Kommentar: Blanker Hass wird als Notwehr verkauft

Selten haben sich Neonazis so bloß gestellt wie mit ihrem grotesken Aufmarsch in Berlin. Als Opfer sehen sie sich, von Polizei, Staat und Antifa, von internationalen Geheimlogen und Judentum sowieso. Diese Selbststilisierung braucht die verfolgte Unschuld vom Lande, um die eigene Aggression gegen alle Zeitgenossen, die keine Volksgenossen sein wollen, zu legitimieren. Hasskriminalität wird als Notwehr verkauft.

Von Robert von Seeve für NPD-BLOG.INFO

Und so marschierten rund 750 Neonazis am 10. Oktober 2009 durch Berlin, um von „Widerstand“ zu „Nationalem Angriff“ gegen die „Rotfront“ überzugehen. Anlass war ein angeblicher Antifa-Anschlag auf eine nationale Trinkhalle in Berlin. Allerdings äußerten selbst überzeugte Neonazis schon kurz nach der Attacke Zweifel daran, ob es sich tatsächlich um „linken Terror“ gehandelt habe. Molotowcocktails auf eine gut besuchte Spelunke, die in einem bewohnten Haus liegt? Dieses Vorgehen wäre zumindest höchst ungewöhnlich für militante Antifa-Gruppen. Auch die Beschreibung des angeblichen Fluchtwagens, ein A6 mit „Thüringer“-Kennzeichen, stützte nicht den Verdacht in Richtung Antifa. Und mittlerweile wurde Haftbefehl gegen zwei Tatverdächtige erlassen; Hintergrund der Tat soll laut Polizei eine Streiterei bei einem Besuch der rechten Kneipe gewesen sein.

Opfer werden missbraucht

Ein Mann liegt seit dem Angriff im Koma, da er sich auf die Motorhaube des Fluchtautos warf. Obwohl die Umstände der Tat noch immer eher unklar sind: Den Neonazis war endlich ihr Märtyrer erschienen; so erhofften sie es zumindest. Genau wie im Fall Stolberg, als Neonazis aus NRW einen tödlichen Streit zwischen Jugendlichen für ihre rassistische Hetze missbrauchten.

Dass es den Neonazis dabei nicht um die Geschädigten geht, hat der Aufmarsch in Berlin einmal mehr eindrucksvoll demonstriert. Die Parallelen zu Stolberg sind verblüffend; dort drohten Neonazis mit Gewalttaten, skandierten Parolen wie „Kein Vergeben, kein Vergessen, Türken haben Namen und Adressen.“ In Berlin waren es dann wieder Linke, die Adressen haben. Die Neonazis traten nach Augenzeugenberichten extrem aggressiv auf, die NPD-Marburg rief zudem noch via Twitter zum „Zeckenklatschen“ auf.

In Internet-Foren machten sich Neonazis über die mangelnde Kampfbereitschaft von Gegendemonstranten lustig. „Die“ Antifa bestünde nur aus Weicheiern, die boxtechnisch nichts auf dem Kasten hätte, so das Credo. Dass man damit das selbstgezeichnete Bild der martialischen Antifa-Terroristen konterkariert, bzw. die eigene Gewaltbereitschaft dokumentiert, scheint nicht weiter aufzufallen.

Neonazis marschieren durch Berlin - gegen "linke Gewalt" und für den "nationalen Angriff"
Neonazis marschieren durch Berlin - gegen "linke Gewalt" und für den "nationalen Angriff"

Das Internet-Projekt redok schrieb zu der Entwicklung in den vergangenen Tagen treffend von einem Quantensprung des Realitätsverlustes bei der extremen Rechten. Und dieser setzt sich ungebremst fort: In ihren Nachbetrachtungen zu dem Aufmarsch, zu dem bundesweit mobilisiert worden war, spielten Neonazis bereits Bürgerkriegsszenarien durch, wie der „rosa-rote Senat“ in Berlin kaltgestellt werden könnte. Man habe „die“ Antifa „vernichtend“ geschlagen, weil angeblich „2500 Nationale“ durch „das rote Friedrichshain“ gezogen seien. Jetzt müssten „die Chefs der Antifa“ ausfindig gemacht werden.

„Angriff heißt die Devise“

Und mittendrin auch die NPD: Auf der Demonstration wurde ein Grußwort von dem Fraktionschef aus Mecklenburg-Vorpommern, Udo Pastörs, verlesen. Der hatte am politischen Aschermittwoch der NPD selbst verkündet, die Devise heiße Angriff, sprach von einer Kampftruppe. Der Berliner NPD-Chef Jörg Hähnel hielt eine Rede auf der Demonstration in Berlin; er hatte zuvor den Mord an Kommunisten in der Weimarer Republik für „politisch geboten“ bezeichnet. Und in der Partei wird derzeit relativ offen über ein Strategiepapier diskutiert, wonach die „Jungen Nationaldemokraten“ eine neue SA werden sollen; diese Kampftruppe solle „linke Kieze“ knacken, so der Vorschlag, die NPD hält sich dem Plan zufolge eher im Hintergrund. Ein Vorgeschmack, wie so eine Strategie in der Realität aussehen kann, hat Berlin am Wochenende erlebt.

Nazi-Barde und NPD-Funktionär Jörg Hähnel sorgt offenbar für Dissonanzen in der Bewegung (Foto: Marek Peters, Dresden 2008)
Nazi-Barde und NPD-Funktionär Jörg Hähnel (Foto: Marek Peters, Dresden 2008)

Die Neonazi-Bewegung verfolgt keine konstruktiven Ziele, sie ist rein destruktiv. Wie eine politische Auseinandersetzung, von Politikern und Experten gerne angemahnt, aussehen soll, kann nur nebulös bleiben. Die Strategien gegen die verschiedenen Erscheinungsformen des Rechtsextremismus müssen daher weiter schwerpunktmäßig auf das gesellschaftliche Umfeld zielen, alternative Strukturen gestärkt werden. Wer ernsthaft glaubt, er müsse sich mit den Zielen der Neonazis – wie die Schaffung einer ethnisch und kulturell homogenen Volksgemeinschaft nach NS-Vorbild oder der Deportation von 15 Millionen Menschen – politisch auseinandersetzen, der irrt – und verschwendet seine Zeit. Gegen Realitätsverlust helfen keine politischen Argumente, rassistische Hetzer können keine Verhandlungspartner sein.

Das Agieren der Neonazis hat mit politischer Willensbildung und Meinungsfreiheit nichts zu tun, es ist gefährlich. Besonders, wenn man sich die jüngsten Gewaltfantasien sowie das aggressive Auftreten der Neonazis in Berlin und bei anderen Demonstrationen in den vergangenen beiden Jahren anschaut. Kein Zweifel: Die Militanz nimmt zu, viele Neonazis gieren nach blutigen Straßenkämpfen. Und die NPD heizt dieses Begehren mit ihrer rassistischen Propaganda weiter an.

Siehe auch: Neonazis demonstrieren für mehr rechte Gewalt

9 thoughts on “Kommentar: Blanker Hass wird als Notwehr verkauft

  1. auch hier wurde ja sogleich die gelegenheit wahrgenommen, mehr oder weniger unspezifisch zu drohen.

    ich denke, auf drohungen von neonazis sollten wir überall konsequent und rechtsstaatlich reagieren – im internet und auf den straßen.

    .~.

  2. Man habe also die „die Antifa vernichtend geschlagen“, beklagt sich aber gleichzeitig über angeblichen „linken Terror“.

    Abgesehen von der militanten Sprache, welche ja eindeutig Bürgerkriegsfantasien ausdrückt, könnte man also hinzufügen:
    „Was ich nicht will, das man mir tu, das füg ich dafür andern zu.“ Sollte das politische Leitprogramm der NPD werden.

    Womöglich sieht man auch wieder keinen Grund, dass die NPD mit Gewalt gegen die demokratische Grundordnung vorgeht – als Voraussetzung für ein Verbot. Denn beim „Zeckenklatschen“ geht es ja – gemäß oft gebrauchter Textbausteine – nur um „linke Chaoten“ und unpolitische Gewalt „unter Jugendbanden“. Also nix Verbot und alles in bester Ordnung, gell?

  3. @3 (ww):

    gegen fantasien hilft realismus, in chronischen fällen vielleicht der arzt. gegen drohungen doch eher das strafrecht.

    so reizvoll die einordnung als bürgerkriegsfantasie sein mag – steckt doch ein klares urteil und ein souveränes gefühl von sicherheit dahinter – ich bevorzuge den ausdruck bürgerkriegsdrohung.

    vielleicht der klarste fall von volksverhetzung, den ich mir vorstellen kann.

    .~.

  4. @Adolf

    Dein „wow“ ist aber ziemlich „unteutsch“ für deinen Nick, findest du nicht auch? – Was werden die Kameraden zu deinen „unvölkischen Anglizismen“ sagen?

    Ya S.o.B.! *lölchen*

  5. @ adolf

    weit weg von der realität ist vor allem die npd, die wirklich einen eigenen kandidaten für das amt des bundespräsidenten stellt 😉

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