Die Burschenschaft Thormania aus Braunschweig: Geschichtlicher Kulturprozess mit 88

Nachdem es sich in der letzten Zeit vor allem in der Kommunalpolitik etabliert hat, von Kultur als „weichem Standortfaktor“ zu sprechen, rückt das Thema völkisch gewendet nun auch ins Visier der rechtsextremen Szene. Dies zeigt zuletzt eine Kampagne, die Neonazis aus Berlin und Braunschweig unter dem Motto „Kulturen erhalten, heißt Vielfalt verwalten“ ins Leben gerufen haben.

Kai Budler für NPD-BLOG.INFO

Das allgemeine Kulturverständnis ist für die Initiatoren nur Folklore, weil es lediglich Konsum beinhalte, heißt es in einem Flugblatt zur Kampagne. Was anfangs noch wie ein Appell von linksalternativen D.I.Y. („Do it yourself“) Aktivisten klingen mag, wird kurz darauf zum klaren Statement einer völkisch reaktionären Grundhaltung. Da ist die Rede von einer Kultur als „Gesamtheit aller aus der biologischen Eigenart eines Volkes in der Gemeinschaft wurzelnden schöpferischen Leistung in Kunst, Wissenschaft, Sitte und Recht“ Diese wiederum speise sich aus dem jeweiligen „Volk“, bzw. aus „dem Fundus seiner Tradition und seine ästhetische Selbstbestimmung“. Diese Art von Kultur gilt den Initiatoren als „Bindeglied, das Einzelmenschen zu Gemeinschaften verschweißt“. Dass diese völkisch geprägten Gemeinschaften vermeintlich Fremden gegenüber verschlossen bleiben, versteht sich in der rechtsextremen Logik von selbst und entspricht dem durch und durch rassistischen Weltbild.

Burschenschaft Thormania: Fußball, Rock und Alkohol

Weitaus erstaunlicher als die bekannte rechtsextreme Ausrichtung der Kampagne ist die Rolle der Braunschweiger Kameradschaft „Burschenschaft Thormania“ als eine ihrer Initiatorin. Noch bis vor kurzem waren die Mitglieder der Gruppierung, deren Homepage mit dem Zahlencode „88“ für „Heil Hitler“ endet, vor allem für Alkoholexzesse, Fußballgegröhle und entsprechende Bilder im Internet bekannt. Zwar passt dies nicht zum Inhalt der Kampagne, zu der es in dem Flugblatt heißt „Die Höhe der Kultur eines Volkes erkennt man daran, wie das Volk in seinem Alltag lebt“. Mit der Kampagne und der Vernetzung mit den Berliner Neonazis will sich die Kameradschaft jetzt offenbar von ihrem schlechten Ruf trennen.

Ohnehin fallen ihre Mitglieder in der jüngsten Zeit durch rege Aktivitäten auf und gehören zu einem rechtsextremen Netzwerk, das sich von Braunschweig über Wolfsburg bis nach Südniedersachsen erstreckt. Dabei dürfte die Kameradschaft über gute Verbindungen verfügen, stammen doch drei ihrer Gründer aus Bad Lauterberg im Harz. Als Söhne des Wirtes eines langjährigen Neonazi-Treffpunktes haben Sören Högel und seine Brüder auf den entsprechenden Treffen und Konzerten genug Kontakte knüpfen können. Das weiß auch die Polizei, die im vergangenen Januar ihre Wohnungen im Braunschweiger Stadtteil Qerum durchsuchte und dort auf einen Karabiner stieß.

Sören Högel im Umfeld der Kameradschaft Northeim am 1. Mai in Friedland (Foto: Kai Budler)
Sören Högel im Umfeld der Kameradschaft Northeim am 1. Mai in Friedland (Foto: Kai Budler)

Die entsprechenden Kontakte sind seit ihrem Umzug offenbar nicht abgerissen: So mussten sich Sören und Sebastian Högel erst im Sommer mit Nils P. aus Hörden am Harz vor dem Amtsgericht Braunschweig verantworten. Der Kraftfahrer aus dem Ort im Landkreis Osterode hatte im April 2007 mit einer Pumgun in die Decke seines Zimmers geschossen. Bei der anschließenden Durchsuchung stellten Polizeibeamte scharfe Karabiner, Pistolen und Revolver sowie Munition sicher. Die folgenden Ermittlungen führten im vergangenen Januar zu groß angelegten Hausdurchsuchungen in der südniedersächsischen Neonaziszene, bei denen teils erschreckende Waffenfunde sicher gestellt worden waren.

Vom Saufen zum Museumsschutz

Unter ihren Gesinnungsfreunden können sich die „Thormanier“ offenbar wachsender Beliebtheit erfreuen und waren bei der Eröffnung des Vereins „Kraft durch Freude-Museum“ von Jürgen Rieger in Braunschweig für den Schutz des Anwesens zuständig. Auch bei einer Ersatzveranstaltung für den verbotenen Neonaziaufmarsch am 1. Mai in Hannover waren Sören Högel und seine Kameraden im niedersächsischen Friedland anzutreffen. Gemeinsam mit Mitgliedern der NPD aus Göttingen und dem Eichsfeld sowie deren Sympathisantenumfeld scheiterten sie mit einer Spotandemonstration an der alarmierten Polizei. Auch bei Neonazi-Aufmärschen in Bad Nenndorf und Hannover waren Mitglieder der Thormania beteiligt.

Mit einer Veranstaltung in Braunschweig versuchten die Initiatoren im September ihre Kampagne in der rechtsextremen Szene stärker zu etablieren. Als Redner begrüßten sie u.a „Kameraden ‚Stax’“, bei dem es sich um den Unterbezirksvorsitzenden der NPD Göttingen handeln dürfte. Für die musikalische Untermalung sorgte der unter dem Pseudonym „RaunijaR“ auftretende Musiker Lars Hildebrandt aus Itzehoe.

Doch angesichts ihres auf Fotos dokumentierten Auftretens in den vergangenen Jahren dürften es die Thormanier schwer haben ihre Vorstellungen richtig zu vermitteln. Nicht nur aus diesem Grund runzeln viele Neonazis ihre Stirn, wenn der Text erklärt „Die Höhe der Kultur eines Volkes erkennt man daran, wie das Volk in seinem Alltag lebt“. Die Skepsis ist verständlich, wenn man einen Blick auf die T-Shirts wirf, die Sören Högel in seinem Internetversand vertreibt und deren Aufdrucke offenbar sein Alltagsleben ausdrücken: „Koma Kolonne“ und „Good Night, bin breit“.

Siehe auch: Die Burschenschaft hatte den Aufmarsch von Neonazis in Leipzig unterstützt, Im Harz alles beim Rechten

One thought on “Die Burschenschaft Thormania aus Braunschweig: Geschichtlicher Kulturprozess mit 88

Comments are closed.