Jüdische Ärzte in Berlin: 2018 Namen gegen das Vergessen

Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Berlin und der Landesverband Jüdischer Ärzte und Psychologen in Berlin e.V. haben in Berlin die Ergebnisse des KV-Forschungsprojekts „Anpassung und Ausschaltung – Die Berliner Kassenärztliche Vereinigung im Nationalsozialismus“ vorgestellt. „Unser Anliegen war es, die Rolle unserer Vorgängerinstitution hier in Berlin bei der Verdrängung und Vertreibung der jüdischen Kollegen aus deren Arztpraxen aufzuarbeiten und damit dem Vergessen entgegenzutreten. Wir wollten den Opfern nicht nur die Namen zurückgeben, sondern auch den Menschen hinter dem Namen wieder sichtbar machen. Deshalb hat die KV Berlin dieses Projekt initiiert“, erklärte die Vorsitzende der KV Berlin, Dr. Angelika Prehn.

Seit 2005 waren Wissenschaftler des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf unter Leitung der Medizinhistorikerin Dr. Rebecca Schwoch damit befasst, die Rolle der Kassenärzteschaft – speziell der Vorgängerorganisation der KV Berlin – im NS-Regime und die Schicksale der jüdischen Opfer in der Berliner Kassenärzteschaft aufzuarbeiten. Die Ergebnisse des Projekts sind nun in dem Buch „Anpassung und Ausschaltung – Die Berliner Kassenärztliche Vereinigung im Nationalsozialismus“ veröffentlicht. Es stellt detailliert dar, wie die Ausschaltung jüdischer Kollegen durch die Vorgängerinstitution der KV Berlin im Einzelnen vor sich ging und wie sich die schrittweise legalisierte Existenzvernichtung der jüdischen Kassenärzte vollzogen hat. So wurden bereits ab Februar 1933 Vorstandspositionen mit nationalsozialistisch gesinnten Ärzten neu besetzt. Zeitgleich wurde es für jüdische Kassenärzte sukzessive schwieriger zu praktizieren, verschärfte Zulassungsverordnungen grenzten immer mehr Kassenärzte „nicht-arischer Abstammung“ aus. Dabei hat das Gros der Kassenärzte dieses Vorgehen gegenüber den jüdischen Kollegen billigend in Kauf genommen. Viele haben eigene Vorteile daraus gezogen.

Zugleich wurden im Rahmen des Forschungsprojekts die Lebenswege der Berliner jüdischen Kassenärzte erforscht. Im Gedenkbuch „Berliner jüdische Kassenärzte und ihr Schicksal im Nationalsozialismus“ sind 2018 Biografien aufgearbeitet. „Jeder Name in diesem Gedenkbuch steht für einen Menschen, dessen Leben einmalig war. Das Gedächtnis bewahrt dem Einzelnen jene Identität, die ausgelöscht werden sollte oder ausgelöscht wurde,“ resümierte Schwoch ihre Arbeit.

Unbekannt, verborgen, verhüllt – nicht sichtbar und damit unerträglich

Dr. Roman Skoblo, Vorsitzender des Landesverbandes Jüdischer Ärzte und Psychologen in Berlin e.V., stellte die Wichtigkeit beider Arbeiten heraus: „Diese Publikationen erhellen endlich einen Teil der dunkelsten Abschnitte deutscher Geschichte, denn das Schicksal unserer Kolleginnen und Kollegen war unbekannt, verborgen, verhüllt – nicht sichtbar und damit unerträglich. Die Bücher sollen dazu beitragen, dass weder die jüdischen Kollegen und deren Schicksal noch die historischen Erfahrungen aus dieser Zeit vergessen werden.“

Das Gedenkbuch wird ergänzend zur bereits ausgestellten elektronischen Gedenktafel mit den Namen aller jüdischen Ärzte, die von 1933 bis 1945 in Berlin verfolgt, entrechtet und ins Exil oder in den Tod getrieben wurden, im Haus der KV Berlin ausgelegt. „Sie lösen die verfolgten jüdischen Ärzte aus der Anonymität und geben ihnen ein Gesicht. Nur so kann man dem ‚Vergessen, Verdrängen, Verharmlosen und Verschweigen‘ entgegenwirken, ganz im Sinne der Mahnung von Heinz Galinski, der Auschwitz überlebte,“ erklärte Skoblo.

Die Kassenärztliche Vereinigung Berlin hatte im Jahr 2002 gemeinsam mit dem Landesverband Jüdischer Ärzte Berlin als erste KV damit begonnen, ihre Rolle im Nationalsozialismus aufzuarbeiten. Im Rahmen des 2005 gestarteten Forschungsprojektes „Anpassung und Ausschaltung – Die Berliner Kassenärztliche Vereinigung im Nationalsozialismus“ wurden erstmals die Geschichte der Vorgängerorganisation wissenschaftlich aufgearbeitet und die engen Verstrickungen zwischen Ärztefunktionären und den NS-Machthabern deutlich gemacht. Wegen der historischen und ethischen Bedeutung für die gesamte Ärzteschaft beteiligten sich auch die Kassenärztliche Bundesvereinigung, die Bundesärztekammer sowie der Deutsche Ärzte-Verlag / Deutsches Ärzteblatt finanziell am Projekt. Die Forschungsarbeit wurde zu einem Drittel von privaten Spendern – meist Ärzten – finanziert.

Hintergrund:
Am 30. September 1938 entzogen die Nationalsozialisten per Gesetz allen jüdischen Ärzten ihre Approbation. Damit war es jüdischen Ärzten verboten, weiterhin ihren Beruf auszuüben. Nur wenige von ihnen erhielten die Genehmigung, jüdische Patienten weiterzubehandeln. Diese durften sich von da an nur noch „Krankenbehandler“ nennen. Zwei Drittel der in den 1930er Jahren in Berlin praktizierenden Kassenärzte war jüdischer Herkunft.

Die Ergebnisse des Forschungsprojekts sind in folgenden Publikationen beim Verlag Hentrich & Hentrich veröffentlicht:

Dr. Rebecca Schwoch und Dr. Judith Hahn: „Anpassung und Ausschaltung – Die Berliner Kassenärztliche Vereinigung im Nationalsozialismus“
Dr. Rebecca Schwoch (Hrsg.): „Berliner jüdische Kassenärzte und ihr Schicksal im Nationalsozialismus. Ein Gedenkbuch“

Schwoch hatte bereits im Jahr 2005 im Ärzteblatt eindrücklich beschrieben, wie die jüdischen Ärzte zu Ausgestoßenen wurden. In dem Beitrag erzählt sie die Geschichte der Familie Jacobsohn, welche beispielhaft sei:

Die Familie Jacobsohn hatte von 1919 bis 1939 in der Brandenburgstraße 73 in Berlin-Kreuzberg gelebt. Nichts erinnert mehr an diese Adresse, da das Haus nicht mehr existiert und die Straße umbenannt wurde: sie heißt heute Lobeckstraße. In der großen Wohnung befand sich auch die Praxis von Dr. med. Arthur Jacobsohn, Allgemeinpraktiker und Geburtshelfer.

Arthur Jacobsohn: Tief in der Tradition seines Heimatlandes verwurzelt, glaubte er sich als jüdischer Deutscher vor Verfolgungen sicher.In der Kaiserzeit hatte Jacobsohn in Berlin sein Medizinstudium absolviert; den Ersten Weltkrieg hatte er von Anfang bis Ende als aktiver Soldat miterlebt, zuletzt an der Westfront. Das Kriegsende war auch für ihn ein großer Schock. In seiner Autobiografie schreibt er, die glorreiche Zeit des Deutschen Reiches sei mit dieser Niederlage für immer vorbei. In der neuen Republik, die er weder begrüßte noch ablehnte, konnte er seine medizinische Ausbildung beenden. Während einer Praxisvertretung in der Kreuzberger Alexandrinenstraße 37 lernte Arthur Jacobsohn die Tochter des Sanitätsrats Dr. med. Siegfried Brauer kennen. 1919 heiratete er die Handelslehrerin Elisabeth, die damit ihren Beruf aufgeben musste. Im selben Jahr eröffnete Arthur Jacobsohn seine eigene Praxis in der Brandenburgstraße. Ein gutes Jahr später kam Tochter Ilse zur Welt. Die dreiköpfige Familie erlebte eine ruhige und glückliche, wenngleich auch arbeitsreiche Zeit. Die Praxis florierte, der Ehemann und Vater konnte seiner kleinen Familie einen ansehnlichen Wohlstand bieten. Zum Freundeskreis gehörten Juden und Nichtjuden, eine Selbstverständlichkeit, fühlten sich doch alle in erster Linie als Deutsche.
Die Ereignisse des Jahres 1933 versetzte jüdische Familien wie die Jacobsohns zwar in Schrecken, wirklich aufgerüttelt hat es sie aber noch nicht. Arthur Jacobsohn schrieb rückblickend: „Unglücklicherweise haben wir die Realität nicht gekannt. Verborgen unter der Oberfläche verbarg sich eine Unzufriedenheit der Mehrheit der deutschen Menschen. Es wird für immer ein Geheimnis bleiben, warum wir von den tragischen Ereignissen so überrascht waren, die folgten.“ Auch Ilse Jacobson erinnert sich noch: „Wir waren guten Mutes, wir dachten, das ist eine Frage der Zeit, das ändert sich.“ Den jüdischen Deutschen schien es unmöglich, dass ihr Einsatz im Ersten Weltkrieg, ihre Liebe zu Deutschland, ihre Wurzeln in der deutschen Kultur plötzlich nicht mehr zählen sollten.

Rebecca Schwoch ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Geschichte und Ethik der Medizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Als sie die Projektleitung übernahm, arbeitete Schwoch am Institut für Geschichte der Medizin an der Berliner Charité. Zu den Widerständen bei ihrer Arbeit sagte Schwoch im Jahr 2006 in einem Interview:

Gerade bei der Präsentation historischer Themen aus der NS-Medizin habe ich schon unangenehme Erfahrungen machen müssen, weil Zuhörer – hier Ärzte – unerträgliche Kommentare von sich gegeben haben. Dass es immer noch Ärzte gibt, die sich der NS-Vergangenheit nicht kritisch stellen können, weil sie Angst vor einer Kollektivschuld haben, hängt meines Erachtens zum einen damit zusammen, dass gerade Ärzte in ihrer langen standespolitischen Tradition ein unglaubliches Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelt haben. Zum anderen liegt es sicher auch daran, dass es letztendlich immer um die „Identität der Deutschen” geht, die auf dem Spiel steht, so wie es Hinrich Paul in seinen „Brücken der Erinnerung” beschrieben hat. Damit werden zwei Kategorien empfindlich gestört: das Zusammengehörigkeitsgefühl qua Profession sowie die Zugehörigkeit zu diesem deutschen Staat. Wenn man mit Forschungsergebnissen aus unserer deutschen Verfolgungs- und Vernichtungsgeschichte an die Öffentlichkeit tritt, werden also gleich zwei Identifikationsmuster zerstört. Man möchte nicht Teil dieser Verfolger und Mörder sein! Aber es nutzt nichts. Wir haben die Pflicht, diese Vergangenheit aufzuarbeiten, gerade weil wir nichts rückgängig oder wieder gut machen können.

Literaturtipp: Jüdische Kassenärzte rund um die Synagoge