Nach antisemitischer Blockade: Debatte in der Linkspartei über Israel

Christiane Schneider, innen- und rechtspolitische Sprecherin der Fraktion Die Linke in der Hamburgischen Bürgerschaft, hat die gewaltsame Blockade vor einer Aufführung des Films „Warum Israel“ als eine „inakzeptable Aktion“ bezeichnet. Am 25. Oktober 2009 war die angekündigte Aufführung des Films „Warum Israel“ verhindert worden. Dazu hieß es in einer ersten kurzen Erklärung des B-Movie:

„Was war heute Mittag hier los?
Stellungnahme zu Sonntag, den 25.10.09
Das B-Movie wurde unter Gewaltandrohung daran gehindert, den Film ,Warum Israel’ von Claude Lanzmann zu zeigen. „Warum Israel“ sollte im Rahmen einer Diskussionsveranstaltung in Kooperation mit Kritikmaximierung Hamburg um 15 Uhr in unserem Kino aufgeführt werden. Personen aus dem Spektrum des internationalen Zentrums B5 hatten den Zugang zum B-Movie versperrt.
Trotz mehrmaliger Kommunikationsversuche wurde uns unmissverständlich klar gemacht, dass die Veranstaltung auf keinen Fall zugelassen werde. Um eine gewalttätige Auseinandersetzung zu verhindern, sahen wir uns gezwungen, die Veranstaltung abzusagen und auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben.“

Schneider erklärte dazu:

Welche Botschaft geht von der Verhinderung des Films „Warum Israel“ des jüdischen Regisseurs Claude Lanzmann aus?
Bei der Kritik der Sprengung der Filmaufführung geht es mir nicht nur um die inakzeptablen Mittel, mit dem die Akteure ihren politischen Zweck verfolgten, sondern vor allem um den politischen Zweck selbst.
Die Gegner der Aufführung begründeten die Sprengung der Veranstaltung in einem Flugblatt mit ihrer Kritik am Film, der die Existenz der Palästinenser verschweige, und mit einer generellen – antiimperialistisch begründeten – Israelkritik. Aber das heißt nicht, dass es bei der Sprengung etwa um eine (militant unterstrichene) Kritik an Film und israelischer Staatspolitik ging. Es geht in dem Film, dessen Aufführung verhindert wurde, nämlich nicht um die Begründung der Politik Israels, sondern der Existenz Israels: Der Film geht der Frage nach, „was es bedeutet, in einem jüdischen Staat zu leben, der vor allem ein sicherer Hafen für Verfolgte und Überlebende der Shoah war und noch heute eine Zufluchtsstätte vor dem weltweit grassierenden Antisemitismus ist“ (aus der Ankündigung der Veranstalter).
DAS darf gezeigt werden, nicht hier, nicht jetzt – das ist die Botschaft der Sprengung. Ihr politischer Zweck war es, mit dieser Provokation das Existenzrecht Israels als Zufluchtsort jüdischen Lebens demonstrativ zu bestreiten. Zugleich wurde damit das Recht bestritten, dass sich die Erfahrung jüdischer Menschen, eben diesen Zufluchtsort zu benötigen, in der [deutschen!] Öffentlichkeit artikulieren.
Das verbietet jeden Versuch, die Sprengung zu rechtfertigen oder herunterzuspielen.
Leider hat die AG „Kritische Linke“ des Hamburger Landesverbandes der LINKEN das Rechtfertigungspamphlet der Blockierer, erst einmal unbemerkt, für einige Tage mit einem rechtfertigenden Vorspann auf die Homepage gestellt. Darauf aufmerksam gemacht, war im Landesvorstand umstritten, wie man damit umgeht. Die Seite wurde dann doch schnell gelöscht, weil die AG durch Austritt ihre Existenz verlor. Aber die Klärung, dass Positionen, die das Existenzrecht Israels in Frage stellen, in der LINKEN keinen Platz haben, steht aus. Ich halte sie für unabdingbar.

Einige Tage nach den unschönen Vorfällen vor dem Kino bedrohte einer der Blockierer abermals einen der Iniatoren der Filmvorführung. Zudem schlug er ihm ins Gesicht.

Und hier noch die jüngste Stellungnahme des B-Movies, welches den Film nun am 13. Dezember 2009 zeigen wird:

Das B-Movie wurde am 25.10.2009 daran gehindert, den Film „Warum
Israel“ von Claude Lanzmann zu zeigen. „Warum Israel“ sollte im Rahmen
einer Diskussionsveranstaltung in Kooperation mit Kritikmaximierung
Hamburg um 15 Uhr in unserem Kino aufgeführt werden. Personen aus dem
Spektrum des benachbarten internationalen Zentrums B5 hatten den
Zugang zum B-Movie abgesperrt. In einer Agitprop-Vorstellung wurde ein
„israelischer Checkpoint“ errichtet. Die dargestellten israelischen
Soldaten waren mit selbstgeschnitzten Holzgewehren ausgerüstet. Andere
an der Blockade beteiligte Personen waren mit Fahrradschlössern und
Schlaghandschuhen bewaffnet. Bei mehrfachen Gesprächsversuchen wurde
uns unter Gewaltandrohung deutlich gemacht, dass die Veranstaltung auf
keinen Fall zugelassen werde. Um eine Eskalation zu verhindern, sahen
wir uns gezwungen, die Veranstaltung abzusagen. Dennoch kam es zu
nicht tolerierbaren Beschimpfungen und mindestens drei unserer Gäste
wurden durch Faustschläge ins Gesicht verletzt.

Bereits im Vorfeld wurden wir von Vertretern der B5 besucht, die sich
gegen die Veranstaltung aussprachen, da sie sich als unsere Nachbarn
durch den Film und unsere Gäste gestört fühlen würden. Unser Angebot,
sich die Filmvorführung anzuschauen und an der Diskussion
teilzunehmen, wurde abgelehnt. Wie sich dabei herausstellte, hatten
weder die Vertreter noch die restlichen Kritiker aus der B5 den Film
überhaupt gesehen.

Das B-Movie ist ein selbstverwaltetes und unkommerzielles Kino. Wir
zeigen die Filme, die wir zeigen wollen und machen Veranstaltungen mit
unterschiedlichen Partnern. Dabei sind wir offen für viele Meinungen
und Überzeugungen, für Diskussion, Kritik oder auch Streit. Aber nicht
für Gewalt.

Die Veranstaltung „Warum Israel“ ist in Absprache mit
Kritikmaximierung Hamburg auf Sonntag, den 13.12.09 um 16:00 Uhr
verlegt worden.

Wir appellieren an alle, einen gewaltfreien Ablauf der Aufführung und
der anschließenden Diskussion zu ermöglichen. Menschen, die unsere
Veranstaltungen gewaltsam verhindern, unsere Gäste bedrohen oder sogar
verletzen, haben in unserem Kino nichts zu suchen.

Wir machen dieses Kino, sonst niemand.

Siehe auch: Vorführung von Lanzmann-Film auf St. Pauli verhindert

6 thoughts on “Nach antisemitischer Blockade: Debatte in der Linkspartei über Israel

  1. Sozialistische Linke – SoL zeigt den Film „Warum Israel“ von Claude Lanzmann im Internationalen Zentrum B5

    Am Mittwoch, den 09. Dezember 2009 um 17:00 Uhr wird die Gruppe Sozialistische Linke – SoL den Film „Warum Israel“ von Claude Lanzmann im Internationalen Zentrum B5 zeigen. Im Anschluss an die Filmvorführung lädt SoL alle interessierten Gäste zu einer Diskussion ein.

    AktivistInnen von SoL hatten sich am 25. Oktober 2009 daran beteiligt, eine Veranstaltung im benachbarten Kino B-Movie, das Mitnutzer von Räumen der B5 ist, zu verhindern. Dort wollte die „antideutsche“ Gruppe Kritikmaximierung Hamburg den Lanzmann-Film präsentieren.

    Mit der Filmvorführung am 09. Dezember soll nun deutlich gezeigt werden, dass der Grund dieser Aktion nicht, wie vielfach fälschlicherweise behauptet wurde, eine Kulturzensur jüdischer Werke war. Es ging den AktivistInnen vielmehr darum, zu verhindern, dass der Film von einer „antideutschen“ Gruppe instrumentalisiert und für die Verbreitung ihrer bellizistischen Ideologie sowie islamophober Vorurteile benutzt wird.

    Der umstrittene Film „Warum Israel“ des Regisseurs Claude Lanzmann bedarf einer kritischen Würdigung, die mit unserer Veranstaltung ermöglicht werden soll. In Anerkennung der Tatsache, dass Lanzmanns Filme zum Teil als wichtige Beiträge zur Aufarbeitung der Shoah gelten, soll die Diskussion im Anschluss an die Filmvorführung Gelegenheit bieten, sich mit den mittlerweile zum Neokonservatismus gewendeten Positionen des Regisseurs zu befassen. Lanzmann unterstützt israelische Kriege gegen die palästinensische Bevölkerung, verherrlicht das Militär – wie in seinem Film „Tsahal“ mehr als deutlich zutage tritt – und vertritt die chauvinistische Auffassung, ein Menschenleben sei in Israel mehr Wert als anderswo.

    „Wir halten es für wichtig, dass dieser Film in einem Rahmen gezeigt wird, in dem ein demokratisches und einschüchterungsfreies Diskussionsklima herrscht und in dem nicht jede Kritik am Handeln der israelischen Regierung sofort als ‚antisemitisch‘ bezeichnet wird. Eine solche Filmvorstellung darf nicht von „antideutschen“ neokonservativen Kriegsverherrlichern instrumentalisiert werden“, erklärt SoL.

    SoL ist es ein Anliegen aufzuzeigen, dass der Kampf gegen den Antisemitismus eine politische Positionierung gegen „antideutsche“ Gruppen einschließen muss.

    „Im Kampf gegen antisemitische Ideologie muss aufgedeckt werden, dass der Philosemitismus „antideutscher“ und anderer neokonservativer Gruppen eine heute in Deutschland sehr populäre Form des alltäglichen Antisemitismus ist. Die Behauptung von „Antideutschen“ einer vermeintlichen positiven Andersartigkeit „der Juden“ basiert auf nichts anderem als auf alten judäophoben Stereotypen und ist damit nur die Kehrseite der antisemitischen Medaille“, kritisiert SoL weiter. „Die antiemanzipatorische Ausrichtung des „antideutschen“ Philosemitismus‘ offenbart sich auch in seiner Aufteilung in ein „Zwei-Klassensystem“: Die Solidarität der „Antideutschen“ gilt bloß rechten zionistischen Jüdinnen und Juden. Diaspora- Jüdinnen und -Juden und linke Jüdinnen und Juden hingegen, die nichtzionistisch oder antizionistisch sind und/oder gar die Staatspolitik Israels kritisieren, werden von den „Antideutschen“ und anderen Neokonservativen unter Anwendung antisemitischer Klischees als ‚Verräter‘ oder ‚selbsthassende Juden‘ verteufelt.“

    Medienvertreter sind nach vorheriger Anmeldung zu unserem Film- und Diskussionsabend herzlich willkommen. Foto-, Ton- und Filmaufnahmen sind nur nach vorheriger Absprache mit SoL möglich. Rassisten und Antisemiten sind – wie gewöhnlich – von der Teilnahme an Veranstaltungen in der B5 ausgeschlossen.

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