellschaft
Dirk von Lowtzow, Sänger der Band Tocotronic, hält vielfältiges Engagement gegen alle Formen von Antisemitismus, wie bei den Aktionswochen gegen Antisemitismus, für unverzichtbar: „Es zeigt sich doch immer wieder, dass Antisemitismus sich stark in der Mitte der Gesellschaft verortet und eben nicht nur ein Problem des Islamismus oder Rechtsextremismus ist.“ Kritisch gegenüber dem eigenen Lager äußerte sich die Bundesvorsitzende der Jusos, Franziska Drohsel: „Antisemitismus ist kein Problem von Stiefelnazis. Verkürzte Kapitalismuskritik und verschwörungstheoretische Ansätze gepaart mit antisemitischen Klischees finden sich durchaus auch in Teilen der Linken.“

Auch Claudia Schmid, Leiterin des Berliner Verfassungsschutzes wies darauf hin, „dass kaum ein Deliktsfeld über ein so breit gefächertes Täterpotenzial verfüge.“ Und: „Menschen, die Juden verachten, hassen und auch gewaltbereit sind, haben nicht alle einen kahl rasierten Kopf und tragen Springerstiefel. Der Antisemitismus hat viele Gesichter: Er wird manchmal propagiert in kleinen radikalen Hinterhofmoscheen, bei Treffen von Alt- und Neonazis, in den Liedstrophen radikaler Nazi-Rock-Bands.“ Auch politisch wird Antisemitismus genutzt. „Natürlich haben sich Parteien wie die NPD und DVU vorrangig anderes auf die Fahnen geschrieben. Sie greifen Ängste der Bürger wie den Verlust des Arbeitsplatzes auf und nutzen dies für Fremdenhass.“ Doch nur weil die rechtsextremistische Szene Antisemitismus nicht immer offen zeigt, so ist er doch laut Schmid Bestandteil jeder rechtsextremistischen Ideologie. Aber es gebe auch andere Hetze, deren Protagonisten teilweise nicht belangbar sind, weil sie von arabischen Ländern aus operierten, in denen der Hass auf Israel, auf alle Juden, zur allgegenwärtigen Lebenseinstellung gehört und von Generation zu Generation weitergegeben wird, so Schmid: „Was in kleinen Kindern vorgeht, die diese Filme sehen, ist klar. Bereits in diesem zarten Alter wird der Hass in die Köpfe der Jungen und Mädchen gebracht. Kommentare von Sprechern heizen die Situation an. Es wird bewusst gespielt mit den Emotionen von Kindern, um sie einzutakten auf einen Krieg gegen Israel und die Juden in aller Welt.“ Technisch kann man laut Schmidt den Empfang nicht verhindern, so sind auch hier Filme zu sehen, in denen bei schöner Musik Selbstmordattentäter verherrlicht werden.

Aktueller Antisemitismus in Deutschland
Antisemitismus ist nicht nur eine Bedrohung für Jüdinnen und Juden, sondern auch für die Demokratie. Diesen Konsens gilt es immer wieder ins Gedächtnis zu rufen. Das zeigen gerade die jüngsten antisemitischen Übergriffe, wie beispielsweise in Hamburg Ende Oktober: dort konnte ein Film von Claude Lanzmann über Israel nicht gezeigt werden, weil linke Demonstranten den Eingang zum Kino blockierten und Besucherinnen und Besucher mit Gewalt und Beschimpfungen wie „Judenschweine“ von der Vorführung fern hielten. Auch finden sich wieder verstärkt antisemitischen Schmierereien an Häuserwenden in deutschen Städten: Beispiel Eschwege. Dort wurde im Oktober an eine Hauswand in Großbuchstaben „Jude“ und „Huso“ (für Hurensohn) gesprüht. Auch die Schändung von „Stolpersteinen“ ist an der Tagesordnung, wie beispielsweise im August in Berlin Pankow oder im September in Bremen. Sogar Beleidigung oder Bedrohung jüdischer Menschen sind keine Seltenheit: Ende August wurde ein jüdischer Mann und sein Begleiter in Berlin Zehlendorf mit Bierflaschen beworfen und beschimpft und eine Gruppe von Jugendlichen aus Israel in Waren an der Müritz vor wenigen Tagen angegriffen.

=> Die Aktionswochen gegen Antisemitismus bei Facebook unterstützen

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