Auf dem Selbstfindungstrip

Die Lektüre der Wochenzeitung „Junge Freiheit“ wird sicherlich nie vergnügungssteuerpflichtig sein. Begibt man sich in die Welt von Chefredakteur Dieter Stein und Co., erscheint nichts mehr, wie es ist. Umzingelt von Islamisten, Nihilisten und 68ern fristen die „besonders Verantwortungsvollen“ ein geradezu bemitleidenswertes Schattendasein. Eine Fackel im dunklen 21. Jahrhundert trauen sich in dieser Welt nur einige ganz Mutige zu zünden, um den Aufrechten etwas Licht, Orientierung und Zuversicht zu spenden.

Von Robert von Seeve

Diese Persönlichkeiten werden in der JF besonders gerne gefeiert, wenn es sich um „gewendete“ 68er handelt – oder um bewundernswerte Kämpfernaturen, die sich gegen das angebliche linke Meinungsdiktat durchsetzen konnten – wie beispielsweise der neue Ministerpräsident Mappus aus Baden-Württemberg, wo es – o temora, o mores! – sogar schon grüne Bürgermeister gibt.

Mappus beerbe den „Großstadt-Liberalen“ Oettinger und sei eine „Integrationsfigur der ländlich-konservativen Basis“, spielt die JF sofort die antistädtische Karte – und lobt, Mappus schimpfe über „Homo-Paraden und Homo-Adoption, hält Ehe und Familie gegen die Krippenpläne der Frau von der Leyen hoch, ist für Leitkultur und Zuwanderungsbegrenzung“. Mappus gilt der JF zufolge als Anwärter für den nach „den großen Merkelschen Säuberungen verwaisten Posten des konservativen Hoffnungsträgers“. Der Begriff „Säuberung“ im Zusammenhang mit den Flügelkämpfen in einer demokratischen Partei zeigt, unter welchem immensen Verfolgungsdruck sich diese Leute wähnen.

 

Vermeintlicher Tabubrecher

Ein anderer Hoffnungsträger und vermeintlicher Tabubrecher, der unter dem gefühlten PC-Terror der 68er und realitätsfernen Gutmenschen zu leiden hat, ist für die JF – wenig überraschend – Bundesbankvorstandsmitglied Thilo Sarrazin. Wie mutig muss man allerdings tatsächlich sein, um gegen Arme und Migranten zu hetzen? Vor allem wenn man dabei auch noch von Medien wie der BILD, FAZ und Welt Schützenhilfe erhält, von den Leserbriefschreibern im First und Second Life ganz zu schweigen? Wahrscheinlich ist es ähnlich waghalsig, wie das Existenzrechts Israels in der „jungen Welt“ in Frage zu stellen, sich beim Geschäftsdinner als Steuertrickser zu outen oder einen krachenden Polen-Witz in einer „Comedy“-Sendung im Privatfernsehen zu erzählen.

Ein weiterer Held der JF ist Peter Scholl-Latour, der als eine Art kulturalistischer Frontberichterstatter aufgeboten wird. In der Ausgabe vom 30. Oktober 2009 verkündet Scholl-Latour, die „weiße Vorherrschaft“ in der Welt gehe zu Ende. Dabei wird die Rolle von US-Präsident Obama betont, durch dessen Wahl das Ende des weißen Amerika verdeutlicht werde. Ähnliche Ausführungen hatte es schon vor mehreren Monaten vom NPD-Strategen Gansel gegeben, der das Ende des von weißen Auswanderern getragenen Amerikas beklagte.

Lesetipp: Der Sieg des demokratischen Präsidentschaftskandidaten Barack Obama bei den US-Wahlen hat bei deutschen Rechtsextremisten sehr unterschiedliche Reaktionen ausgelöst. Die müssen für sich nämlich eine Grundsatzfrage klären: Was hassen wir eigentlich mehr? Die USA oder den “Neger”? Oder beides? klick 

Jammern und Anklagen

Die JF präsentiert sich indes fast monothematisch, erinnert in der Themenbegrenzung an subkulturelle Fanzines, welche allerdings nicht den Anspruch vor sich hertragen, eine ernstzunehmende Wochenzeitung zu sein. Fast alle JF-Artikel drehen sich darum, dass das europäische Abendland zunehmend vor die Hunde gehe – wegen der „Lebenslüge“ der Gutmenschen, die Masseneinwanderung und Werteverfall verursacht. Die Überlegenheit der konservativen Ideen wird indes vom Pöbel nicht verstanden und von „den Linken“ mit unlauteren Mitteln bekämpft. Gleichzeitig schießt man selbst immer wieder gegen einzelne Personen, wie beispielsweise Juso-Chefin Drohse, die sich erdreistet hatte, auf die strukturellen Unterschiede zwischen linksextremer und rechtsextremer Gewalt hinzuweisen; oder eine Lokaljournalistin, die es gewagt hatte, das Interview der Waiblinger CDU-Stadträtin und Vorsitzende des Stadtverbands, Susanne Gruber, mit der Jungen Freiheit und der rassistischen Internet-Plattform „PI“ zu thematisieren.

Solche Artikel in Regionalblättern reichen der JF und ihren Lesern dann als Beweis für den vermeintlichen linken Meinungsterror und „Kampagnen“, unter denen sie in Deutschland zu leiden haben. Während einige der mutigen JF-Helden sich in namhaften Medien äußern, wird solche Kritik an rechten Positionen zum Zensurversuch deklariert, eigene Kampagnen verkauft man als mutigen Akt der Selbstverteidigung. Anstrengend.

„Vernichtung des Westens“

In der erwähnten JF-Ausgabe kommt zudem ein finnischer Professor zu Wort, der den Lesern noch einmal das Fürchten lehren soll. Schlagworte sind hier Masseneinwanderung, Identität und „Vernichtung“. Dem Ganzen soll dann noch ein subversiver Anstrich verpasst werden, indem die JF behauptet: „In Europa gibt es kaum Einwanderungskritiker aus dem etablierten Milieu. Timo Vihavainen ist eine Ausnahme.“ Einmal mehr ignoriert die JF, dass sie ihre eigene Zeitung mit Artikeln über Sarrazin, Koch, Müller, Rüttgers, Giordano oder auch Broder zupflastert, so bald sich diese einmal über Türken, Rumänen, Inder oder eine andere Minderheit nach Wahl im Sinne der JF geäußert haben.

Das Interview zur „Vernichtung des Westens“ findet der SPD-Politiker und Endstation-Rechts-Macher Matthias Brodkorb „spannend“, die Junge Freiheit bezeichnet er als „christlich geprägte konservative“ Zeitung. Diese angeblich konservative Zeitung bezeichnet wiederum die rassistische Hetzseite Politically Incorrect (PI) verniedlichend als „islamkritisch“, die Zeitschrift „Nation & Europa“ als „rechts“. „Nation & Europa“ gehört jedoch zu den wichtigsten Strategie-Heften der rechtsextremen Bewegung, als Autoren sind zahlreiche NPD-Funktionäre aufgetreten. Welche Wirkung es hat, wenn die JF schlicht als konservativ geadelt wird und rechtsextreme sowie rassistische Medien in dieser angeblich strikt konservativen JF als rechts bezeichnet werden, liegt auf der Hand: Die JF-Kategorisierung gewinnt an Gewicht, „Nation & Europa“ kann sich als moderates Heftchen präsentieren.

Lesetipp: Inauguraldissertation: Medien einer neuen sozialen Bewegung von rechts (ab Seite 177 zur JF) 

Konservatismus in der Krise

Die JF und ihre Leser sehnen sich indes offenbar nach Zuständen, in denen Emanzipation und Schwulenrechte keine Rolle spielen, gesellschaftlicher Diskurs nach den eigenen Regeln funktioniert und der weiße Mann die Welt beherrscht. Die JF möchte nicht den Status Quo bewahren, sie will das Rad der Geschichte zurückdrehen, über die Jahreszahl lässt sich streiten – wenn man denn meint, dies sei relevant. Die JF hofft auf den Konservatismus in der Krise, der sich im Spannungsverhältnis zwischen Tradition und Fortschritt radikalisiert hat – und im 21. Jahrhundert reaktionär daherkommt.

Und so ist es auch zu erklären, warum das vermeintlich Konservative in der Zeitung mantra-artig immer wieder betont wird: Satte 23 Mal fällt der Begriff auf 20 Seiten der Jungen Freiheit vom 30. Oktober. Doch das Selbstbild der besonders verantwortungsvollen Konservativen kann wenig überzeugen, wenn einzelne Themen hoffnungslos überzeichnet werden – und so die Realität verzerrt dargestellt wird; für verantwortungsvolle Konservative, die die Gräben in der Gesellschaft nicht weiter vertiefen sondern zuschütten wollen, dürfte eine Gleichsetzung mit der Jungen Freiheit daher wenig erquicklich sein. Denn „dieser Populismus ist das Gegenteil des konservativen Gebots einer »Haltung«, an der die aristokratischen Ursprünge der Strömung erkennbar sein sollen. Er tendiert in das mehr oder weniger radikal nationalistische Lager“, schreibt Volker Weiss in seinem Text „Keine Politik mehr rechts von Lenin? Konservatismus in der Krise“. Weiss meint, während

sich die bürgerliche Variante des Konservatismus im Liberalismus aufzulösen beginnt, tendieren die verbliebenen antiliberalen Konservativen zur Radikalität. Den Rückschritt in vorbürgerliche Formen, also den aristokratischen oder den religiösen Konservatismus, hat die Moderne unmöglich gemacht. Es bleibt ein Angebot aus autoritärem Etatismus, Populismus und kapitalistischer Ökonomie, das nur noch wenig mit Konservatismus gemein hat und zeigt: Der letzte Ausweg dieser Rechten liegt in der modernisierten Variante des Faschismus. Der Platz des Konservativen wird leer bleiben.

In der vergangenen Woche hatte die JF im Vergleich zur Vorwoche – trotz breiter Kampagne – übrigens sechs Abonnenten weniger, die diese bürgerlichen Rechtsradikalen auf Selbstfindungstrip begleiten wollten. Und das ist auch gut so.

Siehe auch: Außerordentlicher Programmparteitag: Reps stellen sich neu auf, “Keine Politik mehr rechts von Lenin”? Konservatismus in der Krise, Linktipp: “RECHTSKONSERVATIV – Im Moment sehr erheitert”, Analyse: Marktradikalismus und moderner Rechtsextremismus, “Junge Freiheit” verliert Prozess, Die JF-Kampagne gegen SPD-Politiker: Fakten, Fakten, Fakten, JF und Focus: Gemeinsam gegen Aufklärung über Rechts, Buchtipp: Analyse der neurechten `Jungen Freiheit`, Andreas Molau: Wolf im Lambswoolpullover

39 thoughts on “Auf dem Selbstfindungstrip

  1. Zunächst einmal amüsiert es mich köstlich, wie hier linke Recken mutig Lanzen für die etablierte Geschichtswissenschaft, für Standardwerke und Historiker als seriöse oder seriöste „Kanoniker“ brechen. Schade nur, ihr Bannerträger und Gralshüter, dass ihr das nicht konsequent durchalten könnt, man betrachte das Gebiet von BWL, VWL und Ökonomie im Allgemeinen. Feiert ihr hier auch die etablierten Wissenschafter und ihre Standardwerke ab und verteidigt sie so heldenhaft?

    Zur Pressefreiheit und Meinungsfreiheit gehört es, selbst zu entscheiden, wenn man in einer Zeitung schreiben läßt, welche Bücher man rezensiert, lobt oder tadelt. Das muss jede Zeitung selbst wissen, auch wenn das anderen nicht passt. Ebenso gehört es zur Meinungsfreiheit, die Bezeichnung „revisionistisch“ so zu verwenden, wie es einem passt. Insbesondere dann, wenn sie durch Linksextreme „besetzt“ und instrumenatlisiert werden soll.

    Ob die in der JF vorgestellten Verfasser „Ideologen und Hobbyhistoriker“ oder nicht, vermag auch der „neue Leser“ wohl kaum zu beurteilen, auch wenn seine Zeilen reichlich „angestrengt“ wirken.

    Mir sagt allein der gesunde Menschenverstand, dass sich zwei Akademiker (einer davon ist noch Offizier, also gewissermaßen vom Fach) sehr wohl „akribisch“ mit dem Voarbend des Weltkriegs und anderen Aspekten auseinander setzen „dürfen“ und man ihnen wohl kaum per se methodische Kenntnisse und „das Zeug dazu“ absprechen kann. Übrigens, wo gerade „Hamburger Studi“ die „Wehrmachtsausstellung“ verteidigt: Hier war doch auch ein „Hobbyhistoriker“ am Werk, der Kommunist Hannes Hehr nämlich, meines Wissens auch kein großer Historiker, geschweige denn einer der „großen, etablierten“. Es gibt halt solche und solche „Hobbyhistoriker“, gelle?

  2. @ Regor:

    Ist es eigentlich eine typisch „rechte“ Masche, mit immer neuen unsinnigen Vergleichen, unhaltbaren Vorwürfen und dem Myhos des politisch und medial Verfolgten zu kommen, um von der eigentlichen Thematik abzulenken?

    Was soll den dieser seltsame Vergleich mit der „BWL, VWL und Ökonomie im Allgemeinen“? Worauf willst du hinaus? Dass etwa eine misslungene Arbeitsmarktpolitik automatisch auch die Forschungsergebnisse von Historikern bezüglich des Nationalsozialimus fragwürdig erscheinen lässt? Denn genau so hört es sich an! Wenn etwas mit der Wirtschaft nicht stimmt, kann auch mit der Geschichtswissenschaft etwas nicht in Ordnung sein. LÄCHERLICH UND KINDISCH UND NAIV!!!
    Trotzdem ist dein Vergleich hochinteressant, denn er zeigt, dass du nicht nur nicht bereit bist, geschichstwissenschaftliche Standards anzuerkennen, sondern offenbar auch das eine oder andere Problem mit unser jetzigen Wirtschaftsform („in Allgemeinen“) hast.

    Du schreibst:
    „Zur Pressefreiheit und Meinungsfreiheit gehört es, selbst zu entscheiden, wenn man in einer Zeitung schreiben läßt, welche Bücher man rezensiert, lobt oder tadelt. Das muss jede Zeitung selbst wissen, auch wenn das anderen nicht passt.“

    Niemand bestreitet, dass die JF das Recht hat, sich ihre Mitarbeiter selbst auszusuchen oder diejenigen Bücher zu besprechen und für sie zu werben, die zum Weltbild ihrer Macher passen. Niemand bestreitet das! Auch haben die Macher dr JF das Recht, sich jene Interviewpartner zu suchen, die ihnen irgendwie zusagen.

    Keine Ahnung also, warum du mit einem solchen Arument angetanzt kommst.
    Dennoch haben wehrhafte Demokraten alles Recht der Welt, die JF zu kritisieren, wenn in ihr antidemokratische, antipluralistische und antiliberale Standpubkte propagiert werden. Ebenso haben gelernte Historiker alles Recht der Welt, die in der JF transformierten Geschichtsbilder zu hinterfragen und zu kritisieren. Wo lebst du eigentlich, dass du die JF offenbar für unantastbar und kritikunwürdig hälst?!

    Du schreibst:
    „Ob die in der JF vorgestellten Verfasser “Ideologen und Hobbyhistoriker” oder nicht, vermag auch der “neue Leser” wohl kaum zu beurteilen, auch wenn seine Zeilen reichlich “angestrengt” wirken.“

    Glaube mir, ich varmag das sehr wohl zu beurteilen, auch wenn es dir nicht zu passen scheint.

    Du schreibst:
    „Mir sagt allein der gesunde Menschenverstand, dass sich zwei Akademiker (einer davon ist noch Offizier, also gewissermaßen vom Fach) sehr wohl “akribisch” mit dem Voarbend des Weltkriegs und anderen Aspekten auseinander setzen “dürfen” und man ihnen wohl kaum per se methodische Kenntnisse und “das Zeug dazu” absprechen kann.“

    Und wieder manipulierst du unsäglich nach deinem eigenen Gusto: Niemand hat behauptet, dass diesen Personen nichts veröffentlichen dürfen! Natürlich dürfen sie das! Sie haben alles Recht der Welt dazu! Kannst du trotzdem anhand von Schultze-Rhonhofs Lebenslauf einwandfrei! nachweisen, dass er den nötigen Sachverstand hat, sich professionell mit historischen Prozessen, wie etwa der Vorgeschichte des Zweiten Weltkriegs, zu beschäftigen? Hat Schultze-Rhonhof vor seinem Buch in irgendeiner fachwissneschaftlichen Zeitschrift zu diesem Themenkomplex bereits publiziert – und das nicht nur einmal? Hat er vielleicht schon selbst das eine oder andere Fachbuch zum Thema rezenssiert? Was für ein Fach hat denn der „Akademiker“ Schultze-Rhonhof studiert? Leider findet sich z.B. bei Wikipedia nichts dazu. Also kläre die Unwissenden bitte auf.
    Das alles sind keine unerheblichen Fragen, wenn es darum geht, die Fachkompetenz dieses Mannes zu überprüfen. Ich hoffe, du siehst das ein.

    Per se ist Scheil, einem Dr. phil., seine wissenschaftliche Fachkompetenz nicht abzusprechen. Auch hier frage ich dich, woher du diesen unhaltbaren Vorwurf hast? Niemand hat behauptet, dass Scheil per se keine wissenschaftliche Arbeit hinbekommt! Was kristiert wird, sind aber die Ergebnisse seiner Arbeiten, und wenn hier ordentliche Fachhistoriker Mängel nachweisen können, dann ist das so! Ob es einem nun passt oder nicht! Oder hälst du auch Scheil für unantastbar und kritikunwürdig? Jeder, der vermeintliche oder echte geschichtswissenschaftliche Bücher auf dem Markt bringt oder Artikel in einer (Fach-)Zeitung publiziert, muss sich Kritik gefallen lassen. Jeder!
    Wer das nicht akzeptieren kann, sollte am besten erst gar nichts veröffentlichen!
    Ich empfinde deine Argumente als gezielt irreführend und mimosenhaft.

    So, dass war jetzt genug nach dem Motto „Feed the troll“. Aus eigener Erfahrung mit der „Argumentationstragetegie“ der „Rechten“ erwarte ich also erneut eine Salve an weiteren Vernebelungs- und Ablenkungsversuchen, die mit den Inhalten von R. von Reeves Artikel und den bisherigen Kommentaren nichts zu tun haben werden.

  3. @ Regor:

    > Zunächst einmal amüsiert es mich köstlich, wie
    > hier linke Recken mutig Lanzen für die etablierte
    > Geschichtswissenschaft, für Standardwerke und
    > Historiker als seriöse oder seriöste “Kanoniker”
    > brechen.

    Das Wertschätzen von Wissenschaftlichkeit ist keine linke Spezialität, sondern das tun auch ich und alle anderen Vernünftigen seit Anbruch der Neuzeit. Deine esoterische Wissenschaftsfeindlichkeit ist aus rechtsextremen Kreisen hinlänglich bekannt, das ist euer Privatproblem und interessiert sonst niemanden.

    > Feiert ihr hier auch die etablierten [Wirtschafts-]
    > Wissenschafter und ihre Standardwerke ab und verteidigt
    > sie so heldenhaft?

    Das wird für Anhänger des „Revisionismus“, des Kartenlegens und Pendelschwingens wieder überraschend sein: Es ist _generell_ rational, die kanonischen Ergebnisse ausgereifter Fachdisziplinen zu akzeptieren.

    > Ebenso gehört es zur Meinungsfreiheit, die
    > Bezeichnung “revisionistisch” so zu verwenden,
    > wie es einem passt.

    Sicher. Nur nimmst du nicht an einer Diskussion über den Geschichts-„Revisionismus“ teil, wenn du den Ausdruck „Revisionismus“ in einer anderen Bedeutung als der hier einschlägigen benutzt, sondern du verpeilst einsam vor dich hin.

    Die „Revisionisten“ nennen sich übrigens selbst „Revisionisten“, das ist keine Erfindung dunkler, linksextremistischer Mächte, die wackere Pendelschwinger verwirren wollen.

    > Übrigens, wo gerade “Hamburger Studi” die
    > “Wehrmachtsausstellung” verteidigt: Hier war
    > doch auch ein “Hobbyhistoriker” am Werk, der
    > Kommunist Hannes Hehr nämlich, meines Wissens
    > auch kein großer Historiker, geschweige denn
    > einer der “großen, etablierten”.

    Heer ist ein Historiker, und die Ergebnisse der „Wehrmachts“-Ausstellung sind von einer Historikerkommission geprüft und durch viele Fachpublikationen belegt. Das unterscheidet die „Wehrmachts“-Ausstellung von dem „Revisionisten“-Unsinn, den du bevorzugst.

  4. @ Neuer Leser

    Vor der Beantwortung solcher Fragen müßte man zunächst einmal mit einem Mythos aufräumen, nämlich mit jenem, daß es eine einheitliche JF-Meinung bzw. -Anschauung geben könnte, der sämtliche Redakteure und Autoren gemeinsam frönen. Wie bei jeder anderen Zeitung (ich nehme mal einige Organe des äußersten rechten und linken Randes aus) kann jeder Redakteur und Autor seine eigene Meinung zu den einzelnen Dingen und Sachfragen haben und vertreten. Niemandem wird diktiert, was sie oder er zu schreiben hat. Den Inhalt verantwortet allein die Autorin oder der Autor, die bzw. der mit ihrem / seinen Namen den Beitrag unterzeichnet.

    So verantworte ich letztlich auch nur die Inhalte, die meine Unterschrift tragen – eben wie das bei jedem anden Blatt der Fall ist, welches sich an den Grundsätzen des klassischen Journalismus orientiert. Schon daher wäre es ein Widerspruch in sich, von mir aber auch von anderen Autoren zu erwarten, eine offizielle Stellungnahme „der JF“ zu liefern. Natürlich habe ich zu den anderen Beiträgen auch eine Meinung, aber es meine rein persönliche. Und die ist wie bei anderen Zeitungen auch: Eine ganze Reihe von Beiträgen finde ich sehr gut bzw. gut, mit anderen Artikeln kann ich wiederum gar nichts anfangen und manches lehne ich auch grundsätzlich ab. Darüber wird dann häufiger diskutiert und gestritten – mitunter sehr lebhaft.

    Da ist also überhaupt nichts Geheimnisvolles oder Verschwörerisches am Werk, wie es häufig in Beiträgen über die JF von anderer Seite zumindest intendiert wird.

    Mich interessieren natürlich als langjähriger Autor Artikel und Meinungen über die JF grundsätzlich und das war auch hier der Anlaß, weshalb ich die Beiträge aufmerksam verfolgt habe. Auch daran ist nichts Besonderes.

    Nun aber zu Ihrer Frage: Ich glaube, daß ich in meinen obigen Beiträgen meine Meinung als Privatperson (aber in diesem Falle nur als diese) zum Ausdruck gebracht habe, daß ich zumindest die Auffassungen / Thesen eines der beiden Autoren, die er in einer ganzen Reihe von Aufsätzen und Büchern veröffentlicht hat, nicht gerade teile. Im Gegenteil – ich habe mich mit dem Autoren auch im Rahmen von öffentlichen Verstaltungen auseinandergesetzt und dabei meine Kritik als jemand, der ebenso wie Sie ein abgeschlossenes Geschichtsstudium absolviert hat, keineswegs verhehlt.

    Allerdings ist mein Grundsatz, meine Kritik zwar hart in der Sache, aber in einer sachlichen Weise zu äußern und dabei nicht auf die Ebene einer reinen Polemik zu verfallen. Und es entspricht meinem liberalen Verständnis, daß selbstverständlich Stimmen, die ganz oder in Teilen eine gegensätzliche Auffassung zu mir vertreten, in einem pluralistischen Organ vertreten sind – wie es mit Sicherheit ebensoviele Leute gibt, die meine Auffassungen nicht teilen bzw. diese ablehnen.

    In der Frage hinsichtlich der Bedeutung des Nationalsozialismus in der heutigen historischen Wissenschaft sowie der Gesellschaft kann ich Ihre Meinung verstehen. In Teilen würde ich ihr selbst zustimmen, in anderen nicht – aber das wäre ein eigenes Thema.

    Für die „gesamte deutsche Rechte“ kann ich natürlich noch weniger sprechen. Die Annahme, meine Person oder ein anderer JF-Redakteur / Autor könnte dies auch nur im Entferntesten, basiert meiner Ansicht nach auf einem noch größeren Mythos.

  5. @ E.S.

    Vielen Dank für Ihre Antwort. Es ist auf jeden Fall immer spannend, eine der Meinungen „direkt aus der Quelle“ zu hören.

    Da wie bei jeder anderen Zeitung sitzen natürlich auch in der Redaktion der JF keine Klone, so dass es mit Sicherheit schon zwangsläufig unterschiedliche Standpunkte zu bestimmten Themen geben muss. Das zu bestreiten, wäre wirklich sehr naiv und auch unfair.

    Dennoch bin ich nach dem Lesen vieler Artikel und Kolumnen in der JF der Meinung, dass die in der JF transportierten Subtexte im Kern eine eindeutige ideologische Einheit darstellen, besonders in Bezug auf die Einwanderungs- und Intergrationspolitik in der EU und Deutschland und den Umgang mit dem Nationalsozialismus und seinem „Erbe“. Nuancen und Widerspruch mag es wie bei jeder Zeitung sehr wohl geben, nur wäre es meiner Meinung nach abwegig, zu behaupten, dass die Redakteure und Autoren der JF „ein bunt zusammengewürfelter Haufen“ (liberaler) Konservativer wären, die für eine „bunte“ Meinungsvielfalt sorgten.
    Wäre dies der Fall und es träten deutliche Meinungsunterschiede in den zahlreichen Artikeln auf, so hätte die JF nicht den Ruf den sie heute hat. Ich würde schon gerne sehen, ob Herr Stein einem Geschichtswissenschaftler wie Wolfgang Wipperman, einem sozialdemokratischen Journalisten wie Giovanni di Lorenzo oder – man wage es sich kaum auszumahlen – Alice Schwarzer eine wöchentliche Kolumne einräumen würde, in der diese Personen ihre Überzeugungen vertreten könnten.

    Da ich Ihre Texte und Standpunkte bislang tatsächlich nicht kenne, kann ich mir dementsprechend kein Urteil erlauben. Selbstverständlich haben Sie aber das Recht, die Zeitung für die Sie schreiben, zu verteidigen.

    Ich persönlich halte den – und da klammere ich Sie wegen meiner Unkenntnis ihrer Texte und Standpunkte jetzt ganz klar aus – von den Machern der JF vor sich her getragenen (liberalen) Konservatismus für eine Fassade, hinter dem sich Meinungen und Ansichten verbergen, die aufgeklärte Bürger nicht unhinterfragt stehen lassen dürfen.

    Ihr Chefredakteur hat Anfang September dieses Jahres in (s)einer Kolumne die nationalsozialistische Besatzungsherrschaft in Polen mit der militärischen Besetzung des Rheinlands durch die Franzosen nach dem Ersten Weltkrieg gleichgesetzt. Er unterstellt den Franzosen hierbei, dass sie ein „Herrenmenschengehabe“ gegenüber der deutschen Bevölkerung an den Tag gelegt hätten, wie es die deutschen Besatzer in Polen (und anderswo in Osteuropa) getan haben (http://jungefreiheit.de/Single-News-Display.154+M598f118a879.0.html).
    Das ist schon ein sehr starkes und übles Stück der Geschichtsklitterung- und umdeutung und Verharmlosung des Nazi-Terrors, zumal die Franzosen sich der deutschen Bevölkerung sicherlich nicht rassisch überlegen sahen und auch niemanden wahllos zusammengetrieben und dann erschossen haben – von Gaskammern ganz zu schweigen. So eine durch keine historischen Fakten gesicherte Gleichsetzung ist absolut perfide!

    Und Ihr „Kollege“ Scheil möchte in einer falschen Stauffenberg-Verklärung den deutschen Streitkräften des Zweiten Weltkriegs (ausnahmslos!) gar irgendeine Form des „Heldentums“ andichten, wie sie nur dem Kopf eines wirren Geschichtsrevisionisten entspringen kann (http://www.jungefreiheit.de/Single-News-Display.154+M5dcaede5d2a.0.html?&tx_ttnewsswords=Stefan%20Scheil) Scheil manövriert sich immer weiter Richtung ganz weit rechts außen.

    Ich könnte hier noch andere Beispiele aus der JF nennen, die eine ähnliche Geschichtsklitterung aufweisen. Doch gehe ich davon aus, dass Sie viele Texte bereits kennen.

    Vor dem Hintergrund solcher Artikel kann mein Fazit über die JF natürlich nicht positiv ausfallen.

    In (s)einer Kolumne schreibt Dieter Stein selbstverteidigend:
    „Ich rede mich in Rage. Und dann kommt er mit seiner an Stupidität nicht zu überbietenden These, daß die JF so besonders gefährlich sei, weil man mittlerweile den Extremismus zwischen den Zeilen lesen müsse, weil er in den eigentlichen Texten dank perfekter „Mimikry“ nicht mehr auftauche.“ (http://jungefreiheit.de/Single-News-Display.154+M5e168bec10d.0.html)

    Der Extremismus steht nicht nur zwischen den Zeilen. Manchmal springt es einem förmlich ins Gesicht.

  6. @ E.S.:

    Die Verharmlosung Hitlers in der „JF“, die Verharmlosung oder Leugnung von Verbrechen der „Wehrmacht“ in der „JF“, die tägliche Stimmungsmache gegen Ausländer, Migranten und Moslems in der „JF“ — all das hält Sie offensichtlich nicht davon ab, die Mitarbeit bei der „JF“ aufzugeben.

    Ihr Verhalten erinnert an jemanden, der sich als Tierschützer ausgibt, gleichzeitig für einen Elfenbeinjäger als Sekretär arbeitet und sagt: „Ich mache nur den Papierkram.“

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